Sich selbst zurücknehmen um des Ganzen willen

Predigt zu Jakobus 5 in derChristuskirche in Paris anlässlich des Weltklimagipfels

Der Predigttext am diesjährigen Nikolaustag steht im Jakobusbrief im 5. Kapitel, die Verse 7 und 8:
„So seid nun geduldig, liebe Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und den Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“


I

 
Nikolaus war ein geschickter Unterhändler. Glücklicherweise. Denn die Menschen in seiner Stadt Myra plagte der Hunger. So wie im ganzen römischen Reich. Das Land war verdorrt, zu heiß, zu trocken. Die Bauern warteten vergeblich auf die kostbare Frucht der Erde; alle Geduld half nichts: Der Frühregen blieb aus – kein Spätregen war in Sicht. In Ägypten gab es noch Getreidevorräte. Schiffe transportierten sie nach Rom. Dort saß der Herrscher, dort saßen die Macht und das Geld. Trockenheit hin, Klimawandel her – auch gegen Naturkatastrophen können sich die Starken besser schützen als die Armen. Deshalb haben wir Freundinnen und Freunde aus Partnerkirchen mitgebracht, Klimazeuginnen und –zeugen aus Chile und Indonesien, aus Indien und Äthiopien. Damit sie erzählen, wie dieje-nigen, die arm und besonders verletzlich sind, schon heute unter den Veränderungen leiden! Und deshalb ist es so wichtig, dass die Kosten für Vorsorge und akute Hilfsmaßnahmen und für die Unterstützung der besonders Betroffenen ein wichtiger Bestandteil der Klima-verhandlungen sind.

I
 
Die Schiffe fuhren nach Rom. Sie fuhren noch nicht quer über das Mittelmeer; das war da-mals so gefährlich wie heute für die Schlauchboote der Flüchtlinge. Sie fuhren an der Küste entlang und legten unterwegs an. Sehnsüchtig schauten die Bürger der Hafenstädte dann auf die Schiffe. Sie baten um Getreide, sie bettelten um Hilfe, sie boten Geld. Aber Soldaten schützten die Schiffe. Und die Kapitäne wussten: Wer unterwegs mit der Ladung Geschäfte macht, der muss in Rom dafür bezahlen, vielleicht sogar mit seinem Leben.
Auch Myra war so eine Hafenstadt, in der die Schiffe anlegten. Eine Stadt, geplagt von Hungersnot. Die Menschen hofften; Nikolaus sollte verhandeln. Sie hatten Vertrauen zu ihm, er hatte schon viel erreicht.
Ich stelle mir vor, wie Nikolaus in vollem Ornat zu dem Schiff geht. Eine eindrückliche Per-son. Er weiß, um was es geht. Er weiß, was seine Gemeinde erhofft und was Gott von ihm erwartet. „Es ist Advent! Die Rettung ist nah!“ So macht Nikolaus sich auf in einer ad-ventlichen Haltung: „Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ Nikolaus steht auf. Er hebt seinen Kopf. Mutig und aufrecht geht er zu dem Schiff, in dessen Bauch die Rettung lagert. Die Menschen aus der Stadt gehen mit ihm, schauen auf ihn. Schon seine nach vorne orientierte, aufrechte, adventliche Haltung tröstet sie - und richtet auch sie auf: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“

II

Nikolaus war ein geschickter Unterhändler. So einer, wie wir ihn uns hier in Paris erhoffen. Klug. Fachlich hoch gebildet. Kommunikativ. Ein Nikolaus oder eine Nikola, die die unter-schiedlichen Interessen sehen und sogar in ihrem begrenzten Recht verstehen. Ihr eigenes Interesse verstellt ihnen nicht den Blick auf das Ganze. Sie schaffen es, den anderen deutlich zu machen, dass alle gewinnen, wenn wir zu einer guten Lösung kommen. Dass ein Einschnitt, ein Verzicht, eine persönliche Veränderung, auch ein Gewinn sein kann; dass es nötig ist, sich selbst ein Stück zurück zu nehmen um des Ganzen willen.
Vor allem verliert Nikolaus den Auftrag Gottes nicht aus den Augen. Bei allem Verhandeln hat er ein klares Ziel vor Augen: die Not der Stadt! Da ist er stur und eigensinnig. Eben gerade, weil es nicht um ihn geht, sondern um die Rettung der Stadt, so wie in diesen Tagen um die Bewahrung der Schöpfung. Dafür ist er mutig, obwohl die Rüstungen der Wachmannschaften blitzen und der römische Kapitän das Sagen hat. Er ist mutig und macht anderen Mut: Springt über euren Schatten, wagt etwas! Die neue Welt Gottes kommt uns entgegen, ihr könnt es schon ahnen: ein neuer Himmel, eine neue Erde.

