Liebe Gemeinde,
wie kommt unser Glaube unter die Leute? Wie muss Kirche heute aussehen, damit Menschen zum Glauben finden und in ihrem Glauben gestärkt werden? Das sind die Fragen, die uns bei unserer Visitation in den letzten Tagen beschäftigt haben. Da geht es um das „Wie“ und ganz profane Dinge, weil Kirche in Räumen Gestalt gewinnt und Menschen braucht, die dem Glauben ein Gesicht geben. Nicht nur hauptamtlich, aber eben auch. Und es geht um geistlich grundlegende Fragen: Was bin als Mensch wert? Woher kommt meine Freiheit? Wie ruft mich Gott in die Verantwortung?
Über all das haben wir in den letzten Tagen hier im Kirchenbezirk nachgedacht und geredet: im Bezirkskirchenrat, in der Bezirkssynode, im Gespräch mit ehrenamtlich Engagierten mit Pfarrerinnen und Pfarrern und anderen Mitarbeitenden, aus der Diakonie, der Jugendarbeit, der Kirchenmusik; auch im Gespräch mit anderen Menschen aus der Region, z.B. im Schwarzwald-Baar-Klinikum oder beim Empfang im Landratsamt. Wie erreichen wir heute mit unserer Botschaft die Menschen?
Fürchtet euch nicht!
Predigt im Gottesdienst zum Abschluss der Visitation im Kirchenbezirk Villingen am 09.07.2017
Der heutige Predigttext gibt eine klare Antwort:
1. Erzählt spannende Geschichten!
2. Habt offene Ohren und Augen für den Alltag und die Themen und Konflikte, die Menschen bewegen.
Und 3. verkündigt die Botschaft des dreieinigen Gottes: „Fürchtet euch nicht!“
Ich lese Verse aus Genesis 50:
15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.
18 Und (als das seine Brüder hörten) gingen sie hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.
I
Kennen Sie Joseph? Mir fällt sofort meine Zeit als jugendlicher Mitarbeiter im Kindergottesdienst ein. Bei uns in der Gemeinde wuchs man da so hinein. Erst saß man nur dabei, hörte auch zu, wenn der Pfarrer oder andere erzählten, spielte, sang und sprach dann mit den Kindern, half beim Malen.
Und irgendwann durfte man dann selbst erzählen. Ich erinnere mich noch, dass die Josephsgeschichte eine der ersten war, die ich erzählen durfte, zumindest einen Abschnitt daraus.
Die Geschichte, wie die anderen Brüder Joseph in den Brunnen werfen. Weil der immer vorgezogen wird. Immer der Liebling des Vaters. So ein schönes Kleid – obwohl er doch immer nur rumträumt und nie zupackt und mal etwas schafft. Haben Sie auch einen Bruder oder eine Schwester? Hatten Sie auch mal Lust, sie in einen Brunnen zu werfen, weil sie sich über ihn geärgert haben oder neidisch auf sie waren? Weil sie sich zerstritten hatten und die Eltern wieder mal zu dem Bruder hielten?
Die Konfirmandinnen und Konfirmanden fanden immer die Stelle mit der Frau des Potiphar besonders interessant. Da soll Joseph verführt werden! Es gibt Vieles, was uns verführen will. Auch und gerade zwischen Mann und Frau.
Da ist die Freundin meines Freundes! Ich finde die auch toll. Kann ich sie ihm ausspannen? Warum muss ich andere Beziehungen achten? Warum mich selbst zurücknehmen? Joseph lässt sich nicht verführen, spielt das Spiel, wer mit wem, nicht mit.
Oder die Träume: Erinnern Sie sich an die fetten Kühe und die sieben magere Jahre. Wunderbare Geschichten, in denen ich spaziergehen kann, in denen ich mich, meine Fragen und manche Antworten entdecke. Und immer ist Gott dabei. Mittendrin und doch nicht einfach wie ein Merksatz zur Verfügung.
Gott mit uns, aber eben so, dass auch Joseph Gott sucht, an Gott zweifelt, vor Gott klagt. Gott mitten im Leben, damals in Ägypten und heute mitten in unserem Leben. Ich war beim Vorbereiten wieder ganz fasziniert.
Lesen Sie doch nachher zu Hause noch einmal die Geschichte: 1. Mose 37-50 oder lesen Sie Thomas Mann: Joseph und seine Brüder: Mehr als tausend Seiten! Aber ich warne Sie: ob Bibel oder Thomas Mann. Wenn Sie einmal angefangen haben, Sie kommen nicht mehr zum Schlafen, Sie müssen erst fertig lesen!
