(ursprünglich zum Abschluss der 4. Begegnungstagung der Synodalen der Mitgliedskirchen der GEKE)
1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. 2 Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird.
3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.
Liebe Gemeinde!
„Ich habe Hoffnung!“ Ein Satz bei einem Besuch im Krankenhaus. Die Krankenschwester ist gerade im Zimmer. Sie hat ihn auch gehört; sie schaut etwas verlegen zur Seite. Dann sagt sie: „Das ist gut!“ und lächelt beim Hinausgehen.
Ein Loblied der Hoffnung stimmt der heutige Predigttext an. Unsere Hoffnung ist stark, weil sie aus dem Frieden mit Gott lebt. Sie ist so stark, dass sie sich nüchtern und realistisch den Schrecken und der Not stellen kann: einer schlimmen Diagnose, aber auch der Katastrophe, die die Menschen zurzeit in Nordsyrien und auf der Flucht vor dem Krieg erleben. Bilder, die mich und viele andere kaum loslassen.
I
„Wir haben Hoffnung, weil wir durch Christus Frieden mit Gott haben!“
Das sind große Worte, wenn im Krankenhaus die Diagnose „Krebs“ heißt. Woher nimmt die Hoffnung dann ihre Kraft?
Oder wenn die christlichen Gemeinden immer kleiner werden in Syrien, weil immer mehr Menschen fliehen müssen vor Krieg und Verfolgung; weil die Mächtigen nicht mehr für Recht und Gerechtigkeit sorgen, sondern ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen. Da ist kein Platz mehr für Vielfalt und ein lebendiges Miteinander; da gelten die Sorge für die Schwachen und die Liebe zu den Feinden als naiv und unzeitgemäß; die Zivilbevölkerung wird zum Spielball der Politik. Das geht bis dahin, dass die Diakonie Katastrophenhilfe und andere Hilfsorganisationen im griechisch-türkischen Grenzgebiet trotz Regen und Schnee und Kälte keine Zelte für die Flüchtlinge aufstellen dürfen.
Die Haltungen, die hinter dieser Katastrophe stecken, sind Machtgier einerseits und andererseits Angst: dass es nicht reicht für mich und uns. Unter dem Motto: „Erst kommen wir!“ lässt sich beides verbinden; damit lassen sich Stimmen gewinnen. Da werden die verschiedene Gruppen und Identitäten gegeneinander ausgespielt; genau das Gegenteil von dem, was die ältesten Kirchen der Welt, die in diesem Gebiet entstanden sind, damals ausgezeichnet hat: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau: ihr seid alle eins in Christus“, sagt das älteste Taufbekenntnis aus Galatien in der heutigen Türkei. Christi Liebe versöhnt und eint, führt zusammen und stärkt die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft, in der Gerechtigkeit und Frieden sich küssen. Davon ist gegenwärtig wenig zu spüren; die christlichen Kirchen und Gemeinden in der Region werden zerrieben, ihre Hoffnungen werden zerstört.
