Liebe Gemeinde,
in der Vogelstanggemeinde ist es „eefach annerscht“. So wurden mir dieses Jubiläum und dieser Gottesdienst angekündigt – und so ist es ja nun auch: im Zelt, mit besonderer Musik, die so vielfältig ist wie die Chöre, die auftreten, und die Menschen, die sich hier versammeln und mitsingen.
Letzten Sonntag habe ich mit der Gemeinde in Bodersweier gefeiert, deren Kirche in diesem Jahr 400 Jahre alt geworden ist. Dagegen ist ihre Gemeinde mit ihren fünfzig Jahren jung und auch in diesem Sinne „eefach anerscht“: gerade erst „in den besten Jahren“ angekommen, lebendig und voller Schwung, mit Lust am Ausprobieren und am Wandel. Da ist so ein „kleines“ Jubiläum Anlass das Heute groß zu feiern und zugleich zurück zu blicken auf die ersten Schritte, aber auch nach vorne, wohin es gehen soll.
Einen ganz großen Vorteil hat so ein „kleines“ Jubiläums noch: Wir haben Menschen unter uns, die waren von Beginn an bewusst dabei. Die können uns heute von Aufbrüchen und Hoffnungen erzählen, von schwierigen Phasen, von unerwarteten Wendungen, vielleicht auch von der einen oder anderen midlife-crisis. Vor allem aber geben Sie uns das Grundgefühl und die Grundausrichtung weiter, die zu Ihrer Gemeinde gehören, dieses: Wir sind eine Gemeinde am Puls der Zeit, wir stehen mit unserem Glauben im Hier und Heute.
I
Der heutige Predigttext nimmt uns mit in eine andere Gemeinde, die auch mit diesem Gefühl lebt: Wir sind „eefach anerscht“. Warum? Weil wir von Jesus Christus ergriffen sind, der auch „eefach anerscht“ war. Weil er uns vertraut und uns etwas zutraut, leben wir mutig und frei und sind für einander und für andere da. - Philipper 3, 7-14:
7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. 8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne 9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. 10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, 11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
12 Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.
II
Jesus war „eefach anerscht“! Wenn andere Angst hatten, sich anzustecken, ist er hingegangen, um den Kranken beizustehen und zu zeigen: wir gehören zusammen und gemeinsam zu Gott. Wo andere ihre Ellenbogen ausgefahren haben, um ihren Vorteil zu gewinnen, hat Jesus sich auf die Seite der Armen gestellt. Er hat sich zwischen die Fronten begeben und hat auch mit denen gegessen, die ausgeschlossen waren, weil sie die falsche Meinung oder Religion hatten, weil sie nicht uns zu uns passen. Jesus hat die Sanftmütigen und Friedfertigen seliggepriesen und sich der Macht und der Gewalt nicht gebeugt. Bis zum Ende ist Jesus seinem Weg treu geblieben und schließlich am Kreuz gestorben. Aber Gott hat ihn auferweckt und uns zugerufen: Fürchtet euch nicht, anders zu leben, vertraut mir! Der Weg Christi führt euch in das neue Leben.
Viele sind diesem Weg seitdem gefolgt. Der Glaube an Jesus Christus hat das Leben der Gemeinde damals in Philippi grundlegend verändert. Die Trennungen zwischen den Armen und den Reichen, den Sklaven und den Freien wurden in Frage gestellt. Wir sind eins in Christus.
Dieser Glaube trägt uns auch heute und richtet Sie, liebe Gemeinde auf der Vogelstang, seit fünfzig Jahren immer wieder neu aus. Wir suchen nach Worten, um heute so vom Glauben zu reden, dass viele es verstehen können. Dass die Menschen sich gestärkt fühlen und auch mit ihren Zweifeln und Fragen eingeladen sind, Glauben für Amateure ein wunderbarer Titel für einen Glaubenskurs. Wir sind nicht vollkommen, wir sind gemeinsam auf dem Weg, wir haben es noch nicht ergriffen, wir haben es nicht in unseren Händen, wissen nicht alles, schon gar nicht besser; aber wir lassen uns von dem Schwung, der Menschenfreundlichkeit und der Gastfreundlichkeit von Jesus ergreifen und mitreißen.
