Le divin et le vin - das Heilige und der Wein

Predigt zu Matthäus 4, 1-11

Liebe Festgemeinde, liebe Schwestern und Brüder,
le divin et le vin, das Heilige und der Wein. Ein wunderbares Motto, um miteinander und grenzüberschreitend Reformationsjubiläum zu feiern. Denn Reformation heißt für mich:
  • 1. Ins Gottvertrauen hinein zu wachsen.
  • 2. In diesem Gottvertrauen frei und mutig zu werden, Grenzen zu überwinden und Verantwortung in unserer Welt zu übernehmen. Und schließlich
  • 3. diese Erfahrung der Freiheit und der Ermutigung gemeinsam zu feiern und das Leben, das Gott uns schenkt, mit seiner Fülle und Freude zu genießen.
Die reformatorische Bewegung konzentriert uns auf Christus. Dadurch gewinnen wir eine große Freiheit und alles andere tritt zurück. Aber nicht im Sinne einer Weltflucht: Hauptsache uns und unserer Kirche geht es gut, sondern indem wir uns von der Bewegung Gottes in die Welt mitreißen lassen, die die Welt verändert.
Gott bleibt nicht irgendwo da oben, sondern kommt in Christus zu uns, mitten hinein in unser Welt: Wir finden ihn als Kind in den Krippen und Flüchtlingslagern dieser Welt, aber auch in den glänzenden Augen und in der Freude am Spiel. Wir finden ihn als Verfolgten und Außenseiter, der verspottet wird: „du bist anders, du gehörst nicht zu uns, du bist unser Feind“, aber auch da, wo Menschen zusammen rücken, einander beistehen und miteinander leckeres frisches Brot und guten Wein teilen.
 
I
Eine Geschichte zum heutigen Sonntag Invokavit, dem ersten Sonntag in der Passionszeit, erzählt von der Spannung und den Versuchungen, in die wir mit Christus auf diesem Weg der Freiheit hineingeraten.

1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« 5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.« 8 Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.
 
II
Was ist die schönste, die zarteste Versuchung seit Eva? Schokolade, ein starkes, schnelles, glänzendes Auto, ein erotisches Parfum - oder ein wunderbarer Reformationscuvee? Die Werbung spielt mit der Anziehungskraft von Versuchungen, von Genuss und Macht und Erotik. „Allem kann ich widerstehen, nur nicht der Versuchung.“ (Oscar Wilde)
Drei große Versuchungen führt uns die Geschichte vor Augen:
  • 1. Nie mehr Hunger: Wäre das nicht wunderbar, wenn du einfach aus Steinen Brot machen könntest?
  • 2. Immer sicher: Das wünschen wir uns doch, dass uns und unseren Lieben nichts passieren kann.
  • 3. Ein guter Weltherrscher: Endlich einer, der den Terror und die Kriege beendet, der die Nationalisten in allen Ländern zur Vernunft bringt und die Menschenrechte durchsetzt.
Immer genug zu essen, Sicherheit und Frieden und Gerechtigkeit: Das verspricht der Teufel Jesus! Warum wehrt sich Jesus gegen diese Versuchungen? Im Kern geht es bei diesem Streit um unser Gottvertrauen! Entscheidend für das Leben auf dieser Erde, so hat gerade Luther betont, ist nicht, was wir tun; entscheidend ist, was Gott für uns tut. Mit dieser Unterscheidung beginnt der Glaube. Durch dieses Gottvertrauen gewinnen wir Freiheit!
 
