Der christliche Glaube bewährt sich im Wandel

Predigt über Römer 14, 10-13 zum 100-jährigen Jubiläum der Dreifaltigkeitskirche in St. Ilgen am 19.06.2016

Liebe Festgemeinde!
Ich gratuliere Ihnen herzlich zu diesem Jubiläum: 100 Jahre Dreifaltigkeitskirche in St. Illgen. 100 Jahre lädt diese Kirche ein zum Lob Gottes und zu christlicher Gemeinschaft ein. Sie stärkt Ihre Gemeinde im Glauben und zum verantwortungsvollen Dienst hier vor Ort, in der Stadt, in unserer Welt.

Bei einem Jubiläum schauen wir dankbar zurück und denken an die Menschen, die mit dieser Kirche verbunden sind. Viele haben lange um diesen Bau gerungen, haben Geld gesammelt und sich im Kirchbauverein engagiert. Als die Kirche fertig war, ist sie für viele zur geistlichen Heimat geworden: hier wurde getauft und geheiratet, konfirmiert und „O du fröhliche“ gesungen. Danke, Bitten und Klagen stecken in diesen Mauern. Die schöne Festschrift erzählt davon.
1916, mitten im Krieg haben Ihre Vorfahren diese Kirche gebaut und einge-weiht. Im Angesicht der Schrecken und der Schlachten, die gerade 1916 in Verdun und auf den anderen Schlachtfeldern zu beklagen waren. Angesichts der Opfer, die auch viele Familien hier zu beklagen hatten. Vielleicht war das auch ein Zeichen; wir wollen die Welt nicht dem Tod überlassen. Wir wollen Glocken läuten, die eine andere Hoffnung und Botschaft verkündigen: Lasset euch versöhnen mit Gott (2. Korinther 5,20) und Friede auf Erden (Lukas 2,14).
100 Jahre Glauben im Wandel der Zeiten stecken in dieser Kirche. 100 Jahre Befiehl dem Herrn deine Wege (Psalm 37,5), wie es auf der dritten Glocke heißt. Und immer wieder die Frage an die Ältesten, die Pfarrer und Gemeindediakoninnen, an die ehrenamtlich Engagierten: Was ist heute das richtige Wort, das die Menschen tröstet und ihnen Hoffnung gibt, das sie frei macht zum verantwortlichen Handeln?
Mehrfach wurde die Kirche umgestaltet: Die neuen Fenster geben ihre Ant-wort auf die Fragen: Wie können wir heute im Glauben wachsen? Wie will Christus heute unter uns Gestalt gewinnen?
Aber der Kirchenbau hat auch eine Botschaft, die sich in allen Veränderun-gen durchgehalten hat: in allem Wandel blieben und bleiben das Wort und die Sakramente im Zentrum. Der Zuspruch des Evangeliums für jeden und jede einzelne, mit Worten in der Predigt, erfahrbar, spürbar in der Taufe - und die neue Gemeinschaft in Christus, im gemeinsamen Hören und Beten, in der Fürbitte auch für die, die fern sind, im gemeinsamen Abendmahl. Und ganz prominent schon damals und bis heute die Musik: gut sichtbar in der Orgel. Auch das feiern wir ja heute, dass die Chorarbeit zum Lobe Gottes durch all die Jahre Ihre Gemeinde geprägt und gestärkt hat.
Gott mit uns redet durch sein Wort, stärkt uns mit seinen Gaben und wir antworten darauf mit Gebet und Gesang, mit unserem Leben!
 
I
Der christliche Glaube bewährt sich im Wandel. Davon spricht auch der Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Römerbrief im 14. Kapitel:
Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.
Denn es steht geschrieben (Jesaja 45, 23): „So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.“
So wird nun jeder von uns für sich selbst vor Gott Rechenschaft geben.
Darum lasst uns nicht mehr einer den anderen richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.“
So, wie sich dieser Kirchenraum von der Mitte her entfaltet, vom Altar, vom Wort Gottes, so lebt dieser Bibeltext von seinem mittleren Vers: Denn es steht geschrieben (Jesaja 45, 23): „So wahr ich lebe, spricht der Herr: Mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.“
Von der Mitte geht alles aus, auf sie hin ist alles ausgerichtet. Gerade in diesem Kirchenraum. Da liegt die Bibel: in ihr findest du das das tröstende Wort und Orientierung! Da steht die Osterkerze: Der Tod hat nicht das letzte Wort! Da ist der Taufstein: Fürchte dich nicht – du bist eine von Gott geliebte Person, du bist mehr als das, was die anderen oder du selbst von dir erwarten. Da ist der Altar, an dem wir Abendmahl feiern: hier findest du eine neue Gemeinschaft in dem einen Leib: ob Frau oder Mann, ob jung oder alt, reich oder arm, ob einheimisch, zugezogen oder Flüchtling: ihr seid alle eins in Christus.
Im Kirchenraum wie im Bibeltext: Von der Mitte, vom Zentrum unseres Glaubens geht die Bewegung Gottes in die Welt aus, damit viele Menschen erleben und sagen können: „Gott ist meine Gerechtigkeit und Stärke!“
 
