"Ich glaube; hilf meinem Unglauben"

Predigt von Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh über Markus 9, 17-29

Predigt von Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh zum 150-jährigen Jubiläum der Evangelischen Lorenzkirche St. Georgen im Schwarzwald am 8.10.2017.
 
17 Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. 18 Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn zu Boden; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht. 19 Er antwortete ihnen aber und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir! 20 Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riss er ihn hin und her. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund. 21 Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf. 22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns! 23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. 24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! 25 Als nun Jesus sah, dass die Menge zusammenlief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein! 26 Da schrie er und riss ihn heftig hin und her und fuhr aus. Und er lag da wie tot, sodass alle sagten: Er ist tot. 27 Jesus aber ergriff seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.
Und als Jesus ins Haus kam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben? Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.
 
„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das ist eine wunderbare Überschrift für ein Kirchenjubiläum, liebe Festgemeinde. Wozu ist eine Kirche da? Sie ermutigt die Menschen zum Gottvertrauen. Das ist ihre vornehmste Aufgabe, daraus ergibt sich alles Weitere: die gute Gemeinschaft; dass Menschen Verantwortung füreinander und für ihre Stadt übernehmen; dass sich die Nächstenliebe im Ort ausbreitet.
Seit 150 Jahren strahlt die Lorenzkirche dieses Gottvertrauen in die Gemeinde, in die Stadt, vor allem aber in die Herzen der Menschen aus. Sie ruft es Eltern und Kindern bei der Taufe zu: Fürchtet euch nicht, ich habe euch erlöst, befreit! Ich habe euch, dich und dich und dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir! In diesem Vertrauen ermutigt sie Konfirmandinnen und Konfirmanden, sich mit Gott auf den Weg zu machen: Glaube richtet auf, macht mutig und stark. In diesem Glauben tröstet sie die Kranken und die Trauernden, hilft sie Menschen, dem Ort Schweres zu tragen und weist anderen den Weg, den sie gehen sollen: beruflich, in der Ehe, in der Verantwortung für andere.

Ihre Kirche heißt nicht umsonst Lorenzkirche: der heilige Laurentius, Lorenz, gehörte zu den ersten, die sich für Arme, Witwen, Fremde, für die Schwachen engagierte und sie als den wahren Schatz der Kirche bezeichnete. Ihr Diakonieverein mit seiner langen Geschichte und ihr diakonisches Engagement in der Gemeinde knüpfen daran an.
Aber der Glaube ist keine Zauberformel, den Glauben hat man nicht einfach, auch nicht in der Kirche. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Das heißt: Ich hoffe darauf, dass Gott mitgeht, in bösen und in guten Tagen, aber ich manchmal holen mich auch die Fragen und der Zweifel ein.
Diese Kirche hat in den vergangenen 150 Jahren viel gesehen: Volle Gottesdienste und lebendige Aufbrüche im Glauben, aber auch Verzagtheit und magere Jahre; Paare, die hier in der Trauung das Fest ihrer Liebe feierten und 50, 60 Jahre später Gott danken für den gemeinsamen Weg, aber auch Menschen, die nicht mehr gemeinsam weiter konnten und hier um Orientierung und Trost gebetet haben; drei große und schreckliche Kriege haben in Deutschland getobt während dieser Zeit: Wie viele Menschen haben hier gebetet, dass ihre Männer und Söhne gesund zurückkommen? Auch die Spaltungen und die Irrwege im Nationalsozialismus, als manche mehr der Macht des Führers und der Stärke ihres Volkes vertrauten, als Christus, dem Gekreuzigten, dessen Kraft gerade in den Schwachen mächtig wird.
„Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ Der Hilferuf, die Bitte des Vaters, das ist unsere Lage als Kirche vor Gott. 
 
