„Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt!“ So lautet das Thema der 11. Vollversammlung des Weltrates der Kirchen, die im September 2021 in Karlsruhe stattfinden wird – zum dritten Mal nach Amsterdam und Uppsala in Europa, zum ersten Mal in Deutschland. Wir sind sehr stolz, dass wir in Baden ausgewählt wurden.
Ich glaube, das lag vor allem daran, dass wir schon in unserer Bewerbung grenzüberschreitend und ökumenisch aufgetreten sind: mit der Erzdiözese, den Nachbarlandeskirchen in Württemberg und in der Pfalz, mit der elsässischen evangelischen Kirche, den schweizerischen Kirchen, den vielen Kirchen anderer Sprache und Herkunft in der Region, den orthodoxen Kirchen, die oft Gäste in unseren Gemeinden sind, den Freikirchen. Gemeinsam haben wir deutlich gemacht: Europa ist für uns Kirchen hier am Rhein ein Friedensprojekt, das nicht um sich selbst kreist, sondern in dem wir Verantwortung übernehmen für die Zukunft unseres Planeten.
Das Motto der Vollversammlung schließt biblisch an den Vers 14 im 5. Kapitel des 2. Korintherbrief an. Luther hat das, was im Thema jetzt „bewegt“ heißt, so übersetzt, dass der Schwung und das Mitreißende besonders deutlich werden: Christi Liebe drängt uns, heißt es bei ihm! Die Liebe Christi will in die Welt und will sie verändern; wir als Kirchen sind weder der Grund noch das Ziel dieser Bewegung, sondern wir haben Anteil an diesem Drängen des Geistes Christi; das ist unsere Mission.
I
Wir wollen, dass diese Weltversammlung ein geistliches Ereignis wird,
- das zum Glauben ermutigt und zu einer Weltverantwortung, die sich global orientiert, Gottes Schöpfung im Blick hat und die kommenden Generationen;
- das die Ökumene stärkt und neue Perspektiven der interreligiösen Verständigung eröffnet;
- das Menschen von der Furcht befreit, vom permanenten Kampf um Anerkennung, Macht und Geld.
Die Fastenzeit eröffnet die Möglichkeit, uns schon heute auf diese grundlegenden Themen auszurichten.
Fasten heißt: Ich unterbreche. Ich halte inne. Einmal nicht das noch erledigen und schnell auch noch das, sondern anhalten. Ich schaue bewusst hin, was ich esse und trinke; wie oft ich am Computer bin; wie lange ich mal ohne Handy auskomme. Ich unterbreche meine Routinen und frage mich: „Was trägt mich? Was muss ich ändern? Wohin will ich?“
Das kann man alleine tun, aber die besondere Chance für uns in der Kirche Jesu Christi ist es, dass wir das gemeinsam miteinander und mit Christus tun können. Dann helfen mir andere auf die Sprünge. Da merke ich, dass etwas nicht nur mich belastet – oder das nicht nur ich mit bestimmten Bedingungen nicht zurechtkomme, sondern auch andere, auch die, die immer so sicher und cool wirken. Da weitet sich der Horizont. Da entdecke ich das Leid anderer, aber auch Möglichkeiten, auf die ich alleine nicht gekommen wäre.
In dieser Weise innehalten, das passt auch gut zu einem großen Jubiläum, wie Sie es feiern und zu dem ich Ihnen herzlich gratuliere: 900 Jahre Nesselried. Was für eine lange Wegstrecke!? Wie viele persönliche und gemeinsame Geschichten!? Eine Gelegenheit, dankbar und vielleicht in manchem auch kritisch oder selbstkritisch zurückzuschauen. Eine Chance, mal eine Zwischenbilanz zu ziehen: Wo stehen wir heute? Vor allem aber eine Verpflichtung, nach vorne zu schauen: Wo wollen wir hin? Was müssen wir ändern? Was können wir tun, um unsere Erde, unser Land und unseren Ort lebens- und liebenswert zu erhalten, damit die jungen weiterhin gerne hier sind und die alten Menschen dort, wo sie hingehören, gut alt werden können? Und: Was trägt uns in allem Wandel?
