"Im Gottvertrauen wachsen!"

Predigt im Rahmen der Bezirksvisitation im Kirchenbezirk Mannheim am 19.02.2017

Heute beginnt die neue Woche, liebe Gemeinde. Mit der Ruhe des Sonntags. Wir feiern, dass wir leben: ohne zu arbeiten, ohne einzukaufen, ohne zur Schule zu gehen.

Natürlich sind wir froh und dankbar, dass einige trotzdem arbeiten: bei der Polizei, im Krankenhaus, an der Orgel, als Kirchendiener. Aber im Kern sagt der Sonntag: „Entscheidend ist nicht, was ihr tut; am Ende ist Leben ein Geschenk Gottes.“ Darauf vertrauen wir. Daraus schöpfen wir die Kraft, morgen früh aufzustehen, an die Arbeit zu fahren, und das zu tun, wofür wir bezahlt werden – und was wir hoffentlich auch gerne tun: im Betrieb, im Büro, im Geschäft oder auch in der Schule.

Der heutige Predigttext erzählt vom Arbeiten und vom Schlafen - und wie beides im Gottvertrauen zusammengehört:

26 Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen auf ein Land wirft 27 und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – und er weiß nicht, wie. 28 Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, darnach die Ähre, darnach den vollen Weizen in der Ähre. 29. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin, denn die Ernte ist da.

I

Ein Mensch wirft Samen auf das Land! Das ist ein Urbild der Arbeit, wie aus einem Bilderbuch für Kinder. Ein Bauer bestellt im Frühjahr das Feld. Auf der nächsten Seite sieht man schon die grünen Spitzen aus der Erde kommen. Dann scheint die Sonne und aus den Wolken regnet es auf das Feld. Schließlich werden die Halme gelb und die Ernte beginnt. Da kommt der Mensch wieder ins Schwitzen.

Arbeiten gehört zu unserem Leben. Arbeit ist wichtig, damit wir Geld verdienen, um einzukaufen, um zu verreisen, um den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

Arbeit ist aber auch wichtig, weil wir dabei spüren, was wir alles können und was für Gaben wir haben, um die Welt zu gestalten und verändern. Im Arbeiten finden wir Anerkennung und erleben Gemeinschaft: weil meine Arbeit und das, was die Kollegin tut, ineinander greifen und am Ende kommt mehr heraus, als jeder für sich geschafft hätte.

Ein Mensch wirft Samen auf das Land. Zur Arbeit gehört das Vertrauen. Wenn ich meine Ideen, meine Kraft, meinen Geist einbringe, dann wird etwas daraus. So wie Gott es ganz am Anfang der Bibel ankündigt: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Das verspricht Gott, darauf verlässt sich der Mensch, der den Samen auf das Land wirft - und legt sich nach getaner Arbeit schlafen.

 II

Manchen fällt heute das Einschlafen schwer. Sie spüren, wie die Arbeit dichter, schneller wird. Da fühlen sich unter Druck: Immer noch mehr schaffen, dass noch mehr herauskommt. Gibt es überhaupt ein Genug? Lässt sich alles, was wir tun nicht immer noch effektiver machen, mit weniger Kosten und in besserer Qualität? Können wir nicht doch ein bisschen ziehen an den grünen Spitzen, dass sie schneller wachsen?

Viele von Ihnen werden dazu Geschichten erzählen können – aus Ihrer eigenen Erfahrung oder aus der Ihrer Freundinnen und Freunde oder Ihrer Kinder. Es ist großartig, was alles möglich ist; es ist gut, was wir alles schaffen. Aber manchmal sind die Zweifel groß: Schaffe ich das neue Tempo? Kann ich mithalten? Mich noch einmal umstellen auf eine neue Arbeitsorganisation, auf neue Anforderungen? Was tue ich, wenn die anderen schneller sind? Wenn ich nicht mitkomme?

Das sind Fragen, die durch den Kopf gehen, nach einem anstrengenden Tag. Und wie wird es Morgen? Wieder so hektisch? Da fällt das Einschlafen schwer. Woher kommt dann das Vertrauen, mich jetzt in den Schlaf fallen zu lassen?