I
Unsere Predigtgeschichte erzählt, wie Freundinnen und Freunde von Jesus auf einem Platz stehen; er selbst hat sich zurückgezogen. Bewohner aus dem Ort haben sich zu ihnen gesellt; sie unterhalten sich. Manche sind neugierig, einige begeistert, andere skeptisch oder sie ärgern sich gar über diesen Jesus, der so viel verspricht.
Da kommt der Vater eines kranken Jungen. Er hat epileptische Anfälle. Die Eltern müssen ohnmächtig zuschauen, wie ihr Sohn geschüttelt wird. Wie er zähneknirschend seine Situation ertragen muss. Er lebt in einer eigenen Welt, sie können ihm nicht helfen. Die Krankheit macht sie einsam: den Jungen und seine Familie. Immer sind sie anders, immer müssen sie die Blicke aushalten, erklären, vermitteln.
Der Vater hat gehört, dass Jesus heilen kann. Mit seiner Hoffnung macht er sich auf. Jesus soll seinen Sohn gesund machen. Er sieht die Jüngerinnen und Jünger da stehen; vielleicht können die ja auch helfen. So tritt er zu ihnen und bittet: „Macht meinen Sohn gesund!“
Da verstummen die Gespräche und Streitereien. Ein Kreis bildet sich um den Jungen und seinen Vater und um die, die Jesus nachfolgen. Alle sind gespannt, schauen und hören. Jetzt wird sich zeigen, was dran ist an den Gerüchten, an diesem neuen Glauben. „Macht meinen Sohn gesund!“
 
II
„Aber sie konnten es nicht!“ Die Jüngerinnen und Jünger sind hilflos. Vielleicht haben sie den kranken Jungen angesprochen oder ihm die Hand aufgelegt. Aber es ist nichts geschehen. So wie es eben manchmal ist in der Kirche. Kirche des Kreuzes sind wir, hat Luther deshalb gesagt, keine mächtige Kirche, die alles machen kann. Wir haben es nicht in der Hand: wie voll die Kirche ist; ob die Menschen das hören, wenn wir ihnen sagen: „Fürchtet euch nicht! Ihr gehört zu Gott“; auch nicht, wie die Menschen in der Gemeinde oder im Ort miteinander umgehen. „Sie vermochten es nicht.“ Wir haben es nicht in der Hand!
Dann kommt Jesus. Die Auseinandersetzungen verstummen. Wenn es seine Gefolgsleute nicht können; kann er dem Vater helfen? „Was streitet ihr mit ihnen?“ fragt Jesus, als er sieht, was da los ist. Aber seine Freundinnen und Freunde antworten nicht. Sie sind unglücklich; sie sind gescheitert. Sie wollen nicht darüber sprechen. Sie zweifeln an sich, an ihrem Glauben: Warum haben wir das nicht gekonnt? Ist unser Glaube zu schwach? Was müssen wir anders machen?
Da drängt der Vater nochmal nach vorn; er schöpft wieder Hoffnung: „Es geht um meinen kranken Sohn! Ich will, dass du ihn heilst, du warst nicht da – und sie konnten es nicht!“ Jesus ärgert sich: „O, du ungläubiges Geschlecht!“ Und dann: „Bringt ihn her zu mir!“ Noch einmal rücken der Vater und der Junge in den Mittelpunkt. Der Junge erträgt das kaum; der böse Geist reißt ihn und wirft ihn zu Boden. Noch einmal erklärt der Vater das Leiden des Sohnes und der ganzen Familie, noch einmal bittet er: „Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!“ Doch noch immer handelt Jesus nicht. Er spitzt noch einmal zu: „Du sagst: Wenn du etwas kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!“ Sogleich schrie der Vater: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“
 
