Das große Aufatmen

Predigt über Römer 3, (20) 21-28 zum Reformationsfest im Rahmen des Bezirkskirchentags im Kirchenbezirk Bretten-Bruchsal in der Lutherkirche in Bruch

Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.
Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, (sie ist) bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.
Denn es ist hier kein Unterschied. Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist.
Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Ge-rechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit der Geduld Gottes, um nun, in dieser Zeit, seine Gerechtigkeit zu erweisen, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen! Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Liebe Festgemeinde,
Ihr Kirchenbezirk ist ganz vornedran mit dem Feiern. Für die meisten evangelischen Kirchen und Gemeinden beginnt das große Jubeljahr der Reformation erst am Montag. Aber in der Melanchthonstadt Bretten war schon am 30. September die Eröffnung der badischen Reformationskampagne unter dem Motto: Ich bin so frei! Und nun feiern Sie ab heute mit Ihrem Bezirkskirchentag das große Aufatmen, das die reformatorische Bewegung in die Kirche und die Welt bringt:
Jesus Christus nimmt die Lasten von unseren Schultern. Wir richten uns auf und heben unsere Köpfe. Wir schauen den anderen in die Augen. Wir nehmen die Welt neu wahr. Wir gehen aufmerksam mit mit Gott.

I
Reformation, das heißt: Gott vertrauen! Das ist der Boden, auf dem wir stehen; das gibt uns eine Kraft, die unser Leben verändert. Alles andere tritt in den Hintergrund. Entscheidend ist nicht, was wir tun, sondern was Jesus Christus für uns tut.
Martin Luther hat beschrieben, wie er in seinem Leben zu dieser Erkenntnis gekommen ist: Während der ersten dreißig, fünfunddreißig Jahre hat er darum gerungen: Wie kann ich dem gerecht werden, was die anderen, was die Kirche, was Gott von mir erwartet? Er erlebt, wie er scheitert. Doch je mehr er die Bibel liest, - und er merkt, dass es gut ist, sie immer und immer wieder zu lesen, weil, wer Bibel liest, immer Anfänger bleibt, weil der Geist Gottes unserem Verstehen immer voraus ist – also, je mehr Luther die Bibel liest, desto mehr entdeckt er: Entscheidend ist nicht, was wir tun, sondern was Jesus Christus für uns tut. Lebensentscheidend ist: dass Gott sich uns in diesem Jesus Christus so anvertraut, dass wir Gott vertrauen. Das ist so, wie wenn jemand mir sagt: „Ich liebe dich!“ Da verändert sich alles: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.“ (H.-D. Hüsch) „Ich könnte die ganze Welt umarmen, selbst die griesgrämige Nachbarin und den Kollegen, der ständig stichelt.“

II
Im Zentrum der Reformation steht ein neues Gottvertrauen, das uns frei macht und selbstbewusst und uns neu sehen lehrt. Wir sehen die Welt um uns herum in diesem neuen Licht. Sie erscheint dadurch nicht wie durch eine rosarote Brille; im Gegenteil wir sehen klarer, realistischer: „Wir sind allesamt Sünder.“
Was ist Sünde? Die Sünde zeigt sich in verschiedener Gestalt.
Manchmal redet sie uns groß und verführt dazu, uns über Gebote hinweg zu setzen zu Lasten anderer. „Das gilt doch nicht für dich! Jeder ist seines Glückes Schmied! Setz dich durch; du musst auch mal die Ellenbogen ausfahren!“
Manchmal redet sie uns klein und nimmt uns den Mut: „Das schaffst du doch nicht. Das hast du doch jetzt oft genug erlebt. Wer bist du denn? Du doch nicht!“
Und manchmal verführt sie uns dazu, den Kopf nicht zu heben, sondern wegzuschauen und an denen vorbeizugehen, die Hilfe brauchen. „Du kannst doch eh nichts machen! Was gehen die Dich an! Wir können doch nicht jedem Menschen helfen.“
Immer verdreht die Sünde die Perspektiven. Sie behauptet Möglichkeiten, wo Menschen die Grenzen anderer verletzen; sie nimmt uns die Kraft und den Mut, wenn wir etwas tun wollen, um die Welt zu verbessern; sie redet die Hindernisse groß und verstärkt die Grenzanlagen und die Grenztruppen, wo Hoffnung neue Wege in die Zukunft sucht.
Der Glaube ist realistisch. Er kennt diese Machenschaften, in denen wir alle drin stecken: „Wir sind allesamt Sünder.“ Der Glaube weiß um die Macht der Sünde, aber er sieht sie im Licht der Versöhnung, des neuen Lebens, das mit Jesus beginnt.
Wenn wir die Köpfe und die Schultern einziehen, weil wir Angst haben, das Richtige zu tun, dann richtet Gott uns auf. Wenn wir uns ducken und rausreden, weil wir unseren moralischen Ansprüchen nicht genügen, dann sagt Jesus: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Wenn wir gelähmt sind und vertuschen wollen, weil wieder etwas nicht so war, wie es eigentlich hätte sein sollen, dann haucht uns der Heilige Geist neuen Mut ein: Vor Gott kannst du aufrecht und erhobenen Hauptes stehen: mit dem, was du fertig bringst und mit dem, was du verdirbst oder woran du scheiterst. Mit dem, was du schuldig bleibst, auch Gott schuldig bleibst. Auch wenn du in den Augen von Menschen geistlich, körperlich, intellektuell, finanziell wenig zu bieten hast: Selig bist du! Das ist die Botschaft Jesu Christi! Das verdankst du Jesus Christus. Das ist das Geheimnis des Glaubens, das die Reformation wieder ans Licht gebracht hat.
Die Reformation hat das Gottvertrauen zum Leuchten gebracht, das die Kraft der Sünde realistisch sieht - und zugleich frei macht und zum aufrechten Gang ermutigt. Selbst wenn wir das erste Gebot verletzen: „Du sollst Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen“, - und wie oft schiebt sich anderes bei mir nach vorne, hänge ich mein Herz an Menschen, Sachen, Werte - ; selbst dann bleibt Christus uns treu und sagt: „Fürchte dich nicht! Du gehörst zu mir, du bist selig, ich lade dich an meinen Tisch ein.“

