Freiheit zur Fairness - ein Zeichen der Hoffnung!

Predigt im Jubiläums-Gottesdienst: 50 Jahre Kirche und Sport in Baden in der Sportschule Schöneck am 10. November 2016

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. … Ich bin nämlich überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll. Denn die Schöpfung wartet ängstlich und sehnsuchtsvoll darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden.
Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – gegen ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat. Doch sie hofft darauf, dass alle Kreaturen befreit werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöp-fung seufzt und in Wehen liegt, bis zu dem heutigen Tag.
Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlings-gabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind gerettet auf Hoffnung hin. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.“
Liebe Festgemeinde,
ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu Ihrem Jubiläum. Und ich freue mich sehr, dass ich das auch ökumenisch im Namen von Erzbischof Burger tun darf, der Sie herzlich grüßen lässt.
50 Jahre Kirche und Sport in Baden: das ist ein Anlass zum Feiern! Wir sind in Kirchen und Sportverbänden, in Gemeinden und Sportvereinen bei vielen Gelegenheiten gemeinsam unterwegs für den Leib und die Seele der Menschen in unserer Region, für ein gutes Miteinander und für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.
Sie feiern unter dem Stichwort: „Fairness!“ Der Begriff „fair“ ist schon im 19. Jahrhundert in unsere Sprache aufgenommen worden, wahrscheinlich weil dieser Wert und diese Haltung in der Begegnung mit der englischen Sporttradition eine große Faszination auf den deutschen Sport ausübte. Das Wort „Fairness“ kommt in den beiden neuen Bibelübersetzungen, die in diesen Tagen in den Buchläden gut verkauft werden, nicht vor: weder in der neuen Lutherbibel, noch in der neuen römisch-katholischen Einheitsübersetzung. Aber das Thema und diese Haltung, die finden sich in vielen Geschichten der Bibel und sind für unseren christlichen Glauben sehr wichtig.
Mit dem Thema „Fairness“ rückt die Schnittmenge zwischen Kirche und Sport in den Vordergrund. Die Werte und die Haltungen, um die es uns gemeinsam geht, die wir gemeinsam in unserer Gesellschaft stärken wollen:
  • die Anerkennung der Würde jedes Menschen;
  • eine Haltung, die sich in den oder die andere hineinversetzen kann und will;
  • den Mut, mit eigenen und fremden Grenzen zu leben;
  • die Kraft, siegen und verlieren zu können, ohne sich selbst oder die anderen abwerten zu müssen;
  • und schließlich: dass bei allem, was wir gemeinsam tun, am Ende das Miteinander wichtiger ist als das Gegeneinander.
I
Menschliches Leben ist Leben mit Grenzen - und in Hoffnung.
Wer nüchtern hinschaut, sieht das Leid, das Menschen sich und anderen und ihrer Mitwelt antun. Die Schöpfung seufzt. Die Kreaturen leiden. Die Menschen stöhnen, sie verstummen, sie sterben. Wir denken an den Krieg in Syrien, an das Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer und die Hungersnöte in Afrika durch die Erwärmung des Klimas! Die Bibel sieht die Not ohne Illusionen; sie macht sich und uns nichts vor.
Aber das Leid hat vor Gott nicht das letzte Wort. Gott gibt die Schöpfung nicht aus der Hand, sondern wird uns befreien und erlösen. Darauf warten wir. Wir sehnen uns nach einem Ende der Gewalt, der Angst, der Unfreiheit und der Ungerechtigkeit. Ungeduldig schauen wir nach vorne, auf das, was Gott uns zusagt: einen neuen Himmel und eine neue Erde. „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.“
 
II
Für uns als Kirche ist der Sport an dieser Stelle sehr wichtig. Denn Kirche und Glauben haben manchmal die Tendenz abzuheben nach dem Motto: Mag die Welt auch untergehen, Hauptsache, ich habe Gott und bin innerlich frei. Da wird Erlösung zu einer Frage des Kopfes und eines Geistes, der über all die Widrigkeiten des Alltags hinweg schwebt.
Aber das ist nicht die Erlösung, die mit Jesus Christus in unsere Welt gekommen ist und sich in der Krippe im Stall, bei den Fischern am See Genezareth und am Kreuz gezeigt hat. Jesus hat den Alltag der Menschen und auch ihre Arbeitswelt, hat unsere Welt verändert. Es geht Gott um Leib und Seele, um den ganzen Menschen und die ganze Schöpfung in ihrer Vergänglichkeit und Begrenztheit, aber eben auch mit ihren großartigen Möglichkeiten – das macht uns gerade der Sport immer wieder deutlich. 
 