III
„Ich glaube; hilf meinem Unglauben.“ Da ist er wieder der Ruf des Vaters, der unsere Lage als Kirche zeigt: „Ich glaube“: das führt in den Himmel. „Hilf’ meinem Unglauben“: das holt mich zurück auf die Erde! „Ich glaube“: da hole ich selber Schwung: Ja, ich traue mich, ich vertraue mich Jesus an. „Hilf meinem Unglauben“: Nein, ich bin nicht sicher, ob mein Glaube trägt, Zweifel holen mich ein, bremsen mich ab.
Für uns als Kirche steht in der Mitte des Satzes zwischen dem „Ich glaube“ und dem „Unglauben“, sozusagen ganz unten, am tiefsten Punkt der Schaukel das vielleicht wichtigste Wort: „Hilf!“ Die Bitte: „Stups mich an, Jesus, gib mir Schwung! Dass ich wieder hoch komme, Trost finde und Mut.“
 
IV
Ich habe das mal in der Seelsorge erlebt. Ich besuchte einen Mann, der im Sterben lag und sehr traurig war. Er erzählte, dass er seit Jahren zerstritten war mit seinem Bruder. Wie sehr das auf ihm lastet. Er wollte, dass ich zu dem gesunden Bruder gehe und mit ihm rede. Das habe ich getan und lange habe ich mit ihm geredet. Aber er sagte: „Ich kann das nicht! Es ist zuviel kaputt; es gibt keine Brücke mehr.“
Am nächsten Tag hörte ich, dass seine Frau ihn irgendwann in der Nacht am Arm genommen hat und mit ihm ins Krankenhaus gefahren ist. Der kranke Bruder konnte nicht mehr reden; so hat der eine gesprochen, der andere die Hand gehalten. „Das hätte ich nicht mehr für möglich gehalten“, hat er mir nach der Beerdigung gesagt. Plötzlich war diese Erfahrung da: „Alles ist möglich dem, der glaubt!“ Da taten sich neue Wege auf: Heilung für Leib und Seele, für Körper und Geist und für unser Miteinander.
 
V
Zwischen Glauben und Unglauben steht die Bitte: Hilf mir! Das ist die Lage unserer Kirche, das ist ihre Aufgabe. Das ist realistisch; wir haben den Glauben ja nicht wie ein Paket, wie einen Ausweis, auf dem steht: Ich glaube. Wir haben unseren Glauben nur in dieser Spannung, aber wir sind darin nicht allein – sondern immer schon in Beziehungen, zu Jesus, zu Menschen, die uns im Glauben stärken: Großeltern, Patin, Pate, manchmal Freunde oder auch die Eltern. Unser Glaube wächst und wird gestärkt in dieser vertrauensvollen Bitte: „Hilf mir!“
Die Bitte „Hilf mir!“ richtet sich an Jesus, sie richtet sich an jeden von uns. Das zeichnet Gemeinde und Kirche aus, dass wir einander zum Glauben helfen, so wie die Frau ihrem Mann zum Glauben geholfen hat, das mehr möglich ist, als wir Menschen erwarten. Dazu brauchen wir die Gemeinschaft, dazu brauchen wir Menschen, die für mich mitglauben und mein Gottvertrauen stärken.
Dazu brauchen wir Kirchen, wunderbare Räume wie diesen, in denen all die Hoffnungen, Träume und Erwartungen, aber auch unsere Enttäuschungen und unser Versagen vor Gott einen Platz finden. In denen wir Gott und einander um Hilfe bitten können. Da ist der Glaube realistisch. Er flüchtet, redet und denkt sich nicht in eine heile Welt. Er lebt schon jetzt aus der Kraft des neuen Geistes, aber eben doch in dieser Welt, in dieser Stadt, mit all dem, was uns bindet und festhält, in all den aktuellen Konflikten und Herausforderungen: Was können wir als Kirche heute dazu beitragen, damit junge Menschen, Familien, hier gut und gerne in dieser Region leben? Wie muss unser Gemeindeleben dazu aussehen? Brauchen wir neue Formen, in denen wir Gott loben?
„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das öffnet den Blick für neue Lebensmöglichkeiten, für mich selber und für andere! Aber auch für meine Grenzen und für die der anderen. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Das macht gelassener und mutiger. Ich verliere meine Angst, mein Gesicht zu verlieren; ich gewinne Mut, mich aufzumachen und um der Versöhnung willen etwas zu riskieren, so wie die beiden Brüder.
 
