Der Stille eine Stimme – dem Dunkel ein Gesicht!

Predigt zu 1. Könige 19, 4-17 im ökumenischen Gottesdienst zum 40-jährigen Bestehen der Telefonseelsorge Freiburg in St. Martin

Elia aber ging in die Wüste eine Tagesreise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: „Es ist genug. So nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.“
Und erlegte sich hin und schlief unter dem Wacholder. Und siehe ein Engel rührt ihn an und sprach zu ihm: „Steh auf und iß!“
Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen.
Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: „Steh auf und iß! Denn du hast einen weiten Weg vor Dir!“
Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb. Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht.
Und siehe das Wort des Herrn kam zu ihm: „Was machst du hier, Elia?“ Er sprach: „Ich habe geeifert für den Herrn, den Gott Zebaoth; denn Israel hat deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert getötet. Und ich bin alleine übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.“ Der Herr sprach: „Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den Herrn! Und siehe, der Herr wird vorübergehen.“
Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn; der Herr war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle.
Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: „Was hast du hier zu tun, Elia?“ Er sprach: „Ich habe für den Herrn, den Gott Zebaoth, geeifert; denn Israel hat deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert getötet. Und ich bin alleine übrig geblieben, und sie trachten danach, dass sie mir mein Leben nehmen.“ Aber der Herr sprach zu ihm: „Geh wieder deines Weges durch die Wüste nach Damaskus und geh hinein und salbe Hasael zum König über Aram und Jehu, den Sohn Nimschis, zum König über Israel und Elisa, den Sohn Schafats, von Abel-Mehola zum Propheten an deiner Statt.“
 
Liebe Festgemeinde,
„was suchst du hier?“ Ich suche eine Stimme in der Stille – ich suche ein Gesicht im Dunkeln! So könnten Menschen auf die Frage an Elia antworten, die bei der Telefonseelsorge anrufen. Elia flieht. Elia wird getröstet, gestärkt und begegnet Gott. Am Ende übernimmt Elia Verantwortung für andere. Unsere Geschichten zeigt uns einen Elia an beiden Enden des Telefons: verzweifelt sucht er nach Hilfe – getröstet übernimmt er Verantwortung.

I
Am Anfang klingt Elia wie eine von den Stimmen, die seit 40 Jahren bei Ihnen anrufen. „Da fürchtet er sich, machte sich auf und lief um sein Leben.“ Er flieht durch die Welt. „Ich schaffe es einfach nicht mehr.“ Ich bin alleine übriggeblieben; „ich habe sonst niemanden.“ Sie verfolgen mich. Die Angst frisst mich auf. „Ich kann so nicht weiterleben.“ „Es ist genug.“ Lass mich, ich bin müde und erschöpft! Ich kann nicht mehr. Es war alles falsch, was ich gemacht habe. „So nimm nun, Gott, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Vorfahren.“
Elia betet. Ist jemand am anderen Ende? Eine Person, ein Wesen, Gott? Beten heißt: Ich hoffe auf ein Gegenüber. Ist da noch eine andere als meine verzweifelte Welt? Gibt es ein Du, ein Ohr, eine Stimme in der Stille, ein Gesicht im Dunkeln? Hörst du mir zu, Gott? Hast Du noch etwas vor mit mir?

II
Elia schläft unter dem Wacholderbusch. Und bekommt eine Antwort:„Steh auf und iss!“ Da ist Wasser und geröstetes Brot. Da ist noch keine Lösung, aber Elementares, um zu überleben. Worte, Wasser und Brot. Auf was hoffen diejenigen, die bei Ihnen anrufen: „Sie sollen einfach da sein ….“
Das stärkt Elia. Eine Unterbrechung in der Verzweiflung. Ein Innehalten. Einer, eine hat zugehört, ein Ohr, eine Stimme, irgendwo da am anderen Ende ein Gesicht. „Kann ich mit ihnen sprechen, ich kann nicht einschlafen, ich habe sonst niemanden.“ Elia ist gestärkt; er kann noch einmal einschlafen: „Danke, dass sie mir zugehört haben.“
Ein kleiner Schritt, eine Hilfe in den Tag oder durch die Nacht. So wie die, die Sie hier in Freiburg seit 40 Jahren geben. Danke, liebe Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger, danke, dass Sie zuhören, dass Sie da sind, eine Stimme in der Stille, ein Gesicht im Dunkeln.

III
„Und der Engel Gottes kam zum zweiten Mal und rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast noch genug Weg vor dir.“ Wenige Worte, Brot und Wasser, und nun noch ein Impuls. Da sieht jemand Elia auf einem Weg, den er noch nicht sieht, den er noch nicht kennt.
Ein Spiel mit dem Wort "Genug". Verzweiflung und Ausblick werden mit demselben Wort gekennzeichnet: es ist genug, ich kann nicht mehr, ich bin am Ende! – und auf der anderen Seite: du hast noch genug Weg vor dir! Nicht unendlich, keine sonnige breite Straße, aber ein Stück Weg; heilsam begrenzt, für den nächsten Schritt, mal schauen. Diese Schritte liegen vor dir, sie werden dir zugemutet und zugetraut.
Und Elia isst und trinkt und macht sich auf diesen Weg.

