Als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, zieht nun an: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld. Und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den anderen; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen. Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.
Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.
Singen bringt Gottes neuen Geist in unsere Welt.
Predigt über Kolosser 3, 12 – 17 beim Gottesdienst zum Deutschen Waldensertag in Karslsruhe-Neureut
Liebe Festgemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
„Lux lucet in tenebris, Licht leuchtet in der Finsternis.“ Ich war elf Jahre alt und kannte das Lied erst seit ein paar Wochen. Über Pfingsten fuhr ich mit den Pfadfindern zu meinem ersten Lager. Wir waren auf einer langen Nachtwanderung. Es war ziemlich kalt und feucht – und ich gestehe, mir war es sehr unheimlich, wie es da überall knackste – und die Großen erzählten uns unterwegs auch noch begeistert von Überfällen. Endlich kamen wir ans Lagerfeuer und sangen zusammen laut und gegen all die Angst: Lux lucet in tenebris, Licht leuchtet in der Finsternis.
Erfahrungen eines Kindes mit Licht und Dunkelheit. In der Geschichte der Waldenser gibt es ganz andere, schwere Erfahrungen. Mir sind auch die vielen Verschütteten eingefallen, nach dem Erdbeben in Amatrice, aber vor allem auch nach Bombenangriffen in Aleppo. Werden wir das Licht noch einmal sehen? Bei meinem Besuch in Beirut erzählt mir der Priester der rum-orthodoxen Kirche auch davon, wie innig die Gesänge in ihren Kirchen in diesen Jahren sein. Wie oft die Worte fehlen, nur noch der Gesang bleibt.
Singen hat Kraft und stärkt. Singen verbindet. Singen bringt Gottes neuen Geist in unsere Welt. Singen verändert uns: Wir werden frei. Wir trauen uns zu, mutig in diesem neuen Geist zu leben.
„Lux lucet in tenebris, Licht leuchtet in der Finsternis.“ Ich war elf Jahre alt und kannte das Lied erst seit ein paar Wochen. Über Pfingsten fuhr ich mit den Pfadfindern zu meinem ersten Lager. Wir waren auf einer langen Nachtwanderung. Es war ziemlich kalt und feucht – und ich gestehe, mir war es sehr unheimlich, wie es da überall knackste – und die Großen erzählten uns unterwegs auch noch begeistert von Überfällen. Endlich kamen wir ans Lagerfeuer und sangen zusammen laut und gegen all die Angst: Lux lucet in tenebris, Licht leuchtet in der Finsternis.
Erfahrungen eines Kindes mit Licht und Dunkelheit. In der Geschichte der Waldenser gibt es ganz andere, schwere Erfahrungen. Mir sind auch die vielen Verschütteten eingefallen, nach dem Erdbeben in Amatrice, aber vor allem auch nach Bombenangriffen in Aleppo. Werden wir das Licht noch einmal sehen? Bei meinem Besuch in Beirut erzählt mir der Priester der rum-orthodoxen Kirche auch davon, wie innig die Gesänge in ihren Kirchen in diesen Jahren sein. Wie oft die Worte fehlen, nur noch der Gesang bleibt.
Singen hat Kraft und stärkt. Singen verbindet. Singen bringt Gottes neuen Geist in unsere Welt. Singen verändert uns: Wir werden frei. Wir trauen uns zu, mutig in diesem neuen Geist zu leben.
I
Die Bewegung der Waldenser wird in der Kirchengeschichte auch als die erste Reformation bezeichnet. Früh haben Petrus Valdes und seine Freundinnen und Freunde sich auf Christus konzentriert: Und der Friede Christi, zu dem ihr auch berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen und seid dankbar. Eine entscheidende Kraftquelle ihres Aufbruchs war die Bibel. Um sie herum wuchs die Gemeinschaft, sie sollte von allen gelesen und verstanden werden. Deshalb braucht es Übersetzungen in die Muttersprache: Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen. Und immer ging es um Bildung, um gemeinsames Wachsen im Glauben, um verantwortliche Gestaltung der Gemeinden und um Verantwortung für die Welt: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit. Und schließlich – und das ist ja in diesem Jahr ihr Thema: die erste waldensische Reformation war eine Singbewegung: mit Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. Sie vertraute auf das Wort, auf das gesungene, verständliche Wort. Nicht mit Gewalt, sondern mit der Kraft des Wortes, die durch das Singen verstärkt wird, breiteten sich die erste und dann auch die zweite Reformation aus.
Das habe ich zum ersten Mal richtig verstanden, als ich im Studium gelernt habe, wie die Reformation in Göttingen praktisch in die Kirchen einzog. Die Menschen wollten Prediger, die die Bibel in ihrer Sprache auslegten. Sie wollten das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Sie wollten die deutsche Bibel – und sie haben dann solange vor der Kirche, in der Kirche und während des Gottesdienstes Choräle gesungen, bis die Reformation Einzug hielt.