II
Im Evangelium des heutigen Sonntags wird erzählt, wie Jesus fastet, bevor er anfängt zu heilen, zu verkündigen und seine Freundinnen und Freunde um sich zu versammeln (Matthäus 4, 1-11).
1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde. 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. 3 Und der Versucher trat herzu und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben (5.Mose 8,3): »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« 5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.« 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben (5.Mose 6,16): »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.« 8 Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. 10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben (5.Mose 6,13): »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.« 11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel herzu und dienten ihm.
Drei Angebote macht der Teufel Jesus: 1. Besieg den Hunger, mach aus Steinen Brot! 2. Zeig, dass du unverwundbar, unverletzlich bist; spring hinab! 3. Übernimm die Weltherrschaft; ich helfe dir! Jesus weist alle drei Versuchungen zurück. Der Glaube ist das Vertrauen, dass nicht das, was ich tue, entscheidend ist, sondern das, was Gott für uns tut. So antwortet Jesus auch jeweils auf den Versucher.
III
Dann sind Brot und Geld wichtig, aber eben nicht entscheidend. Jesus lässt sich nicht bestechen, obwohl er nach 40 Tagen Fasten hungrig ist. Immer wieder wird der Hunger von Menschen ausgenützt, sie gefügig zu machen: „Wir versprechen euch, ihr werdet besser versorgt, als die da, die Fremden, die Ausländer. Denkt zuerst an euch, wählt die Fleischtöpfe Ägyptens, dann geht es euch gut.“ Dagegen verteidigt Jesus unsere Freiheit: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht.“ Diese Worte tragen uns durchs Leben. Sie geben uns die Freiheit zum Leben und lehren uns zugleich, dass wir auf einander und auf Fürsorge angewiesen sind.
Es gibt keine totale Sicherheit, das Leben bleibt gefährdet und zerbrechlich. Der Teufel nimmt das große Versprechen aus Psalm 91 auf, dass Gott seinen Engeln befohlen hat, uns auf Händen zu tragen. Viele Eltern wählen diesen Vers zurzeit als Taufspruch für ihre Kinder. Aber damit ist nicht gemeint, dass Gott alles so macht, wie wir das wollen. Wir bleiben verletzlich und verwundbar, auch wenn Digitalisierung und Biogenetik vieles leichter machen und Einschränkungen überwinden helfen. Jeder Mensch bleibt ein Geheimnis, manchmal auch sich selbst; wer alles im Griff haben will, wird manches verpassen an Neuem und Unerwartetem, auch an einer Geborgenheit, die den Tod umgreift. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur Sterbehilfe hat die Freiheit und die Würde des Einzelnen in einem umfassenden und radikalen Sinn gestärkt; es hat aber zugleich die Politik und gerade uns Kirchen aufgerufen, die Wege am Ende des Lebens so mitzugestalten, dass nicht das Recht auf eine vermeintlich freie Entscheidung für den Tod zum einzigen Kriterium der Menschenwürde wird, sondern Raum bleibt, seine Würde nicht durch geistige und körperliche Fähigkeit und Nützlichkeit beweisen zu müssen, sondern im Gottvertrauen und in menschlicher Geborgenheit loszulassen.
Die dritte Versuchung ist die der Macht. Hier nahe der Grenze zu Frankreich fällt mir nach den schrecklichen Schlachten das „Gott mit uns“ auf den deutschen Koppelschlössern des 1. Weltkriegs ein. Viele evangelische Prediger haben auf den Teufel gehört und waren sich sicher, Gott auf ihrer Seite zu haben. Sie haben aus Gott einen Götzen gemacht, der unseren Interessen dienen musste. Aber der lebendige Gott, der Vater Jesu Christi, lässt sich nicht ausnutzen für unsere Interessen; „du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Die Versuchung der Macht beginnt nicht erst in der großen Politik. Sie beginnt in meinem Herzen, in meiner Familie, an meiner Arbeit, in der Schule; wenn eine gemobbt wird und ich nichts sage. Wenn mir ins Ohr geflüstert wird: „Du kannst sein wie Gott. Du kannst bestimmen.“ Wir haben die Wahrheit nicht gefressen, wir sind fehlbar und gehen in die Irre und brauchen deshalb die anderen, den Dialog, Kritik und Selbstkritik.
