Die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Pfingsten, liebe Gemeinde, weht der Wind Gottes in unsere Köpfe und Herzen. Auf manchen alten Bildern sieht man kleine Flammen über den Köpfen, auf anderen gehen die Fenster und Türen auf, die Kleider wehen. Die Geistkraft Gottes rüttelt und schüttelt uns durch, gerade auch in unseren trauten Runden in unseren Kirchen. Auf geht’s, kommt, seid mutig und bewegt euch. Der Geist der Freiheit will sich in uns, unter uns und durch uns ausbreiten und die Welt erneuern.
Für mich ist Pfingsten deshalb das Fest des Aufbruchs und der Erneuerung, so etwas wie ein jährlicher Kirchentag in allen Kirchen, eine Ermutigung, uns als Kirche hineinzubewegen in die Welt.
Manche schauen jetzt vielleicht ein bisschen skeptisch. Erneuerung der Kirche? Aufbruch? Sind wir zurzeit nicht eher schon froh, wenn alles so weiter geht wie bisher? Sind wir nicht auf dem Rückzug und versuchen uns darin einzurichten: small is beautiful, klein kann doch auch ganz schön sein!?
Ich habe für heute einen Predigttext aus dem Galaterbrief mitgebracht. Auch die Galater haben an Schwung verloren. Sie feiern Pfingsten lieber in ihrer guten Stube und unter sich als Geburtstagsfest ‚ihrer‘ Kirche. Sie können sich nicht vorstellen, gemeinsam in der Kraft des Heiligen Geistes aufzubrechen.
Pfingsten weht der Wind Gottes in unsere Köpfe und Herzen
Predigt über Galater 3, 1-5 an Pfingstsonntag (04.06.2017) in der Stadtkirche Karlsruhe
1 O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte?
2 Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?
3 Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihr‘s denn nun im Fleisch vollenden?
4 Habt ihr denn so vieles vergeblich erfahren? Wenn es denn vergeblich war!
5 Der euch nun den Geist darreicht und tut solche Taten unter euch, tut er‘s durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?
Die Galater haben den Geist empfangen. Sie haben in ihm begonnen. Die Kraft des Geistes hat sie zu besonderen Taten befähigt. Aber das ist schon eine Weile her. Sie spüren diese Geistkraft nicht mehr, die alles durchrüttelt. Sie wollen leben wie alle anderen.
Das kann Paulus nicht verstehen und klingt fast ein bisschen verzweifelt. „Ihr habt doch den gekreuzigten Christus vor Augen; wie könnt ihr da einfach so tun, als wäre nichts geschehen? Ihr habt doch die Geistkraft Gottes empfangen!“
Sein ganzer Brief wirbt dann um die Gemeinde und malt ihr vor Augen, wie wunderbar das Leben im Geist Gottes ist. Was zeichnet diesen Geist aus?
I
Er führt Menschen zusammen, die sich aus religiösen, sozialen, politischen oder kulturellen Gründen fremd oder gar feind sind oder waren: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt eins in Christus Jesus“ (Gal. 3, 28) heißt es wenige Verse später am Ende des 3. Kapitels des Galaterbriefes. Unter dem Kreuz entsteht in diesem Pfingstgeist eine neue Gemeinschaft, eine, die sich nicht an die Grenzziehungen und Wertungen hält, die unseren Alltag normalerweise bestimmen.
Vesperkirchen sind so eine Gemeinschaft. Karlsruhe, Frühstück im Gemeindehaus. In Singen habe ich das dieses Jahr erlebt. Menschen mit Beeinträchtigungen, Menschen in sozialen Notlagen, Menschen, die sich einfach freuen, nicht allein zu essen. Mitarbeiter in Firmen. Flüchtlinge. Auszubildende. Sie reden und spielen, essen und trinken miteinander und finden in dem einen Geist zusammen. Sie entdecken sich gegenseitig als Gottes Kinder, als Freundinnen und Freunde. „Ihr habt im Geist begonnen!“
Vesperkirchen sind so eine Gemeinschaft. Karlsruhe, Frühstück im Gemeindehaus. In Singen habe ich das dieses Jahr erlebt. Menschen mit Beeinträchtigungen, Menschen in sozialen Notlagen, Menschen, die sich einfach freuen, nicht allein zu essen. Mitarbeiter in Firmen. Flüchtlinge. Auszubildende. Sie reden und spielen, essen und trinken miteinander und finden in dem einen Geist zusammen. Sie entdecken sich gegenseitig als Gottes Kinder, als Freundinnen und Freunde. „Ihr habt im Geist begonnen!“
II
Eins in Christus. Wir gehören zusammen. Wir interessieren uns füreinander. Und wir stehen füreinander ein: Mut und Klarheit. Ich habe mich sehr gefreut, wie engagiert unsere Gemeinden und Chöre, und viele einzelne Christinnen und Christen gemeinsam mit vielen anderen gestern in Durlach demonstriert haben. Ja, das ist wichtig. Als Christinnen und Christen auch klar zu sagen, dafür stehen wir ein. Mit uns führt kein Weg zurück in eine Kultur, die Menschen ausgrenzt, weil sie aus einem anderen Land kommen, eine andere Hautfarbe haben, einen anderen Glauben. Wir wehren uns dagegen, Menschen nach ihrer Nützlichkeit zu beurteilen. Es ist gut, dass wir das laut und gemeinsam mit vielen anderen sagen. Der Geist Gottes gibt Klarheit und macht mutig.
