Was macht das Leben aus?

Predigt über Röm.14,17-19 bei den Aktionswochen „Demenz“ in der Stadtkirche Karlsruhe

Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. Wer darin Christus dient, der ist Gott wohlgefällig und bei den Menschen geachtet. Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander.
 
Was macht das Leben aus? Was trägt uns durchs Leben, liebe Gemeinde? Wenn ich Menschen mit Demenz begegne, stellen sich mir diese Fragen. Essen und Trinken, Bildung, beruflicher Erfolg, gutes Ansehen im Bekanntenkreis, das ist alles wichtig. Aber am Ende ist das Reich Gottes nicht Essen und Trinken und auch nicht all das andere, was ich meinen Kindern sage, woran sie denken sollen, wenn aus ihnen mal was werden soll.
Am Ende leben wir aus Gottes Vertrauen: Gott vertraut sich uns an, vertraut uns Jesus Christus an – und ich, ich vertraue mich und meine Nächsten Gott an. Daraus leben wir.
 
I
Meist fängt die Demenz unmerklich an. Es beginnt mit „kleinen Vergesslichkeiten und unbedeutenden Zerstreutheiten, Dinge gehen verloren, ein paar Namen sind vergessen, auch wie Gegenstände heißen oder wofür sie benützt werden.“ (nach: M. Sutter, Small World, 269)
Wer die Symptome bei sich selber spürt, versucht sie zu überspielen. „Lautlos focht der Vater den Kampf mit sich selber aus“ (Geiger, 24) schreibt Arno Geiger über seinen Vater in dem Buch „Der alte König im Exil“. Erstaunt stellt ihn der Sohn zur Rede, als der Vater seine Möbel nicht wiedererkennt. Schnell lenkt der Vater ein: „Doch jetzt erkenne ich sie!“ „„Das will ich auch hoffen“, sagt der Sohn ein wenig von oben herab.“ Da erwidert der Vater: „Du, das ist gar nicht so leicht, wie du denkst. Auch andere Leute haben solche Möbel. Man weiß nie.“
Was für eine Antwort, sie klingt irgendwie „logisch und auf ihre Weise überzeu-gend.“ (Geiger, 54) Der Sohn ist regelrecht verärgert: Warum erkennt der Vaters sein Haus und seine Möbel nicht, wenn er solche Antworten geben kann? Lass dich doch nicht so hängen, Vater! „Mit der Miene eines Pferdes, das reglos im Gewitter steht, ließ der Vater die Angriffe über sich ergehen.“ (Geiger, 23)
Irgendwann merken die Angehörigen es dann, so wie Tante Hedwig: „Sie habe ihn gefragt, wo der Kehrwisch sei. Er habe es ihr nicht sagen können, habe sie angeschaut, und plötzlich habe er Tränen in den Augen gehabt. In diesem Moment habe sie Bescheid gewusst.“ (Geiger, 24)
 
II
Der Schrecken und die Not der Betroffenen ist groß – und auch der Schrecken und die Not der Angehörigen: „Dass meine Mutter mich nicht mehr erkennt, das macht mich so traurig.“
Sie erleben, wie eine Person, die ihnen vertraut war, sich von ihnen entfernt. Sie erleben, wie ein Mensch, der sie geprägt hat, auf den sie sich verlassen haben, mit dem sie auch gestritten haben, wie sie den Kontakt zu diesem Menschen verlieren, wie er oder sie aus ihrer gemeinsamen Welt fällt, die Wege nicht mehr kennt, heimatlos wird und fremd.
Wir versuchen uns dagegen zu wehren. Denn diese andere Wirklichkeit ist uns fremd und macht uns selber Angst. Wird mir das auch einmal so gehen? Wir verstehen unsere Angehörigen nicht und sind verunsichert. Wir schämen uns, wenn die, die uns so wichtig sind, einfach rausfallen und manchmal auch auffallen, weil sie im Konzert oder im Theater plötzlich Angst bekommen und laut reden oder drei Mal im Gottesdienst zur Toilette müssen. Wir wollen unsere Angehörigen in unserer Welt halten. Wir wollen sie nicht gehen lassen.
Schlimm und schwer ist es oft auch für diejenigen, die sich beruflich oder ehren-amtlich für Menschen engagieren, die an Demenz leiden. Sie erleben einen Men-schen, der auf dem Weg in eine andere Wirklichkeit ist, die ihnen fremd ist und die den Betroffenen ängstigt und manchmal ärgerlich und aggressiv macht. „Er hat mich beschimpft und bedroht, was ich denn in seinem Zimmer will.“ Warum tut ein Mensch das? Was passiert da mit ihm oder ihr?
Lange, wahrscheinlich meist zu lange kämpfen wir darum, am gesunden Menschenverstand festzuhalten: an Essen und Trinken, Drinnen und Draußen, Tag und Nacht, richtig und falsch. „Das ist doch nur der Tatort; das sind doch nur Schüsse im Fernsehen, Schwiegermutter, du brauchst keine Angst zu haben.“
Aber vielleicht öffnet sich da ja ein Fenster in eine andere Welt, die uns neue Perspektiven eröffnet? Müssten wir alle erschrecken und Angst haben, weil jeden Tag so viele Menschen in unseren Fernsehern in Krimis sterben?
 
