Die Steine werden schreien

Predigt über Lukas 19, 37-40 zum Hebelsonntag am 2. Mai 2021 in Lörrach

Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, 38und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!
39Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! 40Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.
 
Liebe Gemeinde,
„wenn die Menschen schweigen, werden die Steine schreien.“ Dieses Bild hätte Johann Peter Hebel bestimmt erfreut – und vielleicht zu einer neuen Kalendergeschichte angeregt. Mit Lust hat er im Alltäglichen dem Unerwarteten nachgespürt. Auch ein Missverständnis kann da neue Lebensperspektiven eröffnen, so wie bei der Geschichte von „Kannitverstan“, in der der deutsche Handwerksbursche aus Gundelfingen oder Emmendingen in der Fremde sein Lebensglück neu schätzen lernt. Hebel kann Unrecht und Streit so einfangen, dass wir mittendrin sind – und zugleich neue Wege entdecken und vor allem die „Heiterkeit des Himmels“. Dass wir erleben, wie lebendig und nah uns Gott in unserem Alltag und in der Natur kommt. Da fangen nicht nur Erde, Mond und Sonne an über die Allmacht und Güte Gottes zu erzählen, sondern auch die Steine. Und wenn wir ihre leisen Töne über die Wunder Gottes nicht hören, dann fangen sie eben an zu schreien – zum Lobe Gottes.
 
I
 
Der Sonntag Kantate lädt uns ein, in den weltumspannenden Lobgesang Gottes einzustimmen: gemeinsam mit Menschen in anderen Ländern, auch jenseits der Meere, mit den himmlischen Chören, die die Luft nicht nur an Weihnachten mit ihrem Gesang füllen, mit neuen und alten Liedern, mit Bands und Kirchenchor, mit Rap und Johann Sebastian Bach, mit dem Zwitschern der Vögel und dem leisen Wind in den Blättern, mit dem Brausen des Wasserfalls und dem ruhigen Plätschern in den Altarmen des Rheins. Und dann eben auch mit den Steinen. Wir können uns diesen Lobgesang gar nicht umfassend genug vorstellen. Hebel hatte dafür einen scharfen Blick und ein offenes Ohr.
Heute ist der zweite Kantate-Sonntag, an dem wir nicht singen dürfen. Vielleicht ist das gemeinsame Singen sogar das, was ich sonntags am meisten vermisse. Mir fehlen die Nähe und die Gemeinschaft, die darin zum Ausdruck kommt. Die gemeinsame Freude, dieses Gefühl, dass wir uns wechselseitig auf Gott ausrichten und uns im Miteinander stärken, auch wenn ich nicht so schön singen kann.
Ja, ich freue mich sehr, dass wir gute Wege gefunden haben für diese Pandemie: kleine Chöre, einen einzelnen Sänger, eine Band. Aber trotzdem: Ich würde gerne nicht nur unter der Maske summen oder brummeln, sondern auf die Klagen antworten mit meinem „Herr, erbarme dich“ – und diese Bitte für meine Nachbarin mitsingen, die ganz traurig schaut. Ich möchte dankbar und laut einstimmen, wenn ich neue Kraft geschöpft und wieder Mut gefasst habe – und mich freuen am gemeinsamen Schwung: „Ich singe dir mit Herz und Mund!“
Aber es geht nicht! Das ist ein bisschen so wie früher, wenn ich als Kind leise sein sollte, ob wohl ich doch vor Freude oder Aufregung fast geplatzt bin.
 
II
 
So ist es wahrscheinlich auch denen gegangen, die mit Jesus nach Jerusalem eingezogen sind. Sie haben sich gefreut: Endlich sind wir in dieser wunderbaren Stadt, die so eng mit Gottes Liebesgeschichte mit uns Menschen verbunden ist! Endlich kann Jesus, können wir gemeinsam vielen Menschen von all dem Neuen erzählen, das wir erlebt haben und das uns froh und frei macht. Sie sind erfüllt mit Jesu Geist, voll mit seinem Schwung und seiner Liebe.
Aber Andere protestieren gegen den Gesang. Sie wissen, wie man sich zu benehmen hat und was richtig und falsch ist. Sie sehen Jesus als einen klugen, einen weisen Rabbi, einen der gut von Gott erzählt und heilsam mit den Menschen umgeht. Aber man darf ihn doch nicht wie Gott loben und bejubeln. „Das ist doch eine Lästerung! Sag doch etwas, Jesus!“
Die Antwort, die Jesus gibt, könnte gut aus einer Kalendergeschichte von Hebel stammen, so überraschend und eindrücklich kommt sie daher: „Ich sage euch: Wenn diese Menschen schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ Was soll das denn heißen?
 
