Im Beten dankbar werden

Predigt zum 125jährigen Jubiläum der Friedenskirche in Wehr am 22. Sonntag nach Trinitatis, 23. Oktober 2016

Philipper 1, 3–11
„Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke – was ich allezeit tue in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich bete mit Freuden (für euch) - , für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute; und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.
Wie es denn recht und billig ist, dass ich so von euch allen denke, weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt in meiner Gefangenschaft und wenn ich das Evangelium verteidige und bekräftige. Denn Gott ist mein Zeuge, wie mich nach euch allen verlangt von Herzensgrund in Christus Jesus. Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, damit ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi, erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes.“
Liebe Festgemeinde,
ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrem Jubiläum: seit 125 Jahren steht eine evangelische Kirche hier in Ihrem Ort und stärkt Ihre Gemeinde im Glauben und im Leben. Das ist eine Gelegenheit innezuhalten, um dankbar zurückzuschauen, um sich im Heute zu orientieren und schließlich nach vorne zu schauen: Wohin führt uns unser Glaube? Welche Wege eröffnet er uns?
 
I
Der Predigttext stellt diesen Tag unter das Motiv des Dankes. Ich danke meinem Gott! Wenn Sie heute in dieser Kirche feiern: Wofür sind Sie dankbar? Welche Erfahrungen verbinden sich für Sie mit dieser Kirche?
Wie viele von Ihnen sind hier konfirmiert worden? Sind Sie hier getraut worden? Hat eines Ihrer Kinder damals fürchterlich geschrien, als Sie es zur Taufe getragen haben?
Es ist ja ein besonderes Jubiläum, zu dem Sie mich eingeladen haben: Die Erlöserkirche, die 1891 hier eingeweiht wurde, war irgendwann zu klein. Die Gemeinde war gewachsen, Sie brauchten mehr Raum, mehr Plätze. Die alte Kirche musste weichen; die Gemeinde hat an ihre Stelle diese helle, freundliche neue Kirche gebaut.
Wir feiern also 125 Jahre Kirche in Wehr und spielen damit ein bisschen mit den Begriffen: Kirche, ja, das ist ein umbauter Raum. Kirche, das war einmal die Erlöserkirche und das ist die Friedenskirche, in der wir heute feiern. Aber Kirche ist auch und vor allem eine Gemeinschaft von Menschen, die ihren Glauben gemeinsam leben. Kirche, das sind die lebendigen Steine, die miteinander den Leib Christi bilden. Das sind die Menschen, die sich gegenseitig trösten und stärken und ihren Glauben öffentlich bekennen, damit der Friede Christi sich ausbreitet.
Es ist wunderbar, wenn und dass wir schöne Kirchen haben, um Gottesdienste zu feiern. Orte und Räume, in denen sich die Erfahrungen des Glaubens wie so eine Patina über die Wände ziehen; die durchbetet sind und gefüllt mit Lobgesängen, aber auch mit den Klagen und Bitten; in denen das Wort Gottes manchmal so klar gepredigt wird, dass es uns nicht nur die Ohren öffnet, sondern das Herz. Da ist dann dieses besondere Gefühl, damals als sie „ja“ gesagt haben. Oder damals, als das Licht durch das große Fenster fiel, als sie so traurig waren und nicht weiter wussten. Oder damals, als sie im Kreis standen und das Abendmahl feierten: Brot des Lebens – Kelch des Heils – und auf einmal kehrte die Kraft zurück und sie richteten sich auf und spürten: Dieses „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ das gilt tatsächlich mir.

Wir feiern 125 Jahre Kirche in Wehr! Das waren und sind Gebäude, Räume zum Feiern, zum Beten, zum Innehalten und ruhig werden und zum Leben. Aber es sind vor allem die Menschen, die Gemeinde, die Begegnungen, das Miteinander – mit anderen und mit Gott.
 
