Klug und nackt: auf dem Weg ins Pfarramt

Predigt über Genesis 3, 1-19 zur Ordination am Sonntag Invokavit 2017 in der Heilig-Geist-Kirche in Heidelberg

Liebe Festgemeinde,
vor allem liebe Ordinandinnen und Ordinanden,
wir erbitten heute den Segen Gottes für Ihren künftigen Dienst als Pfarrerinnen und Pfarrer. Und so wie Sie sich nachher dazu verpflichten, diesen Dienst im Geist Christi zu tun, so sagen wir Ihnen als Gemeinde und Kirche unsere Begleitung und unseren Beistand zu.
Pfarramt, das heißt einen Weg mit dem dreieinigen Gott gehen und zugleich mit den Menschen, die Ihnen anvertraut sind. Die Gemeinden und unsere Kirche freuen sich, dass Sie sich auf diesen Weg machen. Wir sind gespannt auf Ihre Impulse, auf Ihre Frömmigkeit, auf Ihren Humor und Ihre Freundlichkeit, auch auf Ihre Ecken und Kanten. Wir sind neugierig, wie Sie uns in unserem Gottvertrauen stärken und zum christlichen Leben ermutigen werden.

Der heutige Predigttext, ein Urtext der Bibel, schaut in beide Richtungen, die ihr Amt bestimmen: zu Gott und zu den Menschen. Mensch und Gott, beides gilt es ja gut zu unterscheiden, und zugleich zusammen zu halten, denn damit fängt alles an: Gott wird Mensch und verändert unsere Welt, gibt ihr eine neue Perspektive.
Ich lese den Predigttext aus dem 1. Buch Mose im 3. Kapitel, einem biblischen Urtext, der realistisch und geistlich über Gott und die Menschen erzählt:
1 Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? 2 Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; 3 aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! 4 Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, 5 sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. 7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
8 Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten. 9 Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? 10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. 11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? 12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. 13 Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß. 14 Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. 15 Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. 16 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. 17 Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. 18 Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. 19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.
 
I
Wer ins Pfarramt will, geht einen langen Weg. Oft stehen am Anfang Erfahrungen im Konfirmandenunterricht, in der Jugendarbeit oder in der Schule. Dann kommt das Studium, Gespräche mit Kommilitonen, Auseinandersetzungen mit theologischen Lehrerinnen, viele Fragen, oft auch ein Ringen um den Glauben und die Suche nach den richtigen Antworten. Es geht darum, „klug“ zu werden und zu „wissen, was richtig und was falsch, was gut und was böse ist.“ Wenn Ihnen die Schlange das versprochen hätte, hätten Sie den Apfel genommen?
Glücklicherweise mussten Sie sich nicht mehr entscheiden. Eva hatte schon zugegriffen, auch Adam. Aber interessant ist, dass die beiden das nicht tun, weil sie Gott misstrauen oder gegen Gott aufbegehren. Nein, sie wollen wirklich „klug“ werden, sie wollen wissen, was die Welt zusammenhält. Mit dem Apfel ergreifen sie die Freiheit, über dieses Ganze nachzudenken.
 
