
Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. Er aber wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.
Micha 5,1-4
Weihnachten kommt ein Leuchten in unsere Welt. „Die Menschen werden sicher wohnen.“ „Und es wird Friede sein.“ Das sind die Versprechungen, die das Kind in der Krippe uns macht. Deshalb: „Fürchtet euch nicht!“ - trotz persönlicher Sorgen, trotz der Schrecken der Gewalt in Aleppo, trotz des Terrors im Jemen, in Istanbul, Paris und jetzt Berlin. Von Bethlehem breitet sich ein neuer Glanz über die Erde aus. Dieses Kind bringt Licht in die Dunkelheit. Es macht uns frei, mutig und stark. Deshalb: stimmt ein und singt und ruft es einander zu, wie es der Chor vorhin getan hat: „Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage! Lasset das Zagen, verbannet die Klage, stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!“
I
„Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“
Gott achtet das Kleine. Damit fängt Weihnachten an. Wer Gott kennen lernen will, muss in diese kleine Stadt gehen, nach Bethlehem.
Dort salbt Samuel den kleinen Hirtenjungen David, den kleinsten von acht Brüdern, zum König, auch wenn alle anderen denken: Der Stärkste soll das Land regieren!
Dort, in Bethlehem, findet die Witwe Rut Zuflucht, als sie nach dem Tod ihres Mannes alleine ist und rechtlos und ohne Geld da steht; in den Mauern dieser kleinen Stadt wohnt eine Ausländerin sicher.
Dort in Bethlehem, in diesem kleinen Ort, im Dunkel der Nacht, in einer Krippe im Stall wird Christus geboren. Nicht über einem Palast oder einem Tempel, sondern über einem unscheinbaren Stall steht der Stern, der der Welt seitdem einen neuen Schein gibt.
In diesem Licht von Bethlehem, nicht im grellen Scheinwerferlicht, sondern im Schein der Kerzen zeigt sich Gott. Großes tut Gott bei den Kleinen und erhöht die Niedrigen. „Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich.“
Wenn ich Gottes Wege nicht verstehe, dann nicht weil sie mir zu hoch sind, sondern weil ich lieber nach oben schaue und nicht auf das Niedrige, das Kleine, das Unscheinbare. „Willst du Gott in seinem Wesen richtig kennen lernen, musst du unten anfangen“, sagt Luther und fährt fort: „Mein Lieber, klettere nicht hinauf, geh zuvor nach Bethlehem.“
II
Was gibt es in Bethlehem zu entdecken? Die Not der Menschen und das Licht, das aus der Himmelstür in unsere Welt fließt. Beides: das Schwere und die Hoffnung!
Wir begegnen in Bethlehem Menschen, denen es nicht gut geht. Darin ist Bethlehem ein Urbild unserer Städte und Orte:
Da sind Menschen, die wünschen sich, sicher und in Frieden zu wohnen. Aber sie müssen wie Maria und Joseph fliehen, weil Mächtige damals wie heute in Aleppo mit brutaler Gewalt um ihre Macht und ihre Einflusszonen kämpfen. Gott vertraut den politisch Verantwortlichen das Leben und das Recht der Bevölkerung an; aber sie achten nicht auf die Männer und Frauen, die Kinder und die Alten, sondern nur auf ihren Eigennutz.
Da sind Menschen, die wünschen sich sicher und in Frieden zu wohnen, aber sie leben in einem Land, in dem man seine Meinung nicht sagen darf; wer widersteht, stirbt - damals am Kreuz – oder verschwindet heute in Gefängnissen, in der Türkei, in Russland, in China.
Da sind Menschen, die wünschen sich, sicher und in Frieden zu wohnen, aber sie erleben, dass sie nicht genug zum Leben haben. Die Schere zwischen reich und arm geht weltweit immer weiter auseinander. Aber wir erleben das auch bei uns: Wie das Einkommen der Eltern die Zukunftschancen der Kinder bestimmt; dass die alleinerziehende Mutter zwei Arbeitsstellen braucht, damit es für die Familie reicht.
III
Schau nach Bethlehem: Da entdeckst du die Not der Menschen.
Aber du findest auch die Menschen, die Gott liebt. Und du entdeckst, wie Gott uns stärkt und ermutigt und uns neue Hoffnung gibt. Durch diesen kleinen Jungen, gerade geboren, hilflos, hungrig, schlafend, schreiend. „Gottes Sohn wird Mensch geboren!“ Und er gibt der Welt einen neuen Schein.
Das Kleine achten, die kleinen Leute stärken, zu denen gehen, die unter die Räuber gefallen sind, die krank sind oder rausgedrängt werden, das wird zum Lebensprogramm von Jesus Christus. Er lädt sie ein, er redet, er isst und trinkt mit ihnen: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“
Er wird zum guten Hirten, der die Menschen weidet. Er schaut genau hin und hört in Ruhe zu. Mit kleinen Bewegungen gibt er Orientierung, stärkt und macht Mut. Er regiert nicht mit Drohung und Angst, sondern mit einem „Fürchtet euch nicht!“ Er achtet auf die Kleinen, gerade auch auf die, die zurückbleiben. Jede Person ist wichtig, auch die, die im Kampf der Ellenbogen oder Fäuste nicht für sich selbst sorgen kann:
Wenn die Mitschüler oder die Eltern Sorge haben, dass die Klasse wegen der kranken Schülerin nicht schnell genug vorankommt, tritt Jesus ein und hilft der Klasse zu entdecken, wie viel sie gerade in der Gemeinschaft von stark und schwach, in der Begegnung mit diesem Menschen lernen. Wie Gottes Kraft gerade in den Schwachen mächtig ist.
