Christus ist mit uns im Wandel der Zeiten

Predigt über Hebräer 13, 7 + 8 zum 175jährigen Jubiläum des ersten evangelischen Gottesdienstes in der Heil- und Pflegeanstalt Illenau und in der Reg

Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; seht auf ihr Ende und nehmt euch ihren Glauben zum Vorbild. Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und bleibt es auch in Ewigkeit.
 
Liebe Festgemeinde!
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ Das ist die Überschrift über diese Woche des 2. Advent. Mit diesem Vers gratuliere ich Ihnen zu Ihrem Jubiläum. Heute vor 175 Jahren wurde in der Illenau der erste evangelische Gottesdienst gefeiert. Wie viele werden es seitdem gewesen sein?! Und was hat sich alles verändert!?
Aber immer ging es und geht um diese Botschaft: Christus kommt auf uns zu – und verändert uns: Wir heben den Kopf, wir sehen uns um. Der aufrechte Gang, das ist eine christliche Grundhaltung! Weil Christus kommt, wird das, was uns niederdrückt, leichter. Die dunklen Tage, die manche Menschen sehr belasten; die Erinnerungen an Abschiede des vergangenen Jahres; die Schreckensbilder aus anderen Ländern; die Sorgen, wie wird es weitergehen für unsere Kinder - all das verliert an Gewicht. Christus kommt auf uns zu, wir richten uns auf und sehen vor uns einen neuen Himmel und eine neue Erde. Getröstet und ermutigt werden wir frei in seinem Geist zu leben. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
 
I
Der 11. Dezember 1842 war der dritte Advent. Ich stelle mir vor, dass die evangelischen Frauen und Männer aus der Region in ihrem Sonntagsstaat in die Kapelle der Heil- und Pflegeanstalt Illenau gekommen sind; wahrscheinlich saßen sie getrennt in den Bänken. Der neue evangelische Pfarrer Ernst Friedrich Fink predigte über einen Vers aus dem Abschnitt, den ich Ihnen als Predigttext vorgelesen habe: Jesus Christus ist derselbe gestern und heute und bleibt es auch in Ewigkeit.
Vieles hat sich seitdem gewandelt. In unserem Lebensstil, im Miteinander der Familien, in der Ordnung der Gesellschaft, in unserer Kirche. Evangelische und Katholische leben eine neue Ökumene. Die Erzfeinde rechts und links des Rheins haben sich versöhnt und bauen gemeinsam an einem Europa des Friedens, der Freiheit und der Gerechtigkeit.
Aber damals wie heute bildet Jesus Christus die Mitte unseres Glaubens und unserer Kirche. Sie zeigen das hier in Achern ganz deutlich schon nach außen durch den Namen ihrer ersten evangelischen Kirche. Und wer hier eintritt , kann dieses Glasbild nicht übersehen und erkennt sofort, das ist die entscheidende Figur. Vielleicht wird jemand, der den christlichen Glauben nicht kennt und aus einem fernen Land stammt: „Wer ist denn das?“ Und dann wird es spannend, wenn wir erzählen und ins Gespräch kommen darüber, wer dieser Jesus Christus war, ist und sein wird.
 
II
„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit!“ Dieser biblische Satz ist ein Trost!
Die Menschen, die im 19. Jahrhundert in die Heil- und Pflegeanstalt Illenau kamen, waren in großer Not. Sie waren psychisch krank; düstere Schatten liegen auf ihrer Seele, heißt es in einem Text aus der Zeit. Sie kamen nicht mehr zu Recht mit ihrem Leben; sie fielen heraus aus der Gemeinschaft ihrer Orte, Heimweh plagte sie, Einsamkeit; auch ihre Angehörigen trugen schwer an dieser Situation.
„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Ja, so lernen wir Jesus in der Bibel kennen. Wie er zu den Kranken geht, gerade auch zu denen, vor denen andere Menschen Angst haben, weil sie sich anstecken könnten, weil sie so anders sind oder weil sie vielleicht aggressiv werden. Genau zu ihnen geht Jesus. Das zeichnet ihn aus. Er steht auf der Seite derjenigen, die nicht für sich selbst sorgen können. Er selbst begegnet uns in diesen Menschen: „Ich war krank und ihr habt mich besucht!“ sagt er im Gleichnis vom Weltgericht und macht unseren Umgang mit diesen Menschen zu einem Kriterien für das Gericht am Ende der Zeiten.
Christus ist bei uns, er kommt auf uns zu und macht uns Mut, ihm zu folgen – hin zu den Menschen, die uns brauchen. Da fällt ein lichter Strahl vom bevorstehenden Weihnachtsfest auf die dunklen Schatten, die diese Menschen belasten, heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1868 über den Advent in der Illenau.
 
