Gottes Geist schenkt Kraft und Liebe und Besonnenheit

Predigt über 2. Timotheus 1, 7-10 im Festgottesdienst aus Anlass des 500jährigen Jubiläums der Liebfrauenkirche in Neckarkatzenbach am 11. September

Liebe Festgemeinde,
500 Jahre steht diese wunderbare kleine Kirche jetzt in ihrem Ort. Seit 500 Jahren kommen Menschen hierher um zu singen, zu beten und Gottes Wort zu hören, um ihre Kinder zu taufen, um sich konfirmieren oder trauen zu lassen. Hier wurde getrauert, weil der Ehemann im Krieg getötet worden war, geklagt, weil der Hunger so groß war. Hier wurde und wird um Beistand gebetet, weil die Großmutter schwer krank ist oder die Mutter eine neue Arbeit sucht. Hier wurde und wird gedankt, weil die Ernte gut war oder das Kind wieder gesund geworden ist. So viele Erfahrungen stecken in diesen Mauern, so viele Geschichten ihrer Familien und ihres Ortes.

Ihre Kirche strahlt einen besonderen Geist aus und prägt mit ihm die Landschaft, den Ort und alle, die kommen. Hell wirkt sie, offen und freundlich. Und zugleich besonders intim; sie lädt ein, hier auch einmal allein innezuhalten und mit Fragen, Sorgen und Hoffnungen vor Gott zu treten: „Gott ist gegenwärtig!“.

Es hat ja auch alles mit Wallfahrten angefangen. Und mit dieser Pieta, der Maria, die ihren gekreuzigten Sohn betrauert und die heute im Altar der katholischen Schwesterkirche St. Marien ihren Platz gefunden hat. Sie hat die Menschen beein-druckt; auch von weither sind sie gekommen, weil sie diesem Ort und diesem Bild etwas zugetraut haben. Die schlichte Szene zeigt, wie nah Gott uns Menschen kommt. Gott vertraut sich uns an und stärkt dadurch unser Vertrauen. Wir werden frei und bekommen neuen Lebensmut. Ein Lebensgeist steckt in dieser kleinen Kirche: der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!
 
I
Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem 2. Brief an Timotheus im 1. Kapitel, die Verse 7-10:
„Denn Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserem Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit mir für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Entschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Jesus Christus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“

Gottes Geist schenkt Kraft und Liebe und Besonnenheit! Und er besiegt die Furcht!
Die Menschen, die seit 500 Jahren in diese Kirche gehen, kannten und kennen die Furcht: Wie soll es weiter gehen mit unserer Ehe, wir streiten doch nur noch? Was geschieht, wenn sich unsere Eltern trennen? Was wird aus unserem behinderten Sohn, wenn wir sterben? Was wird aus uns, wenn wir alt sind? Diese Kirche kennt die Furcht vor den persönlichen Schicksalsschlägen, aber auch die großen Ängste der Zeit: Hunger und Epidemien und Kriege, die Kurpfalz war immer umkämpft. Heute vor 15 Jahren zerstörten Flugzeuge das World Trade Center in New York. Seitdem verlässt uns die Furcht vor dem Terror nicht mehr. Und manche nutzen das aus; sie schüren die Ängste noch, um Macht zu gewinnen.