Jesus hat uns gesagt: in den anderen, den Fremden, den geringsten Brüdern und Schwestern begegnet ihr mir. Deshalb freut es mich sehr, wie sehr die anderen in Ihrer Gemeinde im Blick sind: mit den Patenschaften für die Flüchtlingen, aber auch mit ihrer Unterstützung für das Kinderhospiz Clara. Es ist so wichtig, dass wir Kinder, Geschwister und Eltern mit ihrer Trauer nicht allein lassen. Oft erleben die Betroffenen, dass sie in diesem Leid anders sind und aus vielem herausfallen; da wird das vergnügte „eefach anerscht“ zur Last und zur Not. Aber darin zum Auftrag an uns: der Glaube an Jesus Christus verändert uns und unser Leben und verbindet uns gerade mit denen, die in dieser schweren Weise anders sind.
III
Das ist nicht leicht und muss sich gerade in diesen Tagen bewähren, in denen unser Grundvertrauen, dass wir als Menschen gemeinsam auf dem Weg sind und dass wir einander anvertraut sind, durch die Schrecken der Attentate, des Terrors und der Gewalt erschüttert wird. Woher kommt diese Missachtung anderer Menschen? Wie gelingt es der Bosheit, die Herzen der Täter zu ergreifen? Was können wir tun, um die Opfer und ihre Angehörigen zu trösten und die Täter zur Umkehr zu rufen?
Jesus Christus hat uns einen neuen Weg in das Leben, in das Reich Gottes eröffnet. Dieser Weg ist umkämpft und fordert uns, fordert Sie als Gemeinde heraus, das Gottvertrauen zu stärken, den Glauben ins Leben zu ziehen und Verbindungen zu knüpfen zwischen den Menschen, auch und gerade zwischen denen, die sich wenig begegnen und oft auch voneinander abschotten.
Dazu braucht es eine klare Ausrichtung an Christus, der versöhnt und uns auf ein gerechtes und friedliches Miteinander ausrichtet. Dazu braucht es aber auch viele unterschiedliche Zugänge, weil die Menschen mit ihren Geschichten und Erfahrungen sehr unterschiedlich sind. Es ist wunderbar, wie viele Angebote Ihre Gemeinde macht, wie Sie Ihre Gastfreundlichkeit auf vielfältige Weise zeigen, wie Sie einladen zu Musik und Chören, in Schulen und Kindertagesstätten, zum Glauben und Loben in verschiedenen Gottesdiensten, mal mehr zum Nachdenken, mal mehr zum Stille werden, mal mehr zum rumwuseln, mal morgens, mal abends.
In all diesen verschiedenen Formen, das „Fürchte dich nicht!“ Gottes in unsere Welt zu tragen und zu einem verantwortungsvollen Miteinander zu rufen, kommt die Mitte unseres Glaubens zum Ausdruck, der uns durch die Zeit und die Not trägt: dass Gott die Menschenverachtung überwinden wird; dass die Gewalt nicht siegen wird, sondern die Friedensstifterinnen und Friedensstifter selig werden; dass nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern unsere Hoffnung auf die Auferstehung der Toten.
IV
„Eefach anerscht“: Dass Glaube und Hoffnung im Leben einen Unterschied machen, davon legen Sie hier am Vogelstang seit fünfzig Jahren Rechenschaft ab, so dass mitten im Ihrem Stadtteil die Kraft der Auferstehung spürbar wird: Niemand soll verloren gehen. Die, die ein Kreuz zu tragen haben, sollen sich in Ihrer Gemeinde getragen wissen. Sie führen Menschen zusammen, gerade auch solche, die sich nicht dauernd begegnen oder sich skeptisch oder feindlich gegenüber stehen. Sie beziehen klar Stellung. Sie feiern miteinander und all das zum Lobe Gottes.
Ich wünsche Ihnen für die nächsten fünfzig Jahre Gottes Segen auf diesem Weg. Bleiben Sie im Geist Christi „eefach anerscht“!
