19 1Und Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. 2Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. 3Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. 4Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. 5Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. 6Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.
7Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. 8Zachäus aber trat herzu und sprach zu Jesus: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. 9Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. 10Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Ein Evangelium, eine gute Nachricht für Bewegliche, liebe Gemeinde! Da klettert einer auf einen Baum, um besser zu sehen; er wird von Jesus entdeckt und ein neues Leben beginnt. „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren!“ Klettern müsste man können!
I
Zachäus ist so ein Nachbar, mit dem keiner gerne spricht. Wir wissen nicht genau, woran das liegt: Er ist auffällig klein. Seine Geschäfte haben ihn reich gemacht; dabei war er wohl nicht immer ganz ehrlich. Er arbeitet für die Römer, die Israel besetzt halten, und hilft ihnen, viel Geld aus dem Land herauszupressen.
Das geht schnell, dass einer so allein dasteht. Dass sich die Anderen wegdrehen, wenn er vorbeikommt und über ihn reden und nicht mit ihm: Der Landwirt, der es irgendwie schafft, immer das beste Stück Land zu pachten. Die Mitarbeiterin, die dauernd beim Chef im Büro sitzt. Der, der immer nur schlecht über die anderen redet.
Als Jesus kommt und die Leute auf die Straße laufen, um ihn zu sehen, da können sie es diesem Zachäus mal zeigen. Sonst, wenn er den Zoll kassieren lässt, hat er das Sagen. Hier in der Menge können sie ihn mal spüren lassen, was sie von ihm halten. Für den tritt niemand zur Seite: „Soll er doch wachsen, der Kleine, wenn er etwas sehen will.“
II
„Und Zachäus begehrte Jesus zu sehen, wer er wäre.“ Was lockt so einen wie Zachäus heraus auf die Straße, unter die Leute? Wo er doch weiß, was die von ihm denken? Dass sie ihn wieder scheel anschauen und schneiden werden?
Wahrscheinlich ist es Neugier, die Zachäus treibt, vielleicht auch mehr: Hoffnung, eine Sehnsucht. Die Menschen erzählen, dass Jesus keine Berührungsängste hat; nicht mal bei den Kranken, die ansteckend sein könnten. Er hilft den Armen und macht ihnen Mut und spricht trotzdem mit den Reichen. Zachäus interessiert, was das für einer ist. Er will ihn sehen, mal schauen. Dafür ist so ein Baum ein guter Platz. Mal vorsichtig aus sicherer Distanz schauen, was dieser Jesus für einer ist.
III
Von einem Baum kann man besser sehen; aber auf einem Baum wird man auch leichter gesehen. Jesus entdeckt Zachäus. Und Jesus fragt nicht wie in anderen Geschichten: „Was willst du, dass ich für dich tue?“ Er lädt sich einfach selbst ein: „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“
Jesus sieht, was diesen kleinen Mann da oben bewegt. Was ihn auf den Baum getrieben hat. Zachäus braucht einen, der auf ihn zugeht und mit ihm spricht, der dieses „Du gehörst nicht zu uns!“ durchbricht. Der sogar mit ihm isst, denn gemeinsam essen heißt: wir gehören zusammen!
IV
Die Botschaft ist bei Zachäus angekommen. „Er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.“ Auch die anderen haben verstanden. Aber sie murren: „Das kann doch nicht wahr sein; zu dem geht er. Zu dem, der uns ausnimmt und es sich auf unsere Kosten gut gehen lässt.“
Das ist das Besondere, das Jesu Reden und Tun auszeichnet. Er lässt sich nicht auf Schwarz oder Weiß festlegen; er tritt dazwischen und öffnet Räume der Hoffnung. Sein Weg führt aus dem Gut gegen Böse, aus dem wir gegen die heraus. Jesus entdeckt Zachäus und dabei entdecken Zachäus, aber auch die anderen Leute in Jericho, worum es Jesus geht: „Niemand soll verloren gehen!“ Das ist seine Botschaft.