II
Anders als bei einem langen Theologiestudium und den manchmal mühsamen Examen, hier reicht ein Biss und plötzlich fällt es den beiden wie Schuppen von den Augen: Wir sind nackt. Wir unterscheiden uns, von einander und von Gott.
Die Frucht vom Baum macht klug und nackt. Das hebräische Wort „arum“ kann klug oder nackt bedeuten. Beides liegt nah beieinander. Denn kaum haben Adam und Eva, Gottes Gebot übertreten, nehmen sie sich anders wahr. Wer sich mit Klugheit anschaut, entdeckt die eigene Nacktheit. Nicht nur im Sinne seiner körperlichen Blöße, sondern dass manches, was so selbstverständlich und sicher erscheint, plötzlich in Frage steht. Was sagen die prüfenden Blicke der anderen? Bin ich wichtig für dich? Erkennst du mich an? Kann ich vor meinen eigenen Ansprüchen bestehen? Oder stehe ich mit leeren Händen da, nackt und schutzlos?
Sie werden in den nächsten Jahren oft Menschen begegnen, die sich nackt fühlen. Sie werden ihnen helfen, einen Weg durch die Verunsicherung oder Not zu finden. Sie werden Wege suchen, diesen Menschen das Wort von der Rechtfertigung des Gottlosen so zu sagen, dass sie in ihrem Glauben gestärkt werden und neuen Lebensmut bekommen.
Manchmal wird es Ihnen aber auch selbst so gehen, dass Sie sich fragen, habe ich das richtige Wort, bin ich dem hier gewachsen. Hoffentlich erinnern dann auch die Anderen Sie daran, dass Gott den beiden Nackten später Schurze macht, Röcke und Hosen, und eben auch Talare, die helfen und stärken, wenn man z.B. angesichts eines schweren Todesfalls die eigene Hilflosigkeit spürt und nur noch hofft, dass Gott endlich selbst kommt und tröstet und in den Arm nimmt.
 
III
Adam und Eva entdecken beim Zubeißen noch etwas Zweites: Sie sind beide nackt; sie sind Teil des Lebens im Garten; aber sie sind auch verschieden. Nicht nur körperlich, sie haben auch unterschiedliche Interessen, gegensätzliche Ziele. Eva ist schuld, sagt Adam. Aber Eva will es auch nicht gewesen sein. Sie verweist auf die Schlange. Aber ist die nicht auch von Gott? Ist also Gott schuld an all diesen beängstigenden Entdeckungen? Schuld ist ein gutes Thema, bei dem die Unterschiede schnell deutlich werden.
Wer das Ganze erkennt, entdeckt, wie verschieden wir sind. Jeder von uns hat eine ganze besondere Geschichte hinter sich, bevor er hier sitzt. Jede hat ihre Sympathien und Antipathien, ihre Hoffnungen und Ängste, wie es weiter gehen wird. Vor Gott und auf dieser Erde ist viel Platz für Unterschiedlichkeit, im Privaten bis ins Politische.
Auch das wird Sie in Zukunft beschäftigen. Unsere Kirche lebt in einem Geist der Vielfalt, die aber nicht in Beliebigkeit oder Gleichgültigkeit auseinanderfällt. „Das ist nicht Jude noch Grieche, nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau – ihr seid alle eins in Christus.“ Das heißt ja, die Unterschiede sind da. Vielleicht sind heute andere Zuordnungen wichtiger: arm und reich z.B. Oder die Auseinandersetzung zwischen den einen, die für ein neues, verkleinertes Gemeindehaus sind, und denen, die dagegen sind. Oder für und gegen eine Vesperkirche in „unserer“ Kirche.
Sie werden in den nächsten Jahren solche Konflikte erleben und mit ihrer Gemeinde, ihrer Einrichtung einen Weg suchen, sie im Geist Christi zu gestalten. Mir ist aber wichtig, dass Sie auch Ihre eigene Unterschiedlichkeit als Gabe pflegen und gestalten. Das evangelische Pfarramt ist ein Amt der Freiheit und lebt davon, dass Sie es mit Ihrem „Spirit“ füllen; natürlich nicht so, als seien Sie Pfarrherren und Herrscherinnen über Ihre Gemeinden, aber doch so, dass es den Glauben und das Zeugnis immer nur persönlich geprägt gibt.
 
