In Gottes Barmherzigkeit leben

Ökumenischer Gottesdienst am 2. Sonntag nach Epiphanias (15. Januar 2017)

Liebe Gemeinde,
ich danke Ihnen herzlich für diese Einladung, heute mit Ihnen die Eröffnung der Vesperkirche zu feiern. Sie sind hier eine große Gemeinschaft und ich freue mich dabei zu sein: Alt und Jung, Frauen und Männer, alteingesessene „Singener“ und Menschen von weit her, die bei uns Zuflucht gefunden haben, Auszubildende und Menschen im Ruhestand; sie feiern ökumenisch, mit offenen Türen und vor allem mit offenen Herzen. Alle sind eingeladen, miteinander zu reden, zu essen und zu trinken, Gott nahe zu sein.

Wie kommt Gott uns nahe? Davon erzählt der Bibeltext, den ich Ihnen als Predigttext mitgebracht habe:
17b Gott sprach zu Mose: Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen.
18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!
19 Und Gott sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des Herrn vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und Gott sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht. 21 Und Gott sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.
I
Gottes Güte breitet sich aus, wenn sie geteilt wird.
Gott zeigt sich im Guten. Wenn Gottes Segen in die Welt kommt, dann finden Trauernde Trost, Kranken wird geholfen, Menschen in Not finden Beistand, Ängstliche werden ermutigt, Menschen, die sich zerstritten haben, versöhnen sich. Christus lädt uns an einen schön gedeckten, mit Blumen geschmückten Tisch; alle werden satt. Gott ist nahe, wenn uns Gutes widerfährt.
Das Gute von Gott hat einen besonderen Geschmack. Es schmeckt nicht nach: „Möglichst viel für mich!“ Und auch nicht nach: „Je mehr ich bekomme, desto besser!“
Das Gute von Gott schmeckt am Besten in Gemeinschaft. Es entfaltet seine Kraft und seine Güte am stärksten, wenn auch die anderen satt und vergnügt und guten Mutes sind. Die, die nah sind, und die, die fern sind. Deswegen fällt mir bei Ves-perkirche immer auch die Aktion „Brot für die Welt“ ein: „Alle so satt werden!“ Dann lacht das Herz Gottes und wir stimmen froh mit ein. So wie nachher am Tisch:  Gottes Güte wächst und gedeiht unter uns, wenn wir uns umschauen und auf die anderen am Tisch achten. „Haben Sie schon genug gehabt? Sonst kann ich gerne noch etwas abgeben.“
Die Güte Gottes zeigt sich am deutlichsten, wenn sie geteilt wird; wenn wir einander beistehen und füreinander eintreten. Das zeigt auch die biblische Geschichte, aus der unser Predigttext stammt: Gott kennt Mose mit Namen und spricht mit ihm wie mit einem Freund. Weil er ein treuer und frommer Mann ist.
Die anderen aber, mit denen Mose durch die Wüste zieht, haben sich gerade von Gott angewendet. Sie haben Angst zu verhungern und zu verdursten. „Wird dieser Gott, den wir nicht sehen wirklich für uns sorgen? Lasst uns lieber ein Gottesbild schaffen, ein Goldenes Kalb, das können wir sehen und anfassen, darauf können wir uns verlassen.“ Doch weit trägt das nicht, dieses Vertrauen auf die eigene Kraft und auf das, was wir tun und sehen können: auf Reichtum und Macht und Stärke. Und Gott ist empört und zornig.
Nun könnte Mose das ja egal sein, was jetzt mit den anderen passiert. Aber er kann nicht glücklich sein, wenn seine Geschwister in Not sind – und Gott auch nicht! Deshalb ringt Mose mit Gott, tritt zwischen Gott und seine Mitmenschen und bittet für sie. „Sei uns gnädig, Gott, erbarme dich.“
Das ist der besondere Geschmack der Güte Gottes: Sie zeigt sich, wenn wir fürei-nander eintreten. Sie wird mehr, wenn wir sie miteinander teilen. Sie breitet sich aus und macht Mut, wenn wir uns daran erfreuen, dass die anderen strahlen, weil es hier für alle schön und warm ist, weil es für alle genug gibt.
So breitet sich das Gute aus und unsere Gemeinschaft wächst. So wie hoffentlich in den kommenden Wochen hier in der Vesperkirche: wo die einen kommen, um sich satt zu essen, die anderen, um sich in Ruhe aufzuwärmen, die dritten, um miteinander zu reden oder zu spielen, oder endlich wieder einmal gemeinsam und nicht alleine zu essen. Und viele freuen sich, dass sie konkret etwas tun können für andere und mit anderen, für einzelne Menschen, für eine bessere, barmherzigere, menschlichere Welt, in der die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinander geht, sondern zusammen; wenn aus dem Gegeneinander, ein Mit-und Füreinander wird. Gottes Güte blüht auf und wächst, wenn sie geteilt wird; da ist Gott nahe.
 
