Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwieger-vaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.
Da sprach er: „Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.“ Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: „Mose, Mose!“ Er antwortete: „Hier bin ich.“ Er sprach: „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort darauf du stehst, ist heiliges Land!“ Und er sprach weiter: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“
Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der Herr sprach: „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie hinaufführe in ein gutes und weites Land, in ein Land darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Drangsal gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.“ Mose sprach zu Gott: „Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?“ Er sprach: „Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge.“ Mose sprach zu Gott: „Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: ‚Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!‘, und sie mir sagen werden: ‚Wie ist sein Name?‘, was soll ich Ihnen sagen?“ Gott sprach zu Mose: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Und sprach: „So sollst du zu den Israeliten sagen: ‚ich werde sein‘, der hat mich zu euch gesandt.“
Aufbruch ins Helle!
Bildbetrachtung über Exodus 3 und 4 zu „Der brennende Dornbusch“ von Marc Chagall in der Michaeliskirche Blankenloch am 19.10.2018)
Der Glaube ist ein Aufbruch ins Helle!
I
Von goldgelb bis weiß, von strahlend rot bis hellblau-grau. Chagall lädt uns in einen Lebensraum ein, der leuchtet und strahlt. Was hier passiert, verändert das Leben!
Mitten drin kniet Mose: Große Augen, kräftiger Bart, Schläfenlocken, krause Haare; der Mund ist offen – auch in den biblischen Geschichten ist er immer am Reden: mit Gott, mit seinen Mitmenschen, mit dem Pharao.
Ein starker Mann, kräftige Hände und Füße. Ein grober Mantel hüllt ihn ein. Mitten im Leben steht dieser Mose: in einer fremden Familie aufgewachsen; Mitglied einer Minderheit mit Migrationshintergrund; Teil einer Minderheit; streiterfahren. Und Schafe hüten ist keine leichte Arbeit.
Mose und Chagall – das ist wie Merkel und das Kostüm. Selten fehlt Mose auf einem Bild von Chagall. Er steht für den Glauben, für die Gottesbegegnung und das Gottvertrauen. Er steht für das, was Chagall beschäftigt, was er an uns weitergeben will.
Chagall hat ihm die Hörner gelassen, obwohl sie in die mittelalterlichen Bilder etwa bei leonardo da vinci wohl durch einen Übersetzungsfehler hineingeraten sind. Das hebräische „strahlend“ wurde beim Übersetzen ins Lateinische der Vulgata mit „gehörnt“ übersetzt.
Chagall hat das nicht korrigiert, sondern in seinem Sinne aufgenommen: Mose hat zwei Hörner, kräftige Hörner, Zeichen seiner Verbindung in eine andere, eine göttliche Dimension – Mose strahlt göttliche Kraft aus: „Mose ist die Quelle, aus der alles stammt.“
II
Der Glaube ist ein Aufbruch ins Helle!
Ein Aufbruch im Alltag. Mose hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters. Familienbeziehungen, Tiere, die Arbeit – der Glaube führt nicht aus unserer Welt heraus, sondern in sie hinein. Gott bleibt nicht irgendwo da oben und für sich; Gott will in Kontakt kommen mit uns. Es geht um den Alltag, um unser Leben. In dieser Bewegung zeigt sich Gott: Hin zu den versklavten Israeliten: Ich habe das Elend meines Volkes gesehen. Hin zu den Menschen, die Gott vergessen haben, wie in Ninive. Hin zu uns!
Damit auch wir an Gottes Bund Anteil bekommen, wird Gott Mensch, dir Mensch zu Gute. Gott kommt als Kind in der Krippe in unsere Welt, umgeben von Hirten und Schafen. Und wie die Hirten auf dem Felde einstimmen in den Jubel der Engel und die Schafe sich an die Krippe drängen, so bekommen auch hier die Schafe einen neuen Glanz: auch sie erstrahlen in Gelb- und Goldtönen, wie Mose selber. Sie leuchten strahlend und im gleichen Farbton im gleichen Farbton wie das Tetragramm und die Hörner des Mose, obwohl sie doch im Hintergrund und zum Teil im Dunklen stehen.
Aufbruch ins Helle heißt aber auch: Aufbruch. Aufmerksamkeit für das Besondere. Ein brennender Busch, mannshoch: Würden Sie da hingehen oder lieber nicht so nah daran? Ein brennender Busch – und doch verbrennt er nicht. Verkohlt nicht, so dass wir nur noch ein schwarzes Gerippe sehen, sondern leuchtet und strahlt im kräftigen Rot, in Rosa und Gelb. „Und Mose sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.“
III
Der Glaube ist ein Aufbruch ins Helle, der uns grundlegend verändert. Noch ist Mose dunkel, blau, grau, so wie das Land, die Schafweide, die ihn umgibt; wie unsere Realität. Aber schon schwebt der grünliche Engel über ihm, der in seiner Farbe Himmel und Erde, gelb und blau mischt, der die Durchlässigkeit der Welten symbolisiert.
Aber schon zeigen sich die ersten hellen, (gold)gelben Flecken, am Revers, auf seiner Hand, auf seinem Fuß, an seinen Hörnern. Er wird angestrahlt vom weißen Kern der Sonne, die die Landschaft füllt; ihre Mitte bildet das Tetragramm, das Leuchten Gottes.