III
Auf Jesus Christus ist Verlass in allem Wandel. Er ist eine feste Burg und ein starker Fels, er ist unsere Hoffnung und unser Licht, Christus unsere Zuversicht.
Die Geschichte der Illenau geht in einem großen Schrecken zu Ende. Die Menschen werden aussortiert: plötzlich ist da ein Riss zwischen Stadt und Illenau. Die Würde, die Gott diesen Menschen wie uns allen gegeben hat, wird brutal missachtet. Die Nationalsozialisten üben ihre Verbrechen an den schwächsten Gliedern der Gesellschaft, bevor sie sie großflächig anwenden, um ihre Gegner, die angeblichen Feinde der deutschen Gesellschaft: jüdischen Menschen, politische Gegner, Homosexuelle, … auszumerzen. Und sie finden leider viele willige Helfer. Auf wen ist da noch Verlass? Wer hat den Mut zu widerstehen?
Zwei, die sich getraut haben, waren die Geschwister Scholl. Sie haben früh erkannt, was da passiert. Und sie haben aus ihrem Glauben heraus wiederstanden, gewaltfrei, aber sehr mutig. Am Ende werden sie gefasst und zum Tode verurteilt. Der Gefängnisseelsorger ermöglicht vor der Hinrichtung noch ein Abschiedstreffen mit den Eltern. Da sagt die Mutter zu Sophie: „Gell, Sophie, Jesus!“ und die antwortet: „Aber du auch!“
Im Schrecken der Zeiten, im Angesicht des Todes: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit!“
 
IV
Unsere Welt verändert sich, gestern und heute – und sie wird sich weiter verändern. Das zeigt schon die Gemeinde des Hebräerbriefes. Auch sie war in Bewegung. Auch da haben die Menschen gefragt und gestritten: Wie geht es weiter? Wer soll uns führen? Was gilt in unserer Kirche?
Der Hebräerbrief erinnert an die Mütter und Väter im Glauben, an die, die uns geführt haben; so wie damals im reformatorischen Aufbruch. Viele waren gerade hier im Südwesten daran beteiligt. Sie waren sehr unterschiedlich in dem, wie sie sich eine Gemeinde vorstellten und wie sie das öffentliche Leben im Geist Christi gestalten wollten. Aber sie schauten alle auf Jesus Christus und wie sich die Bewegung, die mit Christus in unsere Welt gekommen ist, ausbreiten kann: heute und hier.
Im Advent richten wir uns auf und aus: an der Erlösung, an dem Licht, das auf uns zukommt. Das ist entscheidend in allen Streitigkeiten: Bleiben wir mit Christus verbunden? Haben wir Anteil an dieser Bewegung Gottes, die wir in Christus erleben? Was ist unser eigenes Interesse oder Zeitgeist und welchen Weg weist uns Christus? Wer hilft uns und stärkt uns auf diesem Weg des Glaubens mit Christus?
Da sind die Mütter und Väter im Glauben, große Namen manchmal, Personen, die in den vergangenen 175 Jahren den Glaube, die Liebe und die Hoffnung ihrer Gemeinde geprägt haben. Aber jeder und jede von uns kann auch persönlich zurückschauen. Da entdecken Sie vielleicht die Großmutter, die Jesusgeschichten erzählt hat; oder Vater und Mutter, die abends „Breit aus die Flüglein beide, oh, Jesu meine Freude“ gesungen haben; einen Jugenddiakon, der alle im Zeltlager begeistern konnte; eine Pfarrerin, die sich über Widerspruch und echte Fragen im Konfirmandenunterricht freute und sich traute mit Ihnen zusammen nach Antworten für heute zu suchen.
Niemand glaubt für sich allein, wir brauchen die Wolke der Zeuginnen und Zeugen, die uns im Glauben Vorbild sind. „Seht auf ihr Ende und nehmt euch ihren Glauben zum Vorbild.“ Der Verfasser dieses Verses weiß, dass der Glaube viel mit unserem Ende zu tun hat. Da muss er sich bewähren, hat Luther immer wieder betont, da ist das feste Herz gefragt, das Vertrauen auf das Wort Gottes.
Auch da gibt es aber kein Schema, auch da steht nicht von vorneherein fest: So musst du sein, das musst du sagen. Die Evangelien erzählen sehr unterschiedlich vom Tod Christi: Bei Matthäus und Markus schreit er: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ im Lukasevangelium vertraut er sich Gott an: „Vater, ich befehle meinen Geist in diene Hände!“ Und bei Johannes sorgt er für seine Mutter und Johannes und sagt zustimmend „Es ist vollbracht!“
Es gibt kein Schema. Wir haben die Antworten nicht in unserer Hand, aber ein Grundvertrauen, das uns als Kirche und als Einzelne durch die Zeiten trägt. Das Vertrauen auf Christus, der da war, der heute mitgeht und der in Ewigkeit bleibt. Er nimmt uns in die Bewegung Gottes mit hinein und sagt uns zu: „Fürchtet euch nicht! Ich bin bei Euch, ich gehe mit Euch im Wandel der Zeiten“ und bin derselbe in Ewigkeit.
Deshalb: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“