Gott zieht ein!

Predigt über Matthäus, 21, 1-11 im Festgottesdienst zur Wiedereinweihung nach Teilrenovierung der Kirche in Gauangelloch am 1. Advent 2018

Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!

Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. Das geschah aber damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres.“

Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf.

Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“

Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: „Wer ist der?“ Die Menge aber sprach: „Das ist Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa.“

Liebe Festgemeinde,

„wie soll ich dich empfangen und wie begegne ich dir?“ Das ist die Frage des 1. Advents! Jesus steht vor den Toren der Stadt und will einziehen. Damals in Jerusalem und heute bei uns. Wie empfangen wir Jesus? Wie geben wir ihm Raum in unserer Kirche, in unserem Ort – und in unseren Herzen?

Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zur Wiedereinweihung Ihrer Kirche. Schön und freundlich ist sie wieder geworden. Ein Raum, der Menschen zum Innehalten und zur Begegnung mit Christus einlädt; ein Raum, der sich dem Geist Christi öffnet, dass er einziehe und unserem Leben und unserem Alltag einen neuen Glanz gibt.

Was macht einen Raum zum Kirchenraum? Drei Dinge möchte ich hervorheben:

  • die Gemeinschaft, die in ihm erleben;
  • die Kraft, mit der er uns als Gemeinde ausrichtet und uns ermutigt, Verantwortung für Andere zu übernehmen;
  • und schließlich: dass der Kirchenraum uns zum Innehalten einlädt und unser Gottvertrauen stärkt.

Diese drei Elemente lassen sich nicht einfach in Steinen und Materialien oder in bestimmten Formen einfangen, nach dem Motto: „So musst du bauen, dann ist das eine richtige Kirche, dann ist Gott da und es wächst eine gute Gemeinde.“ Der Geist Gottes weht, wo er will, manchmal ganz überraschend, manchmal da, wo wir ihn gar nicht erwarten.

Aber was wir tun können und wo wir gefragt sind, das ist: unsere Kirchen so zu gestalten, dass Raum ist für den Geist Christi; dass er sich hier ausbreiten und Menschenherzen erfüllen kann. Geist und Raum wollen korrespondieren, so dass das Gottvertrauen gestärkt, die Gemeinschaft gefördert und wir dazu ermutigt werden, Verantwortung für andere zu übernehmen.

I

„Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttieres.“

Das ist ein einprägsames Bild, wie Jesus da auf einem Esel einzieht. Als Kaiser Wilhelm der II. um die letzte Jahrhundertwende Jerusalem besuchte, ließ er ein Stadttor vergrößern, damit er auf einem Pferd aufrecht und reitend einziehen konnte. Er wollte seine Macht und vor allem auch die Bedeutung Deutschlands im Nahen Osten demonstrieren.

Jesus, der Eselsreiter, reitet ganz anders in die Stadt: Auf dem kurzbeinigen Esel schlenkern seine Beine knapp über dem Erdboden. Das grauhaarige Lasttier trottelt vor sich hin. Der Reiter schaukelt hin und her.

Und doch bekommt unsere Zukunft mit diesem Eselsritt ein neues Gesicht: Jesus, das Kind, das im Stall und nicht im Palast geboren wird, das Kind, das schon kurz nach seiner Geburt vor Gewalt fliehen muss, wie heute so viele in Syrien, im Jemen – dieses Kind rettet die Welt. Ein junger Mann, der durch die Dörfer und Städte zieht und Menschen Mut macht, sie aufrichtet und die Ausgestoßenen zurückholt in die Gemeinschaft – Er verändert das Gesicht dieser Erde. Endlich ist einer da, der nicht um seine Anerkennung und Macht kämpft, sondern um der anderen willen von sich selbst absieht und sich selbst zurücknimmt – Der Eselsreiter führt usn in das Reich der Himmel!

Glauben heißt, Geschichten von diesen Erfahrungen zu erzählen, Geschichten vom Gottvertrauen. Kirchen sind Orte, in denen sich solche Geschichten an die Wände heften und in die Bänke „einbeten“; sie verbinden sich mit den Fenstern, den Bildern und Plätzen. Seit über 100 Jahren haben Menschen in dieser Kirche Trost gefunden und sind ermutigt worden.

Manchmal kamen sie allein herein. Wenn die Kirche offen ist und Menschen einfach hineingehen können, inne zu halten. Auf dem Lieblingsplatz sitzen, ruhig werden, mit Gott ins Gespräch kommen: Wie geht es weiter mit meiner Ehe? Oder: Was soll ich jetzt machen? Ich schaffe die Pflege zu Hause nicht mehr, aber er vertraut so auf mich!?

Manchmal allein, aber vor allem gemeinsam stärken wir uns in dieser Kirche: Wir kommen zusammen, um uns wechselseitig im Glauben zu stärken. Um miteinander die wichtigen Schritte im Leben zu gehen und zu bedenken. Wessen Kind ist in dieser Kirche getauft worden? Wer von Ihnen wurde hier konfirmiert oder getraut?

