Barmherzigkeit ist eine Kraft Gottes zum Leben!

Andacht im EOK zum Jahresbeginn 2021 (Per Zoom, 12.1.2021)

Liebe Hausgemeinde,
letzte Woche kamen nun auch die Heiligen Drei Könige mit Mundschutz und die Sternsinger durften gar nicht singen. Alles, damit die Infektionsketten durchbrochen werden.
 
Bei der Barmherzigkeit ist es anders. Jesus wünscht sich, dass sie sich wie ein Virus ausbreitet: „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“ (Lukas 6,36) Gottes Barmherzigkeit kommt in Christus auf die Erde und breitet sich von Christus aus unter den Menschen aus.
 
Deshalb erzählt Jesus vom barmherzigen Vater, der seinen verlorenen Sohn einfach wieder aufnimmt, ohne zu richten und zu rechnen, ob ihm wirklich ein Fest zusteht; ohne erst einmal eine Entschuldigung und die Zusicherung zu erwarten, dass er sich in Zukunft anständig verhalten wird. So barmherzig ist Gott!
 
Deshalb erzählt Jesus vom barmherzigen Samariter, der von Gottes Barmherzigkeit angesteckt ist; der hinschaut und hilft, ohne vorher zu fragen, ob das nicht eine Falle ist; ob nicht jemand anderes zuständig ist; ob die Ausgaben, die er hat, auch ersetzt werden. Einer, der sich anstecken lässt und seitdem mit seiner Geschichte andere ansteckt. Wenn wir auf die Geschichte des Christentums schauen und die Zahl der Menschen, die diese Geschichte zur Nächstenliebe motiviert hat, war und ist sein Tun sehr ansteckend.
I
Was macht die Barmherzigkeit so ansteckend? Sie kommt von ganz innen, von da, wo das Menschsein beginnt: aus dem Mutterschoß. Sie sitzt tiefer als das Herz, das im Hebräischen eher fürs Denken und Wollen zuständig ist. Sie ist ein starkes Gefühl, das Menschen überwältig; eine Kraft, die weder vernünftig ist noch durchdacht, aber unbeirrbar. Wie eine Mutter kann Gott auch als Vater nicht anders, als barmherzig zu sein. Aus dem Bauch heraus bleibt Gott nichts anderes, als jedem und jeder von uns zuzusagen: „Fürchte dich nicht. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir!“
„Barmherzig und gnädig ist Gott, geduldig und von großer Güte.“ Diese Formel, die wir gerade im 103. Psalm gebetet haben und die sich an vielen Stellen der Bibel findet, fasst das Herzstück oder besser den Mutterschoß des biblischen Gottesglaubens zusammen. Sie beginnt mit der Barmherzigkeit! Wir denken, wenn wir Gott sagen, zuerst an seine Macht, seine Überlegenheit, seine Fähigkeit, alles zu wissen und tun zu können, was ihm beliebt. Gott offenbart sich uns anders; Gott ist zuerst und vor allem barmherzig; das erkennen wir am deutlichsten in Jesus Christus.
 
II
Barmherzigkeit ist die Kraft, die Jesus Christus in die Welt bringt und die ihn antreibt. „Er ist gerecht ein Helfer wert, Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron‘ ist Heiligkeit, sein Zepter – also das, was ihn und seine Herrschaft auszeichnet – ist Barmherzigkeit!“ Sie kommt aus seinem Inneren und strömt in unsere Welt. Sie kalkuliert nicht. Sie fragt nicht nach dem eigenen Vorteil. Sie schaut hin, wo Barmherzigkeit gebraucht wird und lässt sich von der Not berühren. Sie tut, was nötig ist, damit Leben bewahrt und gefördert wird, ganz praktisch und konkret.
Das muss gar nicht viel sein: ein Anruf bei derjenigen, die allein ist im Lockdown; ein Brief und ein Stück Kuchen für die Nachbarin, die ihren kranken Mann nicht in der Klinik besuchen kann; ein klares Wort an den Bundestagsabgeordneten, dass die Flüchtlinge aus Griechenland jetzt endlich aufgenommen werden müssen.
 
III
Manchmal scheint es, als gäbe es auch so etwas wie Impfungen, die gegen die Kraft der Barmherzigkeit schützen sollen. Schon Kindern wird gelehrt: „Denk an dich! Breit deine Ellenbogen aus und setz dich durch! Nur Leistung zählt!“ Populisten, die die Welt in Gut und Böse teilen und behaupten, dass nur die, die wie sie sind, wirklich Menschen sind und das Recht haben, hier zu leben. Es gibt wie zu Jesu Zeiten Mächtige, die sich Sorgen machen, dass zu viel Barmherzigkeit z.B. gegenüber den Textilarbeiterinnen in Bangladesh zu einer neuen Gerechtigkeit führt, die dann ihren Wohlstand und ihren Einfluss in Gefahr bringt. Oder es heißt einfach: „Wenn das alle wollen, das geht doch nicht …“
 
Doch, es geht! Gottes Barmherzigkeit überwindet Feindschaft und schafft Gerechtigkeit. Sie öffnet Türen, die versperrt schienen. Sie ist hoch kreativ und entdeckt in Bedrängnissen und aussichtslosen Alternativen Wege, die uns ins Leben und ins Glück führen.
 
Aus Gottes Mutterschoß fließt ein großes, ein unwiderstehliches Erbarmen in unsere Welt. Barmherzigkeit breitet sich aus. Sie reißt uns mit. Sie ist so stark, dass sie Tote auferwecken und Steine vom Grab wegwälzen kann. Von ihr lassen wir uns anstecken: „Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist.“