Ökumenischer Gottesdienst am 20.05.2021 auf der Landesgartenschau in Überlingen

Liebe Gemeinde auf der Landesgartenschau in Überlingen, am See,
 
der Durst ist groß mittags um 12, zur sechsten Stunde. Wenn die Sonne hoch am Himmel steht, wenn die erste Arbeit getan ist, wenn endlich Pause ist. Dann wollen wir uns erfrischen und neue Kraft schöpfen. Zurzeit können wir nicht ins Café, die Kantine oder eine Mensa. Viele sitzen deshalb bei schönem Wetter draußen; auf der Bank am See, am Rand eines Brunnens.
 
Wo Wasser ist, ist Leben. Das wissen Sie hier am Bodensee seit Generationen, auf allen Seiten des Sees. Wo Wasser ist, ist Leben – nicht nur im physikalischen Sinn, dass die Menschen am Leben bleiben bleiben und die Blumen gut wachsen. Wo Wasser ist, kommen Menschen zusammen. Wo Wasser ist, gedeiht die Kultur, entstehen Dörfer und Städte, blühen die Menschen auf. Wir suchen das lebendige Wasser, das Wasser des Lebens!
 

I

Auch Jesus will sich erfrischen. Er geht zu einem Brunnen, aus dem schon der Stammvater Jakob Wasser geschöpft hat. 32 m tief sprudelt das Wasser aus dem gewachsenen Felsen. Ein wunderbarer Platz. Hier haben sich Generationen erfrischt. Sie haben Wasser geschöpft. Sie haben neueste Nachrichten, Klatsch und Tratsch ausgetauscht. Sie haben miteinander gehandelt und Rendezvous verabredet. An diesem Brunnen wurden Ehe geschlossen und seit Jahrhunderten Kinder getauft. Hier sprudelt das Leben!
 
Kommt ein Fremder zum Brunnen, runzeln manche die Stirn, andere sind neugierig: Was ist das für einer? „Gib mir zu trinken!“ Jesus spricht eine Frau an, die mit einem Krug kommt, um Wasser zu schöpfen. Sie ist skeptisch: „Was willst du?“ Ein fremder Mann spricht eine Frau nicht direkt an. Und außerdem: „Du bist Israelit, ich Samariterin; wir haben nichts gemeinsam!“
 

II

Aber Jesus lässt nicht locker. Denn er hat das zu bieten, was wir am Ende suchen: lebendiges Wasser, Wasser des Lebens! „Wer von diesem Wasser aus dem Brunnen trinkt, den wird wieder dürsten“, sagt er. „Aber wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten. Das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.“
Gibt es einen Brunnen, zu dem man nur einmal geht? Gibt es Wasser, das für Zeit und Ewigkeit ausreicht?
III
„Gib mir solches Wasser!“ ruft die Frau. Sie lässt ihren Krug stehen und läuft in das Dorf und erzählt allen von der Hoffnung, die Jesus ihr macht. Von der Hoffnung, die uns bis heute trägt: Dass die Mädchen in Sambia nicht mehr jeden Morgen mit gekrümmtem Rücken kilometerweit zum Brunnen laufen müssen, sondern in die Schule gehen können. Dass unsere Sorgen uns nicht überwältigen, weil wir durch Jesus so mit Gott verbunden sind, dass uns nichts von Gott trennen kann.
 
„Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Wie können wir die Frische dieses lebendigen Wassers erleben, das Jesus austeilt? Wie öffnet sich der Himmel über dem See in diesen Pfingsttagen und schüttet Christi Geist und neuen Lebensmut auf uns und in unsere Herzen aus?
 

IV

Da ist die Kraft der Natur, die uns in diesen Tagen umfängt. Das klare Wasser, die Pracht der Blüten, die Freude an den ersten Früchten. In ihnen entdecken wir, wie gut Gott es mit uns meint. Wie kraftvoll das Wasser des Lebens ist!
 
Da ist die Freude an der Gemeinschaft: die brauchen wir gerade in diesen Wochen der Distanz und der Einschränkungen im Miteinander. „Gib mir solches Wasser!“ ruft die Frau – und schon verändert sie sich. Sie läuft in ihr Dorf. Sie erzählt den anderen, was sie erlebt hat. Und auf einmal wachsen neuen Verbindungen: Wir gehören zusammen, hier im Ort, hier am See, über alle Grenzen hinweg. Das Wasser des Lebens, das Jesus schenkt, spült die Grenzen weg, verbindet, schafft dem Leben Raum: Ich muss niemanden mehr herabsetzen, um selbst etwas wert zu sein. Ich muss nicht mehr Lebenskraft für mich aufsparen und anderen vorenthalten, so als würde sie nicht reichen. Es ist genug Wasser des Lebens da; es fließt für alle, die es brauchen, es füllt unsere Krüge, vor allem aber unsere Herzen so reichlich, dass genug für alle da ist.
 
Ich wünsche mir, dass wir das als Kirchen in den nächsten Monaten gemeinsam deutlich machen können. Dass wir da sind für die Kinder und Jugendlichen, für die die letzten Monate schwer waren; dass wir unsere Gemeindehäuser öffnen für Nachhilfe, aber auch für all das an Gesprächen und Liebe und Vertrauen, was in den letzten Monaten zu kurz gekommen ist. Dass wir gemeinsam ökumenisch Kinder und Jugendliche stark machen, den Älteren zeigen, dass wir sie brauchen und ihnen beistehen, dass wir Familien entlasten und denen, die das nicht selbst finanzieren können, Erholungen ermöglichen – wir schöpfen in unseren Gemeinden, in unserem Unterricht, in Kliniken und Altenheimen aus der Fülle des lebendigen Wassers. Wenn wir diese Fülle frei in unsere Orte und ins Land fließen lassen, wird das Leben aufblühen.
 
Das Wasser des Lebens füllt schließlich unsere Herzen, jeden und jede ganz persönlich. Die Frau am Jakobsbrunnen trinkt vom lebendigen Wasser und entdeckt in neuem Gottvertrauen den Sinn ihres Lebens. Mit frischem Schwung, mutig und frei eilt sie in ihr Dorf und teilt dort aus von dem Wasser, das sie erfrischt und erneuert hat. So breitet sich die Kraft des lebendigen Wassers im Alltag der Menschen aus: Die Männer, die bisher die Worte der Witwe geringgeschätzt haben, hören auf einmal genau hin. Die Schwachen haben eine Stimme und gewinnen neue Rechte.
 

IV

„Wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme vom Wasser des Lebens umsonst.“ Christus lädt uns ein von diesem lebendigen Wasser zu trinken: jede und jeden persönlich, als Gemeinschaft, die wie das Wasser Grenzen überwindet, als Leben inmitten von Gottes wunderbarer Schöpfung.
 
Gib uns lebendiges Wasser, Jesus, damit wir leben, jetzt und in Ewigkeit. Amen.