Eine Frau wächst über sich hinaus

Predigt über Lukas 1, 46-55 im Festgottesdienst zum 100jährigen Bestehen der Evangelischen Frauen in Baden im Südwerk in Karlsruhe

Als Predigttext für dieses Jubiläum haben die Evangelischen Frauen in Baden das Loblied der Maria aus dem Lukasevangelium im 1. Kapitel ausgesucht. Ich lese es zunächst in der Fassung der Lutherbibel von 1984:
46 Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, 47 und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; 48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist. 50 Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten.
51 Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. 52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.
54 Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, 55 wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Liebe Festgemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
eine Frau wächst über sich hinaus. Maria erkennt sich neu, weil Gott sie sieht. Sie, die niedrige Magd, die „Sklavin“, wie die Bibel in gerechter Sprache übersetzt, sie spürt Gottes liebevollen Blick und wird von der Kraft des lebendigen Geistes erfüllt. Sie bricht auf und sucht Gemeinschaft. Mit Elisabeth, der älteren Frau, die lange kinderlos und deshalb missachtet war. Aber nun sind beide schwanger und voller Hoffnung und Freude. Marias Mut wächst. Sie stimmt ein Lied an, das uns in Gottes neuen Himmel und auf Gottes neue Erde führt.

I
Die Bewegung dieses Liedes beginnt mit einer Entdeckung: Gott, Vater und Mutter, rettende und stärkende Kraft und heiliger Geist, Gott sieht dich. Das ist das erste.
Maria ist eine Frau, die von anderen als gering geachtet wird. Da fehlt nicht viel und ein Mensch fängt an, sich auch selbst so einzuschätzen: Was bin ich wert? Wofür bin ich wichtig? Frauen erleben das täglich, auch in Deutschland: Wenn sie ihren Gehaltszettel mit dem eines männlichen Kollegen vergleichen. Wenn wir sehen, wie viele Frauen im Alter arm sind oder wie schwierig die soziale Lage gerade für alleinerziehende Frauen ist. Weltweit haben Frauen schlechtere Chancen im Leben: auf ausreichende Ernährung oder Bildung, auf gesellschaftliche Teilhabe und politische Mitbestimmung; in manchen Kulturen haben sie nicht einmal eine Chance zu leben, wenn während der Schwangerschaft festgestellt wird, dass ein Mädchen erwartet wird. Die meisten Opfer der heutigen Kriege sind Frauen und Kinder; systematische Vergewaltigungen, Misshandlungen und Angst vor Missbrauch auch auf der Flucht, das sind Erfahrungen von Frauen weltweit.
Gegen all das hört Maria die Zusage des Engels: „Fürchte dich nicht! Ich bin bei dir!“ Ich gehe mit dir, ich schütze dich, ich trete für deine Würde ein. Gegen all das vertraut sie Gott, „die die Mächtigen von den Thronen stürzt und die Erniedrigten erhöht.“ „Du bist niedrig und unten, Maria, aber Gott schaut dich und deine Niedrigkeit an. Gott würdigt dich und richtet dich auf. Die Heilige stellt sich an deine Seite. Der Lebendige macht dir Mut. Steh auf und hebe deinen Kopf und geh – aufrecht, mutig und froh.“

