"Singt dem Herrn ein neues Lied"

Predigt zu Matthäus 21, 12-17 im Gottesdienst zum Reformationsjubiläum in Gernsbach am 14.05.2017

12 Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler 13 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.
14 Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. 15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrieen: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich 16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«? 17 Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.
 
Liebe Gemeinde,
wir feiern 500 Jahre Reformation: Was heißt Reformation für uns heute? Wir feiern in einer Kirche, die 50 Jahre älter ist als die Reformation. Sie wurde 1467 als Jakobskirche an einem Pilgerweg gebaut: Wie verhält sich die Reformation zu denen, die vorangegangen sind? Wie ökumenisch ist die Reformation? Wir feiern am Sonntag Kantate, dem Sonntag, an dem wir gemeinsam aufgerufen sind: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder“: Welche Lieder wollen wir heute gemeinsam zum Lobe Gottes singen?
 
I
„Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ In diesem Leitvers, der uns durch diese Woche begleitet, stecken drei wichtige Antworten auf diese Frage: Was feiern wir, wenn wir Reformation feiern? Und was heißt Reformation für unser Miteinander?
  1. Ausgangspunkt unseres Lobens und Singens ist: Gott tut Wunder. Deshalb singen und loben wir, weil Gott Wunder tut; damit fängt alles an. Das war der Ausgangspunkt der Reformation: Entscheidend ist nicht, was wir tun und was die Kirche sagt, entscheidend ist, was Gott für uns tut.

    Luther hat das persönlich erlebt. Er hat sich angestrengt, alles richtig zu machen. Er wollte besonders fromm sein und sich vor Gott und den Menschen so zeigen, dass alle sagen: Der ist wirklich gut und gerecht. Daran ist er gescheitert. Er hat gemerkt: Es gibt immer noch etwas, was besser sein könnte, was wir nicht bedenken, wo wir Menschen kränken oder übersehen.

    Reformation heißt zu entdecken: Wir leben aus Gottes Gnade. Wir vertrauen darauf, dass Gott uns durch die Zeit trägt, dass wir uns auf Christus im Leben und im Sterben verlassen können. Dass Gott Wunder tut.

  2. Neue Lieder sollen wir singen. Deshalb gibt es immer wieder Reformationen; schon in der Geschichte des Volkes Israel, aber dann auch in allen Zeiten der Kirche. Wir suchen, wie wir heute Gott loben können. Wie wir den Menschen unserer Tage deutlich machen können, dass Gottvertrauen mutig und frei macht. Es geht nicht darum, immer wieder dieselben Lieder zu singen und die gleichen Worte zu sagen. Gottes Wort ist jeden Morgen neu. Das war der Reformation wichtig. Deshalb suchen wir nach neuen Liedern, die uns heute ermutigen und herausfordern.

  3. Und schließlich: „Singt dem Herrn!“ Wir singen dem einen Gott: dem Vater, dem Sohn, dem Heiligen Geist. Nicht erst seit 500 Jahren, sondern schon seit Christus – und eigentlich noch viel länger; denn durch Christus stimmen wir ja ein in den Chor des Volkes Gottes. Wir singen unsere Psalmlieder mit Abraham und Sarah, mit David und Batseba, mit Mose und Miriam, die ausziehen aus der Unfreiheit und der Ungerechtigkeit.

    Wir singen gemeinsam zum Lob des einen Gottes, auch wenn die Reformation die christliche Kirche noch weiter gespalten hat. Neben die römisch-katholische und die orthodoxe Kirchenfamilie ist damals noch eine protestantisch-evangelische getreten.

