Mit Joseph in der Kirche aufatmen!

Predigt zu Genesis 50, 15-21 im Gottesdienst zum 825jährigen Jubiläum der Peterskirche am 27. Juni 2021

15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. 16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.
18 Da gingen seine Brüder selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er brachte sie zum Aufatmen und redete freundlich mit ihnen.
 
Liebe Festgemeinde,
825 Jahre Peterskirche! 825 Jahre finden Menschen hier, auf der Anhöhe oberhalb des Neckars einen Raum zum Aufatmen. Eine Kirche, in der Luft nach oben und nach vorne ist; eine Kirche, in der Freude und Angst, Trauer, Schuld und Dank Raum finden; in der Zwischenräume und gebrochene Sichtachsen unsere scheinbar unerbittlich vorgezeichneten Lebenswege unterbrechen; eine Kirche, in der die wunderbaren Schreiter-Fenster neue Aus- und Einblicke eröffnen.
Seit 825 Jahren tauchen Menschen in diesem Raum mit ihren Lebensgeschichten ein in biblische Geschichten, mit denen Gott Versöhnung ermöglicht, „um am Leben zu erhalten ein großes Volk.“
 
I
 
Die Josephsgeschichte braucht solche hohen Räume wie die Peterskirche. Räume, in denen Platz ist, für das Leben mit all seinen Facetten, auch mit dem, was nicht aufgeht. Räume, die unsere Blicke nach vorne lenken. Räume, in denen ich mit meiner Geschichte in den Geschichten anderer Erfahrungen mit Gott spazieren gehen kann und immer wieder auf einen lebendigen Gott treffe, nah bei den Menschen.
 
In meiner Heimatgemeinde wuchs ich als Kind im Kindergottesdienst langsam in solche Räume und Geschichten hinein: später als Konfirmandinnen und Konfirmanden spürten wir: Hier wird uns etwas zugetraut. Also wurden wir Helferinnen und Helfer im Kindergottesdienst.
 
Ein Abschnitt aus der Josephsgeschichte war eine der ersten Geschichten, die ich erzählen durfte. Joseph wird von seinen Brüdern in den Brunnen geworfen. Weil er immer vorgezogen wird; immer der Liebling des Vaters. So ein schönes Kleid – obwohl er nur rumträumt und nie zupackt und etwas schafft. Haben Sie auch einen Bruder oder eine Schwester? Hatten Sie auch mal Lust, sie in einen Brunnen zu werfen, weil sie sich über ihn oder sie geärgert haben? Weil sie sich zerstritten hatten und die Eltern wieder zu dem Bruder, zu ihrer Schwester hielten?
 
Mich hat fasziniert, wieviel Bewegung in diesen Geschichten steckt, wieviel unerwartete Wendungen möglich sind, wieviel Raum auch die Bosheit bekommt. Die Spannung steigt, oft ist keine Lösung in Sicht – kein Gott bringt alles in Ordnung. Realistisch wird von Macht und Gewalt erzählt. Es wird geschildert, wie selbst die Liebe und die Sexualität benutzt und missbraucht werden. Und doch ist Gott immer dabei – in einem weiten, offenen Raum, in dem Geschichten aufrüttelnde, heilsame oder orientierende Perspektiven eröffnen.
 
II
 
Am Ende der Geschichte: nach Mordversuch und Menschenhandel, nach Traumdeutungen und erotischen Verführungsszenen, nach Gefängnis und Versöhnung, holt der Konflikt die Geschwister ein. Der Vater ist tot! „Wird Joseph sich jetzt an uns rächen?“ Sie trauen sich nicht zu ihm; sie lassen ihm ausrichten: „Vater hätte bestimmt gewollt, dass wir uns versöhnen!“
 
Die Gesandtschaft findet den richtigen Ton: Joseph weint. Wer weint, rächt sich nicht. Wer weint, ist zur Versöhnung bereit. Jetzt trauen sich die Brüder zu ihm. Allerdings nicht erhobenen Hauptes; dafür drückt die Schuld sie zu sehr. Sie beugen sich vor Joseph wie damals im Traum die Garben des Getreidefeldes: Siehe, wir sind deine Knechte! Er ist der Chef, sie sind die Knechte. So können Konflikte enden, wenn klar ist, wer schuldig ist und vor allem: wer die Macht hat.
 