Das habe ich zum ersten Mal richtig verstanden, als ich im Studium gelernt habe, wie die Reformation in Göttingen praktisch in die Kirchen einzog. Die Menschen wollten Prediger, die die Bibel in ihrer Sprache auslegten. Sie wollten das Abendmahl in beiderlei Gestalt. Sie wollten die deutsche Bibel – und sie haben dann solange vor der Kirche, in der Kirche und während des Gottesdienstes Choräle gesungen, bis die Reformation Einzug hielt.
II
Singen hat Kraft. Singen verändert uns und die Welt. Der Predigttext – eigentlich in diesem Jahr der Text für den Sonntag Kantate - schildert diese grundlegende Veränderung im Bild vom Kleiderwechsel. Wer getauft ist, ist nicht mehr durch andere Mächte und Gewalten bestimmt, sondern durch Christus. Er oder sie lässt sich nicht mehr durch seine eigenen Interessen oder die Erwartungen der anderen leiten, sondern durch Gott. Wir werden neue Menschen: durch Wort und Wasser von außen nach innen, aus Geist und Herz von innen nach außen.
Also: Zieht euch so an, dass es zu euch und eurem Glauben passt. Zeigt, was euch im Inneren hält, trägt und bewegt. Höre mich, mein Volk, ascoltami popolo mio, höre, was ich dir gesagt habe, welche Wege ich dir gewiesen habe. Macht euch auf, ihr Männer und Frauen und spiegelt mit eurem Auftreten wieder, was Gott euch schenkt: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld. Und ertragt einander und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen die anderen; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
Also: Zieht euch so an, dass es zu euch und eurem Glauben passt. Zeigt, was euch im Inneren hält, trägt und bewegt. Höre mich, mein Volk, ascoltami popolo mio, höre, was ich dir gesagt habe, welche Wege ich dir gewiesen habe. Macht euch auf, ihr Männer und Frauen und spiegelt mit eurem Auftreten wieder, was Gott euch schenkt: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld. Und ertragt einander und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen die anderen; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.
III
Die Waldenserhaben diesen Kleiderwechsel mit großer Klarheit und in tiefer Überzeugung vollzogen. Es war und blieb lange ein Kleiderwechsel, der nicht gerne gesehen war von denen, die die Macht hatten. Ihre Gemeinschaft hat schreckliche Verfolgungen erlebt. Manchmal flackerte das Licht nur noch und die Dunkelheit drohte alles zu verschlingen. Gerade da wurden das gemeinsame Singen und das gemeinsame Liedgut zu einer Kraftquelle, die jede und jeden Einzelnen im Glauben stärkt und zugleich die Gemeinschaft verbindet und zusammenhält.
Singen prägt uns die Grundlagen unseres Glaubens ein. Was wir oft besungen haben, das haftet tief und lange in unserem Gedächtnis und trägt uns als Einzelne in schweren Stunden, aber auch in der gemeinsamen Bedrohung: „Lux lucet in tenebris, Licht leuchtet in der Finsternis, der Herr geht uns voran.“
Jesus hat gesagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens ha-ben. Darauf haben sich die Waldenser in aller Not verlassen. Der dreieinige Gott erweist seine Macht nicht durch drohende Gebärden und brutale Gewalt, sondern indem Christus unsere Not auf sich nimmt und sich schützend vor die Witwen, die Waisen und die Verfolgten stellt – und bereitet sich Lob aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge. (Mt 21,16)
Singen prägt uns die Grundlagen unseres Glaubens ein. Was wir oft besungen haben, das haftet tief und lange in unserem Gedächtnis und trägt uns als Einzelne in schweren Stunden, aber auch in der gemeinsamen Bedrohung: „Lux lucet in tenebris, Licht leuchtet in der Finsternis, der Herr geht uns voran.“
Jesus hat gesagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens ha-ben. Darauf haben sich die Waldenser in aller Not verlassen. Der dreieinige Gott erweist seine Macht nicht durch drohende Gebärden und brutale Gewalt, sondern indem Christus unsere Not auf sich nimmt und sich schützend vor die Witwen, die Waisen und die Verfolgten stellt – und bereitet sich Lob aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge. (Mt 21,16)
IV
Wir steigen aus der Taufe und sind befreit. Die alten Gewänder sind abge-legt: die Geschichten, die darin stecken; der Ärger; der Neid; die Kämpfe; die Sucht nach Anerkennung; die Schuld; die Unzufriedenheit. Ein weißes Gewand reflektiert das Licht, das Christus in die Welt gebracht hat. So fol-gen wir ihm und bringen als Getaufte selbst Licht in die Finsternis und wi-derstehen der Dunkelheit.
Die Waldenser haben uns das vorgelebt, überall wo sie lebten und leben, auch in den Orten, in die sie fliehen mussten: in Italien und Amerika, in Lateinamerika, auch in Deutschland. Überall wurden sie zum Salz in der Suppe, weil sie als selbstbewusste Minderheit an Christus festhielten und sich an der Bibel orientierten. Weil sie als kleine Gemeinschaft voller Gottvertrauen die drängenden Fragen ihrer Gesellschaft schnell wahrnahmen und sich ihnen mutig gestellt haben.