II
Die Liebfrauenkirche steht für einen anderen Geist: für Kraft, für Liebe und für Besonnenheit. Dieser Geist passt gut gerade in diese kleine Kirche, weil Gott als Mensch zu uns kommt, nicht als furchterregender und unberechenbarer Herrscher. Nicht in einem Palast mit 20 oder 30 Zimmern und Wachpersonal, sondern im Stall in der Krippe wird Jesus geboren. Und er stirbt am Kreuz und liegt gebrochen und tot im Schoß seiner Mutter.
Aber das ist nicht das Ende seines Weges. Gott nimmt dem Tod seine Macht. Davon erzählt diese Kirche, in diesem Glauben will sie uns stärken: wer Gott vertraut, braucht sich vor keinem Menschen, vor keiner Macht und auch nicht vor dem Tod zu fürchten.
Bei der letzten Renovierung haben sie in dieser Kirche ein Fresko freigelegt. Es ist ein gleichschenkliges Kreuz in einem Kreis. Der Kreis steht für die Welt, das Kreuz bildet die Mitte dieses Weltkreises. Wenn ich mir den Kreis als Bild für eine Kugel vorstelle, bildet das Kreuz innen das Gerüst, das die Kugel stützt und formt; aber ich kann es mir auch außen vorstellen, dann umspannt das Kreuz die Weltkugel. Christus ist es, der unsere Welt in Inneren zusammenhält und sie äußerlich umfängt und sich schützend über sie beugt.
Dieses Kreuz hat aber noch etwas Besonderes: aus seiner Mitte wachsen in jedes Feld des Kreuzes Pflanzen, grüne Blätter. Für mich ist das ein wunderbares Symbol für den kräftigen Geist, der unseren Glauben bestimmt. Das Kreuz grünt und treibt aus und schenkt neues Leben. Der Tod hat nicht das letzte Wort, sondern mit Christus beginnt eine neue Schöpfung, die alles überwindet, was schwer und traurig ist. Aus dem Kreuz erwächst der Baum des Lebens.
Ja, wir sind in Ängsten; ja, wir fürchten uns auch. Aber im Vertrauen auf Gott gewinnen wir Mut, Selbstbewusstsein und Stärke. Wir richten uns auf, frei und selbstbewusst und übernehmen Verantwortung für uns und für andere, auch für die, die nach uns kommen, auch für die, die uns fremd sind. Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

III
Der Geist Gottes ist ein kräftiger Geist. Wie stelle ich mir diese Kraft vor?
Sie hat wenig mit Macht und Gewalt zu tun. Jesus sagt ja: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Sie lebt aus der Gemeinschaft; aus dem Gottvertrauen er-wächst Vertrauen zu einander. Wir verlassen uns aufeinander, wir trösten einander, wir ermutigen einander. Wie Glieder an einem Leib handeln wir gemeinsam, füreinander, für Gottes Welt, jede und jeder mit der Gabe, die ihn oder sie auszeichnet.
Wichtig ist: Die gute Nachricht kommt vor Ort an, im Dorf, und hat doch den ganzen Weltkreis im Blick. Den Eintopf für das Fest nachher kochen Kirchengemeinderäte gemeinsam mit der Flüchtlingsfamilie aus dem Iran. Eine kleine Kirche, ja, aber mit einem Blick für das Ganze. Es kommt eben nicht auf äußerliche Größe an, sondern auf einen wachen, lebendigen, kräftigen Geist.
Mir fällt dazu die Geschichte von der Befreiung aus Ägypten ein. Der Pharao verlangt von den israelitischen Hebammen, dass sie alle männlichen Neugeborenen der Israeliten umbringen. Aber die Hebammen sind voller Gottvertrauen „und taten nicht, was der Pharao ihnen sagte, sondern ließen die Kinder leben!“

Gottvertrauen macht mutig, auch gegenüber denen, die einem Furcht einflößen wollen. Es macht selbstbewusst und frei, Verantwortung zu übernehmen. Plötzlich öffnen sich Handlungsspielräume. Es gibt mehr als die zwei Möglichkeiten, die manche so gerne an die Wand malen: entweder – oder! Wer sich die Jesusgeschichten anschaut, entdeckt einen, der den schnellen und einfachen Lösungen widerspricht. Jesus hat Kraft genug, ungewöhnliche Wege zu gehen. Er widersetzt sich dem Schwarz-Weiß oder Gut-Böse-Denken. Er wehrt sich gegen das Sortieren in: „Du gehörst dazu“ – und „du nicht“, das so nahe liegt, wenn es Konflikte gibt.

Die Hebammen waren in ihrem Gottvertrauen mutig, phantasievoll und listig. Sie sagten dem mächtigen Pharao: „Die israelitischen Frauen sind nicht so anspruchsvoll wie die ägyptischen. Wenn wir zu ihnen gerufen werden, sind die Kinder schon geboren, da können wir nichts mehr machen.“ Sie waren die Schwachen und hatten doch gemeinsam die Kraft, Leben zu retten.

