Barmherzig leben aus der Barmherzigkeit Gottes

Predigt von Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh zur Eröffnung der Gebetswoche für die Einheit der Kirche am 12.05.2016 im Freiburger Münster

Als Jesus aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich. Und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf und lehrte sie:
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen.
Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch gewesen sind.
Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.
Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf dem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel (stülpt ein Gefäß darüber), sondern stellt das Licht auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Haus sind. So lasst euer Licht vor den Leuten leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.
 
Liebe ökumenische Festgemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
wir leben aus Gottes Erbarmen! Wir sind geliebt, bevor wir etwas geleistet haben. Selig seid ihr, trotz eurer Not, in eurem Zweifel und in eurer Hoffnung. Denn Gottes Barmherzigkeit kommt euch entgegen auf dem Weg in die Zukunft und trägt euch durch die Zeit.

I

Wir leben aus dem Erbarmen! Vielleicht ist das der Kern der Rede Jesu auf dem Berg, die mit den Seligpreisungen beginnt. Menschliches Leben kommt aus der Erfahrung geschenkt zu sein und beschenkt zu werden, durch die Fülle der Natur, durch Menschen um uns herum, durch besondere Begegnungen. Menschliches Leben gedeiht in einer Kultur des Erbarmens.
Das leuchtet für den Anfang und das Ende des Lebens sofort ein:
Kinder gedeihen, weil sie mehr bekommen, als sie geben. Sie brauchen Zuwendung und können sich nicht revanchieren. Wir erschrecken, wenn sie missbraucht und ausgenutzt werden, wenn sie sich auch schon ihr Leben verdienen sollen, durch Kinderarbeit oder gar als Kindersoldaten oder in der Prostitution. Kinder leben und wachsen durch die Barmherzigkeit, die sie frei gibt und die nicht darauf schaut, dass sie möglichst bald oder zumindest später dann zurückbekommt, was sie zuvor investiert hat.
Auch am Ende des Lebens leben wir aus der Barmherzigkeit. Wir hoffen auf Menschen, die für uns da sind und mit uns mitgehen. Menschen, die nicht mehr von uns erwarten, als wir können; die uns ernst nehmen trotz und in unseren Einschränkungen; wir hoffen, dass im Alter nicht gerechnet wird: Nur was du gibst, bekommst du zurück. Wir brauchen dieses Vertrauen auf eine grundlegende uns verbindende und verbindliche Barmherzigkeit, damit wir ohne Angst alt werden und sterben können, damit wir auch damit leben können, dass wir vielleicht einmal nicht mehr „Herr oder Frau im eigenen Haus“ sind.
Am Anfang und am Ende des Lebens brauchen wir Barmherzigkeit. Die Seligpreisungen Jesu zählen weitere Lebenslagen auf, in denen wir aus dem Erbarmen leben: mitten im Leben.
Selig sind die Armen. Mitten im Leben geraten Menschen in Armut: die Arbeit verloren, die Ehe zerbrochen, krank geworden, einen Unfall gehabt, im Alter plötzlich allein. Selig sind die Armen, ihnen gilt Gottes Erbarmen.
Selig sind die Leid tragen. Mitten im Leben begegnen Menschen Krankheit und Tod: ich habe im Pfarramt oft gestaunt, wie Menschen im Abschiednehmen Kraft zugewachsen ist, wie sie gespürt haben, da ist eine Barmherzigkeit, die mich trägt - und die die trägt, von der ich Abschied nehmen muss. Selig sind die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen. Mitten im Leben geraten Menschen an ihre Grenzen: Ausgebrannt. Leer. „Woher nehme ich den Mut, weiterzugehen.“ Gottes Barmherzigkeit trägt, sie eröffnet einen Weg, bereitet einen Tisch, an dem wir Platz nehmen und uns stärken können. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.

II

Selig seid ihr, weil ihr aus Gottes Barmherzigkeit lebt. Das ist die Botschaft Jesus; damit eröffnet er sein Reden und Tun. Das ist der stabile Grund, auf den Jesus uns stellt, die feste Burg, aus der wir gestärkt und mutig in die Welt aufbrechen: Gottes Barmherzigkeit ist größer als Not und Schrecken!
Trägt das in einer Welt, die manchmal wie eine Gegenwelt zu den Seligpreisungen wirkt. Unsere Partnerkirche in Nigeria ist die Kirche der Geschwister, eine Friedenskirche in der Tradition der Mennoniten. Seit 100 Jahren leben sie gewaltfrei und erleben jetzt die schlimmsten Schrecken ihrer Geschichte: Von über einer Million Mitglieder sind etwa 700.000 auf der Flucht. Von 450 Gemeinden existieren nur noch 150. Vor über einem Jahr hat die islamistische Terrorgruppe Boko Haram viele Schülerinnen in Nigeria entführt, versklavt, verkauft; die meisten von ihnen gehören zur Kirche der Geschwister und sind bis heute nicht wieder zurück.
Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Diese Verheißung der Bergpredigt steht im Zentrum des Glaubens dieser Kirche. Aber werden sie von ihren jungen Leute gefragt: Stimmt das noch? Oder sind wir einfach nur schwach oder gar feige?
„Auf Gottes Barmherzigkeit vertrauen“ fängt damit an, solche Fragen zuzulassen, miteinander zu reden und zu ringen, die Wahrheit nicht gepachtet zu haben. Die Seligpreisungen spielen nicht in einer jenseitigen Sonderwelt. Aber einmal angestoßen und ernst genommen entfaltet sich die Kraft dieses Geistes der Barmherzigkeit: Ja, auch in die Schulen, die sie neu errichten, laden sie nicht nur christliche Schülerinnen und Schüler ein, sondern auch muslimische. An öffentlichen Schulen haben laden sie zu CAMPI ein, einer Jugendgruppe, die eine christlich-muslimische Initiative für den Frieden sein will, die Jugendliche aus verschiedenen Religionen ein Jahr lang miteinander verbindet. Ein Jahr lang ist einer oder eine für den oder die andere aus der Religion ein Engel, so nennen sie das. Sie wissen nicht, wer der Engel für wen ist. Aber sie lernen sich neu kennen, sie entdecken ihre Verbundenheit, sie erfahren durch den oder die andere Gottes Barmherzigkeit. Und sie übernehmen Verantwortung für einander, in einer Art Frühwarnsystem: Wenn ihr in eurer Gemeinschaft etwas hört, dass es zu Übergriffen auf die anderen kommen soll, dann ruft euch an und dann gehen wir gemeinsam – Christinnen und Christen, Muslimas und Muslime dort hin und versuchen zu vermitteln.