III
Wo der Geist Gottes ist, da ist Mut und Klarheit, aber auch Gelassenheit, Geduld und Freundlichkeit. Unterscheidung Gott – Mensch. Da haben Menschen den nötigen Witz und Humor, dazwischen zu treten, wenn etwas schief läuft oder peinlich wird oder Konflikte eskalieren (Durlach, Polizei). An meinem Tisch wurde bei der Vesperkirche in Singen gerungen, wer denn die ersten Teller bekommt. Aber dann mussten alle lachen, weil ein junger Mann, ich glaube einer von den Auszubildenden, mit einem freundlichen Lachen zu denjenigen, die noch warten mussten, sagte: Ihre Teller bringt die Chefin gleich selbst!
So breitet sich Gottes guter Geist aus. Mit diesem Lachen öffnet sich der Himmel, so wie auf den alten Pfingstbildern; wir werden leichter, gelassener, freier und können von uns absehen.
So breitet sich Gottes guter Geist aus. Mit diesem Lachen öffnet sich der Himmel, so wie auf den alten Pfingstbildern; wir werden leichter, gelassener, freier und können von uns absehen.
IV
Die Leichtigkeit und Gelassenheit lassen uns aber nicht abheben und luftig und locker über Fragen und Konflikte hinweg gehen. Im Gegenteil: Die Kraft des Geistes macht uns bodenständig. Da wo ich bin, da wo ich Verantwortung trage, da bin ich gefragt, da engagiere ich mich. Da rede ich nicht einfach daher, sondern überlege, was meine Worte und mein Handeln für die anderen bedeuten; auch für die, denen ich widerspreche; sogar für die, über die ich schlecht rede.
Der protestantische Geist macht gewissenhaft im wörtlichen Sinne; er haftet uns an unser Gewissen – und das sagt uns oft mehr und anderes, als wir hören wollen.
Bodenständigkeit und Gelassenheit gehören unauflöslich zusammen: Wer sich vom Pfingstgeist erhoben fühlt, hat das Kreuz vor Augen; wer unter dem Kreuz mitleidet, wird vom Geist gestärkt und aufgerichtet.
Hans Löw, dessen Luther-Büste wir heute zum Friedhof aussenden, hat das als Pfarrer unserer Stadtkirche während des Zweiten Weltkriegs überzeugend vorgelebt. Er war in diesen Jahren ein wichtiger Seelsorger für die Stadt, lange Zeit der einzige, der Sterbende und Trauernde begleitet hat und der beerdigt hat. Seelsorge lebt genau in dieser Spannung: Sie geht dem anderen nach, sie erhebt sich nicht über seine Zweifel, seine Not, seine Fragen; sie bleibt am Boden, sie wie das Kreuz Christi im Boden stak. Aber sie überlässt den Hilfesuchenden, den verzweifelten Menschen auch nicht sich selbst und seiner Not, sondern hält den Himmel offen, richtet auf, ermutigt, stärkt, erleichtert und sagt die Kraft des Geistes zu.
Der protestantische Geist macht gewissenhaft im wörtlichen Sinne; er haftet uns an unser Gewissen – und das sagt uns oft mehr und anderes, als wir hören wollen.
Bodenständigkeit und Gelassenheit gehören unauflöslich zusammen: Wer sich vom Pfingstgeist erhoben fühlt, hat das Kreuz vor Augen; wer unter dem Kreuz mitleidet, wird vom Geist gestärkt und aufgerichtet.
Hans Löw, dessen Luther-Büste wir heute zum Friedhof aussenden, hat das als Pfarrer unserer Stadtkirche während des Zweiten Weltkriegs überzeugend vorgelebt. Er war in diesen Jahren ein wichtiger Seelsorger für die Stadt, lange Zeit der einzige, der Sterbende und Trauernde begleitet hat und der beerdigt hat. Seelsorge lebt genau in dieser Spannung: Sie geht dem anderen nach, sie erhebt sich nicht über seine Zweifel, seine Not, seine Fragen; sie bleibt am Boden, sie wie das Kreuz Christi im Boden stak. Aber sie überlässt den Hilfesuchenden, den verzweifelten Menschen auch nicht sich selbst und seiner Not, sondern hält den Himmel offen, richtet auf, ermutigt, stärkt, erleichtert und sagt die Kraft des Geistes zu.