IV
Die letzte Entdeckung, die Adam und Eva machen: Wir sind Menschen, nicht Gott.
Wir sind Menschen und Teil der einen Erde, so wie die Schlange. Wer „klug“ ist, stellt sich darauf ein und bleibt mit beiden Füßen auf dem Boden, auch im Pfarramt. Bodenständigkeit und Volkstümlichkeit galten früher als gute pastorale Eigenschaften. Wahrscheinlich brauchen wir heute andere Worte. Aber dass Sie sich ernsthaft im Pfarramt für den Alltag der Menschen interessieren, für das, was ihren Gemeindegliedern Spaß macht, was sie anstrengt, wovor sie sich fürchten, gerade auch für das, worüber sie nicht reden wollen, dass Sie sich dafür interessieren, das halte ich für wichtig. Gott selbst war sich nicht zu schade für die Krippe, den Stall, die Kranken oder auch den politischen Streit.
Wir sind Menschen, nicht Gott. Wahrscheinlich ist das die wichtigste Entdeckung dieser Geschichte. Weil es all unser Tun und Lassen unter einen Vorbehalt stellt: Ich bin „klug“, aber ich bin auch nackt. Ich kann und weiß viel, aber nicht alles. Alles, was ich sage und denke, überschreitet die eine Grenze nicht: am Ende wird Gott sich offenbaren und uns an einem Tisch versammeln und reich bewirten. Da werden dann auch die sitzen, mit denen wir über die Gestaltung des Außengeländes des Kindergartens bis aufs Messer gestritten haben, und auch die, die enttäuscht waren von meiner Trauerpredigt damals.
Wir sind Menschen, nicht Gott. Das hilft, in allen Unterschieden nach dem Gemeinsamen und Versöhnlichem Ausschau zu halten, aber auch den eigenen Standpunkt klar und deutlich zu vertreten – und wenn sich dann doch ein anderer durchsetzt, getrost und gelassen zu bleiben.
Am Ende hat die Schlange ja glücklicherweise Recht behalten. Gott lässt Adam und Eva nicht sterben. Im Gegenteil. Er geht durch den Garten und sucht Adam und Eva: Wo bist Du, Mensch?
Adam und Eva fürchten sich, weil ihnen nach dem Apfelbiss klar ist, wie sehr Gott und Mensch sich unterscheiden. Aber Gott reagiert auf die Übertretung des Verbots anders, als wir das gedacht haben. Auch in diesem Sinne ist es gut, dass Gott Gott ist und nicht wie ein Mensch kleinkariert zuerst auf Strafe oder Rache sinnt.
Gott ruft: „Wo bist du, Mensch?“ und hält die Beziehung und bekleidet Adam und Eva mit Fellen. Auch „jenseits von Eden“ eröffnet sich eine Lebensperspektive für die Menschen: mit Arbeit und Mühsal, mit Liebe und Hoffnung auf Nachkommen.
 
V
Auch das Pfarramt gibt es nur „jenseits von Eden“, im Paradies war keine Ordination nötig. Sie haben es schon im Vikariat erlebt: Es ist manchmal Mühsal, aber oft auch eine Freude zu erleben, wie Worte und Gesten, wie Beten und Schweigen, Segnen und diakonisches Handeln, Menschen stärkt, so dass sie freier und mutiger leben und am Ende auch getrost sterben können.
Adam und Eva leben gemeinsam; sie sind aufeinander angewiesen, so wie wir das in der Kirche sind. Ich hoffe, dass Sie sich als Kolleginnen und Kollegen in den nächsten Jahren im Auge behalten, sich austauschen, beraten und wechselseitig stärken. Ich wünsche Ihnen, dass Sie bald erfahren, dass Sie nicht immer nur stark sein müssen, sondern auch in Ihren Gemeinden Menschen finden, die Sie trösten, wenn das nötig ist und oder Ihnen mit ihren Worten so etwas sagen wie: „Vielen Dank, wir merken, wie Sie um Gottes Wort ringen. Wir freuen uns, dass Sie da sind.“
Am Ende der Geschichte sind Adam und Eva klug und nackt. Sie stehen in allen Herausforderungen und Konflikten, Freuden und Mühen unter dem Segen Gottes, den wir heute auch für sie erbitten.