    Dieses Jahr gelingt es uns zum ersten Mal, das Jubiläum ökumenisch zu feiern.
    • Als ein Fest, das uns daran erinnert, wie viel Schrecken und Intoleranz die Kirchenspaltung in unsere Welt gebracht hat. In diesem Sinn ruft uns das Jubiläum zur Umkehr.
    • Als ein Fest, dass allen Kirchen Mut macht, sich selbst, aber auch die anderen nach einer Erneuerung im Geist Christ zu fragen.
    • Als ein Fest, das uns auf dem Weg zur Einheit stärkt, um die Christus zu Gott betet: „dass alle eins seien, damit die Welt glaube“.
 II
Unser Predigttext beginnt mit einem Aufruhr. Im Tempel in Jerusalem ist viel los. Da wird gebetet und aus der Schrift vorgelesen. Da werden die Psalmen gesungen. Aber da wird auch geredet und geschrien, da werden Geschäfte gemacht. In den Vorhöfen, direkt vor dem Eingang zum Tempel, hatte man wohl eher den Eindruck auf einem Marktplatz zu sein, als in einer Kirche.
In diesen Trubel platzt Jesus hinein: Ruhe, raus hier! Ihr habt hier nichts verloren; ihr wollt Geschäfte machen. Das macht draußen. Hier geht es ums Beten und nicht ums Geld. Er wirft die Tische und Stände um und die Händler raus. Schluss mit dem Klappern der Münzen. Im Streit zwischen Geld oder Gott; im Streit über die Frage: Wer hat die Macht über die Herzen der Menschen, sagt Jesus eindeutig: Hier ist Gottes Haus, ein Bethaus, kein Geldhaus.
Aber nicht der Aufruhr ist das Ziel, sondern dass sich die Welt im Geist Gottes verändert. Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. Jetzt kommen die Menschen in Not im Tempel zu Wort; die, die sonst vor der Tür des Tempels bleiben und draußen auf ein Wunder oder auf Heilung warten. „Kommt herein! Hier ist euer Platz“, ruft Jesus ihnen zu. Ihr, die Kranken, die Traurigen, die Armen, die Opfer von Gewalt, ihr, die ihr an euch zweifelt, die ihr euch fragt: Was bin ich eigentlich wert? Ihr seid Gott besonders wichtig.
So ist es auch mit der Reformation. Sie sucht nicht den Aufruhr oder die Abgrenzung. Sie führt uns zu Gott. Sie ermutigt die Menschen, die mühselig und beladen sind. Sie stärkt unser Gott-vertrauen. Deshalb: singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!
 
III
Heute sind wir uns in den Kirchen einig. Das Heil kann man sich nicht kaufen, auch nicht dadurch, dass man viel stiftet. Gottes Liebe breitet sich gerade unter denen aus, die sie besonders nötig haben. Der Glaube ist ein Geschenk, etwas, was ich dankbar von Gott annehme. Aus diesem Geschenk werde ich frei, frei für andere da zu sein, frei Verantwortung zu übernehmen, frei, mit meinen Gaben und auch meinem Geld im Geist Christi umzugehen.
Die Reformation hat diesen grundlegenden Wechsel erkannt und herausgestellt: Entscheidend ist nicht, was ich tue, sondern, dass ich mich von Gott beschenken lasse und mich in Gottes Vertrauen berge. Luther schaut aus dem Fenster auf das Kreuz; von daher kommt das Heil.
Aber dann wurde diese Erkenntnis zum Unterscheidungsmerkmal. Statt nach neuen Wegen zu suchen, die uns gemeinsam weiter bringen, begannen die Kirchen zu sortieren: Ihr da und wir hier. So kam es zur Spaltung, an die wir heute voller Trauer denken. Die Kriege zwischen den Konfessionen haben viele Menschen das Leben gekostet. Sie haben ganze Landstriche verwüstet und viele aus ihrer Heimat vertrieben; in manchen Gebieten Deutschlands lebten nach dem dreißigjährigen Krieg nur noch ein Drittel der Menschen wie zuvor, so wie heute in Syrien.
Und noch lange ging die Spaltung bis in die Familien hinein und dauerte fort und fort, manchmal bis heute. Ich bin in Fulda aufgewachsen und habe erlebt, wie Klassenkameraden zu Hause hörten: wenn du dich mit der befreundest, das kann nichts werden. Die ist evangelisch – oder eben katholisch, je nachdem – das akzeptiert die Oma nicht und wir auch nicht. Da wurden Liebesgeschichten, die schön und romantisch anfingen, plötzlich zu Leidensgeschichten, die kein gutes Ende fanden.
Heute erkennen wir uns evangelisch und katholisch als Geschwister, die aneinander schuldig geworden sind; wir bringen vor Gott, was wir einander angetan haben und bitten um Vergebung.
 