II
Gott kommt uns nachsichtig nahe!
Wie kommt uns Gott nahe? Gott lässt uns seine Güte erleben. Die können wir sehen und schmecken, die zeigt sich vor unseren Augen: hier in der Vesperkirche. Und immer dann wenn Menschen füreinander einstehen und sich gegenseitig trösten und stärken – in ihrem Gottvertrauen und in ihrer Nächstenliebe.
Aber es gibt auch die andere Seite. Die wollen wir Gott nicht so gerne zeigen; sie kommt hervor, wenn wir das Leben als einen Kampf erleben. Wenn wir nicht sicher sind, dass es wirklich genug für uns gibt. Wenn wir genervt sind von den anderen, die immer vordrängeln oder nie zufrieden sind.
Dann flüstert uns eine Stimme ins Ohr – die Bibel nennt sie Sünde: „Los, fahr‘ die Ellenbogen aus, die anderen nehmen auch keine Rücksicht auf dich! Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ Oder die Stimme setzt auf meine Trägheit und sagt: „Ach, jetzt lass mal, die findet schon einen Platz irgendwo an einem anderen Tisch.“ Und dann rücken wir nicht am Tisch zusammen, so dass noch eine dazwischen passt.
Das steckt alles in uns drin. Die Trägheit, der Egoismus und auch das Rechthaben: „Das geht doch hier um mich, um uns – was wollt ihr denn hier.“ Es sind nicht nur die anderen, die lieber an sich selber denken, die Gott und anderen etwas schuldig bleiben. Das bin auch ich. Das sind auch meine Unzufriedenheit und mein Neid, ob Gottes Güte wirklich für alle reicht; das ist auch mein Hochmut, der auf die anderen herabschaut.
Das steckt alles in uns drin; aber wir wollen diese unerfreulichen Seiten an uns lieber verstecken, vor den anderen, oft auch vor uns selbst, und vor allem vor Gott. Gott aber sieht ins Herz und weiß, was niemand wissen soll und was wir nicht einmal uns selber eingestehen. Davon erzählt unsere Geschichte. Deshalb ist es riskant, Gott Auge in Auge gegenüber zu treten. „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“
Aber Gott sucht nicht unsere Schuld und unsere Fehler. Gott wählt sich einen anderen Namen: gnädig, barmherzig, nachsichtig, so ist Gott. Gott macht uns nicht klein, um sich groß zu machen. Gott will uns begegnen, mit unseren Stärken und Möglichkeiten und mit unseren Grenzen und Bosheiten.
 
III
Gott lädt uns ein zu einem Leben in der Nachsicht
21 Und Gott sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. 22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.
Kein Mensch, auch Mose nicht, kann Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüber treten. Der Abstand zwischen Gott und Mensch ist zu groß. „Kein Mensch wird leben, der mich sieht.“ Aber Gott führt Mose auf einen Felsen, einen geschützten Ort, an dem sie sich begegnen können.
Uns sendet Gott Christus, auch einen Felsen, der uns schützt und auf den wir bauen können. Aber eben vor allem: ein Mensch, in dem wir Gottes Güte begegnen. So wie Mose hinterherschauen soll, wenn der barmherzige und nachsichtige Gott vorüber gegangen ist, so schauen wir Christus nach und versuchen, ihm nach zu folgen.
Christus öffnet uns Räume, in denen wir Nähe und Geborgenheit erfahren, neue Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch und Mitmensch. Für mich ist die Vesperkirche so ein Ort, an dem sich Gottes Freundlichkeit und Nachsicht unter uns aus-breiten und wir Christus nachfolgen. Da wächst eine Kultur der Barmherzigkeit, da bekommt unser Miteinander einen neuen Glanz: „Kommt, rückt zusammen, es ist noch Platz am Tisch und genug für alle in den Schüsseln!“
Und wenn dann eben einer keine Lust hat, zusammenzurücken und zu teilen und ein griesgrämiges Gesicht macht, dann schauen wir nach Christus und versuchen es mit einem freundlichen: „Komm, rutsch, du bekommst auch als erster.“ Und manchmal, hoffentlich, kann der andere dann auch über seinen eigenen Neid lachen.
Gottes Barmherzigkeit ermöglicht uns ein Leben in der Nachfolge Christi. Gott kommt uns nahe, in der Begegnung mit unseren Geschwistern, im gemeinsamen Mahl, im Gespräch und Spiel. Christus öffnet uns die Augen für die anderen und macht unsere Herzen weit für einander, auch wenn wir uns in Vielem unterschei-den.
Die Vesperkirche lebt aus der Barmherzigkeit Gottes. Sie macht uns mutig und frei, selbst barmherzig zu sein; sie ermöglicht uns Begegnungen, die wir uns einfach so auf der Straße vielleicht nicht trauen würden. Dann sitzen wir mit Christus am Tisch: gemeinsam mit Alten und Jungen, mit Fremden und Einheimischen, mit Männern und Frauen, mit Armen und Reichen. Wir essen und trinken, wir reden und lachen.
Wir freuen uns und schmecken: Gott ist barmherzig. Gott ist nahe.