Freudenbotschaft!

Predigt über Jesaja 52, 7-10 am 1. Weihnachtstag in der Christuskirche in Karlsruhe (25.12.2020)

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.
 
Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.
 
 
Liebe Festgemeinde,
 
ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest! Wir feiern die Geburt Jesu im Stall in Bethlehem: Endlich ist er da, der Freudenbote in finsteren Zeiten. Er bringt einen neuen Glanz in unsere Welt und unsere Herzen. „Wie lieblich sind die Füße des Freudenboten!“
 
Gerade in diesen Tagen warten wir auf seine Botschaft, die Frieden verkündigt und Gutes predigt. Die uns herausholt aus der Trauer, den Sorgen und Fragen des zu Ende gehenden Jahres, die uns tröstet. Alle, die an die Krippe treten, sollen fröhlich werden. Sie sehen das Kind, sie hören Gottes Friedensboten: einfache Leute, wie die, die damals die Schafe gehütet haben, ebenso wie die wohlhabenden und gebildeten Menschen, die von weither kamen, weil die Sterne sie nach Bethlehem geführt hatten. Alle stimmen ein in den Jubel der Engel, in den uns Bachs Weihnachtsoratorium heute Morgen schon kraftvoll mit hineingenommen hat: „Ehre sei dir, Gott, gesungen, Dir sei Lob und Dank bereit'.“
 

I

Ein Kind als Freudenbote in finsteren Zeiten! Das ist der Kern der Weihnachtsbotschaft. Sie gaukelt uns nichts vor; sie übertüncht nicht die Konflikte und die Sorgen, mit denen wir leben. Sie macht uns Mut in der Furcht, die uns ergriffen hat; sie gibt uns in den Herausforderungen unseres Alltags Kraft.
 
Die drei Weisen dachten: „Der Freudenbote wird im Königspalast geboren.“ Da gehört ein neuer Herrscher hin; in ein wunderbares Bett, schon als Kind ausgestattet mit allen Zeichen der Macht, mit der Fähigkeit, seinen Willen auch mit Gewalt durchzusetzen.
 
Aber Gottes Liebe zu den Menschen und dieser Erde zeigt sich gerade da, wo das Leben gefährdet ist: durch Krankheit, durch Einsamkeit, durch ungerechte Verhältnisse. Gerade da will Gott „der Menschen Wohlfahrt erneuen“! Deshalb wird Christus im Stall und nicht im Palast geboren; deshalb kommt er so verletzlich und angewiesen auf uns in unsere Welt.
 
Seine Freudenbotschaft gilt der alten Dame, die heute nicht von der Familie ihrer Nichte besucht werden kann, mit der sie sonst jedes Jahr Weihnachten gefeiert hat, weil das Heim, in dem sie lebt, einen Coronafall hatte und jetzt alle in Quarantäne sind. Nun wartet sie auf Anrufe und freut sich, dass sie seit dem Sommer einen Laptop hat – und durch eine junge Frau aus der Gemeinde gelernt hat zu skypen. Jesus Freudenbotschaft gilt der Familie, die in diesem Jahr zum ersten Mal Zeit hat, Weihnachten zu feiern, weil ihr Restaurant geschlossen ist – und deshalb gleichzeitig in großen Sorgen ist. „Wie wird es nächstes Jahr weitergehen, werden wir das wirtschaftlich überstehen?“ Gefreut haben Sie sich, dass so viele Stammkunden geschrieben oder angerufen haben: „Wir kommen wieder nächstes Jahr und freuen uns schon auf gutes Essen.“
 
Das Kind in der Krippe tröstet und stärkt uns in unserem Alltag. Der Freudenbote macht uns froh und mutig, diese Freude weiterzugeben. So wie die Hirten aufbrechen und die gute Nachricht überall weiter erzählen, so wie die drei weisen Menschen wieder in ihre Länder zurückgehen und die Freudenbotschaft mitnehmen, die das Weihnachtsoratorium besingt: Gottes „Glanz verzehrt alle Finsternis; die trübe Nacht wird in Licht verkehrt.“
 