IV
Christus widersteht den Versuchungen und hält ihnen entgegen, was Gott für uns tut. Das ist für den Glauben entscheidend und zeigt sich in Christus und in seiner Liebe. Gott bleibt nicht irgendwo da oben, sondern kommt zu uns, mitten hinein in unsere Welt: Wir finden ihn als Kind in den Krippen und Flüchtlingslagern dieser Welt, aber auch in den glänzenden Augen, wenn eine Arbeit gut gelungen ist, oder in der Freude am Spiel. Wir finden ihn als Verfolgten und Außenseiter, der verspottet wird: „Du bist anders, du gehörst nicht zu uns, du bist unser Feind!“, aber auch da, wo Menschen zusammen rücken, einander beistehen und miteinander leckeres frisches Brot und guten Wein teilen, wo wir sorgende Gemeinde sind als Kirchengemeinde und Kommune.
Deshalb beginnt das Motto der Weltversammlung mit den beiden Worten: Christi Liebe. Sie ist das Subjekt des Satzes. Diese Liebe bewegt uns und unsere Welt. Sie versöhnt, sie führt zusammen, sie eint. Sie macht uns Mut, umzukehren und neue Wege zu erkunden. Wege, die nicht länger zu Lasten anderer gehen: der Generationen, die nach uns kommen; der Schöpfung, die Gott uns anvertraut; der Menschen im globalen Süden. Die Liebe Christi stärkt uns auf diesen Wegen und drängt uns in eine besondere Richtung: in die Freiheit, gerade auch der Anderen; in die Versöhnung, gerade auch mit den Feinden; in die Verantwortung, gerade auch für die, die nicht für sich selbst sorgen können.
Es ist ein besonderer Geist, der mit dieser Liebe in die Welt gekommen ist, den Christus uns auch als Begleitung und Stärkung lässt, als er selber zu seinem Vater zurückkehrt und in den Himmel auffährt. Dieser Geist überwindet die doppelte Signatur unserer Zeit: die Furcht und das Auseinandergehen. Er nimmt die Angst und führt Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit zusammen; wo er sich zeigt, gelingen unerwartete Begegnungen und festgefahrene Trennungen werden überwunden. Dieser Geist der Liebe Christi ist kein „Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2Tim 1,7)!
V
Gottes Geist ist ein kraftvoller Geist, die die Furcht überwindet!
Alle reden von Krise, denn mit Ängsten lassen sich Geschäfte machen und Stimmen gewinnen. Schnell wird die Digitalisierung mit Ängsten und Furcht verbunden: Werden wir am Ende von Algorithmen beherrscht, kontrolliert, ersetzt? Werden wir in der Globalisierung von „den Chinesen“ überschwemmt? Kann sich Europa gegen eine Islamisierung wehren?
Die Bibel ist in Konflikten realistisch: Wir leben in einer Welt, in der Menschen seit Kain und Abel um Macht kämpfen. „Life is Robbery“! (A.N. Whitehead) Wer die Welt im Geist Christi kraftvoll mitgestalten will, muss genau hinschauen, muss die unterschiedlichen Interessen sehen, muss nüchtern und realistisch sein.
Die drängenden Fragen der Klimagerechtigkeit machen uns deutlich, was damit gemeint ist: Auch dieses Jahr werden wir im April die Ressourcen verbraucht haben, die uns für das ganze Jahr zur Verfügung stehen würden, wenn wir nachhaltig und enkeltauglich, wenn wir so leben würden, dass die Ressourcen global und im Blick auf die Generationen nach uns gerecht verteilt wären. Wenn alle so lebten wie wir, bräuchten wir 3,5 Planeten. So viele Arten sterben aus. Der Klimawandel bedroht das Leben auf der Erde: Was hinterlassen wir unseren Kindern und Enkelkindern?