So wie jetzt wieder, wenn sie die vielen Migrantinnen und Migranten begleiten, die Italien erreichen. Christus sendet uns zu ihnen. Er begegnet uns in den Menschen, die bei uns Zuflucht suchen. Wir können nicht wegschauen, vorbeigehen, Zäune errichten oder andere Zäune errichten lassen. Wir sind von Christus gefragt: Was tut ihr mit den Fremden unter euch? Der Bericht ihres Vertreters auf unserer Synode hat uns sehr beeindruckt. Wie sie sich engagieren. Sie hören diesen traumatisierten Menschen zu, sie ermutigen sie, sie suchen mit ihnen gemeinsam Wege in die Zukunft, sie feiern mit ihnen Gottesdienste.
Sie geben ihre Hoffnung auf das Licht weiter, das die Dunkelheit erhellt, und lassen sich von denen, die kommen, auch verändern. Auch von ihrer Musik und ihren Liedern; so wie sie einstmals europäische und lateinamerikanische Musik aufgenommen, so öffnen sie sich heute der afrikanischen. Vielleicht beginnt so Verständigung: dass wir uns unsere Lieder vorsingen und einander zuhören, dass wir dann mal vorsichtig mitsummen bei den anderen und den ungewohnten Rhythmus mal ausprobieren. Den Weg der Gerechtigkeit kann man nur gemeinsam gehen; Gottes Lob ist ein Lied der Liebe.
Wir sind als badische Kirche sehr froh, dass wir so eine enge Beziehung mit ihnen haben dürfen. Sie befruchten unsere Gemeinschaft sehr. Wie viele junge Menschen sind jetzt schon von Besuchen oder aus dem Freiwilligen Ökumenischen Friedensdienst aus Italien zurückgekehrt: mit Vertrauen, dass das Licht Christi sie tragen wird; mit Mut, in die Kleider Christi zu schlüpfen; mit Kraft, selbst Verantwortung dafür zu übernehmen, dass unsere Gesellschaft menschenwürdig mit denen umgeht, die schwach und alt sind oder mit schweren Einschränkungen leben müssen; mit dem klaren Blick, dass wir die Fremden, die bei uns Zuflucht suchen, menschenfreundlich aufnehmen.
Die Waldenser haben uns das vorgelebt, überall wo sie lebten und leben, auch in den Orten, in die sie fliehen mussten: in Italien und Amerika, in Lateinamerika, auch in Deutschland. Überall wurden sie zum Salz in der Suppe, weil sie als selbstbewusste Minderheit an Christus festhielten und sich an der Bibel orientierten. Weil sie als kleine Gemeinschaft voller Gottvertrauen die drängenden Fragen ihrer Gesellschaft schnell wahrnahmen und sich ihnen mutig gestellt haben.
So wie jetzt wieder, wenn sie die vielen Migrantinnen und Migranten begleiten, die Italien erreichen. Christus sendet uns zu ihnen. Er begegnet uns in den Menschen, die bei uns Zuflucht suchen. Wir können nicht wegschauen, vorbeigehen, Zäune errichten oder andere Zäune errichten lassen. Wir sind von Christus gefragt: Was tut ihr mit den Fremden unter euch? Der Bericht ihres Vertreters auf unserer Synode hat uns sehr beeindruckt. Wie sie sich engagieren. Sie hören diesen traumatisierten Menschen zu, sie ermutigen sie, sie suchen mit ihnen gemeinsam Wege in die Zukunft, sie feiern mit ihnen Gottesdienste.
Sie geben ihre Hoffnung auf das Licht weiter, das die Dunkelheit erhellt, und lassen sich von denen, die kommen, auch verändern. Auch von ihrer Musik und ihren Liedern; so wie sie einstmals europäische und lateinamerikanische Musik aufgenommen, so öffnen sie sich heute der afrikanischen. Vielleicht beginnt so Verständigung: dass wir uns unsere Lieder vorsingen und einander zuhören, dass wir dann mal vorsichtig mitsummen bei den anderen und den ungewohnten Rhythmus mal ausprobieren. Den Weg der Gerechtigkeit kann man nur gemeinsam gehen; Gottes Lob ist ein Lied der Liebe.
Wir sind als badische Kirche sehr froh, dass wir so eine enge Beziehung mit ihnen haben dürfen. Sie befruchten unsere Gemeinschaft sehr. Wie viele junge Menschen sind jetzt schon von Besuchen oder aus dem Freiwilligen Ökumenischen Friedensdienst aus Italien zurückgekehrt: mit Vertrauen, dass das Licht Christi sie tragen wird; mit Mut, in die Kleider Christi zu schlüpfen; mit Kraft, selbst Verantwortung dafür zu übernehmen, dass unsere Gesellschaft menschenwürdig mit denen umgeht, die schwach und alt sind oder mit schweren Einschränkungen leben müssen; mit dem klaren Blick, dass wir die Fremden, die bei uns Zuflucht suchen, menschenfreundlich aufnehmen.
„Lux lucet in tenebris, Licht leuchtet in der Finsternis.” Daraus leben wir, davon singen wir, das wollen wir leben. Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn.
