"Demütig mitgehen"

Ansprache zum Wochenspruch Micha 6, 8 anlässlich der Einführung von Pfarrer Dr. Christoph Glimpel als Dekan im Kirchenbezirk Pforzheim-Land

Liebe Festgemeinde aus dem Bezirk und aus Göbrichen, von nah und von fern, besonders auch liebe Schiltacher, vor allem aber liebe Familie Glimpel und lieber Herr Glimpel,
was ist Ihr Auftrag als Dekan in den nächsten acht Jahren hier im Kirchenbezirk?

Das Wichtigste ist sicher, dass Sie Gottes Wort verkündigen und es für unsere Zeit und für Ihre Region auslegen: in Wort und Tat, im Gottesdienst, im Abendmahl, in der Seelsorge, aber auch im Gespräch mit Vereinen, mit der Presse oder mit Bürgermeistern. Sie haben eine besondere Verantwortung dafür, die Menschen zu begleiten, die hauptamtlich oder auch ehrenamtlich im Kirchenbezirk mit arbeiten und Verantwortung in unserer Kirche übernehmen. Sie repräsentieren die evangelische Kirche. Sie sind im Gespräch mit den anderen Kirchen und Religionen. Und natürlich werden sie verwalten, organisieren und rechtliche Fragen klären. Und immer wieder werden Sie sich mit Konflikten beschäftigen müssen und ausbalancieren: einerseits Menschen, Gemeinden, Anliegen, Interessen zusammen halten, andererseits doch auch Stellung beziehen, erkennbar sein, nicht wegtauchen. Ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen oft gelingt, die geistlichen Impulse zu geben, die neue Einsichten und Versöhnung und Schritte aufeinander zu ermöglichen. Ein weites Feld an Aufgaben ist das, groß sind die Erwartungen und die Hoffnungen; viele freuen sich auf sie.
Am Ende ist nicht entscheidend, ob Sie jede Aufgabe erfüllen und jeder Erwartung gerecht werden, sondern dass Sie alles in der Freiheit eines Christenmenschen tun, die aus dem Gottvertrauen erwächst. Der Prophet Micha hat dafür eine einprägsame Formel gefunden, die uns ab heute als Wochenspruch begleitet:
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig mitgehen mit deinem Gott.“ (Micha 6,8)
„Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was Gott von dir fordert!“ Das klingt nach: Also los jetzt, du weißt, was du zu tun hast! Aber der hebräische Satz hat zwei Teile und zielt in eine andere Richtung. Der Prophet Micha erzählt, wie Gott befreit aus der Sklaverei befreit, wie Gott durch die Wüste führt. Gott ist für uns da, er tröstet und stärkt uns. Das ist erste Teil des Satzes: Es ist dir erzählt, Mensch, wie gut Gott es mit dir meint. Damit fängt alles an, mit Gottes Güte.
Gut reformatorische kommen wir erst im zweiten Schritt ins Spiel: „Du hast gehört, Mensch, wie gut Gott es mit dir meint. Nun antworte auch darauf. Gottes Güte fordert deine Resonanz.“ Wir leben aus der Güte Gottes – und suchen Wege, darauf zu antworten. Alles, was wir tun, alle die neuen Aufgaben, die vor Ihnen liegen, lieber Herr Glimpel, stehen unter diesem Vorzeichen: Wir leben aus der Güte Gottes.
Wie sieht unsere Antwort aus? Drei knappe Grundsätze nennt Micha:
•    „Gerechtigkeit tun,
•    Liebe üben und
•    demütig mitgehen mit deinem Gott.“
Im Unterschied zum Deutschen ist im Hebräischen das erste Wort jeweils ein Verb: Tun! Üben! Mitgehen! Das betont: Es geht um unser Handeln und unsere Bewegung hin auf bestimmte Ziele: Gerechtigkeit, Liebe, Demut! Im Deutschen stehen die Ziele im Mittelpunkt, im Hebräischen geht es eher um den Weg dorthin; die Ziele liegen voraus, sie gehören in Gottes neue Wirklichkeit: Gott ist gerecht; Gott ist die Liebe; Gott geht voran. Wir folgen ihm auf dem Weg, den seine Güte ebnet. Und noch etwas ist wichtig: Alle drei Ziele gehören ganz eng zusammen. Keines kann ohne die anderen sein.
Also zuerst: Gerechtigkeit tun! Es geht darum, Menschen und Situationen gerecht zu werden. Dazu ist das Recht hilfreich, das Einhalten von Regeln und Gesetzen. Alle Mitarbeitenden und Gemeinden sollen zu ihrem Recht kommen, zu dem was ihnen zusteht. Da ist Transparenz gefordert und Klarheit, Realismus und Nüchternheit! Das bringen Sie alles mit, genauso wie die kommunikative Seite: Denn Gerechtigkeit tun geht in keinem Regelwerk auf. Weil jede Situation anders ist, weil es hier besondere Traditionen zu beachten gilt und sich dort frische Aufbrüche abzeichnen. Da braucht es Gespräche, Vertrauen und ein gutes Miteinander.
Deshalb zweitens: Liebe üben! Wieder geht das Verb im Hebräischen voran. Weil die Liebe uns zuerst zuwächst, weil sie eine Bewegung ist, in die wir hineinwachsen, uns einüben. Da sind zunächst die Eltern. Sie lieben ihre Kinder und stellen eigene Bedürfnisse zurück, um für sie da zu sein. Später kehrt sich das um; doch verrechnen lässt es sich nicht. Liebe üben heißt, sich nicht nur auf das Recht verlassen, sondern die Zwischenräume zu entdecken, in denen sich neue Wege eröffnen, Begegnungen zu ermöglichen, die Menschen zum Miteinander ermutigen, phantasievoll Brücken zu bauen, die versöhnen. Liebe üben nimmt auf, was Gott für uns tut, für den verlorenen Sohn und für die Frau, die gesteinigt werden soll. Liebe üben ermöglicht neues Leben.
Und schließlich: demütig mitgehen mit deinem Gott. Demut hat mit Grenzen zu tun und mit Gelassenheit. Weil das Entscheidende Gottes Güte ist; sie hält uns am Leben. Wir gehen mit; wir versuchen, nicht zu weit zurück zu bleiben, aber auch nicht voraus zu rennen. Manchmal ist es wie bei dem großen und dem kleinen Clown im Zirkus: Der eine stapft selbstbewusst vorweg und der andere stolpert immer einen Schritt hinterher. Behutsam mit Gott mitgehen heißt auch mal ins Stolpern zu kommen und dann lachen zu können, über sich, über die Kirche, über unsere kleinen Schritte: Gottes Güte trägt! Ihr Lachen hat viele bei der Synode überzeugt.
Demütig mitgehen heißt auch, die eigenen Grenzen ernst nehmen, loslassen und Aufgaben mit anderen teilen. Sie sind nicht allein unterwegs; viele begleiten und unterstützen Sie, in der Dekaneschaft, hier in der Gemeinde und im Bezirk. Ich will an dieser Stelle auch noch einmal den BKR und vor allem Frau Endlich und Herrn Mall nennen und Ihnen danken. Sie haben den Bezirk so gut durch die Vakanz geführt; nun geht es in neuer Gemeinschaft weiter.
Demütig mitgehen, weil Gottes Güte trägt: das markiert auch eine heilsame Grenze. Hören Sie auch immer mal auf zu arbeiten. Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Frömmigkeit und für Ihre Familie, Ihre Frau und Ihre Kinder! Gott meint es gut mit Ihnen, mit Ihrer Gemeinde, Ihrem Bezirk.