Gottes Geist lässt uns nüchtern und realistisch hinschauen und macht uns zugleich handlungsfähig. Seine Kraft entwickelt er, weil er die Furcht überwindet und uns zuruft: „Fürchtet euch nicht!“ Nicht, weil die Situation nicht bedrohlich wäre. Angst und die Sorge um die Zukunft können wichtige Ratgeber sein; das gehört zur Nüchternheit dazu. Aber sie können uns nicht lähmen. Denn Gottes Geist überwindet das Böse und stärkt uns in dreifacher Weise, wie die alte Taufzusage zeigt, die auf das „Fürchte dich nicht!“ folgt: „Ich habe dich erlöst, befreit. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir!“
- „Ich habe euch befreit!“ Wir brauchen uns vor nichts und niemandem zu fürchten. Das Vertrauen auf Gott richtet uns auf und macht uns mutig und frei.
- „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen!“ Egal, was wir selbst oder andere in uns sehen, wie klein oder groß andere uns reden; oder um es im Kontext der Digitalisierung zu sagen: Egal, wie ausführlich wir uns selbst öffentlich inszenieren oder von anderen bloßgestellt werden. Entscheidend ist: Wir sind von Gott berufen. Jede Person hat ihre Würde in Christus; sie bleibt allen anderen – und manchmal auch sich selbst ein Geheimnis. Zugleich heißt „bei meinem Namen gerufen“: Ich persönlich gefragt. Ich bin verantwortlich!
- „Ihr gehört zu mir!“ Die Bindung an Gottes Geist gewinnt evangelisch konkret Gestalt in der Bindung an die Bibel und an die Gemeinschaft der Heiligen. Wir brauchen einander: Im Zweifel, der vor Christus tritt und ihm zuruft: Ich glaube, hilf meinem Unglauben! In Schrecken und Not wie in diesen Tagen in Hanau oder Volkmarsen. In der Freude über Gelungenes, über Versöhnung, über die Auferstehung Christi und die vielen Auferstehungen mitten im Leben.
VI
Gottes Geist ist ein liebevoller Geist.
Wenn wir nach der Liebe fragen, fragen wir, woran wir uns ausrichten. Digitale Medien prägen unsere Ausrichtung schon mehr als wir denken. Mein digitales Profil verstärkt stetig meine eigene Auswahl. „Menschen, die das Buch „Ich bin dann mal weg“ lesen, lesen auch gerne Paulo Coelho und verreisen nach Spanien.“ Marc Zuckerberg hat immer wieder betont, dass facebook es ermöglicht, mit denen zusammen zu sein, die zu mir passen; ich muss mich den Anderen nicht mehr aussetzen.
Algorithmen fixieren uns auf uns und verführen uns zur Selbstinszenierung. Diese Grundlinie zeigt sich in der Wirtschaft wie in der Politik: Digitalisierung optimiert und beschleunigt wirtschaftliche Prozesse; sie organisiert politische Entscheidungen marktförmig, wie wir zunehmend in Wahlkämpfen erleben; sie nutzt die gegebenen Möglichkeiten konsequenter aus, als Menschen das können. Alles ist auf Konformität und Ja oder Nein, auf Optimierung und Gewinnmaximierung ausgelegt.
Christi Liebe relativiert solche marktförmigen Inszenierungen und polarisierenden Zuordnungen. Die Gemeinschaft, in die wir durch die Taufe eintreten, ist anders, vielfältig: Männer und Frauen, Alte und Junge, Konservative und Revolutionäre, Fromme und Zweifelnde, Reiche und Arme – aber alle eins in Christus. Die Liebe Christi wächst in unerwarteten Begegnungen und in der Gemeinschaft mit denen, die nicht so sind wie ich. Der Geist Christi drängt mich, in der Liebe von mir abzusehen und im Anderen, im Fremden Christus zu entdecken.