III
Gottvertrauen führt in die Freiheit. Sie weht wie ein frischer Wind in unser Leben und stärkt uns. Evangelische Freiheit: das ist zunächst die Freiheit im Herzen. Ich bin geborgen und getragen, wo immer ich hingehe, was immer ich tue. Gott steht zu mir. Jesus Christus geht mit mir. Der Geist des Lebens macht mich frei und lässt mich aufatmen.
Evangelische Freiheit ist aber auch Freiheit im Denken: „Oben ist oben und unten ist unten“, heißt es. „Von dem da, kannst du etwas erwarten – und die da, die gehört nicht zu uns.“ „Das musst du erreichen – sonst bist du ein Versager.“ Jesus Christus unterbricht diese Logik des Sortierens. Seine Antworten machen uns frei, neu nachzudenken. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, sagt Jesus. Wir sprechen diesen Satz nach und entdecken, welche Kraft und welche Gaben in Menschen stecken, wo wir sie gar nicht vermutet hätten. „Was war das wichtigste in meiner Konfirmandenzeit?“, schreibt ein Konfirmand. „Dass Sarah in unserer Gruppe war, von der wir am Anfang alle nur eins wussten und wissen wollten: sie hat Down-Syndrom und geht auf die Förderschule.“
Und schließlich ist da die Freiheit im Tun: Jesus handelt anders, als viele erwarten. Auch die, die ihm nachfolgen, wundern sich, verstehen ihn nicht, ärgern sich. „Was lässt du dich mit Zachäus ein und isst mit ihm? Der kollaboriert mit unseren Gegnern? Was gehst du zu den Aus-sätzigen? Warum lässt du dich auf diese Frau mit ihrem schlechten Ruf ein?“
Freiheit, das heißt, mit Jesus in die Zwischenräume zu gehen. Die Zeit anzuhalten und sich nicht in Alternativen treiben zu lassen, für die es nur tödliche Lösungen gibt. Sie kennen die Geschichte über die Ehebrecherin: entweder – oder! Entweder Barmherzigkeit - oder Gerechtigkeit. Jesus muss die Frau verurteilen – so ist das Recht, das kennt keine Barmherzigkeit! Oder er ist barmherzig mit ihr, aber dann löst sich das Recht auf. Entweder – oder!
Jesus macht uns frei und mutig, die Zwischenräume zu entdecken. Erst mal innehalten, nicht gleich entscheiden oder gar zuschlagen. Es gibt eine Alternative zum Entweder - Oder, die Leben ermöglicht: „Schaut auf Jesus und ihr erkennt: Gott ist gerecht und barmherzig!“

IV
Wir feiern das Fest der Reformation. Wir feiern keine neue Kirche; wir feiern keine neuen Ordnungen und Gesetze. Wir feiern das große Aufatmen, weil Christus uns neues Gottvertrauen schenkt. Die gekrümmte Frau richtet sich auf. Der Gelähmte bricht mit seinen Freunden auf. Am Tisch des Lebens finden auch die ihren Platz, die fremd sind und dazu gehören wollen.
Am Kreuz erkennen wir Gottes Gerechtigkeit. Das Grab ist leer. Atmet auf, denn: Selig seid ihr!