1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sün-den! 2 Sie suchen mich täglich und begehren, meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, was die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht; sie begehren, dass Gott sich nahe.
3 „Warum fasten wir, und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib, und du willst’s nicht wissen?“
Siehe an dem Tag, an dem ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.
4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen, an dem der Herr Wohlgefallen hat?
6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich gefallen habe: Lass los, die du mit Un-recht gebunden hast; lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
7 Brich mit dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Zeit der Barmherzigkeit
Predigt über Jesaja 58, 1-9a von Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh zum Abschluss der Vesperkirche am 14.02.2016 in Pforzheim
I
Liebe Gemeinde,
am vergangenen Mittwoch hat die Fastenzeit begonnen. Meine katholischen Mit-schülerinnen und Mitschüler in Fulda gingen am Aschermittwoch in der ersten Stunde in die Messe und kamen dann mit einem Aschenkreuz auf der Stirn zum Unterricht. Ein Aschenkreuz, das ist ein deutliches Zeichen, eigentlich ein Doppelzeichen.
Einerseits bedeutet es: Überleg Dir, was du falsch gemacht hast! Und nutze die Zeit bis Ostern, um dich zu ändern! Andererseits sagt es: Du lebst unter dem Zeichen des Kreuzes! Jesus steht dir bei, auch bei allem, was falsch ist in deinem Leben oder was du anderen schuldig bleibst.
Unser evangelischer Religionslehrer ärgerte sich, wenn wir über die Sünden der anderen Witze machten und ihnen vorschlugen, was sie die nächsten sieben Wochen anders machen sollten. Er wollte, dass auch wir darüber nachdenken, was richtig und was falsch ist. Dass wir versuchen so zu leben, dass Gott Freude daran hat. Und dass wir glauben und wissen, dass Jesus uns auf diesem Weg begleitet und beisteht.
(Er erklärte uns, dass der einzige Unterschied sei: die Evangelischen sollen das nicht nur eine bestimmte Zeit im Jahr tun, sondern immer, so wie es Martin Luthers 1. These sagt: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.“)
Ich bin froh, dass Sie hier in Pforzheim die Vesperkirche ökumenisch gestalten – mit aller Freude am guten Essen, an Wärme und an Begegnungen, aber auch mit aller Nachdenklichkeit über das, was heute an Umkehr und Buße nötig ist. Ich glaube, wir können auch an dieser Stelle viel von voneinander lernen und vor allem gemeinsam viel bewegen.
am vergangenen Mittwoch hat die Fastenzeit begonnen. Meine katholischen Mit-schülerinnen und Mitschüler in Fulda gingen am Aschermittwoch in der ersten Stunde in die Messe und kamen dann mit einem Aschenkreuz auf der Stirn zum Unterricht. Ein Aschenkreuz, das ist ein deutliches Zeichen, eigentlich ein Doppelzeichen.
Einerseits bedeutet es: Überleg Dir, was du falsch gemacht hast! Und nutze die Zeit bis Ostern, um dich zu ändern! Andererseits sagt es: Du lebst unter dem Zeichen des Kreuzes! Jesus steht dir bei, auch bei allem, was falsch ist in deinem Leben oder was du anderen schuldig bleibst.
Unser evangelischer Religionslehrer ärgerte sich, wenn wir über die Sünden der anderen Witze machten und ihnen vorschlugen, was sie die nächsten sieben Wochen anders machen sollten. Er wollte, dass auch wir darüber nachdenken, was richtig und was falsch ist. Dass wir versuchen so zu leben, dass Gott Freude daran hat. Und dass wir glauben und wissen, dass Jesus uns auf diesem Weg begleitet und beisteht.
(Er erklärte uns, dass der einzige Unterschied sei: die Evangelischen sollen das nicht nur eine bestimmte Zeit im Jahr tun, sondern immer, so wie es Martin Luthers 1. These sagt: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, wollte er, dass das ganze Leben der Glaubenden Buße sei.“)
Ich bin froh, dass Sie hier in Pforzheim die Vesperkirche ökumenisch gestalten – mit aller Freude am guten Essen, an Wärme und an Begegnungen, aber auch mit aller Nachdenklichkeit über das, was heute an Umkehr und Buße nötig ist. Ich glaube, wir können auch an dieser Stelle viel von voneinander lernen und vor allem gemeinsam viel bewegen.