Da bekommen Nachhaltigkeit und Feindesliebe einen neuen Klang! Dann heißt Globalisierung: ich bin auch für Versöhnungsprozesse in Kamerun verantwortlich, weil unsere Partnerkirche uns um Fürbitte bittet. Ich bin auch für die Menschen zuständig, die weit weg leben, und für die, die nach uns kommen; auch für die, die nach 8-10 Jahren Internetbanking auf einmal rausfallen, weil ihre geistigen Fähigkeiten im Alter nachlassen. Der globale Weg der Jeans lässt sich im Zeitalter der Digitalisierung leicht verfolgen: Sind wir bereit, die entsprechende Verantwortung zu übernehmen? Oder das Coltan in unseren Handys: Sind wir bereit, Verantwortung für die Ausbeutung der Menschen und der Erde zu übernehmen, die wir im Kongo erleben? Wie gehen wir kleine, aber klare Schritte in die Richtung, in die Christus geht und in die er uns drängt, mitzugehen? Leben wir enkeltauglich? Kommt unsere Ehrfurcht vor dem Leben (Albert Schweitzer) in unserem Handeln zum Ausdruck?
Aber was heißt „uns“? Ich bin getauft. Ich bin gefragt. Der Geist Christi drängt, ermutigt und befähigt mich, die Welt in der Nachfolge Jesu zu gestalten. Die kommenden Wochen sind eine Gelegenheit, auch persönlich, in eigenem Haushalt oder in kleinen Gruppen in der Gemeinde konkrete Schritte zu gehen:
Dazu gibt es jedes Jahr verschiedene Vorschläge: ich habe vor ein paar Jahren mal versucht, „Schlechtreden“ zu fasten. Das ist nicht so leicht, sieben Wochen nicht schlecht über andere Menschen, die Gesellschaft, die Parteien, die Politik zu reden. In diesem Jahr heißt die Aktion „Pessimismus fasten“; das kann auch anstrengend werden.
Angesichts der politischen Herausforderungen unserer Tage halte ich alle Fasten-Aktionen für wichtig und hilfreich, die Mut machen zu unerwarteten Begegnungen und sich Segmentierungen und Polarisierung widersetzen. In diesen sieben Wochen mal nicht die Freunde zum Kaffeetrinken einladen, sondern die Nachbarn, die irgendwie immer schon komisch sind. Nicht unter uns, in der eigenen Blase bleiben, sondern das tun, was schon Jesus ausgezeichnet hat: hingehen, wo man ihn nicht erwartet hat, mit denen reden, die am Rande stehen oder sich so fühlen, wie es nach Hanau für viele Menschen noch einmal deutlich geworden ist. Warum geht Jesus in Jericho zu Zachäus, zu diesem Kollaborateur der römischen Besatzungsmacht? Das verstehen auch seinen Freundinnen und Freunde nicht – aber genau auf diesen Weg will Jesus uns mit seiner Liebe drängen. Christi Liebe bewegt, versöhnt und eint die Welt.
VII
Gottes Geist ist ein besonnener Geist.
Gottes Geist macht uns durch seine Kraft handlungsfähig. Er macht uns frei und mutig, aufrecht die Schritte zu gehen, die wir persönlich in der Liebe Christi in unseren konkreten Verantwortungsbereichen tun können. Er schenkt uns aber auch die Besonnenheit, die wir brauchen, um politisch, ökonomisch und strukturell zu handeln.
Wir Christinnen und Christen müssen weder in einen Krisengesang einstimmen noch utopische Bilder der Digitalisierung oder der Globalisierung malen. Wir sind gewiss: Verderben und Erlösung der Welt stehen in Gottes Hand. Deshalb können wir handeln, aber auch gelassen loslassen. Deshalb gibt es in der christlichen Ethik auch ein „Genug“, sowohl im Sinne des: „Es ist genug für alle da!“, als auch des „Das ist jetzt genug!“
Das Bewusstsein für die begrenzten Ressourcen unserer Erde wächst. Viele junge Leute machen sich auf den Weg, Digitales und Nachhaltigkeit zu verbinden. Gedrängt vom Geist der Liebe ist die Ökonomie nur noch eine Dimension, in der wir Verantwortung für diese Erde übernehmen: die Ökologie, die globalen und sozialen Fragen, aber auch die kulturellen und religiösen Perspektiven fordern uns in gleicher Weise heraus. Und darauf antworten wir nicht nur persönlich, sondern auch als Kirchen und Kommunen, politisch und strukturell.