III

Der Sämann hat alles getan, was er tun konnte. Nun ist es genug und er legt sich schlafen. Seine Sorgen, seine Pläne und Hoffnungen für Morgen gibt er zurück an Gott: „Dir, Gott, dir in die Hände, sei Anfang und Ende, sei alles gelegt.“

Der Mensch vertraut darauf, dass der Same wachsen wird und gedeihen: von selbst, automatisch, man weiß nicht wie. Das kleine Gleichnis vom Menschen, der Samen aufs Feld wirft, wird zu einem Loblied auf den Vertrauen, das uns getrost einschlafen lässt. „Der Fromme schläft nicht nur bei Nacht, sondern während seiner ganzen Lebenszeit. Er lässt es gehen, wie Gott es macht.“

So hat Martin Luther den Glauben beschrieben. Das war seine persönliche Entdeckung in den Anfechtungen und Nöten seines Lebens; es war aber zugleich der Beginn der reformatorischen Bewegung: Der Gerechte wird aus Glauben leben.

Wir tun, was nötig ist – Luther hat immer geschafft, sich bemüht und gerne gearbeitet. Aber er hat entdeckt: für mein Leben ist nicht entscheidend, was ich tue und leiste und wie die Leute mich anschauen, sondern was Gott durch Christus für mich tut. Christus schaut mich freundlich an – auch mit meinen Grenzen und dem, was ich schuldig bleibe. Er ermutigt mich, erhobenen Hauptes durchs Leben zu gehen und das für andere und unsere Gemeinschaft zu tun, was ich kann. Er lässt mich ruhig einschlafen lässt, jeden Abend und am Ende meines Lebens.

Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land. Das ist unsere Aufgabe, das erwartet Gott, das erwarten die anderen Menschen von uns, die uns anvertraut sind. Aber dass dann plötzlich wirklich grüne Spitzen aus dem Boden hervorbrechen, dass die Schneeglöckchen und die Winterlinge seit ein paar Tagen wirklich wieder aus der Erde schauen, das ich erlebe jedes Jahr wie ein Wunder und als Segen Gottes. Es ist genug, was wir tun; Gott sorgt für uns. Wie von selbst, automatisch, bringt die Erde Frucht. Das ist die Botschaft jedes Sonntags.

Darauf vertraue ich. Das macht mich frei. Das weist mir den Weg in das Leben.

IV

Unser Leben gründet im Vertrauen auf Gott. Davon erzählt dieses Gleichnis. Vielleicht lässt sich das am besten an unserem Leben mit Kindern verdeutlichen. Da wird uns ein Mensch geschenkt, von Gott anvertraut. Der bringt schon etwas mit, da steckt schon viel drin: „Guck mal, wie die schon schaut.“ Schon ganz ein eigener Mensch, diese Augen, diese Haltung.

Als Eltern, Großeltern, Tanten und Onkels, Lehrerin, Freund oder Schwester übernehmen wir Verantwortung. Wir legen etwas dazu. Wir geben ihm oder ihr das mit, was uns wichtig ist – und was wir denken, was gut für sie ist. Wir versuchen, ihn zu stärken und zu ermutigen, sie zu bilden. Vor allem möchte ich mein Gottvertrauen weitergeben: was mich trägt, auch in schwierigen Stunden; was mich stark macht, mich anderen frei und mutig zuzuwenden und meine Gaben nicht zu verstecken; was mich gelassen sein lässt, wenn ich nicht weiterkomme. Dass es den aufrechten Gang übt im Vertrauen auf Gott.

Dann wächst dieses Kind heran. Es entwickelt sich, wie von selbst und wir wissen oft nicht wie. Schon bald merken wir, dass es nicht in unserer Hand liegt, wohin der Weg geht und was aus diesem Menschenkind einmal wird. Wir können nur liebevoll und geduldig hinschauen und, wo es möglich ist, unsere Kinder begleiten, wie sie sich zu eigenständigen Personen entwickeln. Wir werfen den Samen auf das Land und lassen ihn frei im Vertrauen auf Gott.

