Liebe Gemeinde!
„Fürchte dich nicht!“ Für mich fassen diese drei Worte die christliche Botschaft kurz und bündig zusammen. „Fürchte dich nicht!“ Schon bei der Geburt von Jesus rufen die Engel diese gute Nachricht den Hirten zu. Von da ab breitet Jesus diese Botschaft überall aus, wo er hinkommt: wenn er Einsame und Ausgeschlossene zu sich an den Tisch lädt; wenn er Kranke gesund macht; wenn er Ängstlichen Mut macht, ihren Lebensauftrag anzuneh-men.
In allem, was Jesus damals tut, in allem, was der Geist Jesu bis heute in dieser Welt bewegt, immer klingt diese Zusage mit, wie ein Glockenton, der unser Leben begleitet: „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir!“ Deshalb hören wir diese Worte auch bei jeder Taufe; sie sind das Leitwort für christliches Leben, wie unterschiedlich es auch immer verlaufen mag. Gott spricht: „Fürchte dich nicht! Ich bin mit dir!“
Wie das „Fürchte dich nicht“ sich im Alltag bewährt
Predigt über Markus 4, 35-41 im Zentrum für Psychiatrie Reichenau am 10.02.2019
I
Auf dem Weg durch das Leben geht es manchmal rau zu. Plötzlich habe ich das Gefühl: Ich stehe allein da. Der Boden wird mir unter den Füßen weggezogen. Ich verliere meinen Halt.
Jesus kennt diese Erfahrungen. Er redet nicht über die Sorgen der Menschen hinweg. Er versucht nicht, den Menschen ihr Leid und ihre Schrecken auszureden. Im Gegenteil: Jesus schaut hin, wo Menschen in Not sind. Er geht bewusst zu ihnen. Gerade zu denen, die nicht für sich selbst sorgen können. Gerade zu denen, die gefangen sind in ihrer Angst, so bedrängt von dem Schweren, das sie erlebt haben, dass sie gar nicht mehr hören können, wenn ihnen jemand zuruft: „Fürchte dich nicht!“ Jesus geht hin, auch und gerade wenn Menschen zweifeln: Ist Gott wirklich für mich da?
Ich habe Ihnen heute eine biblische Geschichte mitgebracht, die davon erzählt, wie stürmisch es auf dem Weg durch das Leben zugehen kann. Eine Geschichte, in der wir hören, wie groß die Furcht werden kann und wie klein der Glaube. Und wie Jesus trotzdem verlässlich da ist und die Furcht vertreibt.
Die Stillung des Sturmes
35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren. 36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.
37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. 38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.
Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? 39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme!
Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. 40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
41 Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!
35 Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren. 36 Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.
37 Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. 38 Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen.
Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? 39 Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme!
Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille. 40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?
41 Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!
II
Wenn der Glaube hilfreich sein soll, muss er sich in unseren Lebensgeschichten und in unserem Alltag bewähren, nicht nur bei schönem Wetter, sondern gerade auch in Krankheit und in stürmischen Zeiten.
Das Boot mit Jesus und den Jüngern legt bei schönem Wetter ab. Jesus hat viel geredet. Er hat Menschen ermu-tigt, gesund gemacht und gestärkt. Erschöpft legt er sich nun schlafen. Seine Freundinnen und Freunde sitzen im Boot und reden über all das, was sie gerade mit Jesus erlebt haben. Aufregende Zeiten!
Dann zieht ein Sturm auf. Auf dem See Genezareth kann das Wetter schnell wechseln, so wie am Bodensee. Wo eben noch alles klar schien und das Wasser ruhig, da herrscht nun der Schrecken. Ein Sturmwind peitscht die Wellen immer höher. Das Boot schwankt hilflos im Wasser. Kein Land mehr in Sicht; keine Orientierung mehr. Schon schwappt Wasser ins Boot.
Die Bibel ist realistisch: So schnell kann sich das Leben ändern! Du wirst krank. Du verlierst die Arbeit. Du stehst allein da. Kein Boden mehr unter den Füßen; das Wasser steht dir bis zum Hals. „Als ihre Seele vor Angst verzagte, als sie taumelten und wankten wie Betrunkene und wussten keinen Rat mehr.“ Vorhin haben wir ge-meinsam diese Worte gebetet, mit denen Menschen ihr Leben in stürmischen Zeiten beschreiben.
Wird sich der Glaube da bewähren? Oder ist er nur etwas für schönes Wetter und ruhige See? Wo ist Gott? Jesus liegt einfach da und schläft. Seelenruhig! Als würde ihn das alles nichts angehen und nichts ausmachen.