V
Die wichtigste Gabe des Geistes ist die Freiheit. „Im Geist der Freiheit habt ihr begonnen.“ „Zur Freiheit hat euch Christus befreit!“
Frei sein, das heißt: Niemand kann festlegen, wie ich zu sein habe und wer ich bin. Und ich lege mich und andere auch nicht auf Bilder oder Konzepte fest, die ich oder wir dann mit immer größerer Perfektion erreichen müssen, die uns uneinholbar vorwärts treiben, aber am Ende nur müde machen. Das ist das, was Paulus mit Leben nach dem Fleisch und mit dem Gesetz der Werke meint.
Das geht mit Kleinigkeiten los: Was ziehe ich an? Wie trete ich auf, damit mich die anderen anerkennen? Aber es geht schnell an meinen Kern: Wie orientiere ich mich beruflich und privat? Kann ich beides verbinden oder gilt das im Beruf gleich als: der oder die ist nicht an Karriere interessiert? Was gelte ich, wenn ich etwas nicht schaffe oder etwas nicht schaffen will? Was sind meine Werte? Wofür stehe ich ein? Wobei mache ich nicht mit?
Der Geist Gottes nimmt uns die Antworten auf diese Fragen nicht ab. Aber er macht Türen auf, hilft uns, Spielräume und Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. Die Kraft des Geistes stärkt mich in meiner Eigenständigkeit und hilft mir zu einem aufrechten, selbstbewussten Gang.
Oft scheint es leichter, sich an dem zu orientieren, was alle machen; sich so zu verhalten, wie es erwartet wird. Aber nicht wer sein Leben möglichst perfekt konstruiert, nicht wer genug Geld angelegt oder sich viel Anerkennung verdient hat, wird es gewinnen, sondern wer das Kreuz Christi im Auge behält.
Da, am Kreuz Christi zeigt sich das wahre Leben: Nicht alles bringt Punkte oder Sicherheit. Vieles lebt und wächst, gerade wenn ich mich verschwende und etwas riskiere. Wer Kinder hat, weiß das; wer seine Eltern auf der letzten Wegstrecke begleitet, auch. Geistvolles Leben gedeiht, wenn wir einander geben, ohne zu fragen, was dabei herauskommt. Der Blick auf das Kreuz macht uns frei von der Logik, die unser Leben sonst bestimmt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“
Frei sein, das heißt: Niemand kann festlegen, wie ich zu sein habe und wer ich bin. Und ich lege mich und andere auch nicht auf Bilder oder Konzepte fest, die ich oder wir dann mit immer größerer Perfektion erreichen müssen, die uns uneinholbar vorwärts treiben, aber am Ende nur müde machen. Das ist das, was Paulus mit Leben nach dem Fleisch und mit dem Gesetz der Werke meint.
Das geht mit Kleinigkeiten los: Was ziehe ich an? Wie trete ich auf, damit mich die anderen anerkennen? Aber es geht schnell an meinen Kern: Wie orientiere ich mich beruflich und privat? Kann ich beides verbinden oder gilt das im Beruf gleich als: der oder die ist nicht an Karriere interessiert? Was gelte ich, wenn ich etwas nicht schaffe oder etwas nicht schaffen will? Was sind meine Werte? Wofür stehe ich ein? Wobei mache ich nicht mit?
Der Geist Gottes nimmt uns die Antworten auf diese Fragen nicht ab. Aber er macht Türen auf, hilft uns, Spielräume und Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. Die Kraft des Geistes stärkt mich in meiner Eigenständigkeit und hilft mir zu einem aufrechten, selbstbewussten Gang.
Oft scheint es leichter, sich an dem zu orientieren, was alle machen; sich so zu verhalten, wie es erwartet wird. Aber nicht wer sein Leben möglichst perfekt konstruiert, nicht wer genug Geld angelegt oder sich viel Anerkennung verdient hat, wird es gewinnen, sondern wer das Kreuz Christi im Auge behält.
Da, am Kreuz Christi zeigt sich das wahre Leben: Nicht alles bringt Punkte oder Sicherheit. Vieles lebt und wächst, gerade wenn ich mich verschwende und etwas riskiere. Wer Kinder hat, weiß das; wer seine Eltern auf der letzten Wegstrecke begleitet, auch. Geistvolles Leben gedeiht, wenn wir einander geben, ohne zu fragen, was dabei herauskommt. Der Blick auf das Kreuz macht uns frei von der Logik, die unser Leben sonst bestimmt: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“
V
An Pfingsten rüttelt die Kraft des Geistes Gottes uns auf und macht das Gesicht dieser Erde neu. Da, wo ich Gott nicht erwartet habe: am Kreuz, da zeigt sich die Lebensfreude und der Mut, die neue Gemeinschaft und die Heiterkeit des Geistes Gottes. Sie hält zusammen, wo ich trenne: hier die Guten und da die Bösen. Sie belebt, wo ich schon aufgegeben habe. Sie richtet auf, was nach der Logik des Marktes untergehen würde. Sie stellt die Lahmen auf die Füße, tröstet die Verzweifelten und richtet die Ängstlichen auf.
Die Kraft des Geistes führt uns ins Freie und erneuert die Welt!
Die Kraft des Geistes führt uns ins Freie und erneuert die Welt!