Damit bin ich bei dem zweiten wichtigen Element, der Freiheit. Wer Samen aufs Feld wirft, gibt sie frei. Da steckt ein Risiko drin. Wir streuen Samen aus – und wir wissen nicht, was nachher wachsen wird. Unsere Kinder werden ihren eigenen Weg gehen. Wir wollen, dass sie das können; wir wollen sie dabei unterstützen und stärken. Aber wir haben ihren Weg nicht in der Hand. Wir können sie nicht vor allem beschützen; wir können ihnen nicht alle Weg ebnen. Wir müssen ihnen etwas zutrauen und sie der Gottes Güte anvertrauen.

Deswegen ist mir die Taufe so wichtig: Unsere Kinder gehören uns nicht. Wir bestimmen nicht, was aus ihnen wird. Sie sind freie Christenmenschen wie wir selber. Wir taufen sie nicht in unserem Namen, sondern im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir vertrauen sie Gott an und geben sie frei. Sie sind uns anvertraut, wir übernehmen Verantwortung für sie, aber am Ende, wenn es hart auf hart kommt, wenn wir nicht wissen, was wir tun sollen, dann vertrauen wir darauf, dass Christus mit ihnen geht und sie nicht loslässt.

Gottvertrauen macht uns frei, es richtet uns aber auch aus. So wie der Sämann nach vorne, auf die Ernte. Das ist das Ziel: Unsere Arbeit soll Frucht bringen.

Was heißt das? Christliche Freiheit ist eine Freiheit von Zwängen und eindeutigen Festlegungen. Ich muss nicht so sein, wie andere das wollen; ich gehe meinen eigenen Weg mit Gott. Aber christliche Freiheit führt zugleich in die Verantwortung. Z.B. für die Menschen, die in den letzten zwei Jahren bei uns Zuflucht suchen vor Bürgerkrieg und Gewalt, vor Verfolgung und Elend. Da hat sich gezeigt: Das Wort Gottes ist ein Same. Es hat sich in Köpfen und Herzen, auch in Händen und Bäuchen festgesetzt; es hat sich ausgebreitet, auch wenn wir es lange nicht so gemerkt haben. Und nun wächst es unter uns und bringt viel Frucht.

Jetzt weiß ich wieder, warum ich Christ bin, warum ich in der Kirche bin, hat neulich ein Mann in einer Gemeinde zu mir gesagt. Das, was da ausgesät war, bei der Konfirmation, in den Weihnachtsgottesdiensten, jetzt blüht es auf und bringt Frucht. Viele Menschen waren und sind bereit zu helfen. Obwohl das nicht leicht ist. Wir sind uns oft fremd; wir haben andere Vorstellungen, wie man sich benimmt, was wichtig und richtig ist. Und die Geschichten der Flucht und der Bedrohung sind manchmal kaum zu ertragen.

Aber der Same der Barmherzigkeit ist gelegt - und wie von selbst und niemand weiß wie - macht er Menschen Mut zu helfen und zuzuhören und das zu tun, was nötig ist. Wie der Sämann erleben wir, dass unsere Möglichkeiten begrenzt sind: Warum ist das so schwer eine Arbeit für die junge syrische Frau zu finden? Sie hat doch eine gute Ausbildung, möchte etwas schaffen, ist motiviert! Warum kann die Familie dieses jungen Mannes nicht nachziehen. Das wäre doch für alle leichter; mit der Familie im Hintergrund gelingt doch Integration viel eher.

Wir erleben, dass oft nur kleine Schritte möglich sind, manchmal sehr kleine, mit denen wir gar nicht zufrieden sind. Da sind unsere Grenzen, die Grenzen des Sämanns, der den Samen auf das Feld wirft, der auch regelmäßig nachschaut, Nacht und Tag, wie sich das Feld entwickelt. Aber dann muss er loslassen, freigeben und Gott vertrauen.

Im Gottvertrauen wachsen, dazu ermuntert uns dieses kleine Gleichnis. Gott sorgt für uns und diese Erde. Darauf vertrauen wir.