III
 
Die Steine, die so unbewegt da liegen und nicht beeinflussbar zu sein scheinen, sie reden? Sie singen Lobgesänge? Sie erzählen uns Geschichten, wie Hebel? Was meint Jesus damit?
Die Freude und die Hoffnung, die mit Jesus auf die Erde kommt, ist kein Ergebnis unseres Tuns. Sie ist uns geschenkt und anvertraut. Sie ist so stark und stabil wie Steine, aber sie entfaltet in diesen Steinen noch etwas, was wir uns gar nicht vorstellen können. Die Steine werden weich, hören unsere Klagen und unser Lob und sie beginnen zu reden. Sie erzählen von den Wundern, die Gott tut; da sprudelt Wasser aus dem Felsen, damit Israel auf der Flucht in die Freiheit nicht verdurstet. Da ist der riesige Stein vom Grab Jesu weggerollt und die Frauen können an Ostern hinein: der Tod kann das Leben nicht einsperren.
Auch die Steine dieser Kirche erzählen. In ihnen stecken die Gebete, die hier gesprochen wurden: Dass der Ehemann und der Sohn heil aus dem Krieg zurückkehren. Dass die Ehe hält. Dass die Enkelin gesund wird. Die Trauer und die Freuden, die Zweifel und der Trost. Das ganze, pralle Leben! Alles ausgebreitet vor Gott – und Gott anvertraut! Die Steine haben es gehört – und wenn die Menschen schweigen, werden sie es vor Gott bringen.
Seit 200 Jahren gibt es unsere badische Kirche; wenn man von den Steinen herdenkt, ist das nicht alt. Aber Kirche ist ein Haus aus lebendigen Steinen, die Gott loben und Christus nachfolgen, die sich immer wieder verändern und auch in diesen Krisenzeiten nicht die Hoffnung verlieren, sondern mit Kraft und liebevoll und besonnen den Glauben ins Leben ziehen. Johann Peter Hebel hat dazu viel beigetragen: Dass in unserer Kirche verschiedene Frömmigkeiten und Formen, den Glauben zu leben, gemeinsam auf dem Weg sind. Dass unsere Kirche die Augen und die Ohren weit offen hat, um aufmerksam zu sehen und zu hören, was die Menschen bewegt. Dass sie gerne praktisch wirkt und im Alltag zupackt. Dass sie nach denen schaut, die es schwer haben und ihnen beisteht. Dass es ihr wichtiger ist, gemeinsam mit anderen im einen Leib Christi unterwegs zu sein, als für sich allein Recht zu haben.
 
IV
 
Jesus zieht in Jerusalem ein – und manche ärgern sich über die Freudengesänge der Menschen, die ihn begleiten. Aber Jesus staucht sie nicht zusammen. Er macht sie nicht klein, sondern nimmt sie mit in die Wunderwelt Gottes, so wie Hebel nicht alles besser weiß, sondern uns in eine Lebensweisheit führt, die das Gemeinsame sucht und immer wieder neue Hoffnung sät. Sie lebt aus dem Vertrauen, dass die Steine zu Gott schreien werden, wenn die Menschen aufhören sich für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen; dass die Steine anfangen, Lieder der Freiheit zu singen, wenn Menschen der Mund verboten wird.
Das Alltägliche bekommt einen neuen Klang. Gottvertrauen legt sich wie ein Grundton unter unser Leben. Wir gewinnen neuen Mut. Wir entdecken neue Wege. Wir machen uns auf; mit kleinen Schritten und großem Vertrauen. Hört ihr die Steine reden? Stimmt ein in ihr Lob – und singt das Lied der Freude über Gott!