Die Angst und die Fixierung auf die eigenen Interessen stecken an und breiten sich wie ein Virus aus; in Europa, in Deutschland, auch bei uns: „Wie soll das gehen, wenn immer mehr Menschen zu uns kommen? Werden wir genug Wohnraum haben? Was wird mit meiner Arbeit?“ Viele reagieren auch hier mit: „Wir zuerst!“ Das Sortieren und Abwerten greifen um sich: „Du gehörst dazu – und du nicht!“ So schleicht sich die Angst vor den Anderen und die Sorge um das Eigene wie ein Gift in unsere Herzen. „Sollte die Liebe Christi wirklich auch unseren Feinden gelten?“
Die Bibel deckt diesen Zweifel an Gottes Liebe und diese Fixierung auf uns von der Geschichte vom Sündenfall bis zur Kreuzigung und in den ersten Gemeinden schonungslos auf. Sie fragt uns: „Wo ist dein Bruder, deine Schwester? Wer ist deine Nächste, dein Nächster? Hast du Christus erkannt in dem Fremden, der dir anvertraut und zugemutet ist?“
II
Die Passionszeit bietet eine Gelegenheit, innezuhalten und uns darüber klar zu werden, wo wir in dieser Angst gefangen sind, dass es nicht reicht für uns. Wo wir uns nicht darauf verlassen, dass wir durch Christus schon im Frieden Gottes leben und dem „Sorget nicht!“ nicht trauen. Die Passionszeit eröffnet die Chance nicht von mir weg zu zeigen auf die Anderen, die vermeintlich Bösen, sondern zu entdecken, was mich von meinem Gottvertrauen wegführt. Die Passionszeit zeigt uns aber auch, wie Jesus Christus uns an die Hand nimmt und uns mit seiner Liebe in den Frieden mit Gott führt:
- Mit seinem „Fürchte dich nicht!“ nimmt er mir die Angst um mich selbst.
- Auf seinem Weg zum Kreuz nimmt er mir die Schuld, die Bosheit, auch die Trägheit ab, die mich daran hindern, in seinem Geist der Liebe zu leben.
- Seine Auferweckung führt mich aus der bedrohlichsten Dunkelheit, der Angst vor dem Tod.
„Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ Das ist seine Zusage, mit der er uns einen Lebensraum der Gnade und des Friedens eröffnet.
Ich stelle mir diesen Raum der Gnade weit und hell vor. Während die Angst unser Leben eng macht, begegnen sich im Frieden Gottes die Menschen frei und offen, in einer menschenfreundlichen, achtsamen Atmosphäre. So wie wenn ein Mensch einen Raum betritt und auf einmal breitet sich eine unerwartete Leichtigkeit und Freundlichkeit aus; so wie ich es manchmal in einer offenen Kirche erlebe: Angst und Not fallen von mir ab und ich komme zur Ruhe. „Gott ist gegenwärtig!“ als Shalom, als Frieden in einem ganz umfassenden Sinn: persönlich, politisch, wirtschaftlich, aber auch zwischen den Generationen, mit allem Leben in der Schöpfung.
Das Loblied der Hoffnung besingt, dass wir schon jetzt aus und in diesem Frieden leben. Die Kraft der Liebe Christi trägt und stärkt uns; sie zeigt sich im offenen Gesicht, in der sorgenden Gemeinschaft und in der Achtsamkeit für die anderen, im Vertrauen auf Gott und in der Hoffnung auf eine gute Zukunft. Diese Hoffnung ist ein grundlegendes Merkmal unserer christlichen Existenz. Sie umgibt uns wie ein Schutzmantel, sie stärkt uns in unseren Nöten und Konflikten wie eine Rüstung des Friedens, sie richtet uns aus auf die Zukunft: ein Kleid der Hoffnung.
III
Diese neue Wirklichkeit, in die uns Christus führt, übersieht nicht die Not. Sie ist nüchtern und realistisch. Sie kennt das Böse – auch die Bosheit in mir. Aber sie lässt sich davon nicht bannen, sondern macht Mut, in der Bedrängnis geduldig zu sein.
Wie eine Kette von Perlen reiht Paulus die Erfahrungen aneinander, die wir im Frieden Gottes im Umgang mit Not und Schrecken machen: in der Bedrängnis brauchen wir Geduld; in der Geduld erfahren wir, wie sich der Glaube bewährt; die Bewährung stärkt unsere Hoffnung.
Von Bedrängnissen können wir viel erzählen, in unseren Familien- und Krankheitsgeschichten, aber auch im Leiden an einer Welt voller Ungerechtigkeit und Unfrieden, angesichts des Klimawandels oder der Vernichtung so vieler lebendiger Arten. Diese Erfahrungen können uns niederdrücken, bis in die Verzweiflung; sie können uns auch wütend oder zornig, ja gewalttätig machen.
