1 So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, 2 für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
3 Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, 4 welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. 5 Denn es ist "ein" Gott und "ein" Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, 6 der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, dass dies zu seiner Zeit gepredigt werde.
Gebete sind wie Strickleitern
Predigt zu 1. Timotheus 2, 1-6a von Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh am Sonntag Rogate (01.05.2016) in der Stadtkirche Karlsruhe
I
Gebete sind wie Leitern, Leitern ins Leben. Sie verbinden oben und unten. Sie führen uns über die Ebene hinaus, in der wir normalerweise unterwegs sind. Wer betet, steigt hinauf und gewinnt eine neue Perspektive. Wer betet, spürt, wie Gottes Güte hinabsteigt, wie ein Engel sich einstellt, der tröstet und Ruhe schenkt; wie neue Kraft wächst und die Welt in einem besonderen Glanz erscheint.
Gebete sind wie Leitern, manchmal allerdings eher wie die Strickleitern hier in der Kirche. Da ist es nicht leicht, hinaufzuklettern. Das wackelt und dreht sich weg, das gibt nach und schneidet auch mal in die Hand.
Aber vielleicht passt gerade dieses Wackelige zum Gebet besser als eine feste Standleiter oder gar eine breite Treppe. Weil es oft gar nicht so einfach ist, die richtigen Worte zu finden, weil wir unsicher sind, rumstottern und in unseren Gebeten um Worte ringen: Ich hoffe doch, dass du verstehst, Gott, was los ist.“
Wir rufen: Schaff Frieden, Gott, und erleben wir, dass die Schrecken nicht aufhören – wieder wurde ein Krankenhaus in Aleppo bombardiert und hilflose Menschen getötet. Mach ein Ende mit dem Morden, Gott! Es ist eine dünne, schwankende Strickleiter, die der Bitte für den Frieden mehr zutraut als den Waffen! Wir haben das andere Ende der Strickleiter nicht in der Hand; wir hoffen, dass es gut verankert ist und die Verbindung stark ist; dass sie uns in Reich Gottes führt, dass sie uns im Leben trägt und auch im Sterben.
Das Bild der Strickleiter passt auch, weil ich beim Klettern merke: es geht besser, wenn ich nicht alleine bin. Wenn unten ein anderer festhält; dann wackelt es viel weniger, dann dreht sich die Leiter nicht so leicht weg.
Wenn eine neben mir sitzt und mich mitnimmt in ihren Rhythmus des Betens. Manchmal bin ich bei Tisch noch so in Gedanken bei der Arbeit, das ich gar nicht innehalten und Gott für das Essen danken und um seine Hilfe für die bitten kann, die hungern. Und dann faltet jemand neben mir die Hände oder stimmt einen Tischkanon an; ich kann teilhaben und mich in das Gottvertrauen der anderen fallen lassen. Ich merke eine andere betet für mich und spüre: die Engel steigen wirklich die Leiter herauf und herab. Sie sehen mich, sie hören mein Gebet, auch wenn ich es selbst noch gar nicht in Worte fassen kann. Ich danke dir, Gott, dass ich nicht alleine bin mit meinem Gebet.
Gebete sind wie Leitern, manchmal allerdings eher wie die Strickleitern hier in der Kirche. Da ist es nicht leicht, hinaufzuklettern. Das wackelt und dreht sich weg, das gibt nach und schneidet auch mal in die Hand.
Aber vielleicht passt gerade dieses Wackelige zum Gebet besser als eine feste Standleiter oder gar eine breite Treppe. Weil es oft gar nicht so einfach ist, die richtigen Worte zu finden, weil wir unsicher sind, rumstottern und in unseren Gebeten um Worte ringen: Ich hoffe doch, dass du verstehst, Gott, was los ist.“
Wir rufen: Schaff Frieden, Gott, und erleben wir, dass die Schrecken nicht aufhören – wieder wurde ein Krankenhaus in Aleppo bombardiert und hilflose Menschen getötet. Mach ein Ende mit dem Morden, Gott! Es ist eine dünne, schwankende Strickleiter, die der Bitte für den Frieden mehr zutraut als den Waffen! Wir haben das andere Ende der Strickleiter nicht in der Hand; wir hoffen, dass es gut verankert ist und die Verbindung stark ist; dass sie uns in Reich Gottes führt, dass sie uns im Leben trägt und auch im Sterben.
Das Bild der Strickleiter passt auch, weil ich beim Klettern merke: es geht besser, wenn ich nicht alleine bin. Wenn unten ein anderer festhält; dann wackelt es viel weniger, dann dreht sich die Leiter nicht so leicht weg.
Wenn eine neben mir sitzt und mich mitnimmt in ihren Rhythmus des Betens. Manchmal bin ich bei Tisch noch so in Gedanken bei der Arbeit, das ich gar nicht innehalten und Gott für das Essen danken und um seine Hilfe für die bitten kann, die hungern. Und dann faltet jemand neben mir die Hände oder stimmt einen Tischkanon an; ich kann teilhaben und mich in das Gottvertrauen der anderen fallen lassen. Ich merke eine andere betet für mich und spüre: die Engel steigen wirklich die Leiter herauf und herab. Sie sehen mich, sie hören mein Gebet, auch wenn ich es selbst noch gar nicht in Worte fassen kann. Ich danke dir, Gott, dass ich nicht alleine bin mit meinem Gebet.