IV
Seitenwechsel: Elia sitzt am anderen Ende der Leitung: „Was suchst du hier?“
Ich will zuhören. Ich bin da. Verborgen, aber verlässlich da. Telefonseelsorge bietet einen geschützten Raum für Menschen in Not: für ihre Angst und ihre Verletzungen, für ihre Einsamkeit und ihre Gefangenschaft; für die, die an den Rand geraten in einer Gesellschaft, die nach Erfolg fragt und in der sich die Menschen gegenseitig und vor allem selbst nach Nützlichkeit sortieren.
Elia geht es um diese Menschen, die rausfallen, die sich selbst aussortieren oder aussortiert werden. Er hat sich für sie eingesetzt und sich zu ihnen gestellt in ihrer Not. „Ich habe geeifert für Gott.“ Für die Witwe, die nicht mehr über die Runden kommt; jetzt, wo ihr Sohn gestorben ist, schon gar nicht mehr. Für Nabot, den Mann, der alles verloren hat, weil der mächtige König Ahab ihn reingelegt hat. „Es war niemand, der sich so verkauft hätte, Unrecht zu tun vor dem Herrn wie Ahab.“ Elia hat geeifert für Gott und Gottes Gerechtigkeit; was hat es genutzt?
Elia braucht auch am anderen Ende der Leitung Stärkung. Wer zuhört, der Stille eine Stimme, dem Dunkel ein Gesicht gibt, braucht Beistand und Unterstützung. Er braucht Austausch. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie sorgfältig die Telefonseelsorge daran arbeitet. Wie ernst genommen wird, dass auch denen, die in der Krise da sind, die hören, begleiten und helfen, gesagt ist: „Steh auf und iss! Du hast noch genug Weg vor dir.“
Elia ist an beiden Enden der Leitung. Das ist anstrengend, aber Seelsorge und Telefonseelsorge sind nur so zu haben, mit dieser Entdeckung: Die am anderen Ende sind mir fremd und doch nah. Wir sind verbunden in dieser doppelten Erfahrung des Genug: es ist genug, kaum auszuhalten und doch auch: es ist genug Kraft da für den nächsten Schritt, den nächsten kleineren Wegabschnitt. Das verbindet uns, das teilen wir, das ermöglicht uns „Sorgen zu teilen“.

V
Elia kennt beide Enden der Leitung. Er kommt nach 40 Tagen am Horeb, am Berg Gottes an. Jetzt, in der Höhle am Gottesberg bricht es noch einmal aus ihm heraus: alle haben mich verlassen, meine Feinde verfolgen mich, ich bin schutzlos ausgeliefert. Ich bin ganz allein auf dem richtigen Weg. Es ist genug.
Jetzt antwortet Gott auf seine Klage. Aber Gott argumentiert nicht, sondern zeigt sich und handelt. „Und vor Gott her kam ein großer und gewaltiger Sturmwind, der Berge zerriss und Felsen zerbrach; in dem Sturmwind aber war Gott nicht. Und nach dem Sturmwind kam ein Erdbeben, in dem Erdbeben aber war Gott nicht. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; in dem Feuer aber war Gott nicht.
Nach dem Feuer aber kam das Flüstern eines sanften Windhauchs.“
In diesem schwachen Windhauch zeigt sich Gott. In einer Stimme verschwebenden Schweigens, wie Martin Buber übersetzt. Die Stille bekommt eine Stimme. Sie ist eine Stille, die sich hören lässt, ein beredtes Schweigen. Das Dunkel bekommt ein Gesicht. Gott zeigt sich nicht im Allmächtig-Umwerfenden, sondern im sanften Windhauch; er zeigt sich zunächst nicht mal im Wort, sondern im Dasein für, in der Zuwendung, in einem zarten Erbarmen. „Meine Kraft ist in der Schwäche und den Schwachen mächtig.“

VI
„Was suchst du hier?“ Was sucht Elia, was suchen wir an beiden Enden der Leitung?
Dass Gott uns stärkt in den Krisen unseres Lebens! Dass Gott sich erbarmt und Mut macht zum Leben! Beim Mahl am Abend des Passahfestes bleibt in jüdischen Familien ein Platz am Tisch für Elia frei. Er wird erwartet. Als Vorbote des Messias.
Auch in manchen christlichen Häusern gab es die Sitte, einen Platz am Tisch frei zu halten: für Jesus, den Messias. Eine offene Stelle, eine Stille, in der sich ein Raum öffnet für Gott – und sich neue Wege abzeichnen. „Geh wieder deines Weges!“ Gottes Weg mit dir ist nicht zu Ende.“
Die Telefonseelsorge hält einen Platz frei an dem großen Tisch, an den wir von Christus eingeladen sind: von Osten und Westen, von Süden und Norden, Frauen und Männer, Starke und besonders die Schwachen, Alte und Junge, mit unseren Stärken und mit unseren Einschränkungen. Um miteinander zu essen und zu trinken, zu reden, zu feiern, um uns stärken zu lassen für das, was an Weg vor uns liegt.
Ich danke Ihnen, dass Sie diesen Platz seit 40 Jahren für Menschen offen halten und der Stille eine Stimme und dem Dunkel ein Gesicht geben; ich wünsche Ihnen Gottes Segen – für die Wege, die Gott vor Ihnen sieht.