Die adventliche Kirche ist eine Gemeinschaft, die sich wechselseitig stärkt: im Glauben und im Leben. Wir teilen die Zweifel und die Sorgen, wir freuen uns miteinander. Und manchmal verlassen wir uns einfach darauf, dass andere heute für uns mitsingen, weil uns die Worte und der Gesang wegen unserer Sorgen im Hals stecken bleiben. Der lebendige Adventskalender ist ein schönes Bild für diese adventliche Gemeinschaft auf dem Weg: Wir geleiten und begleiten einander durch den Advent, von Station zu Station, jede Familie, jedes Haus, mit dem was ihnen besonders wichtig ist. Wir schauen gemeinsam nach vorne auf das Licht, das die Dunkelheit erhellt; wir machen uns gemeinsam auf zur Krippe.

Unser Predigttext malt für die Gemeinschaft in der Gemeinde und mit Jesus ein eindrückliches Bild: Jesus reitet in die Stadt, aber nicht nur auf einem Esel, wie es die anderen Evangelien erzählen, sondern auf der Eselin und ihrem Füllen, ihrem Kind. Ob er auf der Eselin saß und das Jungtier mit sich führte – oder umgekehrt?

Für mich ist das ein Symbol: Jesus will uns mitnehmen und zusammen führen: die Generationen und Geschlechter, verschiedene Kulturen, Religionen und Nationen, die Frommen und diejenigen, die es gerade schwer haben mit ihrem Glauben. Kommt mit mir, nehmt Platz auf dem Esel, wir sind gemeinsam unterwegs auf der Reise in das Reich Gottes. Diese Gemeinschaft der Vielfalt ist heute besonders wichtig: Jesus bringt zusammen, was manche gerade mit Gewalt auseinander sortieren wollen, um „Unseres“ gegen „die da“ zu sichern.

Der Geist der Gemeinschaft zeichnet einen Kirchenraum aus. Sie haben beim Umbau großen Wert darauf gelegt, dass das deutlich wird, dass dieser Geist, der Menschen über alle Unterschiede hinweg verbindet, Raum greifen kann. Neue Möglichkeiten sind entstanden für Begegnungen in der Kirche - beim Nachgespräch, beim Kirchencafé, aber auch für das geistliche Leben: jetzt ist mehr Platz, um einzuziehen; es ist genügend Raum da, um miteinander um den Taufstein zu stehen und wirklich miteinander Abendmahl zu feiern, aber auch neue Möglichkeiten für Andachten im kleinen Kreis.

II

Jesus zieht bei uns ein. „Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig!“ Der Eselsreiter verändert uns, unsere Kirche und unsere Welt. Nicht durch eine Machtdemonstration wie Kaiser Wilhelm II., sondern sanftmütig. Das ist für Matthäus vielleicht die wichtigste Eigenschaft von Jesus. 

Was bedeutet sanftmütig? Wer sanftmütig ist, sucht die Verständigung mit den anderen. Er oder sie will sich nicht um jeden Preis durchsetzen, sondern hört genau zu und fragt nach: Was brauchst du? Was können wir füreinander und für andere tun? Was wollen wir miteinander erreichen? Sanftmut lädt anderen keine Lasten auf, sondern entlastet. „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“

Sanftmütig kommt Jesus in die Welt und verändert sie; sanftmütig sollen wir ihm nachfolgen. „Die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.“

Eine Kirche der Sanftmut ermöglicht es, Verletzungen, Kränkungen und Trauer anzusprechen. In ihr gehen die Menschen respektvoll und gewaltfrei miteinander um. Denn die, die sich in dieser Kirche der Sanftmütigen treffen, glauben, dass ihnen in ihren Geschwistern Jesus Christus begegnet, gerade auch in denen, die ihnen fremd sind und über die sie sich manchmal ärgern. Trotzdem zusammenhalten und gerade im Konflikt verbinden, das sind wichtige Aufgaben der Kirche der Sanftmütigen.

Das ist eine deutliche Zeitansage am Beginn des neuen Kirchenjahres: Gott kommt sanftmütig in die Welt und lässt uns sanft und mutig miteinander leben. Wir wollen eine lebendige Kirche sein, die sich umschaut und mitten im Leben steht. Die sich einmischt in die Nachbarschaft, die die Ökumene lebt, so wie sie mit der Aktion „An einem Strang ziehen“ beide Kirchen hier im Ort verbunden haben. Eine lebendige Kirche sieht auch die fernen Nächsten: Heute Morgen wurde in Stuttgart der Festgottesdienst zum sechzigjährigen Bestehen von Brot für die Welt gefeiert. Eine adventliche Kirche hat Hoffnung und Brot für die Welt!

