Und nach einigen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und Jesus sagte ihnen das Wort.
Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu Jesus bringen konnten wegen der Menge, deckten (brachen) sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“
Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihrem Herzen: „Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: „Was denkt ihr solches in euerm Herzen? Was ist leichter zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden“ – sprach er zu dem Gelähmten: „Ich sage dir, nimm dein Bett und geh heim!“
Und der Gelähmte stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, so dass sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: „Wir haben so etwas noch nie gesehen.“
Von der Kraft des gemeinsamen Glaubens
Predigt über Markus 2, 1-12 im Semestereröffnungsgottesdienst in der Peterskirche in Heidelberg (22.10.2017)
Liebe Universitätsgemeinde,
und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür. Das klingt nach einer vollen Vorlesung, wo alles dicht gedrängt sitzt und manchmal auch steht. Wo es von Kommilitonen und Kommilitonen heißt: „Die musst du hören“. Wer sicher rein will und einen guten Platz, kommt früh und fährt auch mal die Ellenbogen aus. Schließlich geht es um etwas: um gute Bildung und damit hoffentlich auch um gute Aussichten für später.
und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür. Das klingt nach einer vollen Vorlesung, wo alles dicht gedrängt sitzt und manchmal auch steht. Wo es von Kommilitonen und Kommilitonen heißt: „Die musst du hören“. Wer sicher rein will und einen guten Platz, kommt früh und fährt auch mal die Ellenbogen aus. Schließlich geht es um etwas: um gute Bildung und damit hoffentlich auch um gute Aussichten für später.
I
Die Hauskirche von Simon und Andreas in Kapernaum ist voll, weil die Menschen Jesus hören wollen. Sie trauen ihm einiges zu: gute, hilfreiche Worte, Orientierung, Heilung. Sie stehen gedrängt, dicht an dicht. Für die, die zu spät kommen, für die, die keine kräftigen Ellenbogen haben, ist kein Durchkommen mehr. Nicht einmal draußen vor der Tür ist noch Platz.
Die Plätze sind knapp; auch das ist eine Botschaft im heimlichen Lehrplan. Das lernt sich und prägt sich ein: „Wir waren immer zu viele.“ „Du musst um deinen Platz kämpfen: Früh aufstehen, dich geschickt einfädeln, auch mal die Ellenbogen ausfahren.“
Wie passen diese Zugangsbeschränkungen, wie passt diese Situation vor der Tür zu dem, was im Haus geschieht und was Jesus redet? „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen! Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Eine neue Welt ist möglich!
Für wen gilt das? Wer gehört dazu? Wer darf rein und wer muss draußen bleiben?
Die Plätze sind knapp; auch das ist eine Botschaft im heimlichen Lehrplan. Das lernt sich und prägt sich ein: „Wir waren immer zu viele.“ „Du musst um deinen Platz kämpfen: Früh aufstehen, dich geschickt einfädeln, auch mal die Ellenbogen ausfahren.“
Wie passen diese Zugangsbeschränkungen, wie passt diese Situation vor der Tür zu dem, was im Haus geschieht und was Jesus redet? „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen! Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ Eine neue Welt ist möglich!
Für wen gilt das? Wer gehört dazu? Wer darf rein und wer muss draußen bleiben?
II
Da kommen fünf Männer und machen die Probe aufs Exempel. Der eine ist gelähmt. Eigentlich gehört er gar nicht hierher, denn er hat da, wo es wichtig wird, nichts zu suchen. Wo Gottesdienst gefeiert oder politisch entschieden wird, wo es um Produktivität und Kreativität, um Erfolg und Zukunft geht, da ist für einen Gelähmten kein Platz. „Was willst du hier?“
Aber der Gelähmte hat Kraft und gute Kontakte. Vielleicht wie in dem Film „ziemlich beste Freunde“, wo der Gelähmte reich ist und sich Unterstützung kaufen kann. Jedenfalls hat er vier Menschen dazu gebracht, mit ihm aufzubrechen, ihn zu tragen und für ihn einzutreten: „und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten von vieren getragen.“
Von den Vieren wissen wir noch weniger. War nur einer mit ihm befreundet und hat die anderen um Hilfe gebeten? Fühlten sich die Vier dem Gelähmten aus irgendwelchen Gründen verpflichtet? Auf jeden Fall müssen sie kräftig gewesen sein und vor allem einig und mutig. Denn einer allein hätte den Gelähmten wohl nicht aufs Dach gebracht. Als klar war, es gibt keinen Weg durch die Türe, haben sie sich damit nicht abgefunden: Sie stiegen mit der Trage auf das Flachdach, sie hackten und kratzten, sie brachen ein Loch in das Dach. Wahrscheinlich rieselte nicht nur Staub auf Jesus und seine Zuhörerinnen und Zuhörer, sondern es fielen auch Lehm- und Holzbrocken herunter. Die unten waren bestimmt nicht begeistert, eher empört, auf jeden Fall erstaunt; sie schauten nach oben: in den offenen Himmel, zu den vier Freunden mit dem Gelähmten. Die vier oben waren ein gutes Team, denn es war bestimmt nicht leicht die Trage durch das Dach nach unten zu lassen, ohne dass sie kippte. Aber es gelang!