VI
Jesus treibt den bösen Geist aus. Noch einmal schlägt dieser böse Geist zu. Er wirft den Kranken zu Boden. War die Medizin zu stark für den jungen Mann? Ist er zerrieben worden im Kampf auf Leben und Tod? Der Junge liegt da. „Er ist tot!“, sagen die Leute.
Da nimmt ihn Jesus an der Hand und richtet ihn auf. Er steht auf. Ostern mitten im Leben: „Siehe ich war tot und bin lebendig.“ Die gleichen Worte wie in den Osterberichten verwendet Markus: aufrichten und aufstehen. Neues Leben entsteht – durch den Tod hindurch!
Danach verschwinden der Junge und sein Vater endgültig aus der Szene. Es wird nicht erzählt, was aus ihnen wird: Was die Mutter gesagt hat? Ob er einen Beruf ergriffen, geheiratet, eine Familie gegründet hat? Oder ob er ‚nur’ besser mit seinen Behinderungen leben konnte? Heilung ist mehr als Gesundung.
Wir erfahren nichts darüber, wie es weiter geht. Markus sagt nur drei Worte: Er stand auf. Er hat wieder Anteil am Leben mit Gott!
 
VII
Am Ende leert sich die Szene: die Streithähne sind nach Hause gegangen, der Sohn vom bösen Geist befreit, der Vater im Glauben gestärkt. Nun sind sie unter sich: Jesus und die, die ihm nachfolgen. Die sind noch immer traurig und ärgern sich über ihr Unvermögen. „Warum konnten wir ihn nicht austreiben?“ Warum können wir nicht so helfen und heilen wir du? Warum können wir nicht allen die Kraft unseres Glaubens zeigen?
Die Antwort von Jesus bleibt geheimnisvoll: „Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.“ Werden die Jüngerinnen und Jünger damit kritisiert? Weil sie sich selbst zu viel und dem Heiligen Geist zu wenig zugetraut haben? War es ihnen zu sehr um ihre eigene Glaubenskraft gegangen, als um Gottes Hilfe für den Leidenden?
„Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.“ Vielleicht schwingen da solche Rückfragen mit. Ich verstehe diesen Satz aber eher so, dass Jesus die Glaubenden zum betenden Handeln und handelnden Beten ermutigt – und uns damit noch einmal in die Kirche führt und in die Gemeinschaft.
Beten, das ist wie Handeln unter Vorbehalt. Wer betet, weiß, was er oder sie will. Und weiß zugleich, dass es nicht in der eigenen Hand liegt. Wer betet, findet sich nicht mit dem eigenen Unglück, aber auch nicht mit der Not der Anderen ab. Wer betet, bleibt dran, so wie der Vater. Er oder sie lässt sich nicht abschrecken von Misserfolgen und sucht mit Kraft und Fantasie immer weiter nach neuen Lebensmöglichkeiten des Glaubens. Und weiß doch, dass der Erfolg nicht garantiert ist.
„Ich glaube; hilf‘ meinem Unglauben.“ Das ist die Lage unserer Kirche und am Ende ein Gebet. Und zugleich unsere wichtigste Aufgabe als Kirche. Sich leiten zu lassen vom Gottvertrauen und von der Hoffnung auf Gottes neue Welt; sich mutig aufzumachen, Menschen und Streitigkeiten mit den Augen Gottes zu sehen und frohgemut und freimütig Neues im Geist Jesu Christi zu wagen. Und doch zugleich auf das Kreuz zu schauen und die Grenzen zu erkennen. Wir sind Menschen, nicht Gott. Wir können nur bitten und beten: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben.“ Und darauf vertrauen, dass wir am Ende die unglaubliche Erfahrung machen werden, die diese Kirche jetzt 150 Jahre in diese Stadt getragen hat und die sie weiter ausbreiten wird: „Alles ist möglich, dem der glaubt!“