II
„Soll das ein Fasten sein, an dem ich Wohlgefallen habe?“, fragt Gott. Wie wollt ihr leben, damit es mich freut? Und dann erzählt unser Predigttext Geschichten, wie Menschen meinen im Sinne Gottes zu handeln, in Wirklichkeit aber sich und anderen dabei etwas vormachen. Siehe an dem Tag, an dem ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Da fasten welche, aber gleichzeitig ist ihnen egal, womit sie ihr Geld verdienen und dass ihre Arbeiter kaum genug zum Leben haben. Andere reden von Versöhnung und Miteinander, aber gleichzeitig hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein.
Fallen Ihnen Situationen oder Geschichten ein, wo heute Ähnliches passiert? In ihrer persönlichen Umgebung? Oder im öffentlichen Leben?
Ich sehe, dass die Kluft zwischen Armen und Reichen in unserem Land immer grö-ßer wird. Aber viele bezeichnen das als gerecht, weil doch jeder und jede das bekommt, was sie sich selbst verdient. Und wenn es den Starken gut geht, sei das ja auch für die Schwachen gut. Aber das ist nicht die Gerechtigkeit, an der Gott ein Wohlgefallen hat.
Ich sehe, dass viele fordern, dass Europa sich abschottet und seine Grenzen besser gegen Flüchtlinge sichert. Das entspräche dem Recht und sei gerecht. Aber das ist kein Recht, das Gott wohlgefällt. Gott will, dass wir den Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, beistehen und dass wir die Ursachen der Flucht beseitigen. Die Kriege müssen ein Ende finden; die Menschen müssen gut von ihrer Arbeit leben können und eine Zukunft für ihre Kinder sehen; dann muss niemand mehr fliehen.
III
Unser Predigttext deckt falsches Fasten und falsche Gerechtigkeit auf. Aber wichtiger sind die positiven Geschichten, die er erzählt. Sie nehmen uns mit hinein in die Bewegung Gottes, die unsere Welt mit Barmherzigkeit füllt, die unser Herz weitet und unsere Hände für die öffnet, die in Not sind.
„Das ist aber ein Fasten an dem ich Wohlgefallen habe: Lass los, die du mit Un-recht gebunden hast; lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!“ Brich mit dem Hungrigen dein Brot. Hilf, dass die, die frieren, genug zum Anziehen und eine Unterkunft haben. Sprich mit den Einsamen. Geh zu den Traurigen.
Die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche heißt: „Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge“ und macht Mut, Gottes Barmherzigkeit in unserem Leben aufzunehmen und aus ihr zu leben. So wie Sie das in den vergangenen vier Wochen hier in der Vesperkirche getan haben. Sie haben ja genau dieses weite Herz vorgelebt: Männer und Frauen, Einheimische und Fremde, Junge und Alte, Kinder kamen und kommen um sich aufzuwärmen, zu essen und zu trinken, um einander zu helfen. Um miteinander zu reden, zu spielen und zu singen. Oder um einfach mal nur Ruhe zu haben. Manche nutzen die Vesperkirche, um endlich selbst zum Arzt zu gehen oder ihren Hund untersuchen zu lassen; manche lassen sich die Haare schneiden, andere sind froh, dass sie mit jemandem über das reden können, was ihnen schon lange auf die Seele drückt. Und viele freuen sich, endlich konkret etwas tun zu können, für einzelne Menschen, für eine bessere, barmherzigere Welt.
Denn das große Herz öffnet sich der Not des einzelnen Menschen – und setzt damit zugleich ein deutliches Zeichen für eine neue Kultur der Barmherzigkeit, die das gesamte Zusammenleben verändert: „Kommt, rückt zusammen, es ist noch Platz am Tisch und genug für alle in den Schüsseln!“ Und wenn dann einer keine Lust hat, zusammenzurücken und zu teilen und ein griesgrämiges Gesicht macht, hilft vielleicht ein kleiner Stupser und ein freundliches: „Komm, du bekommst auch als erster.“ Und manchmal, hoffentlich kann der andere dann auch über seinen eigenen Neid lachen.
In der Vesperkirche leben das große Herz und die Kultur der Barmherzigkeit. Statt auszugrenzen setzen sie auf Begegnungen – zwischen den Generationen, zwischen Einheimischen und Fremden, zwischen denen, denen es besser geht und denen, die sich elend fühlen. Das ist ein Fasten, das Gott wohl gefällt.
„Das ist aber ein Fasten an dem ich Wohlgefallen habe: Lass los, die du mit Un-recht gebunden hast; lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!“ Brich mit dem Hungrigen dein Brot. Hilf, dass die, die frieren, genug zum Anziehen und eine Unterkunft haben. Sprich mit den Einsamen. Geh zu den Traurigen.