Wie Jesus verfolgt sie sanft, aber beharrlich und mit klarer Ausrichtung in vielen kleinen Schritten ihr Ziel: eine Welt, in der Menschen in Frieden und Würde leben können, in der unsere Mitwelt: Tiere und Pflanzen, die Erde in all ihrer Schönheit, Vielfalt und Lebendigkeit bewahrt werden. Ganz praktisch sind wir da gefragt mit unserem Tun, mit unserem Handeln. In diesem Jahr erhält neben der Jesidin Nadia Murad auch der Arzt Denis Mukwege den Friedensnobelpreis. Seit vielen Jahren unterstützt Brot für die Welt seine Arbeit und finanziert seine Klinik. Das sind solche kleinen, aber klaren Schritte, die ausstrahlen.

Manchmal fragen Menschen dann auch wie die Menge damals: „Wer ist der?“ Und warum lauft ihr ihm nach? Und wir antworten mit denen, die sich damals von seinem Gottvertrauen und seiner Sanftmut haben anstecken lassen: „Jesus ist der Prophet aus Nazareth in Galiläa“, das Gesicht Gottes. Er überwindet unsere Angst und ermutigt uns dazu, im aufrechten Gang einen gerechten Frieden zu suchen: „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“

III

Jesus zieht auf einem Esel reitend in Jerusalem ein. Sanft und mutig zeigt er uns Gottes Gesicht. Auf dem zweiten Esel ist Platz neben und mit ihm zu reiten, für alle, die schlecht zu Fuß sind. Alle anderen ruft Jesus, ihm zu Fuß zu folgen. Der, der sanftmütig ist, will nicht allein sein und sich nicht alleine durchkämpfen. Er will mit uns und allen, die im Dunkel sind, gemeinsam zur Krippe gehen. Damit Flüchtlinge wieder Mut schöpfen und Obdachlose die Kälte gut überstehen, damit Trauernde Trost finden und Zerstrittene sich versöhnen.

Jesus traut uns etwas zu. So wie den Freundinnen und Freunden, die damals mit ihm nach Jerusalem gezogen sind. Obwohl sie Vieles nicht verstanden haben, was er getan hat; obwohl sie manchmal weder sanft noch mutig waren. Sie haben sich lauthals und hinterrücks gestritten, wer der Größte ist. Sie sind eingeschlafen sind, als er sie bat, mit ihm zu wachen. Am Ende hat sie der Mut verlassen und sie haben ihn verraten. Diesen schwachen Gesellen und uns traut Jesus zu, der Welt die gute Adventsbotschaft zu bringen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit: der Friedefürst zieht ein!“

Jesus traut uns das zu und lässt uns dabei nicht allein. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ Damit wir in diesem Vertrauen gestärkt werden, brauchen wir unsere Kirchen. Um gemeinsam inne zu halten und uns vorzubereiten auf das Kommen Gottes. Hier in diesem Raum stärken wir uns auf diesem adventlichen Weg: manchmal alleine, wenn die Kirche offen ist, mit dem Blick zum Kreuz, im Gebet; und immer wieder gemeinsam: die Predigt hören, in die biblischen Geschichten hineinfinden, ihre Kraft entdecken; wahrscheinlich ist das manchem/r von Ihnen so gegangen, als Sie für Ihr Neues Testament einen Abschnitt geschrieben haben. Stille werden, innehalten und beten. Sich durch Brot und Wein, durch Leib und Blut Jesu Christi stärken lassen. Einstimmen in das Lob Gottes, jetzt auch mit den neuen Liedbüchern, die Sie hoffentlich zum Singen locken und im Gottvertrauen stärken.

Wir brauchen unsere Kirchen: als Ort des Innehaltens, um Kraft und Klarheit zu gewinnen. Um miteinander zu erleben, wie uns der Geist Christi bewegt. Wie uns die Menschenfreundlichkeit Gottes durch die Zeiten trägt, so wie beide Esel Jesus getragen haben. So verstehe ich auch Ihr „Wir sind Kirche Kreuz“, das jetzt einen Platz in Ihrer Kirche findet. Viele verschiedene Gesichter sind da auf den Passfotos zu sehen, eine vielfältige Gemeinschaft, die doch in einem Kreuz zusammen gehört und getragen wird durch die Kraft des einen Heiligen Geistes.

Alles, was wir tun, baut darauf auf, dass Christus uns trägt, verbindet und in die Welt sendet. Möge sein Geist diese Kirche und unsere Herzen erfüllen und die Welt adventlich verändern, so dass wir in unserem Gottvertrauen gestärkt in unseren Alltag gehen, in unsere Berufe und Familien, in unsere Verantwortung. So dass wir am Ende gemeinsam einstimmen in das große adventliche „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt, im Namen des dreieinigen Gottes. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!“