II
An dieser Stelle beginnt unser Predigttext zu sprechen: So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen.
Betet für alle Menschen! Das ist die Aufgabe der Gemeinde. Drei Mal stellt der Predigttext dieses „für alle“ heraus und setzt damit seinen besonderen Akzent an diesem Sonntag des Gebets! „Betet für alle Menschen; dass allen Menschen geholfen werde; weil Jesus Christus sich für alle zur Erlösung gegeben hat.“
Die christliche Kirche betet für alle: für die, die zu ihr gehören und für die anderen. Auf der Leiter sind die nationalen, konfessionellen oder sozialen Egoismen überwunden. Wir beten für die Menschen, die nicht beten können oder nicht mehr beten wollen; für die, die anders beten, in einer anderen Sprache, in einer anderen Religion. Wir beten für sie, nicht weil wir sie vereinnahmen wollen, sondern weil wir sie und die ganze Welt Gott anvertrauen. In deine Hände, Gott, befehlen wir unsere Welt.
Die Gemeinde in Ephesus, der das geschrieben wird, lebt in einer pluralistischen Welt, so wie wir. Allerdings ist sie eine kleine Minderheit in dieser Welt. Aber sie glaubt und betet universal und global: zu Gott, Quelle allen Lebens; zu Christus, der die ganze Welt rettet – und nicht nur die Kirche; an die Kraft des Geistes, die am Ende der Zeiten alle Menschen am großen Tisch der Versöhnung zusammenführen wird. Die kleine Zahl, die bedrohte Gemeinde glaubt und betet darum, dass allen Menschen geholfen werde.
Das ist der evangelische Blick auf die Welt; das ist unsere Aufgabe, weil Gott will, dass allen Menschen geholfen werden. Seit Weihnachten und Ostern geht eine neue Bewegung durch die Welt. Sie reißt die Schranken ein; sie lädt die zu Tisch, die außen vor sind: Kranke, Menschen mit Behinderungen, Fremde, Menschen, die schuldig geworden sind. Sie verbindet uns miteinander und macht uns füreinander verantwortlich. Nicht Abgrenzung und Spaltung sind gefragt, sondern dass wir zusammen kommen und gemeinsam Leitern bauen, so wie Sie das hier in diesem Kunstprojekt gemacht haben: Männer und Frauen, Alte und Junge, Menschen aus Syrien, Afghanistan, Deutschland oder Eritrea, Muslimas und Muslime und Christinnen und Christen.
Betet für alle Menschen! Das ist die Aufgabe der Gemeinde. Drei Mal stellt der Predigttext dieses „für alle“ heraus und setzt damit seinen besonderen Akzent an diesem Sonntag des Gebets! „Betet für alle Menschen; dass allen Menschen geholfen werde; weil Jesus Christus sich für alle zur Erlösung gegeben hat.“
Die christliche Kirche betet für alle: für die, die zu ihr gehören und für die anderen. Auf der Leiter sind die nationalen, konfessionellen oder sozialen Egoismen überwunden. Wir beten für die Menschen, die nicht beten können oder nicht mehr beten wollen; für die, die anders beten, in einer anderen Sprache, in einer anderen Religion. Wir beten für sie, nicht weil wir sie vereinnahmen wollen, sondern weil wir sie und die ganze Welt Gott anvertrauen. In deine Hände, Gott, befehlen wir unsere Welt.
Die Gemeinde in Ephesus, der das geschrieben wird, lebt in einer pluralistischen Welt, so wie wir. Allerdings ist sie eine kleine Minderheit in dieser Welt. Aber sie glaubt und betet universal und global: zu Gott, Quelle allen Lebens; zu Christus, der die ganze Welt rettet – und nicht nur die Kirche; an die Kraft des Geistes, die am Ende der Zeiten alle Menschen am großen Tisch der Versöhnung zusammenführen wird. Die kleine Zahl, die bedrohte Gemeinde glaubt und betet darum, dass allen Menschen geholfen werde.
Das ist der evangelische Blick auf die Welt; das ist unsere Aufgabe, weil Gott will, dass allen Menschen geholfen werden. Seit Weihnachten und Ostern geht eine neue Bewegung durch die Welt. Sie reißt die Schranken ein; sie lädt die zu Tisch, die außen vor sind: Kranke, Menschen mit Behinderungen, Fremde, Menschen, die schuldig geworden sind. Sie verbindet uns miteinander und macht uns füreinander verantwortlich. Nicht Abgrenzung und Spaltung sind gefragt, sondern dass wir zusammen kommen und gemeinsam Leitern bauen, so wie Sie das hier in diesem Kunstprojekt gemacht haben: Männer und Frauen, Alte und Junge, Menschen aus Syrien, Afghanistan, Deutschland oder Eritrea, Muslimas und Muslime und Christinnen und Christen.