III
Christinnen und Christen gehören mitten hinein in diese Welt – und befinden sich doch in einer eigentümlichen Distanz. Sie haben eine Hoffnung, die über diese Welt hinaus weist. Sie vertrauen auf eine Zukunft, die mit Christus schon begonnen hat. Das gibt uns eine große Freiheit und Mut und Kraft für die Haltung, die sich in Fairness ausdrückt.
Ich habe dazu eine schöne Geschichte entdeckt: über Paavo Nurmi, der zwischen 1920 und 1928 insgesamt neun Gold- und drei Silbermedaillen in verschiedenen Laufdisziplinen gewann. In Amsterdam 1928 stürzte er bei einem Vorlauf über 3000m-Hindernis gleich beim ersten Hindernis der Länge nach ins Wasser. Vor ihm lief der Franzose Duquesne. Er hörte das Platschen, drehte sich um und half dem patschnassen Finnen aus dem Graben.
Sie liefen weiter und holten das Feld wieder ein. Am Ende führte Nurmi, Duquesne war direkt hinter ihm. Kurz vor dem Ziel stoppte Nurmi und wollte Duquesne vorbeilassen. Aber der lächelte und nahm das Angebot nicht an. So liefen sie gemeinsam über die Ziellinie.
Im späteren Endlauf wurde Nurmi Zweiter, seine dritte Silbermedaille, hinter einem weiteren Finnen: Loukola; Duquesne wurde Sechster.
In dieser Geschichte spiegelt sich die grundlegende Freiheit, mich nicht völlig aufsaugen zu lassen vom Sieg um jeden Preis, sondern den anderen im Blick zu behalten und das Gemeinsame wichtiger zu nehmen als den individuellen Erfolg. Der Tübinger Sportwissenschaftler Hartmut Gabler hat das in einer These schön zugespitzt formuliert: „Ohne Fair Play ist Sport wie Werktage ohne Sonntag.“
Ohne Fairness geht es im Sport nur um Leistung oder Kommerz, um Erfolg um jeden Preis. Da werden die Regeln bis an die Grenzen ausgeschöpft, da werden alle Mittel zur Hilfe genommen, die nicht strafbewehrt sind. Aber die eigentliche Qualität des Sports, seine große Freude und seine Botschaft verkümmern: Wir leben aus einer Kraft, die uns geschenkt wird. Wir entdecken, was in uns und anderen steckt. Wir freuen uns gemeinsam daran, miteinander unsere Möglichkeiten zu entwickeln.
 
IV
Woher kommt die Kraft zur Fairness?
Die faire Haltung lebt aus einer inneren Stärke, die sich aus vielen Wurzeln nährt. Erfahrungen aus der Familie: Dass ich nicht um alles kämpfen muss, sondern geliebt bin, mit allem, was ich gut kann und auch mit dem, was mir schwer ist. Ermutigungen anderer Menschen, gerade auch im Verein, in der Schule, der Gemeinde, der Jugendgruppe. Vorbilder, die dem anderen die Hand hinstrecken, wenn er gefallen ist; die sich wehren, wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihrer Überzeugung, ihres Glaubens diskriminiert werden. Begegnungen mit denen, die anders sind, aber auch gerne spielen und Sport machen. Neulich hat uns ein Kollege, Pfarrer Schmidt, auf der Landessynode einen Vortrag zum Thema Inklusion gehalten. Er hat von Geburt an keine Arme, aber bei den Paralympics 2004 die Goldmedaille im Tischtennis gewonnen. Ein Satz von ihm ist mir noch eindrücklich in Erinnerung: Als er als Junge zum ersten Mal beim Tischtennis mitspielen wollte, hat ihn der Verantwortliche nicht abgewimmelt, sondern gefragt: „Was müssen wir tun, damit du mitspielen kannst?“
Solche Erfahrungen und Begegnungen stärken Menschen und machen sie innerlich und äußerlich frei. Sie richten sie auf, so dass sie erhobenen Hauptes durch die Welt gehen, durchs Stadion laufen und auf dem Spielfeld kämpfen. Ernsthaft und mit Freude am Erfolg, aber eben frei und nicht getrieben, so als hinge ihre Würde und Anerkennung an Sieg oder Niederlage.
 