II
„Ich danke meinem Gott für euch.“ Paulus hat die Gemeinde in Philippi sehr gerne gehabt. Er hat sich ihr besonders verbunden gefühlt. Aber dieser Satz: Ich danke meinem Gott für euch – ist keine Schulnote. So nach dem Motto: Baden sucht die beste Kirchengemeinde. Paulus misst nicht: Das macht ihr gut! Na, da könntet ihr euch aber noch verbessern. Und hier, ja, da seid ihr wirklich spitze! Also insgesamt: erster Platz.
Nein, Paulus wird im Beten dankbar für die Gemeinde. Da geht es nicht um Dank als Belohnung. Paulus schaut die Gemeinde nicht mit bewertenden Augen an, sondern mit den liebenden Augen Gottes. Er bringt die Gemeinde vor Gott – welche Fülle an Glauben, an Liebe, an Hoffnung lässt sich da entdecken. Das ist der Blick der Liebe, mit dem Eltern ihre Kinder anschauen, trotz allem Ärger und allen Wünschen, wie sie eigentlich sein sollen, wie Großeltern ihre Enkelkinder anschauen. Da geht es nicht ums Abhaken oder Kontrollieren und Messen, sondern darum, den oder die andere mit den Augen Gottes anzusehen, sie liebevoll wahrzunehmen. Auf seinen Möglichkeiten hin. Auf ihre Zukunft hin: und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.
Da kommt die Dankbarkeit nicht aus dem Rückblick, wie wir das gewohnt sind: War alles prima, hat mir gut gefallen, was für schöne Erinnerungen. Im Gebet dreht sich die Blickrichtung. Die Dankbarkeit kommt aus dem Blick nach vorne, in die Zukunft. Im Gebet ahne ich jetzt schon, was alles noch in dieser Gemeinde steckt. Da sehe ich schon jetzt, wie Gott sie immer mehr verwandelt und reicher in der Liebe macht. Wie der Geist Christi in sie einzieht – wie sie schwe(h)relos als Band oder in fröhlichen Chören und Kinderchören musiziert, wie die Orgel laut das Lob anstimmt, wie sie sich in der Diakonie engagiert, mutig und frei eintritt für die, die Hilfe brauchen: Arme, Fremde, Menschen mit bestimmten Einschränkungen, hier und weit weg: in Indien oder Brasilien. Die Vorfreude auf das, was kommt, verändert das Heute.
125 Jahre Kirche in Wehr – wir schauen dankbar zurück – aber vor allem schauen wir dankbar nach vorne. Wir sehen Bilder der Erlöserkirche, der Friedenskirche, der Christuskirche. Wir sehen die Menschen, die hier ein und ausgehen, die hier als Gemeinde gelebt haben und leben. Wir sehen die, die kommen werden. Wie wird unsere Kirche aussehen, wenn Christus wieder kommt? Dann werden Frieden und Gerechtigkeit sich küssen, das Lamm wird bei dem Löwen liegen, wir werden eins in Christus – trotz und mit allen unseren Unterschieden. Der dankbare Ausblick im Gebet eröffnet Perspektiven, die uns nach vorne ausrichten. 
 
III
Ein besonderes Jubiläum, ein besonderer Bibeltext übers Danken. Denn Paulus schreibt aus dem Gefängnis. Er sitzt in Untersuchungshaft wegen seines Glaubens – und es ist noch nicht sicher, ob er frei kommt oder es ihm das Leben kosten wird – weil er nicht den Kaiser anbetet, weil er an einen Gott glaubt und zu einer Bewegung gehört, die nicht erlaubt sind. Der Gefangene hat mit uns an der selben Gnade Anteil.
Das ist das dritte, was mir an diesem Dank wichtig ist: Die Gemeinde Christi lässt sich in die Herausforderungen der Welt schicken. Sie erntet die Frucht der Gerechtigkeit nicht nur für sich und für ihre kleine Heil Welt. Sie will mit ihrem Glauben in die Welt hinein wachsen und den Frieden Christi in die Welt tragen: Friedens-kirche, das ist ja auch ein Programm.
Unser Glaube beginnt mit der Bewegung Gottes in diese Welt. Wo finden wir Gott? Im Stall, in der Krippe, nicht im Palast. Am Kreuz vor den Toren der Stadt – nicht im großen Tempel. Im Gefängnis verbunden in der gleichen Gnade.
Der Friede Christi bewegt sich mitten hinein in unsere Welt und wir haben Anteil an dieser Bewegung. Manchmal lassen wir uns mitreißen, manchmal wollen wir auch nicht so recht und Gott muss uns ein bisschen Schubsen. Weil ich mit dem, der da am Straßenrand liegt, eigentlich wirklich nichts zu tun haben will, sondern lieber wegschaue und schnell vorbeigehe. Aber dann hakt mich Christus unter oder nimmt mich bei der Hand – und plötzlich sind der Mut da und auch die Freude, dass Gottes neue Gerechtigkeit sich ausbreitet, auch wenn wir nur kleine Schritte tun.
Ich habe Ihre Festschrift durchgeblättert und gestaunt, wie sehr sie sich bewegen lassen, wie eines ins andere greift in ihrer Gemeinde, wie Wehr und Öhlfingen darin zusammen wachsen: die Kunst, die hilft, genauer hinzuschauen, auch Unerwartetes, Ungewohntes und Anstößiges zu entdecken. Die offene Tür für die, die Hilfe nötig haben, die Nahen, die weiter weg in Teltow und die ganz Fernen in Anand oder in Brasilien. Und immer wieder: die Erfahrungen der Gemeinschaft.
Das Motto Ihres Jubiläums: „Gemeinsam in die Zukunft“ öffnet einen weiten Horizont. Vom Kreuz aus laufen Fäden in alle Himmelsrichtungen. Sie verbinden die beiden Ortsteile, die Gemeinden, sie verbinden uns mit Paulus im Gefängnis, mit den Menschen im Haus der Diakonie und in der katholischen Gemeinde. Sie verbinden mit den Menschen in Teltow, in Indien und Brasilien – und mit denen, die in den letzten beiden Jahren bei uns Zuflucht suchen.
Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für Ihren weiteren Weg – gemeinsam im Zeichen des Kreuzes in die Zukunft, in der wir gemeinsam die Frucht der Gerechtigkeit, die Gott uns schenkt, ernten.