III
So wie die Psalmbeter „dann zum Herrn schrien in ihrer Not“, so machen es die Freundinnen und Freunde Jesu auf dem Schiff. Sie wecken ihn. Sie rütteln ihn auf: „Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Ist dir das alles egal? Dass wir hier elendig im Sturm untergehen und ertrinken? Das kann doch nicht wahr sein!“
Zum Glauben gehören die Zweifel. Zum Glauben gehört es aber auch, um Gottes Aufmerksamkeit zu ringen. Genau das tun die Freundinnen und Freunde Jesu, die mit ihm auf dem Schiff sind. Sie bitten und drängen Jesus: „Tu etwas, lass uns nicht im Stich. Du hast uns doch versprochen, bei uns zu sein und mit uns zu gehen. Du hast doch zu uns gesagt: „Fürchtet euch nicht!“ Gerade haben wir am Ufer noch erlebt, wie du mit deiner Kraft Men-schen neuen Mut gemacht hast. Wie sich Freude ausgebreitet hat. Wie neue Gemeinschaft entstanden ist. Und nun soll alles vorbei sein? Jesus, tu etwas!“
Wenn wir in Not geraten, ist das oft wie bei einem Trichter. Immer enger wird unsere Welt. Die Ängste und Sorgen wachsen; niemand scheint uns mehr zu verstehen. Da waren doch noch andere Boote mit hinausgefah-ren. Sie sind ganz aus dem Blick geraten. Angst und Not machen einsam, fixieren uns auf uns selbst.
Hier auf dem Boot ist das anders. Die Freundinnen und Freunde Jesu sind auch im Zweifel und in der Angst zusammen, nicht allein. Sie teilen ihre Angst, sie versinken nicht in ihrer Einsamkeit, sondern ringen gemeinsam um Gottes Beistand. Gemeinsam rütteln sie Jesus wach.
Genau dazu ist Kirche da. Miteinander und füreinander nach Wegen durch den Sturm zu suchen. Einander in der Angst beizustehen und füreinander zu beten. Miteinander Jesus zu drängen, dass Gott unsere Not nicht übersieht und vergisst, sondern neue Wege öffnet und bahnt. Wir brauchen einander, um uns wechselseitig im Glauben zu stärken, um Gott gemeinsam in den Ohren zu liegen, um gemeinsam zu spüren, wie Gott uns trägt und gemeinsam neue Wege zu entdecken.
IV
Jesus lässt sich wecken! Und Jesus stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.
Mit Vollmacht führt Jesus die Menschen aus ihrer Not. Er stillt das Ungewitter. Die Wellen legen sich. Gottes Geist breitet sich über den See aus; da verlieren die Mächte des Todes ihre Kraft. Ein Wunder! Die Menschen werden gerettet – sie verlieren ihre Angst und werden in ihrem Glauben gestärkt. Gottes Macht ist stärker als der Sturm. Gottes Geist überwindet Krankheit und Tod, macht uns heil.
Und sie wurden froh, haben wir mit dem Psalm gebetet. Froh, weil ihre Angst überwunden wurde und sie neuen Mut bekommen haben. Sie haben erfahren, dass Gottes Zusage gilt: „Fürchte dich nicht!“ Sie haben auf dem stürmischen Meer erlebt, dass sie sich darauf verlassen können: Der Glaube trägt nicht nur bei schönem Wetter, sondern auch durch die tiefen Täler und die schlimmen Stürme.
V
Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Jesus spricht seine Freundinnen und Freunde noch einmal auf ihren Glauben an: 40 Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Noch einmal stellt er Glaube und Furcht streng gegeneinander. Aber für uns ist das nicht leicht, uns so ganz auf Gott zu verlassen; immer wieder holt uns die Furcht ein.
Und am Ende heißt das. Doch sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind! Die Freundinnen und Freunde Jesu sind gerettet worden; sie haben erlebt, wie Gott sie durch den Sturm trägt und seine Zusage einhält: Fürchtet euch nicht, denn ich bin bei euch! Sie verlieren ihre Furcht; aber eine neue Ehrfurcht stellt sich im Gottvertrauen ein. Eine Ehrfurcht vor dem Sohn Gottes, vor Jesus, dem Wind und Wellen gehorsam sind, der am Ende seines Weges auch die Macht des Todes überwindet. Eine Ehrfurcht, die alle Menschenfurcht hinter sich lässt und sich ganz diesem Christus anvertraut, der da ist für uns und uns durch alle Not trägt. Der uns zuruft: „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir!“