Die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche heißt: „Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge“ und macht Mut, Gottes Barmherzigkeit in unserem Leben aufzunehmen und aus ihr zu leben. So wie Sie das in den vergangenen vier Wochen hier in der Vesperkirche getan haben. Sie haben ja genau dieses weite Herz vorgelebt: Männer und Frauen, Einheimische und Fremde, Junge und Alte, Kinder kamen und kommen um sich aufzuwärmen, zu essen und zu trinken, um einander zu helfen. Um miteinander zu reden, zu spielen und zu singen. Oder um einfach mal nur Ruhe zu haben. Manche nutzen die Vesperkirche, um endlich selbst zum Arzt zu gehen oder ihren Hund untersuchen zu lassen; manche lassen sich die Haare schneiden, andere sind froh, dass sie mit jemandem über das reden können, was ihnen schon lange auf die Seele drückt. Und viele freuen sich, endlich konkret etwas tun zu können, für einzelne Menschen, für eine bessere, barmherzigere Welt.
Denn das große Herz öffnet sich der Not des einzelnen Menschen – und setzt damit zugleich ein deutliches Zeichen für eine neue Kultur der Barmherzigkeit, die das gesamte Zusammenleben verändert: „Kommt, rückt zusammen, es ist noch Platz am Tisch und genug für alle in den Schüsseln!“ Und wenn dann einer keine Lust hat, zusammenzurücken und zu teilen und ein griesgrämiges Gesicht macht, hilft vielleicht ein kleiner Stupser und ein freundliches: „Komm, du bekommst auch als erster.“ Und manchmal, hoffentlich kann der andere dann auch über seinen eigenen Neid lachen.
In der Vesperkirche leben das große Herz und die Kultur der Barmherzigkeit. Statt auszugrenzen setzen sie auf Begegnungen – zwischen den Generationen, zwischen Einheimischen und Fremden, zwischen denen, denen es besser geht und denen, die sich elend fühlen. Das ist ein Fasten, das Gott wohl gefällt.
IV
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
Was in den vergangenen Wochen hier in Pforzheim und in vielen anderen Städten Deutschlands geschehen ist, hat das großes Herz Gottes für viele erfahrbar gemacht. Es hat Mut gemacht gegen die Angst, es könnte nicht reichen: 5000 Menschen waren um Jesus versammelt. Da kommen seine Freunde voller Sorgen: „Schick sie weg! Wir können nicht für sie sorgen; wir das schaffen nicht!“ Doch Jesus vertraut auf Gottes große Barmherzigkeit. Er macht die Herzen weit, öffnet die Augen für die anderen und macht Mut, den Verstand für die Barmherzigkeit zu nutzen: Wie lässt sich das Vorhandene so teilen, dass alle satt werden? Wie führen wir zusammen, statt zu spalten? „Lasst sie sich lagern, immer 50 zusammen, so dass sie noch sehen, was die eine hat und was der andere braucht, und dann: Dankt Gott, von dem wir alles haben, und brecht das Brot und teilt den Wein!“
Gottes weites Herz bringt einen barmherzigen Geist in die Welt - auch dann, wenn wir an unsere Grenzen kommen. Gerade die Fastenzeit macht deutlich: Es sind nicht nur die anderen, die lieber an sich selber denken, die mit ihrem großen Herz scheitern oder anderen etwas schuldig bleiben. Das geht ja auch uns so. Wir sind genervt von denen, die vordrängeln oder nie zufrieden sind. Wir haben das Gefühl, nicht genug zu tun. Wir machen uns Sorgen um unsere Zukunft: Wird die Schere zwischen arm und reich noch weiter auseinandergehen, jetzt wo so viele Menschen aus Krieg und Not bei uns Zuflucht suchen? Wie wird sich unser Miteinander verändern, wenn die unterschiedlichen Kulturen und Religionen einander begegnen?
Gerade in der Fastenzeit entdecken wir, was noch aussteht. Wir bringen vor Gott, was sich ändern müsste: in unserem eigenen Leben, in unserer Stadt und in unserer Welt. Wir rufen und Gott antwortet.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
In den Vesperkirchen erleben wir das große Herz Gottes. Wir spüren: Wir leben aus der Barmherzigkeit Gottes. Sie reißt uns mit und macht uns mutig und frei, selbst barmherzig zu sein. Gott lädt ein zum Fest der Barmherzigkeit und setzt sich selbst mit an den Tisch: zusammen mit Alten und Jungen, Fremden und Einheimischen, Armen und Reichen. Sie essen und trinken, sie reden und lachen. Sie freuen sich und schmecken, wie freundlich Gott ist.