II
Mit Zuversicht und Kraft bricht Maria auf. Sie muss weiter sagen und mit anderen über das reden, was sie erlebt, was sie verändert und aufgerichtet hat. Sie sucht die Gemeinschaft der Erniedrigten. Das Verbindende ist das zweite Element dieser Grundbewegung des Glaubens, in die uns dieses Lied hineinnimmt.
Der Engel schickt Maria zu Elisabeth. Die Frauen tauschen sich aus; die Niedrigen teilen ihre Erfahrungen. Sie verbinden sich. Das stärkt sie und lässt sie über sich hinaus wachsen. Über die Stellung und den Platz hinauswachsen, der ihnen zugeteilt ist: in die Küche, ins Bordell, ans Fließband der pakistanischen Textilfabrik oder an die Sortiermaschine für Hähnchen, weil die Finger und Augen angeblich flinker sind. Die Grundbewegung des Glaubens, der das Niedrige erhöht und dessen Kraft in den Schwachen mächtig ist, führt die Frauen zusammen, verbindet sie und macht sie froh.
Das war auch 1916 so. Mitten im 1. Weltkrieg, wo Frauen Verantwortung übernahmen, aber doch immer nur Ersatz bleiben sollten: „Wenn die Männer wieder da sind ….“ Über 50 selbstständige Frauenvereine schlossen sich in Baden zusammen. („Geschmiedet in schwerer Zeit, aber geschmiedet in Liebe.“ (Großherzogin Luise bei der Gründungsversammlung).)
Gemeinsam übernehmen sie Verantwortung und sorgen für Menschen in Not und Trauer. Gemeinsam suchen sie Wege in eine andere Zukunft: ohne Krieg, mit mehr sozialer Gerechtigkeit; in eine Zukunft, in der alle Menschen in Würde leben können. Durch ihren Zusammenschluss wollen sie mehr Gewicht gewinnen, auch politisch. Sie wollen die diakonischen und sozialen Angebote und die Bemühungen um Bildung verstärken, für Frauen, für Mädchen, für Arbeiterinnen. Und sie wollen das Gottvertrauen der Frauen stärken, denn darin gründet Ihre Hoffnung: Gott wird die Verhältnisse umkehren, Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Sie ringen um eine zeitgemäße Frömmigkeit, um eine Spiritualität, die Frauen in ihrem Alltag in der Erfahrung bestärkt: Gott sieht mich und achtet und wahrt meine Würde.
Bildung, Diakonie und geistliches Leben bilden einen Dreiklang, der die Arbeit in den folgenden Jahren bestimmt. 1916 wird der erste Frauensonntag gefeiert; zwei Jahre später gründet der Verband die Evangelisch-soziale Frauenschule in Freiburg. Dass Gott Maria in ihrer Niedrigkeit sieht und sie aufrichtet – das muss praktisch und erlebbar werden. Die Frauen sollen sich darüber austauschen; sie sollen die Zusage Gottes verstehen und sie in Wort und Tat weitergeben.

III
Maria wird von Gott gesehen. Sie richtet sich auf. Sie verbindet sich mit Elisabeth. Ihre gemeinsame Freude macht sie mutig und lässt sie laut singen! Das ist das dritte Element der Glaubensbewegung: von Gott gesehen werden, sich miteinander verbinden, und dann: genau hinschauen, klar reden und mutig handeln.
Maria singt von Gottes Taten und Möglichkeiten, die meine Vorstellungen von Fortschritt und Erneuerung herausfordern. Ich lese aus der Bibel in gerechter Sprache: „Gott hat Gewaltiges bewirkt. Mit ihrem Arm hat sie die auseinander getrieben, die ihr Herz darauf gerichtet haben, sich über andere zu erheben. Sie hat Mächtige von den Thronen gestürzt und Erniedrigte erhöht. Hungernde hat sie mit Gutem gefüllt und Reiche leer weggeschickt. Sie hat sich Israels, ihres Kindes, angenommen und sich an ihre Barmherzigkeit erinnert, wie sie es unseren Vorfahren zugesagt hat.“
Maria hat diese Zusage Gottes verstanden. Sie gewinnt ihren Lebensmut und ihre neue Freude aus dem Vertrauen auf Gottes große Umkehrung der Verhältnisse und seine Zusage: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Darauf baut sie; mit dieser Hoffnung geht sie ihren Weg mit Jesus.
Und die Hoffärtigen, die Mächtigen, die Reichen? Sie werden gestürzt und entmachtet; sie gehen leer aus. Keine schönen Aussichten für einen weißen, wohlhabenden, deutschen Mann wie mich. Aber vielleicht doch realistisch, weil es zeigt, wie gefangen die Großen und Mächtigen in ihrem System sind. Und wie wichtig es ist, auf die Erniedrigten und die Opfer zu hören, wenn wir über uns hinaus in Gottes Zukunft wollen. Vielleicht können nur die Schwachen und Niedrigen, in denen uns Christus begegnet, wirklich die Perspektiven Gottes ins Spiel bringen. Weil nur sie auf nichts Anderes vertrauen können als auf diese umstürzende Hoffnung: „Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Manche Situationen scheinen so aussichtslos und festgefahren. Die Mächtigen sind in ihre Interessen und Konflikte verhakt und nicht mehr handlungsfähig. Da lässt nur noch die Zusage Gottes das Unmögliche möglich erscheinen: Denken Sie nur an Aleppo! Wie wird Frieden? Haben die Vertreter der unterschiedlichen Interessen überhaupt noch die Möglichkeit zum Frieden? Oder können die Frauen und Kinder, die Alten und Kranken nur noch auf Gott hoffen, „der die auseinander treibt, die ihr Herz darauf gerichtet haben, sich über andere zu erheben“?