II
Um dieses Zentrum gruppieren sich die Bänke hier im Kirchenraum im Halbkreis. Sie führen uns in einer Gemeinde, in einer Gemeinschaft zusammen. Wenn sie ihren Kopf ein bisschen drehen, sehen sie nicht nur mich und den Altar, sondern auch sich gegenseitig. Weil alle Knie sich gemeinsam vor Gott beugen, bekommt unser Miteinander ein neues, besonderes Gesicht.
Wie sieht das aus? Normalerweise sortieren wir: „Der gehört zu uns – und die nicht, die ist einfach zu langweilig.“ Vieles kann zum Kennzeichen werden, ob ich dazugehöre oder nicht, ob ich drinnen bin oder draußen: die Kleidung oder der Tonfall, die politische Überzeugung oder welche Fußballmannschaft ich gerade bei der Europameisterschaft unterstütze. Ich bin ich, und bin froh, dass ich nicht so bin, wie die da.
Solches Unterscheiden und Richten gehört zum Leben dazu. Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir urteilen und werden beurteilt, wir richten und werden gerichtet: zu Hause und in der Schule, an der Arbeit, manchmal auch in der Gemeinde.
Das ist normal - und kann doch schreckliche Folgen haben. „Die verrät unser Land, die muss weg. Wer so etwas sagt, gehört nicht hierher.“ Je weiter weg diejenigen sind, mit denen wir nichts zu tun haben wollen, je einiger wir uns untereinander sind, desto schärfer und eindeutiger werden unsere Urteile. Und schlagen wie in diesen Tagen manchmal schrecklich in tödliche Gewalt um.
 
III
Jesus hat diese Folgen gesehen. Nicht erst wer tötet, verstößt gegen das Gebot „Du sollst nicht töten“, sondern schon wer ruft: „Du Narr!“ oder „Du Nichtsnutz!“ Deshalb hat sich Jesus gegen das Richten gewehrt und selbst immer wieder Grenzen in Frage gestellt und überwunden. Wenn ihn die Menschen, auch seine Jüngerinnen und Jüngern gefragt haben: Warum gehst du zu Fremden, zu ansteckenden Kranken? Warum gehst du zu einem wie Zachäus, der mit den Besatzern zusammenarbeitet und der unseren Familien das Geld aus der Tasche zieht? Warum überschreitest, überwindest du die Schranken und Grenzen zwischen den Menschen, den Religionen, den Klassen? Dann hat Jesus geantwortet: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Jesus verbindet uns und führt uns in einer neuen Gemeinschaft zusammen, die nach außen in die Welt ausstrahlt.
Gott ist unser Richter: „Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes ge-stellt werden – und jeder von uns wird für sich selbst vor Gott Rechen-schaft geben.“ Wie werden nach unserem Leben gefragt, nach Tun und Lassen, aber wir sind dabei nicht allein, sondern leben aus der Mitte unseres Glaubens: Christus tritt für uns ein, und ringt mit uns um Gottes Barmherzigkeit.
Um diese Mitte geht es im Gottesdienst, in dieser Kirche. Von ihr aus öffnet sich der Weg in ein neues Miteinander, in dem unser Urteilen und Verurteilen begrenzt ist. Der oder die andere ist ein Geschöpf Gottes so wie ich. Am Ende werden wir alle gemeinsam vor Gott knien und Rechenschaft ablegen. Das relativiert alle Unterschiede und alle Urteile.
 
IV
Von der Mitte des Glaubens her erschließt sich ein neues Miteinander. Of-fenheit gehört dazu, in diesen Zeiten besonders für Menschen, die bei uns Zuflucht suchen. Ein Interesse daran, Menschen, Konfessionen, Religionen zusammenzuführen. Auch der Versuch dazu beizutragen, dass unterschiedliche Menschen und Meinungen einander respektieren und ins Gespräch kommen, dass Feindschaften aufgebrochen werden.
Wir feiern 100 Jahre Dreifaltigkeitskirche – das ist kein Jubiläum der Mau-ern, sondern ein Fest des Glaubens und des Gottvertrauens, der Offenheit und der sozialen Verantwortung, der Ökumene. Mit all dem strahlen Sie in Ihre Stadt aus. Ein Fest, mit dem sie Rechenschaft ablegen von der Hoff-nung, die in Ihrer Gemeinde steckt, und von der Kraft, die sie bis heute durch den Wandel der Zeiten getragen hat und weiter tragen wird.
100 Jahre Dreifaltigkeitskirche St. Illgen: Ich schließe mit dem Vers, der auf der Urkunde zur Grundsteinlegung steht: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen, und Gott wird bei Ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“ (Offenbarung 21,3).