III
„Aber das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.“
Manchmal kommt dann der Punkt, den Arno Geiger in seinem Buch so schildert: Jetzt ließ mich „der tägliche Umgang mit dem Vater“ „nicht mehr nur erschöpft zurück.“ Ich „spürte, dass ich dabei war, etwas über mich selbst zu erfahren – es war lediglich noch unklar was.“ (Geiger, 60)
Die Menschen verändern sich und wir uns mit ihnen. Manchmal gelingt es neue Fäden zu knüpfen, einander auf eine neue Weise gerecht zu werden. Einen Weg zum Herzen zu finden, in allem, was sich verändert. Aber immer bleibt die Frage an mich: Was steht mir denn bevor? Und was wird mich dann tragen? Was macht meine Würde als Mensch aus?
Manchmal eröffnen sich auch neue Einsichten. Z.B. auf das, was wirklich wichtig ist im Leben. Mehrfach stellt der Vater von Arno Geiger bedauernd fest: „Leider, … ich erbringe keine guten Ergebnisse mehr, meine Leistungen sind ziemlich schwach geworden. … ich werde dir wohl nicht viel helfen können.“ „Ich bin leider einer, der nicht mehr tüchtig ist.“ (Geiger, 117)
Aber das Reich Gottes geht eben nicht nach Leistung, ins Reich Gottes lädt Christus ein, die Traurigen und die Sanftmütigen, auch die geistlich arm sind, die Schwachen, die Vergesslichen. Wer aus unserer Welt fällt deshalb noch lange nicht, aus dem Reich Gottes. Geiger schreibt am Ende über das Altersheim: „Mir gefällt es, das die Menschen, die hier wohnen, aus der Leistungsgesellschaft befreit sind.“ (187) Oder die Enkeltochter Eva, die den Großvater nur erkrankt kennt. Sie mag ihn und geht ganz unbefangen mit ihm um. Und siehe da, in ihrem Beisein ist der Großvater frei, entspannt und auch unbefangen.
„Das Reich Gottes ist mitten unter uns.“ Es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem Heiligen Geist. Irgendwann weiß der Großvater nicht einmal mehr, wie er sein Brot essen soll. „Du musst nur abbeißen.“ „Tja, wenn ich wüsste, wie das geht. Weißt du, ich bin ein armer Schlucker.“ (Geiger, 113) Ich kann nichts mehr, „ich bin nichts mehr.“ (Geiger, 114)
Manchmal geschieht dann das Wunder: die Angehörigen finden das richtige Wort und das richtige Zeichen: „Papa, es ist alles gemacht, es ist für alles gesorgt.“ „Er lachte, griff nach meiner Hand und sagte: „Danke.““ (116) Das Reich Gottes ist Freude.
 
IV
Noch einmal: Der Abschied ist schwer. Die Schrecken sind groß. Aber es kann auch ein Nicken und Strahlen geben und neue Freude.
Dafür braucht es genügend Unterstützung für die Kranken und für ihre Angehörigen. Auch darum geht es in diesen Aktionswochen zu Demenz. Dass wir Bedingungen und Strukturen schaffen, damit die Menschen, die erkranken und diejenigen, die ihnen helfen, mit ihrer Not und ihrem Schrecken nicht alleine sind. Dazu brauchen wir als Gesellschaft eine Haltung, die annimmt und frei lässt, die nicht alles über Leistung und Tun definiert. Wir brauchen gute Pflege, entlastende Dienste und stationäre Einrichtungen, in denen die Menschen, die pflegen, Zeit für die Menschen haben, die ihnen anvertraut sind, für ihre Geschichten und ihren jeweils besonderen Weg. All das kostet Geld.  
Die Qualität unserer Gesellschaft entscheidet sich daran, wie sie denen gerecht wird, die sich nicht selbst zu helfen wissen und nicht selbst für ihre Würde eintre-ten können. Dass sie diese Menschen in ihrer Individualität und ihrem Eigensinn achtet und sie nicht auf ihre Demenz reduziert, sondern auch wahrnimmt und fördert, was sie können und ausstrahlen. Dass sie ihnen Räume des Friedens eröffnet, in denen sie mit ihren Eigenheiten und Einschränkungen, mit ihren Geheimnissen und Wünschen nach achtsamer, respektvoller Begleitung gut leben können.
 