Oder wenn der alte Mann das Gefühl hat, nur noch zu stören, weil er immer weniger versteht und alles vergisst und so wenig noch eigenständig tun kann, dann kommt Jesus und nimmt ihn in den Arm.
Schau nach Bethlehem: Da entdeckst Du die Not der Menschen, aber auch den Stern am Himmel, der Licht in die Dunkelheit bringt. Da findest du den guten Hirten Jesus, der Gesichter leuchten lässt.
IV
In der Geburtskirche in Bethlehem brennt eine Kerze. Seit 1986 zündet jedes Jahr im Advent ein Kind an ihr ein Licht an. Mit diesem Licht wird dann eine Grubenlampe entzündet, die mit dem Flugzeug nach Wien, aber auch auf andere Kontinente geflogen wird. Von Wien aus bringen die Pfadfinder das Friedenslicht aus Bethlehem in viele Städte Europas. Ein kleines Licht aus einer kleinen Stadt trägt die Friedenshoffnung Gottes in die Welt: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Sie werden unter ihrem Weinstock und Feigenbaum wohnen und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund Gottes hat es geredet.“
Am 3. Advent kam das Licht wie jedes Jahr auch nach Karlsruhe und über die Stephanuskirche dann auch in unsere Stadtkirche. Es kommt aus einem Land, das von Friedlosigkeit zerrissen ist. Aus einem Land, wo die Menschen nicht sicher wohnen; wo sie sich unsicher fühlen, wenn sie auf der Straße sind oder im Bus fahren. Aber genau dahin hinein leuchtet das Licht Christi. Von dort aus verbreitet es sich über den Erdball. Es gibt die Botschaft von Jesus weiter, der der Friede ist. Ein kleines Licht erhellt die Dunkelheit, weil die Geburt von Jesus der Welt einen neuen Glanz gibt.
V
Das geschieht nicht ohne uns. Wer will, dass das Licht sich ausbreitet, muss es hüten. Denn so eine Flamme verlöscht schnell; ein Windzug – aus ist sie. Als ich sie neulich aus der Blumenstraße mit dem Fahrrad nach Hause bringen wollte, musste ich noch einmal zurück, weil beide Kerzen ausgegangen waren. Wir sind das Hüten eines offenen Lichtes nicht mehr gewohnt. Normalerweise blasen wir alle Kerzen aus, bevor wir ins Bett gehen.
Aber dieses Bethlehem-Licht brennt nach dem 3. Advent bei mir zu Hause. Wir suchen einen Platz, wo wir es aufheben, ohne dass es gefährlich ist; in einer Laterne in der Badewanne oder in der Spüle; denn es ist nicht irgendein Licht, das ich einfach mit dem nächsten Streichholz oder Feuerzeug wieder anzünden kann. Es geht um das Licht aus der Geburtskirche in Bethlehem, das das Licht Jesu weitertragen will. Das Licht, das Frieden schafft, das Licht, das mein Leben hell machen will, ja die ganze Welt hell machen wird.
Wer es hütet und nachts einmal aufsteht, erlebt, dass das stimmt, was wir singen: „Es leucht‘ wohl mitten in der Nacht und uns des Lichtes Kinder macht.“ Ein Licht, ein warmer Schein erfüllt die Wohnung und gibt Sicherheit und Geborgenheit. Ich brauche kein Licht anzumachen; ich kann meinen Weg erkennen.
VI
Jesu Licht strahlt in die Welt und macht uns zu Kindern des Lichts. Wem könnte ich dieses Licht weitergeben? Wem würde es eine Freude machen, wem Sicherheit geben und Geborgenheit?
Eine Freundin hat es mitgenommen zu ihrer Bekannten, deren Mann schwer erkrankt ist im Advent. Sie hat das Licht mit ins Krankenhaus genommen; es leuchtet jetzt, wenn sie schweigend neben ihm sitzt. Kinder haben es mit in ihren Kindergarten, in die Schule genommen, auch ins Altenheim gebracht. Und ich habe in dieser Woche auch erlebt, wie mich jemand auf meine Laterne ansprach und sich eine Kerze entzünden wollte, für den Frieden gegen den Terror.
Das kleine Licht aus der kleinen Stadt Bethlehem macht die Dunkelheit hell. Wo ist dieses Licht nötig? Wo geht Jesus heute hin, um bei den Menschen zu sein und ihnen Gottes Liebe zu zeigen? Das Friedenslicht aus Bethlehem, das Licht Jesus leuchtet; es will gehütet sein und weitergegeben werden.
VII
Eine kleine Flamme, klein wie die Stadt Bethlehem. So ist Gott am Werk. Die Hirten sind arm und haben wenig Rechte; ihnen sagt der Engel: Fürchtet euch nicht! Gottes Kraft wirkt im Kleinen und in den Kleinen: in der kleinen Stadt Bethlehem, im Leben der Ausländerin Rut, durch den kleinen Hirtenjungen David, im kleinen Kind in der Krippe im Stall.
Eine kleine Flamme leuchtet in die mächtige Dunkelheit, die wir in diesem Jahr in den Schrecken von Flucht und Krieg, von Naturkatastrophen und Terrorismus erlebt haben. Als Jesus am Kreuz stirbt, versinkt die Welt in Dunkelheit. Am dritten Tag aber wächst aus dem Kreuz ein herrlicher Baum, ein Baum voller Leben. Ein Lebensbaum, so schön wie der Weihnachtsbaum, so strahlend hell, dass er die Dunkelheit in uns und den Unfrieden um uns herum vertreibt; so leuchtend, dass unsere Herzen hell werden und unsere Gesichter strahlen.