II

Die Freudenbotschaft trifft aber auch auf Widerstände. Herodes ist einer, der vor Jesu Gegenwart erschrickt, denn seine Macht wird durch dieses Kind und seine Freudenbotschaft gefährdet. Wo das Licht des Friedens leuchtet, werden auch die Schatten sichtbar, die Ungerechtigkeit und Unfrieden werfen: der Eigennutz; das „Immer-mehr-haben-wollen“; das Leben „auf Kosten der nachfolgenden Generationen und unserer Mitwelt“. Viele spüren, dass es so mit unserem Lebensstil und unserem Wirtschaften nicht weitergehen wird; viele fürchten, dass Corona dazu führt, dass arm und reich noch weiter auseinanderfallen, dass unser Zusammenhalt gefährdet ist und die Abstände weiterwachsen, dass die Einsamkeit zunimmt. So rückt für manche die Freudenbotschaft in weite Ferne: „Ach, wann wird die Zeit erscheinen? Ach, wann kommt der Trost der Seinen?“
 
Dagegen singt der Freudenbote an: „Schweigt, er ist schon wirklich hier!“ Entdeckt ihn in den Freundlichkeiten, mit denen Menschen einander in diesen Tagen Mut machen und sich um die kümmern, die es schwer haben. In dem Engagement, mit dem das medizinische Personal bis an die Grenzen seiner Kräfte und manchmal darüber hinaus für die Kranken da ist, mit dem die Pflegenden sich um die Menschen in Einrichtungen kümmern. Überall da erklingt die Freudenbotschaft schon, wird spürbar, wie Gott tröstet und stärkt, erleben wir, was Bach besingt: „Mein Liebster herrschet schon.“
 

III

Die Freudenbotschaft wird auf einem hohen Berg laut und breitet sich weit über die Erde aus. Sie erfreut nicht nur uns, sondern alle Welt. „Mein Heiland, du, du bist das Licht, das auch den Heiden scheinen soll!“ Dafür stehen insbesondere die weisen Menschen, die aus verschiedenen Kontinenten kommen und dieses Licht wieder mit zurücknehmen. Dafür steht die Aktion „Brot für die Welt!“
 
Davon zeugt auch der Weihnachtsappell von immerhin 245 Bundestagsabgeordneten aus fünf Fraktionen, die unsere Regierung dazu auffordern, endlich etwas für die Menschen zu tun, die auf ihrer Flucht in den griechischen Lagern hängen geblieben sind und dort unter menschenunwürdigen Verhältnissen leben müssen. So viele deutsche und europäische Städte sind bereit, sie aufzunehmen; so viele Menschen wollen Verantwortung übernehmen und da sein für die, die Hilfe brauchen. Sie wollen wie die Späher im Predigttext, den Friedensboten begleiten und seine Botschaft weitergeben.
 
Sie spüren: Im Licht aus der Krippe wird scheinbar Unmögliches möglich. Menschen öffnen ihre Herzen und tragen das Licht weiter, mit ihren Worten und ihrem Tun, mit dem kleinen Friedenslicht aus Bethlehem, mit ihrem Eintreten für die, die nicht für sich sorgen können, mit ihrem Trost für die Traurigen. Versöhnung wird möglich, wo Streit und Hass herrscht. Flüchtlinge, die Schreckliches erlebt haben, finden eine neue Heimat. Denn auch und gerade die Trümmer sollen jubeln, ruft der Freudenbote uns zu; auch das, was wir kaum tragen konnten im zu Ende gehenden Jahr, auch das ist gut aufgehoben im Glanz aus der Krippe.
 

IV

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt. Ein neuer Schein breitet sich aus der Krippe über die Welt aus. Wir erleben in diesem Kind, wie reichlich Gottes Segen in unsere Welt fließt. Wie dieses Kind unser Herz mit seinem Glanz erfüllt: „Jesu, ach, so komm zu mir!“ und „Mach uns zu Kindern des Lichtes.“