V
Was trägt uns am Ende durchs Leben? Menschen mit Demenz helfen mir, helfen uns, neu über diese Frage nachzudenken: „Was macht mein Leben eigentlich aus?“
Sie sind näher dran am Ende. Sie haben eine andere Perspektive auf Zukunft. Statt: „Du musst dein Leben ändern“ – es gehört zum Leben, Grenzen zu ertragen und mit nachlassenden Kräften, mit Erschöpfung zu leben. Statt das eigene Leben immer besser und erfolgreicher in den Griff zu bekommen – ich lerne loslassen und würdig Abschied zu nehmen. Statt noch das und jenes erleben und noch dahin und dorthin reisen - sich zurückziehen können, die enger werdenden Räume schön und liebevoll gestalten, nach innen schauen, die Stille entdecken, sich ins Gottvertrauen fallen lassen.
Der demente Mensch entfernt sich aus unserer Welt, aber nicht aus Gott Reich!
„Sieh‘ da der Mensch!“, sagt Pilatus. Er zeigt auf Jesus Christus am Kreuz. Die Kraft des Heiligen Geistes ist in den Schwachen mächtig. Gott erwählt die Verletzlichen und Ohnmächtigen. Gottes Gerechtigkeit macht sie stark und schenkt ihnen Frieden, dass sie im Vertrauen auf die Gnade leben, die auch den Tod überwindet.
Am Ende fragt Arno Geiger seinen Vater: „Hast du Angst vor dem Sterben?“ Der Vater antwortet: „Obwohl es eine Schande ist, es nicht zu wissen, kann ich es dir nicht sagen.“ „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist.“
 
  

Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh

Landesbischof im Ruhestand

Jochen Cornelius-Bundschuh wurde am 19.07.2013 zum Nachfolger von Landesbischof Fischer gewählt. Sein Amt trat er am 1. Juni 2014 an. Von Oktober 2009 bis Mai 2014 war er Leiter der Abteilung Theologische Ausbildung und Prüfungsamt.

Davor war er im Predigerseminar Hofgeismar verantwortlich für die Theologische Aus- und Fortbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.

Seit dem 31.03.2022 ist Jochen Cornelius-Bundschuh im Ruhestand. 

Zur Person:
geb. 30. Juli 1957, verheiratet, drei Kinder

Studium in Göttingen, Tübingen und Edinburgh, Teilnahme am Halbjahresseminar der Gossner Mission für den kirchlichen Dienst in der Industriegesellschaft in Mainz, 1988 Promotion zu "Liturgik zwischen Tradition und Erneuerung. Probleme protestantischen Liturgiewissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dargestellt am Werk von Paul Graff", Hochschulassistent im Fach Praktische Theologie an der Georg-August-Universität Göttingen, 1995-2001 Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Fuldabrück, 2000 Habilitation mit der Schrift „Kirche des Wortes - Homiletisch interessierte Beiträge zu Predigt und Gemeinde“, Privatdozent in Göttingen, 2001-2009 Direktor des Predigerseminars in Hofgeismar, 2008-2009 apl. Professor an der Theologischen Fakultät in Göttingen, seit 2010 in Heidelberg, seit 1.10.2009 Leiter der Abteilung Theologische Ausbildung und Prüfungsamt im Evangelischen Oberkirchenrat der Evangelischen Landeskirche in Baden. Seit dem 1. Juni 2014 Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden.

Mitglied der Jury des Gottesdienstpreises der Stiftung zur Förderung des Gottesdienstes, der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie, der Gesellschaft für Evangelische Theologie, Vorsitzender des Beirats der ‚Adam-von-Trott‘ Stiftung Imshausen