Und irgendwann durfte man dann selbst erzählen. Ich erinnere mich noch, dass die Josephsgeschichte eine der ersten war, die ich erzählen durfte, zumindest einen Abschnitt daraus.
Die Geschichte, wie die anderen Brüder Joseph in den Brunnen werfen. Weil der immer vorgezogen wird. Immer der Liebling des Vaters. So ein schönes Kleid – obwohl er doch immer nur rumträumt und nie zupackt und mal etwas schafft. Haben Sie auch einen Bruder oder eine Schwester? Hatten Sie auch mal Lust, sie in einen Brunnen zu werfen, weil sie sich über ihn geärgert haben oder neidisch auf sie waren? Weil sie sich zerstritten hatten und die Eltern wieder mal zu dem Bruder hielten?
Die Konfirmandinnen und Konfirmanden fanden immer die Stelle mit der Frau des Potiphar besonders interessant. Da soll Joseph verführt werden! Es gibt Vieles, was uns verführen will. Auch und gerade zwischen Mann und Frau.
Da ist die Freundin meines Freundes! Ich finde die auch toll. Kann ich sie ihm ausspannen? Warum muss ich andere Beziehungen achten? Warum mich selbst zurücknehmen? Joseph lässt sich nicht verführen, spielt das Spiel, wer mit wem, nicht mit.
Oder die Träume: Erinnern Sie sich an die fetten Kühe und die sieben magere Jahre. Wunderbare Geschichten, in denen ich spaziergehen kann, in denen ich mich, meine Fragen und manche Antworten entdecke. Und immer ist Gott dabei. Mittendrin und doch nicht einfach wie ein Merksatz zur Verfügung.
Gott mit uns, aber eben so, dass auch Joseph Gott sucht, an Gott zweifelt, vor Gott klagt. Gott mitten im Leben, damals in Ägypten und heute mitten in unserem Leben. Ich war beim Vorbereiten wieder ganz fasziniert.
Lesen Sie doch nachher zu Hause noch einmal die Geschichte: 1. Mose 37-50 oder lesen Sie Thomas Mann: Joseph und seine Brüder: Mehr als tausend Seiten! Aber ich warne Sie: ob Bibel oder Thomas Mann. Wenn Sie einmal angefangen haben, Sie kommen nicht mehr zum Schlafen, Sie müssen erst fertig lesen!
II
Der Predigttext führt uns ans Ende der Geschichte: nach Mordversuch und Menschenhandel, nach Traumdeutungen und Auf und Ab in der Karriere, nach erotischen Verführungsszenen, nach Gefängnis und Versöhnung. Da ist er wieder der Geschwisterkonflikt. Die Schuld holt die Brüder ein.
Kennen Sie das? Ich habe etwas falsch gemacht, es ist lange her, eigentlich dürfte doch niemand mehr daran denken, Schwamm drüber, vergessen, vergeben – und dann plötzlich ist es wieder da. Ich werde es einfach nicht los.
Den Brüdern von Joseph geht es genauso. Jetzt, nach dem Tod des Vaters wächst die Angst: „Wird Joseph sich rächen, für das, was wir ihm angetan haben?“ Vor Angst trauen sich die Brüder nicht selbst zu ihm. Sie lassen ihm von Boten etwas ausrichten: „Wir gehören doch zusammen, als Familie und als Gottesgläubige. Vater hat bestimmt gewollt, dass wir uns versöhnen! Und außerdem: wir dienen doch dem gleichen Gott!“
Die Boten finden den richtigen Ton: Joseph weint. Wer weint, rächt sich nicht. Wer weint, ist zur Versöhnung bereit. Also trauen sich die Brüder jetzt zu ihm. Allerdings nicht aufrecht und erhobenen Hauptes; dafür drückt die Schuld sie zu sehr. Sie beugen sich vor Joseph wie damals im Traum die Garben des Getreidefeldes! Er ist der Chef, sie sind die Knechte. So geht es zu in Konflikten, wenn klar ist, wer schuld ist und wer die Macht hat.
Kennen Sie das? Ich habe etwas falsch gemacht, es ist lange her, eigentlich dürfte doch niemand mehr daran denken, Schwamm drüber, vergessen, vergeben – und dann plötzlich ist es wieder da. Ich werde es einfach nicht los.