III
Betet für alle Menschen! Noch etwas ist besonders an diesem Predigttext: Für alle beten, das heißt auch für die Obrigkeit beten, für das Parlament, die Landesregierung, den Oberbürgermeister, für alle, die besondere Verantwortung für die Sicherheit und ein menschenwürdiges Leben für alle übernommen haben.
So eine Fürbitte war damals nicht so leicht wie heute. Der römische Kaiser war eher feindlich; es gab Verfolgungen, so wie heute auch in vielen Ländern dieser Erde. Denn die Christenmenschen störten die öffentliche Ordnung. Sie halfen den Armen, sie beteten keine Kaiserbilder an, sie galten als politisch unzuverlässig. Weil sie Gott über den Staat stellten und im Zweifel eher fragten: Was würde Jesus dazu sagen? als: Was gebietet die Ordnung? Sie trauten ihren Gebeten mehr zu als dem Waffendienst und weigerten sich deshalb Soldaten zu werden; aber sie versicherten der Obrigkeit und dem Kaiser: Wir beten für euch! Sie beteten sogar für die, die sie verfolgten, und segneten, die sie verfluchten.
Betet für alle, also auch und gerade für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Ehrfurcht und Würde. Ruhig und still heißt nicht, wir schauen weg, Hauptsache wir haben unsere Ruhe. Beten heißt genau hinschauen, ernst nehmen, wie die Wirklichkeit ist, auch das anschauen, was lieber verborgen sein soll, auch denen zuhören und sie ernst nehmen, die keine Stimme haben. Beten heißt die Welt ins Gebet nehmen.
Damit wir ruhig und still, ehrfürchtig und in Würde leben. In jedem dieser Worte steckt die eine Hoffnung: dass Gottes Gerechtigkeit und Güte unter den Menschen sichtbar wird; dass wir und alle anderen in Würde leben können: in unserer Gemeinde, aber auch in unserer Stadt, und überall, auch in Syrien, auch in Nigeria. Darum geht es, dazu treibt der evangelische Geist uns hier vor Ort, aber auch weit hinaus in die Welt!
Wir hatten gerade bei der Synode Besuch aus Nigeria, von der Kirche der Brüder. Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat im Nordosten Nigerias viele ihre Kirchen und Schulen zerstört, viele Gemeindeglieder getötet, sie haben vielleicht damals von der Entführung der Schulmädchen gehört; viele sind noch immer verschwunden und versklavt. Ein großer Schrecken, ein unermessliches Leid hat diese Kirche erlitten – und sie bittet uns, für sie zu beten, mit ihnen zu Gott zu rufen um Frieden und Versöhnung, um Gerechtigkeit. Sie bittet uns, an sie zu denken, ihnen zu helfen, ihre Schulen und Kirchen wieder aufzubauen, ihnen leere Hefte zu schicken und Stifte, alles, was sie brauchen zum Lernen.
IV
Betet für alle! Am Tag der Arbeit beten wir für mehr Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft und weltweit. Die Schere geht zurzeit auseinander; die Reichen werden reicher, die Armen ärmer – und die dazwischen haben Angst, dass sie abrutschen.
Wer betet, hält inne. Wer betet, bleibt nicht nur auf seiner Ebene, sondern sucht die Verbindung zu Gott. Das macht frei und schenkt neue Einsichten. Von der Strickleiter aus, werden andere Dinge wichtig: die Angst wird kleiner, wie ich für mich sorgen, mich durchsetzen, mein Einkommen erhöhen kann. Es gibt ein Genug. Das Glück wächst, wenn die Abstände nicht zu groß sind. Der Segen vermehrt sich, wenn wir ihn teilen. Das Leben wird reicher, wenn wir auf die anderen achten.
Beten macht Arbeit. Ich brauche Zeit dafür, ich muss raus aus dem Getriebensein, innehalten, um zur Ruhe zu finden. Ich brauche Kraft dafür, mich neu auszurichten. Nur wer innehalten und beten kann, kann kreativ und nachhaltig arbeiten und brennt nicht aus. Das muss man lernen, dazu braucht man Zeit, dazu brauchen wir den Sonntag.
Ja, verkaufsoffene Sonntage wie der am letzten Sonntag sind für viele ein Vergnügen und gute Unterhaltung und für manche ein gutes Geschäft. Aber unsere Welt lebt nicht vom Brot allein, sondern gerade vom Innehalten und Beten. Wir brauchen den Sonntag, um die Leiter hinaufzuklettern und zu erleben, wie Gott zu uns herabsteigt. Weil uns das zusammenhält; weil es uns die Gelegenheit gibt, an die anderen zu denken und für sie zu beten. Wir brauchen den Sonntag, um uns immer wieder neu auszurichten auf die Kraft vom Himmel, auf Jesus Christus. Er hat die Tür zum Himmel für uns und für die anderen aufgestoßen; er ist vor die Stadt gegangen zu denen, die uns fremd sind, und hat sie und uns gemeinsam an seinen Tisch geladen. Er lädt uns zum Gebet, er ist die Strickleiter ins Leben.
Komm in unsere Welt, Gott, und erneuere uns. Stärke uns im Glauben, in der Liebe füreinander und im Gebet.
