Liebe Gemeinde hier in der Jesuitenkirche,
morgen, am Sonntag Rogate, „Betet“, öffnet die Ausstellung „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt“, offiziell ihre Pforten. Wir werden nachher im Reiss-Engelhorn-Museum in eine Welt geführt, in der das römische Christentum über fünfzehn-, sechzehnhundert Jahre das Leben in Europa prägte. Die Päpste spielten in dieser Welt mit ihren drei „Körpern“ eine zentrale Rolle: Sie waren wichtige Akteure in der Politik. Sie waren geistliche Führer und Repräsentanten der Einheit der römischen Kirche. Und sie waren auch immer als Personen erkennbar. Der Weg, den die Ausstellung abschreitet, beginnt in einer vielfältigen religiösen und christlichen Geographie und endet mit einer neuen konfessionellen Spaltung. Sie wird ab Ende Oktober Thema der Ausstellung zur Reformation sein.
Die Kraft des Gebetes
Predigt über Lukas 11, 5-13 zur Eröffnung der Ausstellung "Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt" am 20.05.2017 in Mannheim
Woher kommt die Kraft zur Einheit in Verschiedenheit?
Erzbischof Burger und ich waren im Herbst 2014 ungefähr vier oder fünf Monate im Amt, da wurden wir bei einem Podiumsgespräch in Konstanz von der Moderatorin nach dieser Einheit gefragt: Sind das Konzil in Konstanz und die Verbrennung von Jan Hus auch ein Teil der evangelischen Geschichte? Und ist die Reformation auch für die römisch-katholische Kirche wichtig? Wir waren, glaube ich, beide gespannt, was der jeweils andere sagen würde. Und froh, dass wir beide deutlich „ja“ gesagt haben. Was trägt dieses „Ja“?
Eine wichtige Antwort für mich heißt: das Gebet. Papst Franziskus nennt das Beten in seinem apostolischen Schreiben über die Freude des Evangeliums (Evangelii Gaudium) die Lunge der Kirche, das Ein- und Ausatmen, das den Leib Christi am Leben hält. Und Martin Luther hat betont: „Eines Christen Handwerk ist es zu beten!“
I
Ich lese den in den evangelischen Kirchen für Rogate vorgeschlagenen Predigttext:
1 Und es begab sich, dass Jesus an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. 2 Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. 3 Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag 4 und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden. Und führe uns nicht in Versuchung.
Der bittende Freund
5 Und Jesus sprach weiter zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.
9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? 12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!
Der bittende Freund
5 Und Jesus sprach weiter zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.
9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? 12 Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!
II
Beten will gelernt sein. Wer lehrt uns beten? Beten lernt sich am besten von Menschen, die selber beten und denen wir vertrauen. Heute eher von Müttern und Großmüttern als von Vätern. Von Freundinnen und Freunden, von Geistlichen.
Muss man gut beten können, um es andere zu lehren? Wer die Geschichte von Jesu Gebet im Garten Gethsemane liest, entdeckt, dass Beten die Angst vor dem Weg, den ich gehen muss, nicht ausschließt. Zum Beten gehört der Zweifel und die Anfechtung und die Demut (Benedikt XVI). Beten ist ein zerbrechlicher Akt, immer wieder durch die Erfahrungen von Ohnmacht, aber auch von Selbstverständlichkeiten oder Allmachtsphantasien gefährdet.
Die Kraft des Gebetes zeigt sich darin, dass es Menschen hilft innezuhalten, sich selbst in Frage zu stellen, bevor es ans Machen und Entscheiden geht. Menschen gewinnen Päpste und andere Lehrerinnen und Lehrer der Kirche lieb, wenn sie bei ihnen dieses Innehalten und Loslassen aus Gottvertrauen spüren. (Dietrich Bonhoeffer) Gerade die Kirchen mussten und müssen das immer wieder neu von Christus lernen. Dass sie nicht aus ihrer Macht leben, sondern aus dem Vertrauen auf Gott.
Beten ist wie Reden mit einem guten Freund oder einer guten Freundin. Da kann ich zu unmöglichen Zeiten kommen. Da bin ich auf du und du. Da sind die Konventionen nicht entscheidend. Da darf ich auch drängen und nerven, wie die bittende Witwe. Das alles hält die Freundschaft mit Gott aus. Sie bildet die Basis für den Dialog mit dem Himmel, die niemand und nichts zerstören kann. Alles kann ich sagen, alles erbitten, auch Schuld eingestehen und auf Vergebung hoffen.
Muss man gut beten können, um es andere zu lehren? Wer die Geschichte von Jesu Gebet im Garten Gethsemane liest, entdeckt, dass Beten die Angst vor dem Weg, den ich gehen muss, nicht ausschließt. Zum Beten gehört der Zweifel und die Anfechtung und die Demut (Benedikt XVI). Beten ist ein zerbrechlicher Akt, immer wieder durch die Erfahrungen von Ohnmacht, aber auch von Selbstverständlichkeiten oder Allmachtsphantasien gefährdet.
Die Kraft des Gebetes zeigt sich darin, dass es Menschen hilft innezuhalten, sich selbst in Frage zu stellen, bevor es ans Machen und Entscheiden geht. Menschen gewinnen Päpste und andere Lehrerinnen und Lehrer der Kirche lieb, wenn sie bei ihnen dieses Innehalten und Loslassen aus Gottvertrauen spüren. (Dietrich Bonhoeffer) Gerade die Kirchen mussten und müssen das immer wieder neu von Christus lernen. Dass sie nicht aus ihrer Macht leben, sondern aus dem Vertrauen auf Gott.