Den Brüdern von Joseph geht es genauso. Jetzt, nach dem Tod des Vaters wächst die Angst: „Wird Joseph sich rächen, für das, was wir ihm angetan haben?“ Vor Angst trauen sich die Brüder nicht selbst zu ihm. Sie lassen ihm von Boten etwas ausrichten: „Wir gehören doch zusammen, als Familie und als Gottesgläubige. Vater hat bestimmt gewollt, dass wir uns versöhnen! Und außerdem: wir dienen doch dem gleichen Gott!“
Die Boten finden den richtigen Ton: Joseph weint. Wer weint, rächt sich nicht. Wer weint, ist zur Versöhnung bereit. Also trauen sich die Brüder jetzt zu ihm. Allerdings nicht aufrecht und erhobenen Hauptes; dafür drückt die Schuld sie zu sehr. Sie beugen sich vor Joseph wie damals im Traum die Garben des Getreidefeldes! Er ist der Chef, sie sind die Knechte. So geht es zu in Konflikten, wenn klar ist, wer schuld ist und wer die Macht hat.
III
Wie wird Joseph reagieren? Fürchtet euch nicht! Das ist Josephs Antwort. Gott richtet!
Das ist nobel. Der Überlegene, der Mächtige hält sich zurück, weil Gott noch mächtiger ist.
Aber wohl auch, weil Joseph verstanden hat, dass auch er ein doppeltes Gesicht hat. Hat er es nicht damals auch genossen, vorgezogen zu werden. Hat er es nicht genossen, die anderen das spüren zu lassen: seht mal, wen der Vater besonders liebt. Und hat er nicht den Becher im Gepäck des jüngsten Bruders verstecken lassen, um den älteren Brüdern Angst zu machen. Nett ist das nicht!
Wir sind gerecht und Sünder zugleich, simul iustus et peccator, heißt das in der Reformation. Das war eine Schlüsselentdeckung Luthers. Keiner von uns kann vor Gott bestehen. Wir sind auf Christus angewiesen.
Wenn ich das erkenne, verändert sich mein Verhältnis zu Gott. Leben aus der Gnade. Nicht aus meinem Besserwissen, Rechthaben und weil ich so ein guter Mensch bin und alles richtig mache. Ich lebe aus Gottes Güte, weil Christus für mich eintritt.
Wenn ich das weiß, spüre, glaube, ändert sich auch mein Verhältnis zu den anderen. Wir sind alle auf Gottes Gnade angewiesen. Das macht uns zu Geschwistern. Das ebnet die Unterschiede nicht ein, wie in dem Karnevalsschlager: wir sind alle kleine Sünderlein. Nein, die Brüder haben das getan und Jospeh anderes. Die Entdeckung, ich bin auch gerecht und Sünder zugleich, macht nicht gleichgültig, sondern ruft in die Verantwortung; Joseph, die Brüder und mich, uns.
Das ist nobel. Der Überlegene, der Mächtige hält sich zurück, weil Gott noch mächtiger ist.
Aber wohl auch, weil Joseph verstanden hat, dass auch er ein doppeltes Gesicht hat. Hat er es nicht damals auch genossen, vorgezogen zu werden. Hat er es nicht genossen, die anderen das spüren zu lassen: seht mal, wen der Vater besonders liebt. Und hat er nicht den Becher im Gepäck des jüngsten Bruders verstecken lassen, um den älteren Brüdern Angst zu machen. Nett ist das nicht!
Wir sind gerecht und Sünder zugleich, simul iustus et peccator, heißt das in der Reformation. Das war eine Schlüsselentdeckung Luthers. Keiner von uns kann vor Gott bestehen. Wir sind auf Christus angewiesen.
Wenn ich das erkenne, verändert sich mein Verhältnis zu Gott. Leben aus der Gnade. Nicht aus meinem Besserwissen, Rechthaben und weil ich so ein guter Mensch bin und alles richtig mache. Ich lebe aus Gottes Güte, weil Christus für mich eintritt.
Wenn ich das weiß, spüre, glaube, ändert sich auch mein Verhältnis zu den anderen. Wir sind alle auf Gottes Gnade angewiesen. Das macht uns zu Geschwistern. Das ebnet die Unterschiede nicht ein, wie in dem Karnevalsschlager: wir sind alle kleine Sünderlein. Nein, die Brüder haben das getan und Jospeh anderes. Die Entdeckung, ich bin auch gerecht und Sünder zugleich, macht nicht gleichgültig, sondern ruft in die Verantwortung; Joseph, die Brüder und mich, uns.
