Liebe Festgemeinde,
ich gratuliere Ihnen herzlich zu Ihrem neuen geistlichen Zentrum: Kirche und Gemeindehaus gut verbunden, eine funktionale, eine schlanke, eine nachhaltige Lösung, die zugleich durch die Glasfenster und die ganze Ge-staltung einen deutlich geistlichen Charakter hat; sie wird sich hoffentlich in den kommenden Monaten und Jahren bewähren: als Heimat für Ihre Gemeinde, als Ort der Gemeinschaft, für Jung und Alt, zum Feiern und Reden, zum Lachen und Trösten, zum Singen, Spielen und Musizieren; als Räume, in denen Menschen sich im Glauben stärken und einander ermutigen, Verantwortung zu übernehmen: für diese Gemeinde, für Wolfach, für das Miteinander der Kirchen und Religionen in der Region, für unsere Erde.
Eine große Kraftanstrengung liegt hinter Ihnen, eine lange Bauzeit, und: wenn ich es richtig verstanden habe, auch manche Ärgernisse und Geduldsproben. Wahrscheinlich haben wir im Oberkirchenrat auch zu manchen Schleifen beigetragen; es tut mir leid, wenn das nicht immer zu verstehen war.
Aber jetzt brennt schon die zweite Kerze am Adventskranz und bald wird alles im Glanz eines Weihnachtsbaumes erstrahlen. Diese Räume zeigen: Sie sind als Gemeinde, wir sind als Kirche mit Gott unterwegs in die Zukunft. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ ruft uns Christus in dem Bibelvers zu, der uns ab heute durch die neue Woche begleitet. Mit diesem Bild, wie Gott auf uns zukommt, uns aufrichtet und ermutigt, gehen wir in die Zukunft!
I
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Jesus macht den Menschen Mut. Mitten in den Sorgen um Corona und die Zukunft, weist er nach vorne: „Gott kommt! Richtet euch auf, hebt eure Köpfe und schaut nach vorne.“
Vielleicht kennen sie das auch: Wenn ich angestrengt bin oder mich Sorgen drücken, dann beuge ich mich, werde krumm. Wenn ich das merke oder mich jemand darauf anspricht, richte ich mich auf, hebe den Kopf, und auf einmal, spüre ich die Seele wird freier. Ich komme raus aus dem Kreisen, ich kann weiter schauen, entdecke manches, was ich zuvor nicht sehen konnte.
Was gibt es da zu sehen? Natürlich die Welt und die Menschen um mich herum.
Den Kopf heben, heißt: hinschauen und nicht gesenkten Hauptes vorbeieilen. Mir fällt dazu immer die Ge-schichte vom barmherzigen Samariter ein: wie der Priester und der Levit vor sich auf die Straße schauten, um den, der da unter die Räuber gefallen ist, nicht zu sehen. Dann kommt der Samariter, aufrecht und mit erhobenem Kopf, und sieht den Notleidenden und hilft.
Wer den Kopf hebt, sieht die Schönheit des Lebens, aber eben auch das Bedrohliche und Schwere: Wie viele er-schöpft sind am Ende dieses Jahres durch diese dauernde Unsicherheit und das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Wie die Kontaktbeschränkungen gerade Menschen, die allein leben, einsam machen. Wie viele auf Begegnungen und Berührungen warten.
II
Wenn wir uns aufrichten und den Blick heben, sehen wir die Welt und die Menschen um uns herum. Aber das ist nicht alles. Jesus lehrt uns, die Welt mit neuen Augen zu sehen, so wie in diesen Glasfenstern. Er lenkt unseren Blick auf das, was Gott für uns tut: Eure Erlösung naht, schon jetzt, schaut nur hin! Das ist die entscheidende Entdeckung!
So gewiss wie die schlichten Knospen an den Barabarazweigen, die ich am Freitag geschnitten und ins Wasser gestellt habe, an Weihnachten blühen, so gewiss die zwei Kerzen nur ein Vorschein sind auf Weihnachten, auf das Licht aus der Krippe, das die Dunkelheit vertreibt wird, so gewiss kommt Gott und erfüllt unsere Welt mit Liebe. Es ist diese Bewegung Gottes, die uns die Kraft gibt, uns den Kopf zu heben – trotz allem, was uns niederdrückt. Es ist dieser Schwung, mit dem Jesus unsere Welt verändert, der uns aufrichtet, uns mutig macht und stärkt.
Wir feiern heute Nikolaus, ich hoffe, die Schuhe der Kinder waren heute Morgen in Wolfach gut gefüllt. Nikolaus ist so ein Beispiel für den aufrechten Gang, zu dem wir in der Lage sind, wenn wir vor uns sehen, wie Gott auf uns zu kommt. Die Stadt Myra, in der er lebt, leidet unter einer schrecklichen Hungersnot. Da legt ein Schiff auf der Fahrt nach Rom an; bis zum Rand voll mit Getreide. Aber der Kapitän darf nichts abgeben, nicht einmal verkaufen. Soldaten bewachen das Schiff und ihn. Doch Nikolaus lässt nicht locker. Aufrecht steht er da und verhandelt mit dem Kapitän. „Du wirst sehen, wenn Du mit uns teilst. Es wird dir nichts fehlen!“ Wie soll das gehen? Erhobenen Hauptes schaut Nikolaus dem Kapitän in die Augen. Da macht der Kapitän einen Kreidestrich an der Bordwand, dort, wo das Wasser steht. Und erlaubt auszuladen, einen Sack nach dem nächsten, aber die Menschen in Myra dürfen sie nicht mitnehmen, sie müssen am Kai bleiben. Und wenn der Strich aus dem Wasser kommt, weil das Schiff leichter wird, muss alles zurück ins Schiff. Aber der Strich bleibt an der gleichen Stelle, bis genug ausgeladen ist, damit die Menschen in Myra etwas zu essen haben. Gott kommt, eure Erlösung naht. Wenn wir teilen, ist genug da für alle.
III
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ Das ist die Zusage; das ist die Botschaft, die wir als Kirche in die Welt tragen. Das soll auch unsere Räume prägen, das strahlt dieses neue geistliche Zentrum aus: Hier stärken sich Menschen in ihrem Vertrauen auf die Zukunft Gottes. Hier richten sie sich auf und lassen sich durch die Glasfenster oder die Oberlichter im Gemeinderaum nach oben ziehen. Hier geht es um Ge-meinschaft von Alt und Jung, von Alteingesessenen, Zugezogenen und Fremden, um Freude und Trost, um gegenseitige Hilfe und Verantwortung für nah und fern. Hier ermutigen sich Menschen, den Kopf zu heben und üben sich gemeinsam in den aufrechten Gang ein.
Ich gratuliere Ihnen noch einmal herzlich zu diesem schönen neuen Gemeindezentrum und wünsche Ihnen Gottes Segen für alles, was in diesen Räumen geschieht. Möge der Segen Jesu, den das Glasfenster uns vor Augenstellt, Ihre Gemeinde stärken und ausstrahlen in den Ort und weit darüber hinaus.
