Aus der Kraft des Geistes das Leben der Kirche gestalten

Predigt über Jes 55, 3 (Tageslosung) zum Abschluss der Landessynode am 21.10.2020

1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. 3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. 4 Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. 5 Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.
 
Herzlich willkommen, liebe Synodalgemeinde, auf dem Markt des Lebens. Haben Sie den Marktschreier vor Au-gen bekommen, als der Präsident eben gelesen hat? „Kommt her! Kauft frische Fische!“ „Wein und Milch um-sonst!“ „Gebt doch euer Geld nicht für etwas aus, das nicht satt macht! Hört auf mich, hier gibt es umsonst Köst-liches zu essen!“
 
I
 
Höret, so werdet ihr leben! Auf diesen Schreihals zu hören und andere zu ermutigen, auf ihn zu hören, manch-mal auch selbst zum Marktschreier zu werden, darum ging es hier in der Synode in den vergangenen sechs Jah-ren. Mal haben wir die Worte Gottes gut und schnell verstanden, mal waren wir uns auch uneinig, was wir ge-hört haben – und vor allem was wir nun tun sollen: welche Gesetze nötig sind, wie Ressourcen verteilt werden sollen, damit Menschen in ihrem Hunger und Durst nach Leben satt werden.
Diese Stimmenvielfalt auf dem Markt ist für mich ein gutes Bild für die erste Botschaft dieses Textes: Wir sind gemeinsam Hörende; niemand von uns weiß alles genau. Wir hören gemeinsam und wissen, dass wir das Ge-hörte oft unterschiedlich verstehen.
Wer evangelisch auf Gott hören will, braucht deshalb Synoden, die miteinander reden und manchmal auch streiten, die im Miteinander und manchmal auch im Gegeneinander darum ringen: Was will Gott uns hier und heute sagen? Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie das jeder und jede auf ihre und seine Weise in diesen vergan-genen sechs Jahren eindrücklich miteinander praktiziert haben. Sie haben persönlich mit Ihren Gaben und Kompetenzen für unsere Kirche Verantwortung übernommen – und zugleich deutlich gemacht, dass Sie im Leib Christi einen gemeinsamen Weg suchen; dass Sie zuhören können, Ihren Konsynodalen, aber vor allem immer wieder dem, was uns Gottes Geist sagen will: Der Glaube kommt aus dem Hören! Dafür waren die Andachten und Gottesdienste sehr wichtig; aber die geistliche Kraft zeigt sich auch im Alltag der Synode: in der Arbeit an den Rechtstexten, Berichten und Ordnungen, auch in den Zahlen des Haushaltsplans.
 
II
 
Spätestens hier wird deutlich, dass sich eine Synode grundlegend von einem Marktplatz unterscheidet. „Wohlan! Kommt zum Wasser! Kommt, esst und trinkt - umsonst!“ Was einen durch das Leben trägt, kann man nicht kaufen. Die Liebe der Eltern – gibt es nur umsonst! Dass Freundinnen und Freunde treu mitgehen, auch wenn ich verzweifelt bin oder etwas falsch mache – das ist ein Geschenk! Dass ich mich am Ende auf an-dere verlassen kann, auch wenn ich selbst ihre Namen nicht mehr weiß und alles gerade an diesem Nachmittag zum dritten Mal erzähle – das ist Gnade! Dass meine Frau und ich uns auch nach vierzig Jahren noch lieben und aneinander freuen – das können wir nicht machen oder kaufen!
Die Kirche lebt aus der Teilhabe an der Liebe Christi, die uns durch das Leben trägt. Jesus Christus hat uns den Zugang zu dem ewigen Bund eröffnet, den Gott mit seinem Volk Israel geschlossen hat, von dem unser Predigt-text erzählt.
Sie, Hohe Synode, geraten dadurch in eine Spannung, die sich kaum auflösen lässt: Unsere Botschaft ist die Großzügigkeit, eine Liebe, die sich verschenkt, die jeden und jede einzelne in seinen und ihren besonderen Er-wartungen und Bedürfnissen sieht. Aber gleichzeitig müssen Sie ausgeglichene Haushalte aufstellen und Regeln formulieren, die für alle gelten. Dass Sie sich dieser Spannung stellen, die wir hier auf Erden nicht loswerden, dass Sie sie kirchenleitend für uns als Landeskirche aushalten, das ist das Zweite, wofür ich Ihnen heute zum Abschluss der 12. Und letzten Tagung der 11. Landessynode danken möchte! Evangelische Kirchenleitung heißt, sich geistlich leiten zu lassen, aber dies hier und heute gegenüber den Christinnen und Christen, ja allen
Menschen in Baden dann in konkreten und praktischen Schritten verantworten; und diese Verantwortung um-fasst auch die Generationen, die nach uns kommen, sie stellt uns in einen weiten ökumenischen Horizont und, das haben wir in den letzten Jahrzehnten besonders gelernt, sie gilt Gottes großer Schöpfung.
 
III
 
Hört und ihr werdet leben! Auch wenn die Prognosen über die Mitglieder- und Finanzentwicklung nach unten zeigen; wenn wir im Hören bleiben, ist mir nicht bange um unsere Kirche. Denn im Hören verbinden wir uns mit Christus. Wir richten wir uns auf; unser Horizont weitet sich. Wir werden mutig zum Aufbruch und frei uns den Fragen und Herausforderungen unserer Zeit zu stellen und Neues auszuprobieren.
Wir erleben in diesen Tagen bei vielen Menschen einen großen Durst nach einem Grundvertrauen, mit dem sie durch diese Zeit gehen können. Mit viel Kreativität und neuen Ideen rufen ihnen die Gemeinden und Einrich-tungen, beruflich und ehrenamtlich Engagierte zu: „Kommt, esst und trinkt – und erlebt, dass nicht Geld satt macht, sondern dass Gott für uns da ist und wir füreinander.“
Sie, liebe Synodale, - und das ist mein dritter Dank – haben in den vergangenen sechs Jahren Strukturen ge-stärkt, mit denen wir den allgegenwärtigen Umbruch als Aufbruch gestalten können. In ihnen können wir schwungvoll, aber besonnen, mit Engagement und Kraft, aber zugleich gelassen und voller Gottvertrauen Räume eröffnen, in denen Menschen unserem großzügigen Gott und der Liebe Christi begegnen können. In ihnen wird Verantwortung für das Gemeinwesen übernommen; in ihnen wird ökumenisch gedacht und gehan-delt; in ihnen werden die vielfältigen Formen des Glaubens, aber auch Individualität und besondere Gaben ge-fördert; in ihnen werden Kooperationen gestärkt: in der Fläche, zwischen den Ebenen, zwischen Mitarbeiten-den, zwischen Diakonie und Bildung in den Kindertagesstätten, zwischen Gemeinden und Schulen ….
 
IV
 
Wir sind im Geist Christi unterwegs in die Zukunft, die Gott uns verheißt: Siehe, du wirst fremde Menschen rufen, die du nicht kennst, und andere Menschen, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um deines Gottes willen, und um des Heiligen Israels willen, der dich herrlich gemacht hat.
Ich wünsche mir und Ihnen, dass wir als Kirche, aber auch persönlich uns von der Kraft dieser Bewegung er-greifen lassen und dass wir sie da, wo wir Verantwortung tragen, mutig aufnehmen. Manche von Ihnen werden in der neuen Landessynode wieder mit dabei sein, andere setzen neue Schwerpunkte, wie Sie Ihren Glauben leben. Ihnen allen gilt mein Dank.
Möge Gottes Segen Sie begleiten und durchs Leben tragen.