III

Direkt auf die Seligpreisungen folgen zwei Worte über die Kirche. Manche hören sie als Aufforderungen an die Kirche: Seid das Salz der Erde! Seid das Licht der Welt! Ich lese sie eher von den Seligpreisungen her, als Zusage und als Verheißungswort für die, denen Jesus vorher Mut und Hoffnung gemacht hat. „Selig seid ihr – ihr merkt das jetzt schon daran, dass ihr Salz werdet für die Erde und Licht für die Welt.“
So wie diese Friedensinitiative in Nigeria uns das vormacht. Sie kommen im Leiden und werden zum Salz und zum Licht. Gott erbarmt sich der Armen, der Leidtragenden, der Menschen, die um Gerechtigkeit ringen, sie erleben, dass Gottes Geist sie trägt und ermutigt, sie richten sich auf und werden wichtig für die anderen. Durch die, die Jesus selig spricht, strahlt Gottes Barmherzigkeit aus in die Welt.
Mir ist dazu eine schöne Geschichte begegnet. Ein Ehepaar wandert und kommt müde, durstig und hungrig zu einer alten Gaststätte, vor der Menschen am gedeckten Tisch sitzen und essen. Sie wollen etwas bestellen. Es gibt keine Speisekarte, aber der junge Mann, wohl der Wirt, macht einen Vorschlag; es schmeckt. Als sie zahlen wollen, wird das abgelehnt – und es stellt sich heraus, das Gasthaus ist schon lange kein Gasthaus mehr. Die Wirtsfamilie sind Flüchtlinge, die hier in diesem Haus Zuflucht und Unterkunft gefunden haben – und nun froh und begeistert sind, selbst etwas tun und geben zu können für erschöpfte Wanderer: Selig sind, die Leid tragen: Sie werden getröstet - und werden zum Salz der Erde und zum Licht der Welt.

IV

Am Anfang seines Wirkens preist Jesus nach dem 5. Kapitel des Matthäusevangeliums die Menschen selig, die Erbarmen suchen. Am Ende im 25. Kapitel erzählt er das Gleichnis vom Weltgericht. „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder oder Schwestern, das habt ihr mir getan.“
Barmherzigkeit ist die Wirklichkeit, die Gott in unsere Welt bringt. Sie ist zugleich die Aufgabe, die sich uns in dieser Welt stellt, die von Gottes Erbarmen geprägt sein soll. Sechs Werke der Barmherzigkeit nennt das Gleichnis: Menschen speisen und ihren Durst stillen, Fremde aufnehmen, Nackte kleiden, Kranke besuchen, Gefangenen beistehen. Über dem Nordtor, der Pforte der Barmherzigkeit sind sie im Glasfenster dargestellt.
So wie in den Seligpreisungen viele Lebenssituationen auf diesen einen Punkt konzentriert werden: „Selig seid ihr, weil Gott sich euch erbarmt“, so öffnet sich im Gleichnis vom Weltgericht von diesem Zentrum der Barmherzigkeit Gottes ein Fächer der Barmherzigkeit. Was ist heute unsere Aufgabe, wenn wir in diesem Geist der Barmherzigkeit wandeln, der seit Pfingsten über uns ausgegossen ist? Unsere Antworten werden unterschiedlich ausfallen, je nachdem, wo wir gerade Verantwortung tragen: in unserer Familie zum Beispiel in der Verantwortung für unsere Kinder oder Pflegebedürftige; in der ökumenischen Telefonseelsorge, deren 40jähriges Bestehen wir ja vor wenigen Tagen hier in Freiburg gefeiert haben; oder eben indem wir Menschen begleiten, die bei uns Zuflucht suchen. Jede einzelne Facette des Fächers hat ihr eigenes Recht und ihre eigene Würde.

V

„Barmherzig und gnädig ist Gott, geduldig und von großer Güte.“ Das ist der Ausgangspunkt, aus dem wir als Kirchen leben, aus Gottes Erbarmen. Diese Erfahrung gibt uns als Kirchen Kraft und unserem Wirken eine Richtung! Im Vertrauen darauf sind wir gemeinsam unterwegs und wollen unseren Teil dazu beitragen, dass Gottes Erbarmen in unserer Welt sichtbar wird und sie gestaltet. Deshalb laden wir Sie am Ende des Gottesdienstes gemeinsam mit uns durch die Pforte der Barmherzigkeit aus dem Münster auszuziehen und zu zeigen: wir wollen Gottes Barmherzigkeit in die Welt tragen.