Beten ist wie Reden mit einem guten Freund oder einer guten Freundin. Da kann ich zu unmöglichen Zeiten kommen. Da bin ich auf du und du. Da sind die Konventionen nicht entscheidend. Da darf ich auch drängen und nerven, wie die bittende Witwe. Das alles hält die Freundschaft mit Gott aus. Sie bildet die Basis für den Dialog mit dem Himmel, die niemand und nichts zerstören kann. Alles kann ich sagen, alles erbitten, auch Schuld eingestehen und auf Vergebung hoffen.
III
Unser Text erzählt noch eine zweite kleine Geschichte: vom Vater und den Kindern, von Brot und Steinen, von Fischen und Eiern, Schlangen und einem Skorpion. Die Schule des Betens ist der Alltag. Es geht um Elementares: um Brot, um das, was wir zum Leben brauchen; um Gemeinschaft und Gastfreundschaft; um Vergebung der Schuld. Nicht umsonst haben viele von uns das Beten am Tisch und vor dem Einschlafen gelernt. Kirche lässt sich mitnehmen von Gottes Bewegung in die Welt und zieht selbst den Glauben ins Leben.
Ich war vor ein paar Monaten mit einem Patenkind als Konfirmationsgeschenk im Europa-Park. Da waren auch viele muslimische Menschen. Wir haben erlebt, wie an verschiedenen Stellen gebetet wurde, z.B. direkt hinter dem Silver-Star. Mein gerade Konfirmierter war fasziniert. Was passiert da? Warum unterbricht eine Frau einfach den Ausflug, das Vergnügen, um zu beten?
Wir hatten ein spannendes Gespräch: Dass sie im Unterricht über das Gebet geredet haben, aber beten …, das ist etwas ganz Intimes. Wo und mit wem würde ich beten? In der Familie, mit meinen Kindern? In der Gemeinde, im Freundeskreis? Oder doch nur allein? Das evangelische Gebet scheut sich vielleicht noch mehr vor dem öffentlichen Raum als das katholische. Da kann eine kirchliche, eine päpstliche Praxis Mut machen zu einer eigenen verantworteten, sichtbaren Frömmigkeit: nicht demonstrativ-abgrenzend, sondern im Gottvertrauen und im Wissen um die Anfechtung.
Ich war vor ein paar Monaten mit einem Patenkind als Konfirmationsgeschenk im Europa-Park. Da waren auch viele muslimische Menschen. Wir haben erlebt, wie an verschiedenen Stellen gebetet wurde, z.B. direkt hinter dem Silver-Star. Mein gerade Konfirmierter war fasziniert. Was passiert da? Warum unterbricht eine Frau einfach den Ausflug, das Vergnügen, um zu beten?
Wir hatten ein spannendes Gespräch: Dass sie im Unterricht über das Gebet geredet haben, aber beten …, das ist etwas ganz Intimes. Wo und mit wem würde ich beten? In der Familie, mit meinen Kindern? In der Gemeinde, im Freundeskreis? Oder doch nur allein? Das evangelische Gebet scheut sich vielleicht noch mehr vor dem öffentlichen Raum als das katholische. Da kann eine kirchliche, eine päpstliche Praxis Mut machen zu einer eigenen verantworteten, sichtbaren Frömmigkeit: nicht demonstrativ-abgrenzend, sondern im Gottvertrauen und im Wissen um die Anfechtung.
IV
Auf dem Weg zur Einheit der Kirchen gehört das Gebet in die Mitte. Papst Franziskus hat in "Freude des Evangeliums" das Fürbittengebet als die heute zentrale Form des christlichen Betens beschrieben. Auch Jesus spricht in unserem Bibeltext von der Fürbitte: Der Freund bittet ja seinen Freund nicht für sich um Brot, sondern für einen Dritten, der Gastfreundschaft bei ihm begehrt.
Die Fürbitte als Kennzeichen unserer Verbundenheit im einen Leib Christi, als Ausdruck unserer Vertrautheit mit Gott. Wir beten für Frieden in Syrien, auch wenn die Politik keinen Weg sieht. Wir beten für die Menschenrechte der jungen Frauen, die vor zwei Jahren in Chibok in Nigeria von Boko Haram entführt worden sind. Sie gehören zu uns. Sie sind deine Kinder, Gott, deine Ebenbilder, Christus! Wir werden nicht aufhören, für sie zu beten. Gemeinsam als Kirchen in einem Leib.
Die Fürbitte als Kennzeichen unserer Verbundenheit im einen Leib Christi, als Ausdruck unserer Vertrautheit mit Gott. Wir beten für Frieden in Syrien, auch wenn die Politik keinen Weg sieht. Wir beten für die Menschenrechte der jungen Frauen, die vor zwei Jahren in Chibok in Nigeria von Boko Haram entführt worden sind. Sie gehören zu uns. Sie sind deine Kinder, Gott, deine Ebenbilder, Christus! Wir werden nicht aufhören, für sie zu beten. Gemeinsam als Kirchen in einem Leib.
V
In der Mitte steht die große Zusage: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Jesu Worte sind keine Selbstverständlichkeit. Wir trauen ihnen nur unter besonderen Umständen: als Kind gegenüber unseren Eltern und manchmal auch den Geschwistern, in einer guten Freundschaft, in einem Kreis von vertrauten Kolleginnen und Kollegen. So vertraut, so intim ist unsere Beziehung zu Gott im Gebet.
Dein Reich komme, Gott.
Dein Reich komme, Gott.