IV
Besonders schwer war es für die kleinen Kirchen. Die Täufer, die sagten, dass nach der Bibel nur Erwachsene getauft werden können, und diejenigen, wie die Mennoniten, die sich grundsätzlich gegen Gewalt aussprachen. Sie wurden von beiden Großkirchen vertrieben und verfolgt.
Dabei brauchen wir einander und gerade auch die Kleinen: als Stachel im Fleisch, als Mahnung, dass das, was Gott uns sagen will, immer noch mehr ist, als das, was wir allemal schon wissen. Wenn sie so wollen, brauchen wir mehr Simultankirchen, wie diese hier mal eine war. Weil das symbolisch zeigt, dass dem Leib Christi etwas fehlt, wenn nicht alle dabei sind.
Wir brauchen eine Ökumene der Gaben: Was würde dem Leib Christi fehlen, wenn es die Orthodoxen nicht gäbe: eine wunderbare Liturgie? Und von den katholischen Geschwistern können wir den weiten Blick auf die Welt lernen, die Sorgfalt im Umgang mit Traditionen, aber auch, dass eine Person sich für die weltweite Einheit der Christenheit, aber auch aller Menschen, der nicht-menschlichen Natur und der Generationen verantwortlich weiß; mit Papst Franziskus erleben wir, wie hilfreich, tragend und herausfordernd das ist.
Wir brauchen die baptistische Gemeinschaft, weil sie uns zeigen, dass ich meinen Glauben persönlich verantworten muss. Das ist für uns, die wir die persönliche Freiheit in Glaubens- und Gewissensfragen betonen, eine wichtige Herausforderung. Und ohne die Mennoniten hätten die großen Kirchen vielleicht in vielen Jahrhunderten den Ruf Jesu vergessen: die Feinde zu lieben und gewaltfrei zu leben.
Und wir, die Evangelischen? Was würde dem Leib Christi fehlen, wenn es uns nicht gäbe? Wir lieben die Bibel – die neue Übersetzung ist schon wieder ein Renner. Wir fragen nach den neuen Liedern, nach dem, was zeitgemäß ist, was heute gesungen und gesagt werden soll, wie wir die Zielgruppen erreichen: die alten und die jungen, auch die, die lieber ein „zweites“ Gottesdienstprogramm feiern. Für uns ist auch die politische Verantwortung wichtig, die Mitverantwortung vor Ort in der Kommune. Das ist riskant, weil man sich manchmal auch vom Zeitgeist auf falsche Fährten führen lässt.
Die eine Kirche Jesu Christi braucht uns alle, weil sie größer ist als jede einzelne unserer Kirchen.
Es freut mich, dass Sie hier in Gernsbach eine gute ökumenische Zusammenarbeit leben, in der Sozialstation und der Bücherei, bei der Allianzgebetswoche, dem Weltgebetstag, der Woche für das Leben oder in der Bibelwoche. Wir gehören zusammen, wir brauchen einander, niemand glaubt für sich allein.
 
V
Schließlich nennt unsere Geschichte am Ende ein Kriterium für alle unsere Reformationen. Wann sind wir als Kirchen auf dem richtigen Weg? Wenn die Unmündigen und die Kinder anfangen, Gott zu loben. Wenn die Kinder, die Jugendlichen, die jungen Leute spüren, hier wächst eine neue Zukunft und deshalb Gott loben.
So ging es ja den Kindern im Tempel. Sie haben erlebt, wie Jesus heilt, wie Arme Lebensmut bekommen, wie Kranke gestärkt werden, wie Trauernde Trost finden. Da brechen sie in Jubel aus, in ein wildes Geschrei und verleihen ihrer Freude lautstarken Ausdruck; das hat manche geärgert. Aber genau daran erkennt man, dass der Glaube lebendig wird: »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet, Gott.«
Das hebräische Wort für Lob heißt OZ. Dieses Wort bedeutet nicht nur Lob, sondern gleichzeitig auch Macht und Kraft, Bollwerk und Schutzwall. Das heißt, im Lob der Kinder und Unmündigen, in ihrer Lebenskraft und Lebensfreude zeigt sich die Macht Gottes. Ihr lautes Geschrei bildet so etwas wie einen Schutzwall um das Leben. Es ist ein Rufen und Singen, das die Welt erneuert und verändert.
Für mich steckt darin eine Verheißung, aber auch ein Auftrag an uns als Kirchen. Macht die Türen für Kinder und Jugendliche in den Kirchen weit auf. Erzählt schon in Kindergärten und Krabbelgruppen, in Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht von dieser neuen Wirklichkeit und lebt, was Jesus in unsere Welt gebracht hat: Versöhnung zwischen Menschen, die zerstritten sind; Ermutigung auf einen zuzugehen, der ganz anders; sich für diejenigen einsetzen, die am Rande stehen: all das lässt sich schon früh leben und einüben. Deshalb sagt Jesus: Lasset die Kinder zu mir kommen. Sie spüren den Aufbruch und machen ihn stark.
 
VI
Wir feiern 500 Jahre Reformation. Wir sind froh, dass wir es endlich gemeinsam tun. Dass wir in unseren Kirchen neue Lieder anstimmen, die den Menschen Mut machen, Gott zu vertrauen und aus diesem Vertrauen Verantwortung für unsere Welt zu übernehmen.
Deshalb: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“