Hilfreich ist die Geduld. Geduldig sein, heißt nicht passiv sein oder träge. Die Geduld geht aktiv und selbstbewusst und tatkräftig die Schritte, die möglich sind, auch wenn sie noch so klein sind. Die Geduld sagt die Worte, die nötig und klar sind. Sie bleibt im Reden und Tun ausgerichtet auf Gottes Verheißung und lebt aus dieser Verbindung.
Vielleicht hilft der Begriff „Langmut“ noch besser zu verstehen, was hier mit Geduld gemeint ist. Es braucht Mut, sich einer schweren Krankheit zu stellen und am Ende auch das Sterben als Teil des Lebens anzunehmen. Es braucht Mut, im Freundeskreis, im Betrieb, in der Schule, manchmal sogar in der Familie für eine humanitäre Flüchtlingspolitik einzutreten. Es braucht Mut – und einen langen Atem, weil wir keine schnellen Lösungen haben und immer wieder in uns selbst entdecken, dass uns die Angst und die Sorge um das eigene Wohl einfangen. Dagegen gilt die Zusage: Wir haben durch Christus schon Frieden mit Gott; deshalb können wir darauf vertrauen, dass am Ende alles gut und Christi Liebe unsere Welt erneuern wird.
Was stärkt unseren langen Mut? Was hilft, dass er sich in Not und Schrecken bewährt, wie es die dritte Perle auf der Kette verspricht?
- Da sind zuerst die Menschen, die mit uns mitgehen: Familie, Freundinnen und Freunde, aber auch Menschen, die sich mit uns und für uns engagieren: sei es für Kranke in der Reha oder im Hospiz; sei es in der Hilfe für die Menschen, die Zuflucht bei uns suchen, in Gemeinden oder Flüchtlingsinitiativen.
- Das geduldige Ringen um einen guten Weg bewährt sich, zweitens, wenn Menschen, die traumatisiert sind oder in Not die Erfahrung machen, nicht einfach ausgeliefert zu sein; wenn sie selber ihr Leben und ihren Weg mitgestalten und Verantwortung für sich und ihre Familien übernehmen können.
- Und schließlich, drittens, bewährt sich der Langmut im Vertrauen, dass da eine Kraft ist, die stärker als Tod und Unrecht und uns trägt in Zeit und Ewigkeit.
Diese Kraft ist die Liebe Christi, die die Welt bewegt, versöhnt und eint, wie es das Motto für die Weltversammlung der Kirchen 2021 in Karlsruhe sagt. Sie umgibt uns und ist zugleich in unsere Herzen eingegossen; sie ist innen wie außen; sie zeigt sich in der Stille und im Beten und im Tun des Gerechten; sie macht uns zu neuen Menschen. Sie bildet den Horizont, an dem wir unser Leben im Raum der Gnade ausrichten; sie ist wie ein Grundton, auf den Christus unseren Lebensraum ein für alle Mal gestimmt hat. Sie ist die Kraft, die jede und jeden einzelnen Menschen in Krankheit, Demenz und im Sterben stärkt, so dass sie nicht an sich, der Welt und an Gott verzweifeln; sie ist die Kraft, die Menschen hilft, auch in den Schrecken von Krieg, Gewalt und Flucht nicht die Würde zu verlieren, die Gott ihnen schenkt; sie ist die Kraft, die uns mutig Verantwortung für einander übernehmen lässt.
IV
Als ich mich nach meinen Besuchen im Stationszimmer verabschiede, schaut mich die Krankenschwester an. „Das möchte ich auch mal so sagen können. „Ich habe Hoffnung!“ Das ist doch erstaunlich, oder? Was für eine Kraft trotz der Krankheit!“
Christi Liebe führt uns aus der Bedrängnis in die Geduld, aus der Geduld in die Bewährung, aus der Bewährung in die Hoffnung. „Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“
