„Fürchtet euch nicht!“

Predigt zum Reformationsfest 2020 über Matthäus 10, 29-31 in der Stadtkirche Karlsruhe

29 Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.
 
„Fürchtet euch nicht!“, liebe Gemeinde. Das ist eine Kern-Botschaft der Reformation: „Lasst euch nicht von Furcht beherrschen, denn Gott meint es gut mit euch! Schaut auf Christus. Er tritt für euch ein. Er geht auch die schweren Wege mit. Er führt uns zu Gott.“
 
I
 
„Fürchtet euch nicht!“ Das ist eine Herausforderung in diesen Tagen mit steigenden Infektionszahlen und den neuen Einschränkungen, die die Verbreitung des Virus eindämmen sollen. Sie greifen tief in unser Leben ein. Viele fürchten sich: Wird das helfen? Wann hört das auf? Was kann ich tun, um nicht krank zu werden? Was kann ich tun, damit meine alten Eltern, Angehörige mit Vorerkrankungen sich nicht anstecken? Viele junge Leute fragen: Wie komme ich in meinen Beruf hinein? Jetzt bin ich seit Januar auf meiner Stelle, aber das meiste passiert im Homeoffice. Ich kenne kaum jemand. Ich bin noch gar nicht drin in der Firma, im Team; ich konnte mich noch gar nicht ausprobieren, noch gar nicht zeigen, was ich kann. Und in den Altenheimen haben viele große Angst, dass es wieder so wird, wie vor sechs Monaten: „Man vereinsamt!“, sagt die Frau im Aufzug zu mir. Die Sorgen und die Furcht sind groß.
 
II
 
„Fürchtet euch nicht!“ Das erste, was gegen die Furcht hilft, ist, sich mutig und nüchtern und realistisch dem zu stellen, was Angst macht. Martin Luther hat die Menschen dazu ermutigt, wenn sie ihn fragten, was sie tun soll-ten angesichts von Seuchen: Nüchtern bleiben. Verantwortung übernehmen. Das tun, was möglich ist. Das war auch damals schon Hygiene; das war auch damals schon da sein für die, die Hilfe brauchen.
Dabei gehören Glaube und Vernunft zusammen. Der Glaube hat keine Angst vor dem Wissen; im Gegenteil: Ver-nunft ist eine gute Gabe Gottes, die uns hilft, unser Leben verantwortungsvoll zu gestalten! Deshalb hören wir auf das, was die Medizin empfiehlt. Und merken, wenn die Expertinnen und Experten sich auch nicht immer einig sind, dass wir selbst nachdenken müssen. Dafür hat Gott uns den Verstand gegeben. Deswegen brauchen wir das Gespräch, die Synoden, die Parlamente; damit wir gemeinsam entscheiden, wie wir in dieser schwieri-gen Situation Leben schützen und stärken können.
 
III
 
Andererseits ersetzt die Vernunft den Glauben nicht. Sie braucht die Bindung an Herz und Seele; sie ist stark, wenn sie um ihre Grenzen weiß. Nicht alles, was machbar ist, dienst dem Leben. Vieles deutet ja darauf hin, dass dieses Virus 2019 in China vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist, so wie bei der Schweinegrippe 2009 und wohl auch bei der sogenannten Spanischen Grippe von 1918, die wahrscheinlich ursprünglich aus den USA stammte und der im und nach dem 1. Weltkrieg mehrere zehn Millionen Menschen weltweit zum Opfer fielen.
Wir drängen alles andere Leben auf diesem Planeten zurück und unterwerfen es unseren Bedürfnissen. Mit un-serem „immer mehr“, „immer schneller“, „immer besser“ überlasten wir die Erde. Deshalb brauchen wir eine Vernunft, die weiß, dass es ein „genug“ gibt, die sich selbst gegenüber kritisch bleibt und ihre Grenzen sieht: eine demütige Vernunft.
Der Glaube erinnert die Vernunft daran, dass sie selbst Geschöpf ist; dass das Leben mehr ist als das, was wir kontrollieren können. Wir leben aus Gottes Güte, die wir Christinnen und Christen in Jesus Christus erkennen: Wir brauchen eine Vernunft, die uns hilft, ehrfürchtig mit dem Leben der Anderen, der Schöpfung und zukünfti-ger Generationen umzugehen. Die nicht nur die eigene Freiheit im Blick hat, sondern die der Anderen. Der es um Versöhnung geht, gerade auch mit den Feinden. Die Verantwortung übernimmt für die, die nicht für sich selbst sorgen können.
 
IV
 
Wie kommt eine solche demütige Vernunft in die Herzen der Menschen? Luther predigte gerne die drastischen Bilder der Bibel, die sich einprägen: 29 Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle ge-zählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge.
Spatzen sind unbedeutend. Wenn man einen Grünspecht sieht oder einen Eichelhäher, da zeigen alle hin. Aber Spatzen, das ist nichts Besonderes. Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Sperlinge waren zu Jesu Zeiten der Geflügelbraten der kleinen Leute; überall gab es sie günstig zu kaufen! Sie kosteten so viel wie eine halbe Tagesration Brot. Zugleich hat Luther in einigen Tischreden furchtbar auf die Spatzen geschimpft, die den Bauern das Feld kahlfressen. Die Sperlinge stehen für unseren Alltag: in all ihrer Normalität, Unauffälligkeit und Doppeldeutigkeit.
Und dennoch sind sie ein Teil von Gottes Schöpfung; sie sind geborgen in Gottes Hand. Christus achtet unsere alltägliche Welt nicht gering, sondern sagt uns: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Die Kleinen wer-den zum Gleichnis für eine evangelische Existenz, die im Vertrauen auf Gott getrost lebt. Und im damaligen Streit mit den Großen in Staat und Kirche kann sich Luther die Polemik gegen die Großkopferten nicht verknei-fen: „Siehe, also macht Christus die Vöglein zu Meistern und Lehrern, dass ein ohnmächtiger Sperling im Evan-gelium stehen muss als des Menschen Doctor und Prediger.“ (Tischreden 7, 822)
 
V
 
„Fürchtet euch nicht!“ Gottvertrauen macht frei. Frei wie ein Sperling, der selten im Verband fliegt, der seinen eigenen Kopf hat, der gerne auf dem Dach sitzt, aber auch im Café zwischen den Menschen nach Krumen sucht. Der Spatz ist ein Individualist, so wie viele evangelische Christinnen und Christen, die ihr Gottvertrauen von der Menschenfurcht befreit, aber zugleich jeden und jede von uns im Gewissen bindet und uns in die Verantwortung füreinander und für die Welt stellt.
Die meisten von uns haben das „Fürchte dich nicht!“ zum ersten Mal in der Taufe gehört, als sie noch nichts davon verstanden – von da ab haben viele hoffentlich erlebt, was diese Worte bedeuten: Wenn die Eltern sie in den Arm genommen haben, wenn sie sich mit Freundinnen und Freunden versöhnt haben, wenn Menschen in schwierigen Lagen für sie da waren: „Fürchte dich nicht, ich stehe zu dir!“ Die Kraft dieser Worte zeigt sich gerade auch dann, wenn wir sie selbst anderen zusagen, um ihnen beizustehen und sie zu ermutigen.
 
VI
 
Was sollen wir tun in diesen schweren Zeiten? Auf Gottes Zusage vertrauen. Verantwortung füreinander übernehmen. Einander zusprechen: „Fürchte dich nicht!“ Denn: 29 Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.