Aber der Gelähmte hat Kraft und gute Kontakte. Vielleicht wie in dem Film „ziemlich beste Freunde“, wo der Gelähmte reich ist und sich Unterstützung kaufen kann. Jedenfalls hat er vier Menschen dazu gebracht, mit ihm aufzubrechen, ihn zu tragen und für ihn einzutreten: „und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten von vieren getragen.“
Von den Vieren wissen wir noch weniger. War nur einer mit ihm befreundet und hat die anderen um Hilfe gebeten? Fühlten sich die Vier dem Gelähmten aus irgendwelchen Gründen verpflichtet? Auf jeden Fall müssen sie kräftig gewesen sein und vor allem einig und mutig. Denn einer allein hätte den Gelähmten wohl nicht aufs Dach gebracht. Als klar war, es gibt keinen Weg durch die Türe, haben sie sich damit nicht abgefunden: Sie stiegen mit der Trage auf das Flachdach, sie hackten und kratzten, sie brachen ein Loch in das Dach. Wahrscheinlich rieselte nicht nur Staub auf Jesus und seine Zuhörerinnen und Zuhörer, sondern es fielen auch Lehm- und Holzbrocken herunter. Die unten waren bestimmt nicht begeistert, eher empört, auf jeden Fall erstaunt; sie schauten nach oben: in den offenen Himmel, zu den vier Freunden mit dem Gelähmten. Die vier oben waren ein gutes Team, denn es war bestimmt nicht leicht die Trage durch das Dach nach unten zu lassen, ohne dass sie kippte. Aber es gelang!
III
Die Schwelle ist überwunden, die draußen vor waren sind drin, der Gelähmte liegt vor Jesus. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Was hat Jesus da gesehen, als er ihren Glauben sah?
1. Der Glaube findet sich nicht mit Grenzen ab. Auf die Idee muss man erst einmal kommen, das Dach aufzubrechen! Sich nicht auf die Tür fixieren, auf die anderen, die den Weg versperren, sondern das Ganze anschauen, das System, die Möglichkeiten entdecken.
Dazu muss man Anderen manchmal mutig aufs Dach steigen. Die Menschen im Haus haben sich bestimmt geärgert über den Schmutz, der herabfällt. Es war doch alles gut und bequem, bevor das Dach aufgebrochen wurde. Da war klar, wer drinnen und wer draußen, wer stark und wer schwach ist. „Und dass sich manche Probleme nicht lösen lassen, das ist halt so!“
Aber der Glaube sieht schon die neue Welt Gottes und macht Mut aufzubrechen. Er bricht das Dach auf, eröffnet neue Perspektiven.
Das Semester beginnt. Bildung ist mehr als Anhäufung und Reproduktion von Wissen. Es geht um forschendes Lernen, um Kreativität bei der Lösung von Problemen. Der Glaube ist eine Kraft, die dazu ermutigt, auch ungewohnte und ungewöhnliche Wege zu gehen. Er starrt nicht wie gebannt auf die Lähmung, sondern sieht den Gelähmten schon wieder laufen.
Über Jesus ist ein Loch im Dach, ein Aufbruch zum Himmel. „Deine Sünden sind dir vergeben“: eigene und fremde Festschreibungen, eingefahrene Strukturen und Systeme verlieren ihre Macht. Nichts hält uns fest: ein neuer Start, ein neues Semester. Die Türen ins Freie sind weit geöffnet.
IV
2. Was hat Jesus noch gesehen, als er ihren Glauben sah? Der Glaube braucht die anderen. Viele Heilungsgeschichten sind mit dem Satz verbunden: Dein Glaube hat dir geholfen. Hier sieht Jesus ihren gemeinsamen Glauben: es ist der Glaube des Gelähmten und der der vier Freunde, der den Raum der Freiheit und der Zukunft aufbricht.