V
Fairness wächst im Zusammenspiel. Sie ist eine Haltung, die sich einübt. Mitten im olympischen Vorlauf innezuhalten, dazu braucht es einen freien Kopf, aber vor allem eben eine Haltung, die schon in Fleisch, Blut und Herz übergegangen ist. Ich kenne das vom Fußball: den Fuß rechtzeitig zurückzuziehen, bevor er den Anderen trifft, das kann ich nicht erst im Zweikampf im Kopf entscheiden, das muss eingeübt sein. Fairness ist die Haltung, die mir hilft, die anderen nicht aus den Augen zu verlieren, die mich innehalten lässt, wenn das gegeneinander spielen und kämpfen in Hass umschlägt, die Haltung, die mir immer wieder einschärft: wir gehören zusammen, auch wenn wir jetzt auf verschiedenen Seiten spielen oder aus unterschiedlichen Ländern stammen.
Das gelingt nicht immer. Oft sind wir so im Kampf um Sieg und Erfolg drin, dass wir wie in einem Tunnel unterwegs sind: Ein schwedischer Sportjournalist hat irgendwann herausgefunden, dass Paavo Nurmi vermutlich regelmäßig ein Medikament genommen hat, das heute als Anabolikum zu deklarieren wäre. Und vor den olympischen Spielen 1932 in Los Angeles wurde er wegen Verletzung des Amateurstatus lebenslang gesperrt.
Menschen kommen an ihre Grenzen und überschreiten sie. Deshalb ist es uns als Kirchen wichtig, dass dieses Lebensgefühl der Freiheit zur Fairness ein Geschenk ist von Gott. Christus trägt uns auch dann, wenn wir verlieren und nicht die Erwartungen erfüllen, die andere an uns stellen. Wir sind von Gott geliebte Menschen: in allem, was wir tun und erreichen, aber auch in allem, was uns misslingt, wo wir versagen und etwas schuldig bleiben: uns selbst, Anderen, Gott. Auch da sind wir getrost und geborgen!
Das ist keine Gewissheit, die ein für alle Mal klar ist. Wir bleiben als Menschen eingespannt zwischen Leid und Freude, zwischen Zweifel und Hoffnung. Aber wir üben uns ein ins Vertrauen. Wir ermutigen uns gegenseitig. Und wagen es, innezuhalten, wenn wir es hinter uns Platschen hören.
 
V
Wir kommen nicht heraus aus der Spannung zwischen Seufzen und Hoffnung; des-halb endet der Predigttext mit der Geduld.
Gottes Herrlichkeit ist schon unter uns, aber wir sind noch unterwegs und ringen gemeinsam um die Zukunft des Sports und der Kirche. Wir wehren uns dagegen, dass im Alltag und vor allem in der Arbeitswelt nur die Ellenbogen entscheiden: Wie sollen wir dann im Sport, in der Kirche oder in der Familie anders leben, achtsam miteinander umgehen und unsere eigenen Interessen auch mal zurückstellen? Wir wehren uns gegen das Sortieren: du gehörst zu uns und du nicht! und engagieren uns für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft und für Inklusion. Wir folgen Christus, der gerade dahin gegangen ist, wo es Menschen schwer haben, und ihnen beigestanden hat.
Wir nehmen die Leiden der Welt wahr und ringen geduldig um die Zukunft mit einem klaren, hoffnungsvollen Blick nach vorne. Die griechischen Worte, mit denen Paulus dieses geduldige Ringen kennzeichnet, bezeichnen normalerweise das Stöhnen einer gebärenden Frau. Sie seufzt nicht wie bei einer Krankheit, sondern weil sie neues Leben hervorbringt. Da schwingt Ungeduld mit; neues Leben drängt nach außen. „Wir sind gerettet, doch auf Hoffnung.“