IV
Der kräftige Geist ist der Geist der Liebe. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und ein dienstbarer Knecht in allen Dingen.“ So hat Luther fast zur gleichen Zeit, als diese Kirche entstand, das Leben von Christinnen und Christen beschrieben. In ihm verbinden sich Freiheit und Verantwortung im Geist der Liebe.
Es geht um eine Freiheit von Furcht vor menschlicher Macht. Wir werden frei da-von, uns an das anpassen zu müssen, was andere von uns erwarten. Aber es geht zugleich um eine Freiheit für, eine Freiheit, die Verantwortung für das eigene und das Leben der anderen übernimmt.
Der Geist der Liebe hilft mir, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen. Ich muss nicht wegschauen, wenn ich Menschen in Not sehe; ich bin wie der barmherzige Samariter, schaue hin und bin frei zur Begegnung, zur Mitmenschlichkeit und zur Nächstenliebe.
Vielleicht steckt darin auch die besondere Kraft dieses wundersamen Bildes, das der Ausgangspunkt für den Bau dieser Kirche war, das ihre Vorfahren nicht weggeben wollten nach Neunkirchen, weil es wichtig ist für diesen Ort, für die Menschen hier, für die evangelischen wie die katholischen Bürgerinnen und Bürger in Neckarkatzenbach. Diese Maria ist ein Urbild dieser Liebe (Liebfrauenkirche), wie sie aufrecht da sitzt mit ihrem toten Sohn auf dem Schoß, gezeichnet vom Schrecken des Kreuzes und von der Trauer – und doch voller Vertrauen in Gott, dass nicht alles zu Ende ist, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Der Geist der Liebe, die treu und verlässlich für andere da ist, begegnet in den besonderen Menschen wie Maria. Die Reformation hat uns erinnert, dass dieser Geist der Liebe uns allen in der Taufe geschenkt ist. Überall will er sich ausbreiten, durch jede und jeden von uns: in der Gemeinde, aber auch im Beruf und in der Nachbarschaft, und in der Familie; da stützt er sich auf die Schultern der Vorfahren, unserer Eltern und Großeltern, so wie es der Brief an Timotheus zwei Verse zuvor hervorhebt: „In dir Timotheus wohnt der ungefärbte, mutige, selbstbewusste, freie Glaube, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike“.

V
Schließlich ist Gottes Geist ein Geist der Besonnenheit. Besonnenheit hat mit Bescheidenheit zu tun, auch mit Nüchternheit und mit Zurückhaltung. Diese Kirche wurde am Vorabend der Reformation gebaut und geweiht; dann kam die Reformation und die Kirche wurde evangelisch. Der Geist der Besonnenheit mahnt uns zur Ökumene und zum Miteinander. Jede Kirche hat etwas einzubringen in die eine große weltweite und vielfältige Kirche Jesu Christi, die jeder einzelnen Kirche vorausliegt. Die Besonnenheit hilft uns entdecken: uns verbindet viel mehr als uns trennt.
Besonnenheit hat auch etwas mit Geschwindigkeit zu tun. Sie ist ein bisschen langsamer; sie hält immer mal inne; sie ermöglicht ein kluges Nachdenken und Abwägen.
Sie kennen die Geschichte von der Ehebrecherin. Einflussreiche wollen Jesus herausfordern und wohl auch reinlegen: Wie beurteilst du diese Ehebrecherin? Aber Jesus antwortet nicht auf ihr Drängen, sondern bückt sich und schreibt auf die Erde. Erst nach einer Weile steht er wieder auf und sagt: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ So hat er Zeit gewonnen. So hat er die Komplexität der Situation ernst genommen. Und eröffnet auf diese Weise besonnen für alle einen neuen Weg ins Leben.
Das Leben ist nicht schwarz oder weiß, sondern bunt; und es ist manchmal schwer zu verstehen – und wer schnell etwas tut, nur um überhaupt etwas zu tun, riskiert Anderes, Wichtiges oder gar das Ganze aus den Augen zu verlieren.

VI
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Wir feiern das 500jährige Jubiläum dieser wunderbaren Liebfrauenkirche, die den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit ausstrahlt, den Gott uns schenkt. Seit 500 Jahren lassen sich Menschen hier in Neckarkatzenbach davon stärken und ausrichten und tragen diesen Geist in ihren Ort. Dafür und für Ihren weiteren Weg wünsche ich Ihnen als Gemeinde Gottes Segen.