Es ist der gemeinsame Glaube, der Bewegung in die Geschichte bringt und die Lähmungen überwindet. Diese Glaubensgemeinschaft bildet den Kern der Kirche und macht sie stark: Ich gehöre in den Glauben der anderen hinein und trage diese in meinem Gottvertrauen mit.
Mein Glaube ist meine ganze persönliche Herzenssache, aber deswegen noch lange keine Privatsache. Niemand glaubt für sich allein. Vielmehr lebt mein Glaube davon, dass die Anderen mich in meinem Glauben tragen; in den Situationen des Zweifels, der Einsamkeit, des Ungenügens; in dem Erschrecken über unsere Ohnmacht angesichts von Terror, von Atomwaffen, von Bürgerkriegen und Klimawandel. Wir sind wechselseitig in unserer Hoffnung aufeinander angewiesen wie der Gelähmte auf den Glauben und den Beistand seiner Träger.
Damit die Lähmung verschwindet, brauche ich die Anderen, das Gespräch, den Austausch, ihren Glauben, der mich mitnimmt, ihre Hoffnung, die mich hineinzieht in die neue Welt Gottes, ihre Liebe, die mich in Bewegung bringt und handlungsfähig macht. Wir leben aus dem Glauben der anderen.
Der Glaube entfaltet seine Kraft in der Gemeinschaft. So wie es eine große Stärke der Universität ist, das Ganze im Blick zu haben: eine gute Universität fördert Exzellenz in den einzelnen Fachgebieten, aber zugleich stört sie die einzelnen Disziplinen dabei, mit sich selbst zufrieden zu sein und sich mit Scheuklappen durch die Welt zu bewegen. Sie ermutigt, ja zwingt sie dazu, sich aneinander zu reiben und die großen Fragen und Aufgaben gemeinsam anzugehen. Sie rücken für alle durchs geöffnete Dach in eine neue Perspektive. Ich bin sehr froh, dass wir mit der Evangelischen Theologie da mittendrin sind.
V
3. Als der Kranke vor Jesus auf seiner Trage liegt und als die vier Träger von oben durchs Dach herunterschauen, sagt Jesus: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Einige dachten damals in ihrem Herzen: „Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ Andere haben sich wahrscheinlich wie wir heute gefragt: „Ja, das ist schön gesagt. Aber es gibt so viele gegenteilige Erfahrungen. Wie viele bleiben gelähmt? Wie viele müssen weiter leben in den Schrecken von Bürgerkrieg und Gewalt, von Hunger, Verachtung oder Krankheit?“
Jesus spürt die Widerstände und Zweifel und fragt zurück: „Was ist leichter? Zu sagen: „Dir sind deine Sünden vergeben!“ oder: „Steh auf, nimm dein Bett und geh umher!“ Was ist leichter? „Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden“ – sprach er zu dem Gelähmten: „Ich sage dir, nimm dein Bett und geh heim!“
Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Es verändert uns und unsere Welt schon hier und jetzt, es eröffnet uns neue Möglichkeiten, die Wirklichkeit anders zu denken und das Leben zu gestalten. Es traut uns und unserem Denken und Handeln viel zu.
Mit dem Begriff der Sünde rücken aber zugleich die Grenzen und die Doppeldeutigkeit unseres Lebens in den Blick; auch davon ist an einer Universität zu reden, die so viel Gewicht auf die Lebenswissenschaften legt. Gottes neue Wirklichkeit, in der kein Leid, kein Geschrei und kein Schmerz mehr sein werden, liegt noch vor uns; sie ist der Rahmen unserer Vorhaben, sie erinnert uns aber auch an unsere Grenzen und ruft uns zur Demut.
Das Aufbrechen des Daches und der Gelähmte, der aufrecht und frei aus diesem Haus geht, sind wunderbare Bilder für die kleinen und großen Erfahrungen von Rettung, von kreativem und mutigem „den Glauben ins Leben ziehen“, von einem Aufbruch ins Leben, den hoffentlich viele an dieser Universität in diesem Semester erleben werden. Sie verweisen uns zugleich auf die Zukunft Gottes, die auf uns zukommt und ein Leben in Fülle verspricht, wie wir es zuvor noch nie gesehen haben.
Ich wünsche Ihnen und der ganzen Universität ein gesegnetes Semester!