III
Dann sind Brot und Geld wichtig, aber eben nicht entscheidend. Jesus lässt sich nicht bestechen, obwohl er nach 40 Tagen Fasten hungrig ist. Immer wieder wird der Hunger von Menschen ausgenützt, sie gefügig zu machen: „Wir versprechen euch, ihr werdet besser versorgt, als die da, die Fremden, die Ausländer. Denkt zuerst an euch, wählt die Fleischtöpfe Ägyptens, dann geht es euch gut.“ Dagegen verteidigt Jesus unsere Freiheit: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht.“ Diese Worte tragen uns durchs Leben; sie sind es, die uns im Sterben trösten. Sie geben uns die Freiheit zum Leben.
Es gibt keine totale Sicherheit, das Leben bleibt gefährdet und zerbrechlich. Der Teufel nimmt das große Versprechen aus Psalm 91 auf, dass Gott seinen Engeln befohlen hat, uns auf Händen zu tragen. Viele Eltern wählen es zurzeit als Taufspruch für ihre Kinder. Aber damit ist nicht gemeint, dass Gott alles so macht, wie wir das wollen. Hier auf der Grenze fällt mir 100 Jahre nach den schrecklichen Schlachten wieder das „Gott mit uns“ auf den deutschen Koppelschlössern des 1. Weltkriegs ein. Wir haben auf den Teufel gehört und waren uns sicher, Gott auf unserer Seite zu haben. Wir haben aus Gott einen Götzen gemacht, der unseren Bedürfnissen dienen musste und unseren Interessen. Aber der lebendige Gott, der Vater Jesu Christi, lässt sich nicht ausnutzen für unsere Interessen.
Die dritte Versuchung ist die der Macht. Sie beginnt nicht erst in der großen Politik, bei den Namen, die zurzeit in aller Munde sind. Sie beginnt in meinem Herzen, in meiner Familie, an meiner Arbeit. Da werde ich an die Grenzen geführt. „Du kannst sein wie Gott“, flüstert der Teufel mir ins Ohr. „Du kannst alles bestimmen. Lass doch die anderen. Du bist auf der richtigen Seite. Dir ist alles möglich. Selbst den Tod wirst du in den Griff bekommen, egal, was es kostet.“
In diesen Versuchungen macht Christus mich frei. Ich bin Mensch, nicht Gott. Und die anderen sind meine Geschwister, freie Menschen wie ich. Christus ruft mir zu: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Das ist die Verheißung: Im Geist Christi können viele kleine Leute an vielen kleinen Orten das Gesicht der Welt verändern und ihr ein neues, menschlicheres Gesicht geben.
 
IV
Was hilft gegen die Versuchung?
Nach unserer Geschichte helfen Jesus zuerst die biblischen Worte und Geschichten! Gott hat sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten geführt; seitdem wissen wir: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Christus hat uns in aller Verschiedenheit verbunden: „Da ist nicht Jude noch Grieche, Freier noch Sklave, nicht Mann, noch Frau: ihr seid alle eins in Christus.“ (Galater 3, 28) Der Weg in ein neues Reich des Friedens und der Gerechtigkeit ist offen. Das Wort Gottes, das mir mein Bruder und meine Schwester zusagen, hilft mir, es trägt mich und stärkt mich. Deswegen kämpft die reformatorische Bewegung bis heute darum, dass alle die Bibel lesen und verstehen.
Jesus überwindet den Teufel mit Worten. Aber am Ende ist er nicht allein: „Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“ Die Engel begleiten Jesus auf seinem weiteren Weg bis ans Kreuz und ins Grab. Am Ende sagen sie den Frauen, die ans leere Grab kommen: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Gott hat seinen Weg bestätigt.“
Von guten Worten getragen, von Engel gestärkt, geht Jesus seinen Weg der Gerechtigkeit weiter und ruft uns zu, ihm zu folgen und gemeinsam mit ihm weiter zu gehen. Das ist das zweite, was uns neben der Bibel hilft: Unser Miteinander in seinem Geist, über Grenzen und Unterschiede hinweg. Jesus ist bei uns in unserer Mitte, in den guten Worten, mit denen wir einander ermutigen und manchmal auch in eine andere Richtung schubsen, mit denen wir einander trösten oder uns zum Lachen bringen. Christus ist da: in duftendem Brot und dem wunderbarem Wein, den wir miteinander genießen: ob aus Baden oder aus dem Elsass, oder vereint in einer Flasche.