Moses Glaube ist Reflexion; er spiegelt die Kraft und Freude und Klarheit Gottes wieder. Seine strahlende Hand, die für unsere Handlungsfähigkeit steht: gelb wie das Licht Gottes und weiß als Zeichen der wunderbaren Kraft Gottes (Ex 4,6f): „Und der HERR sprach weiter zu ihm: Stecke deine Hand in den Bausch deines Gewandes. Und er steckte sie hinein. Und als er sie wieder herauszog, siehe, da war sie aussätzig wie Schnee. 7 Und er sprach: Tu sie wieder in den Bausch deines Gewandes. Und er tat sie wieder hinein. Und als er sie herauszog, siehe, da war sie wieder wie sein anderes Fleisch.“
Sein Fuß, der für den Weg und das Unterwegssein steht. Der liegt noch vor Mose: der Weg zum Pharao, der Auszug aus Ägypten, hoch auf den Berg. Gut, dass ein Fuß schon gelb und gotteskräftig ist.
Sein Mantelrevers, direkt links über dem Herz: da ist der Kern der Person, da sitzt unsere Mitte.
Und schließlich das Antlitz des Moses, es changiert in verschiedenen Farben: Schön durch den Anblick der Herrlichkeit Gottes, aber auch noch mit grau-grünen Flecken wie Erde und Alltag. Auf der Wange spürt man den roten Widerschein des Feuers. Und auf dem Kopf die strahlend gelben Hörner. Sie leuchten am Hellsten, fast weiß in den Spitzen wie das Tetragramm. Nach der Gottesbegegnung (Ex 34, 39) strahlt Mose so sehr, dass er sein Gesicht verhüllen muss, damit das Volk Israel nicht vor diesem Licht vergeht.
Hier aber ist Glaube noch Aufbruch ins Helle: ein Aufbruch, noch nicht die Ankunft. Mose ist noch nicht am Ziel; er ist Mensch, mit Ärger und Widerspruch, mit Not und Kampf: So bist du, Mensch! Das zeigt dein Gesicht!
IV
Glaube ist Aufbruch ins Helle!
Mose hat keine Angst vor dem brennenden Busch. Er geht hin, nah heran an das Wunder, furchtlos, mutig: aufrecht! Der Glaube macht Mut zum aufrechten Gang. Die Gottesfurcht wächst und die Angst schwindet. Ja, ohne Schuhe steht Mose vor Gott, ehrfürchtig, gottes-fürchtig, aber mutig und aufrecht. Er wirft sich nicht nieder und versteckt sich nicht. Anders als viele andere Darstellungen in der Kunstgeschichte, die Mose in einer Orantenhaltung malen, gebeugt, mit dem Kopf auf der Erde oder dem Gesicht verdeckt.
Glaube macht mutig und frei, stärkt unseren aufrechten Gang. Gott sucht die Begegnung, spricht mit uns auf Au-genhöhe: Moses Mund ist offen. Er verhandelt mit Gott. Was? Das soll ich tun? Gott spricht mit Mose, hört ihm zu, argumentiert mit ihm. Es ist fast ein bisschen ko-misch: denn dieser Mose, der von sich sagt: „Ach, mein Herr, ich bin von jeher nicht beredt gewesen, auch jetzt nicht, seitdem du mit deinem Knecht redest; denn ich hab eine schwere Sprache und eine schwere Zunge.“ Dieser sprachlose Knecht, rhetorisch unbegabt, der spricht hier mit Gott, dass wir die Wechselworte gerne heute noch auswendig lernen würden.
Gott will, dass Mose hingeht und Israel befreit: „Du kannst das, weil ich mit dir bin. Ich werde da sein, wo du mich brauchst; ich werde da sein, wie auch immer sich die Situation verändert.“ Gott, der das Schreien seines Volkes gehört und die Elenden befreien will, geht mit Mose. Stellen Sie sich vor, wie sich das anfühlt, wenn Hand in Hand mit ihnen einer geht, dem die Schreie derjenigen im Ohr gellen, die um ihr Überleben kämpfen, damals in Ägypten und heute im Mittelmeer, im Bombenhagel im Jemen, im Terror in Nigeria. So geht Gott mit Mose, mit allen Sinnen ausgerichtet auf die Befreiung der Elenden.
V
Der Glaube ist ein Aufbruch ins Helle. Nicht blinder Gehorsam, sondern Gottesbegegnung; mit leeren Händen, aber im Gottvertrauen; so führt der Glaube ins Helle – wir wachsen über uns hinaus auf Gott zu und entdecken neue Kräfte. Neue Hoffnungen! Wenn Du mir das zutraust, Gott, dann ist alles möglich: Frieden auf Erden, Versöhnung zwischen Feinden, Liebe, die durch das ganze Leben trägt.
Mose bricht mit Gott auf ins Helle. Aber noch hat er Sorge: Werden mir die Menschen glauben? Werden sie meine Hoffnung aufnehmen und mitgehen beim Aufbruch in die Freiheit und ins Helle? Was soll ich ihnen sagen, wenn sie mich nach deinem Namen fragen? Was bedeuten diese vier Buchstaben im strahlend weißen Kern der Sonne? „Da sprach Gott zu Mose: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Und Gott sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.“
Gott ist mit dir, Gott ist je und je für uns da! Das ist die Botschaft dieses Bildes: Gott geht mit uns durch den Wandel der Zeiten. Gott schenkt uns den Glauben, der unser Leben hell macht und uns ins Helle aufbrechen lässt.