III
 
Der Kapitän empfängt Nikolaus. Sie verhandeln. „Nur ein bisschen von dem Getreide! Damit der gröbste Hunger gestillt wird.“ „Das geht nicht!“ „Wenigstens für die Kinder! Das fällt doch nicht auf!“ „Es geht nicht, sonst haben die in Rom nicht genug zu essen.“ „Nur ein bisschen! Es bleibt schon genug für Rom!“ „Nein, das darf ich nicht. Der Kaiser wird mich bestrafen.“ Kyoto, Kopenhagen, Paris. 21mal wurde inzwischen über das Klima verhandelt. Wird es mutige überprüfbare Schritte geben? Wie verbindlich werden die Beschlüsse sein? Die Men-schen fliehen schon jetzt vor Dürre und Flut. Wir brauchen Ergebnisse. „Dafür, dass es um das Schicksal von Millionen Menschen geht, werden bedrohlich viele Haare gespalten.“ (SZ) Es ist zum Verzweifeln. Aber Nikolaus sucht ausdauernd und beharrlich wie die bittende Witwe nach Rettungswegen. Er hat keine Macht; er nutzt keine Gewalt. Er bittet, fragt, betet, verhandelt „geduldig bis zum Kommen des Herrn“.

Da kommt unser Predigttext wieder ins Spiel:
„So seid nun geduldig, liebe Brüder und Schwestern, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.“

Geduld gehört zur adventlichen Haltung, eine kraftvolle, dynamische Geduld. Sie verlängert den Atem, sie macht Mut, weiter zu gehen, sie lässt sich nicht verbittern, nicht verhärten, sie resigniert nicht. Sie weiß, dass das Heil am Ende nicht in unserer Hand und Macht liegt, aber dass es uns entgegen kommt. Da am Horizont ist es schon zu erkennen. Da leuchten schon zwei Kerzen. Sie weisen den Weg in Gottes Zukunft. Sie stärken unsere Herzen, dass wir geduldig und doch beharrlich, mutig und klar vorwärts gehen, dass wir bei uns persönlich anfangen, beim Einkaufen und beim Energie sparen, dass wir als Gemeinden und Kirchen zu Vorbildern werden: der Grüne Gockel, die Sparflamme – und all das strahlt aus. Mancher nimmt es aus der Kirchengemeinde mit in die eigene Wohnung, manchmal auch in den Betrieb oder die Schule. Dass wir geduldig und doch beharrlich, mutig und klar für die eintreten, die schon jetzt leiden, weil niemand mehr investiert, weil die Stürme immer stärker, die Dürrezeiten immer länger werden. Deshalb ist es so wichtig, dass Sie die Klimazeugen heute hier bei uns sind.

IV
 
Nikolaus ist ein kluger Unterhändler. Er vertraut Gott und schlägt dem Kapitän einen Vertrag vor: „Du machst einen Strich unten an den Bauch des Schiffes, an die Wasserkante. Wir laden Getreide aus; wir nehmen es aber noch nicht weg, sondern lagern es hier im Hafen. Wird das Schiff leichter, wenn wir Getreide ausladen und hebt sich, so dass der Strich nach oben geht, dann hören wir auf und laden wieder ein, bis der Strich wieder auf Wasserhöhe ist.“
„Bei dem Vertrag kann nichts passieren“, denkt der Kapitän. Vielleicht auch: „Das geht ja doch nicht; aber dann habe ich es wenigstens versucht.“ Und vielleicht sogar: „Vielleicht ist das ja eine Chance!“ Der Kapitän stimmt zu. Ein Matrose wird beauftragt, den Strich genau im Auge zu behalten. „Wenn das Schiff steigt, musst du sofort rufen.“
Die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt laden aus. Sack für Sack. Eimer für Eimer. Nachdem ein kleiner Berg im Hafen liegt, lässt der Kapitän stoppen und ruft den Matrosen. „Nein, der Strich hat sich noch nicht verändert.“ So geht es Stunde um Stunde. Ein Wunder. Der Berg wächst, das Schiff bleibt tief im Wasser liegen. Als genug ausgeladen ist, damit die Menschen in Myra wieder eine Weile leben können, dankt Nikolaus dem Kapitän und verabschiedet sich. Die Stadt ist gerettet.

V
 
„Erwarten Sie in Paris ein Wunder?“ hat mich eine Journalistin ein bisschen provozierend gefragt. Ja, vielleicht genauso ein Wunder wie bei Nikolaus: Viele haben Hunger. Einige haben etwas – aber sie haben Angst darum. Und dann teilen sie – und es reicht und alle werden satt und es bleibt sogar noch Brot übrig: zwölf Körbe voll!
Diese Erfahrung, das ist Advent. Die Welt bekommt ein neues Gesicht, weil sich unsere Erlösung naht. Sie richtet uns auf, sie richtet uns aus. Sie macht frei und mutig zu Aufbruch und Umkehr. Sie ermutigt uns zu klaren Schritten in eine Zukunft, die die Ressourcen teilt, die auch die denkt, die nach uns kommen, die darauf vertraut. Die Rettung naht, es ist genug für alle da. Deshalb: Seid geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.