IV
Maria geht hinauf auf den Berg zu Elisabeth. Ihr Horizont weitet sich. Im Vertrauen auf Gottes umstürzende Macht gewinnt sie neue Perspektiven. Was noch fünf Jahre zuvor undenkbar schien, haben gerade auch die kirchlichen Frauenverbände 1949 im Grundgesetz gegen viel Widerstand mit erkämpft: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Wogegen sich noch heute manche Kirchen wehren, dass Frauen und Männer im Pfarramt gleichgestellt sind, die Kirchenfrauen in Baden und anderswo haben ganz wesentlich dazu beigetragen, dass Unvorstellbares vorstellbar und dann auch realisiert wurde.
Vom Berg aus sieht Maria weit übers Land. Wir leben in einer Welt; was meinem fernen Nächsten geschieht, ob die Menschenrechte der Mädchen in Nigeria geachtet werden, ist wichtig für mich, für meinen Glauben und für unsere Zukunft. „Unmöglich, wir können doch nicht für alle Not dieser Welt Verantwortung übernehmen“, rufen da zurzeit manche sehr laut. Die badischen Frauen laden zum Weltgebetstag ein, jedes Jahr. Da entdecken wir, wie wir den Menschen in den anderen Ländern verbunden sind  - auf Augenhöhe - im Glauben und im Leben.
In diesem Geist sind die Evangelischen Frauen in Baden „unterwegs für das Leben“. Ob es um den Nachrüstungsbeschluss ging oder um die Atomkraft; ob es heute um die Rechte der Frauen geht, die zur Prostitution gezwungen werden, um die besondere Schutzbedürftigkeit von Frauen auf der Flucht oder um den interkulturellen und interreligiösen Dialog gerade auch zum Thema Frauenrechte; immer nehmen sie Gottes Bewegung auf und geben ihr eine Gestalt.

V
Gott hat Maria liebevoll und mit Achtung angesehen. Sie bricht auf in die Gemeinschaft der Hoffnung. Aus der gemeinsamen Freude heraus wird sie mutig und singt das Lob Gottes – und hofft auf Resonanz. Sie singt ihr Lied damals wie heute mitten hinein in Gewalt und Unrecht, um die Hoffnung zu stärken, um Frauen (und Männer) aufzurichten und zu ermutigen, dem Weg Gottes zu folgen, dem Weg von Jesus, der unserer Welt einen neuen Glanz gegeben hat. Sie will, dass wir einstimmen; auch wenn wir vor manchem Satz zurückschrecken: „Der Heilige stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt die Barmherzige mit Gütern, aber die Reichen schickt sie leer weg.“
Die Verheißung des Glaubens ist Zusage und Herausforderung. Sie richtet auf und ruft zur Umkehr. Sie lebt aus dem Vertrauen, dass Gottes Barmherzigkeit von Geschlecht zu Geschlecht währt bei denen, die Gott fürchten. Ich wünsche den Evangelischen Frauen in Baden die Freude Marias und Gottes Segen auf ihrem weiteren Weg.