Da ist nicht entscheidend, ob ich reich oder arm bin, Mann oder Frau, fromm oder voller Zweifel. Mit Jesus erkenne ich: Gott segnet mich und dich, auch die, die nicht so sind wie ich und du, und gerade die, die ihn besonders brauchen. „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“
V
Das Gottvertrauen von Jesus öffnet die Tür in ein neues Leben. Mit Freuden nimmt Zachäus Jesus auf. Aber sein Dazwischentreten fordert uns auch heraus, denn es stellt unsere normale Weltsicht in Frage.
Auf einmal ist Geben seliger als Nehmen. Zachäus hat das verstanden. „Er trat herzu und sprach zu Jesus: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ Nicht, was ich besitze, macht mich reich, sondern was ich teile.
Das Gottvertrauen, das Jesus in sein Haus bringt, verändert Zachäus. Es macht ihn frei, sein Leben neu zu gestalten, Verantwortung für sich und für die anderen zu übernehmen. Die Menge auf der Straße aber bewegt sich nicht. Sie schaut. Sie murrt. Sie verstecken sich hintereinander.
Mir fallen dazu die Bilder aus Moria ein: Seit Jahren schauen da so viele weg; gerade auch die, die in ihrer politischen Verantwortung gefragt sind. Sie sagen: „Wenn die nicht, dann wir auch nicht.“ „Nur eine gemeinsame europäische Lösung, alles andere kostet uns Stimmen.“
Aber Jesus sieht mich auf dem Baum oder an der Straßenecke. Ich bin gefragt, worauf ich vertraue – im Leben und dann auch im Sterben. Ich bin gefragt, vom Baum herunter zu kommen. Ich bin gefragt, mich nicht länger in der Menge zu verstecken. Ich bin gefragt!
Jesus macht mich frei, den Kopf zu heben, hinzuschauen und etwas zu tun für die, die unsere Hilfe brauchen: Diese Menschen nehmen wir auf! Es gibt genügend deutsche und europäische Städte, die sich dazu bereit erklärt haben. Es gibt genug Menschen in allen Ländern Europas, die 2015 und in den Jahren danach gezeigt haben: Wir sind bereit vor Ort Verantwortung für diese Menschen auf der Flucht zu übernehmen.
VI
Ich bin gefragt! Aber ich bin im Glauben nie allein: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren!“ sagt Jesus. Denn alle, die zum Haus des Zachäus gehörten, waren mitbetroffen, dass er in Jericho ein Außenseiter war. Wollten Sie Sohn oder Tochter, vielleicht auch nur Hausangestellte des Zachäus gewesen sein? So wie alle im Haus mitgelitten haben, werden sie nun auch alle gemeinsam frei zu einem neuen Leben, zu neuer Gemeinschaft und Hoffnung.
Und noch in einem zweiten Sinne bin ich im Glauben nicht allein, auch wenn „ich“ als Person gefragt bin. „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.“ Nicht weil Zachäus so fromm ist oder so anständig, kommt Jesus zu ihm und öffnet ihm die Tür in das Leben. Nicht weil ich keine Angst habe oder für alles eine Lösung weiß. Sondern weil Jesus in Zachäus, in Ihnen und mir ein Kind Abrahams sieht; keines von denen gibt Gott aus der Hand. Ihnen allen gilt sein Segen, auch wenn sie wie Jakob den Bruder betrügen, auch wenn sie nicht den Mut haben, für ihre Mitmenschen einzutreten.
Durch Jesus wird Zachäus Teil dieser Gemeinschaft, die nicht aus dem lebt, was sie erreicht und leistet, sondern aus dem Vertrauen auf den, der damals auf den Straßen von Jericho und heute auf unseren Straßen kommt, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Jesus sieht uns und macht uns zu einem Teil einer neuen Gemeinschaft, die niemanden verloren gibt, weil sie aus der Liebe Gottes lebt.