Die Grünen Gockel und die Grünen Küken versuchen dies in den Gemeinden voranzutreiben (EMAS Zertifizierung Kirchengemeinde Markdorf am Bodensee). Sie helfen, eine Haltung zu entwickeln und einzuüben, die die richtigen Fragen stellt: an der Arbeit, im Gemeinderat, zu Hause. Wie wirkt sich, was wir tun, auf das Gemeinwohl aus?
- Was für Auswirkungen haben wirtschaftliche Aktivitäten auf die Lebensqualität, bei uns und im globalen Süden, heute und morgen?
- Wird die Menschenwürde geachtet?
- Wird soziale Gerechtigkeit gefördert?
- Wird ökologische Nachhaltigkeit sichergestellt?
- Wird die Schöpfung mit Ehrfurcht behandelt?
- Wer darf mitreden?
- Wie sind die Schwachen, die die nicht für sich selbst sorgen können, im Blick?
Der Geist der Liebe Christi drängt uns, Verantwortung für diese Welt zu übernehmen: kraftvoll, liebevoll und besonnen. Das beginnt persönlich und im eigenen Haushalt, gewinnt aber an Kraft und Schwung in der Gemeinschaft; deshalb kommen Kommunen und Kirchengemeinden, aber auch Unternehmen und Einrichtungen eine zentrale Rolle zu. (Beispiel Grüner Gockel strahlt in die Häuser aus.)
Ich habe Ihnen ein paar Hefte der Aktion Klimafasten mitgebracht, die die Augen öffnen will, die zeigt, was jeder und jede tun kann und dass man gemeinsam einiges bewegen kann – und dass ein Leben nach einer „Ethik des Genug“ keineswegs eng und entsagungsvoll sein muss, sondern durchaus auch Gewinne an Lebensqualität, an Begegnungen und Zeit mit sich bringen kann. Schauen Sie mal rein.
VIII
Jesus diskutiert mit dem Teufel; sie streiten sich – über Bibelstellen. Die Bibel ist die Grundlage für unsere Orientierung; in ihr finden sich die Worte, die uns tragen, stärken und aufrichten, aber auch die, die uns herausfordern.
Am Ende weicht der Teufel von Jesus; aber der bleibt nicht allein: „Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“ Die Engel begleiten Jesus auf seinem weiteren Weg bis ans Kreuz und ins Grab. Am Ende sagen sie den Frauen, die ans leere Grab kommen: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Gott hat seinen Weg bestätigt.“
Von guten Worten getragen, von Engel gestärkt, in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes geht Jesus seinen Weg der Gerechtigkeit und ruft uns direkt im Anschluss an die Versuchungsgeschichte in der Bergpredigt zu, ihm zu folgen und gemeinsam mit ihm weiter zu gehen. „Ihr seid das Salz der Erde – ihr seid das Licht der Welt!“
Das ist das zweite, was uns neben der Bibel auf unseren Wegen hilft: Unser Miteinander in seinem Geist, über Grenzen und Unterschiede hinweg. Jesus ist bei uns in unserer Mitte, in den guten Worten, mit denen wir einander ermutigen, manchmal auch herausfordern und in eine andere Richtung schubsen, mit denen wir einander trösten oder zum Lachen bringen. Christus ist da: in duftendem Brot und dem wunderbaren Wein, den wir miteinander genießen; in der Gemeinschaft der unterschiedlichen Glieder an seinem Leib.
Möge uns der Segen des dreieinigen Gottes kräftig bewegen und die Liebe Christi uns herausfordern, dass wir besonnen und aufrechten Ganges Verantwortung übernehmen für Gottes Erde.