IV
Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
Joseph sagt: „Fürchtet euch nicht!“, weil Gott schon vorher diese Zusage gemacht hat. Der mächtige Joseph lässt nicht ein kleines bisschen Platz für das Handeln Gottes – möglichst erst im jenseitigen Gericht, das dann so oder so ausgehen kann. Joseph benutzt nicht Gott, um seine Brüder klein zu halten, in ihrer Schuld gefangen zu halten. Joseph begreift sich selbst, seinen eigenen Weg im Lichte Gottes; er, Joseph, musste diesen schweren Weg gehen, damit Israel am Ende Hilfe findet in der Hungersnot.
Joseph ist jetzt und hier Zeuge des barmherzigen Gottes, Botschafter des Erbarmens und der Vergebung. Die Schuld ist nicht vergessen, nicht weggeredet, aber sie hat ihren Platz gefunden, bei Christus, am Kreuz. Da hat gehört sie hin, da können wir sie ablegen, da wird uns neues Leben ermöglicht.
Deshalb sagt es Joseph gleich noch einmal: Fürchtet euch nicht! Er spricht nach, was Gott zusagt. Das gilt hier und jetzt vor den Menschen und vor Gott und in Ewigkeit.
Das „Fürchtet euch nicht! gilt – und ist zugleich hier und heute Auftrag: nüchterner, zu erfüllender Auftrag. Joseph hat das verstanden und öffnet einen Weg für das Miteinander: Ich will euch und eure Kinder versorgen.
Joseph sagt: „Fürchtet euch nicht!“, weil Gott schon vorher diese Zusage gemacht hat. Der mächtige Joseph lässt nicht ein kleines bisschen Platz für das Handeln Gottes – möglichst erst im jenseitigen Gericht, das dann so oder so ausgehen kann. Joseph benutzt nicht Gott, um seine Brüder klein zu halten, in ihrer Schuld gefangen zu halten. Joseph begreift sich selbst, seinen eigenen Weg im Lichte Gottes; er, Joseph, musste diesen schweren Weg gehen, damit Israel am Ende Hilfe findet in der Hungersnot.
Joseph ist jetzt und hier Zeuge des barmherzigen Gottes, Botschafter des Erbarmens und der Vergebung. Die Schuld ist nicht vergessen, nicht weggeredet, aber sie hat ihren Platz gefunden, bei Christus, am Kreuz. Da hat gehört sie hin, da können wir sie ablegen, da wird uns neues Leben ermöglicht.
Deshalb sagt es Joseph gleich noch einmal: Fürchtet euch nicht! Er spricht nach, was Gott zusagt. Das gilt hier und jetzt vor den Menschen und vor Gott und in Ewigkeit.
Das „Fürchtet euch nicht! gilt – und ist zugleich hier und heute Auftrag: nüchterner, zu erfüllender Auftrag. Joseph hat das verstanden und öffnet einen Weg für das Miteinander: Ich will euch und eure Kinder versorgen.
V
Wie kommt unser Glaube unter die Leute? Indem wir uns selbst verstricken lassen in spannende Geschichten und sie weitererzählen. Indem wir in ihnen spazieren gehen und andere einladen, mit uns zu gehen. So lebt Gott mit seinen Kindern. So macht Gott uns zu Geschwistern. So ruft Gott uns in die Verantwortung.
Wie das konkret aussieht: das ist immer wieder verschieden. Jede Zeit sucht ihre Worte und Taten. Joseph und seine Geschwister damals in Ägypten, die Reformation vor 500 Jahren – und wir heute. Wir öffnen die Augen und die Ohren für die Herausforderungen unserer Zeit, wir gehen hin und stellen uns den Konflikten, den Fragen der Zeiten, mutig und frei.
Wir hören Gottes Zusage und sagen sie weiter: Fürchtet Euch nicht!
Wie das konkret aussieht: das ist immer wieder verschieden. Jede Zeit sucht ihre Worte und Taten. Joseph und seine Geschwister damals in Ägypten, die Reformation vor 500 Jahren – und wir heute. Wir öffnen die Augen und die Ohren für die Herausforderungen unserer Zeit, wir gehen hin und stellen uns den Konflikten, den Fragen der Zeiten, mutig und frei.
Wir hören Gottes Zusage und sagen sie weiter: Fürchtet Euch nicht!