Aber Joseph nimmt ihre Demutsgeste nicht an. Er antwortet: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
Joseph bekommt einen langen Zeigefinger, wie Johannes auf dem Colmarer Altar von Grünewald. Er weist von sich weg: „Nicht ich: Gott!“ Das ist die Grundunterscheidung, auf der alles ruht, was folgt. „Ich nutze eure Schuldeinsicht nicht für mich und meine Interessen; ich verzichte darauf, in dieser Situation meine Machtposition auszubauen. Ich vertraue mich und euch Gott an!“
 
Das ist der eigentliche Aufbruch aus dem Kampf um Macht und Einfluss. So öffnet sich in der Kirche ein Raum der Freiheit, ein Raum des Friedens, der höher ist als alle Vernunft.
Dafür braucht es Räume, die ihren Zweck gerade darin erfüllen, auf dieses „Mehr“ zu verweisen. Räume, die sich nicht auf ihre Funktionen reduzieren lassen, auch wenn das quer zu unserer ökonomisierten und rationalisierten Logik liegt und ziemlich teuer erscheint. Wir brauchen Räume wie diese Kirche, die seit 825 Jahren ihren Zweck gerade darin erfüllt, dass sie uns einen Fingerzeig gibt, von uns weg weist und diese (rhetorische) Frage stellt: „Stehe ich, stehen wir denn an Gottes Statt?“
 
Dafür braucht es aber auch besondere Zeiten. Den Sonntag, an dem wir innehalten, um uns immer wieder zu vergewissern, wir leben aus Gottes Gnade; auch und gerade als tatkräftige, verantwortliche Erwachsene, als Menschen in Leitungsposition – wie Joseph: Wir leben aus Gottes Gnade, wir haben das Leben nicht in unserer Hand.
 
Am 29. Juni 1196, am Peter und Paul-Tag wurde die Peterskirche geweiht. Auch dieser Termin sendet ein Signal: Diese Peterskirche sucht und findet die Einheit nicht in der Eindeutigkeit, sondern im Halten der Spannung, im Gestalten von Gegensätzen und Konflikten: „Auf verschiedene Weise dienten beide Apostel der einen Kirche“, heißt es in der Präfation für diesen Tag. Was für ein Bild für eine Ökumene, die von sich weg weist, weil sie ihren Grund und ihre Einheit außerhalb ihrer selbst sucht. Die konfessionelle, auch religiöse Unterschiede wahr- und ernstnimmt und von ihnen wechselseitige Bereicherung erhofft, aber nicht um die Sicherung der eigenen Macht kämpft. „Stehe ich, stehen wir denn an Gottes Statt?“
 
Um die Kraft dieser Frage gerade in festgefahrenen Konfliktlagen zu entdecken, braucht es schließlich Zeit: Die Unerbittlichkeit, mit der die Brüder gegeneinanderstanden, löste sich nur langsam auf. Wir lesen von verschiedenen Anläufen; von Versuchen, Brücken zu bauen; von Wegen und Umwegen; und immer wieder von Rückzügen in das vermeintlich sichere, eigene Feld.
 
Sieben Mal muss Joseph weinen, bis sich der Schrecken und die Trauer löst. Mehrfach nutzen die Akteure eine List, um die andere Seite in Bewegung zu setzen: Joseph versteckt einen Becher im Gepäck von Benjamin und zwingt seinen Brüdern auf, sich noch einmal in das Leid hineinzuversetzen, dass sein Vater erlebte, als er Joseph verlor. Nett war das nicht!
 
Und die Brüder senden einen Boten, der Joseph berichtet, was der Vater angeblich gesagt hat, oder vielleicht auch nur was sie sich gewünscht hätten, was er gesagt hätte, wenn er sich die jetzige Lage vorgestellt hätte.
Zur Versöhnung führt kein schneller Weg: Besondere Räume sind dafür not-wendig, manchmal auch Umwege, Innehalten und geprägte Zeiten. Versöhnung wächst nur langsam. Weil dazu Gottvertrauen und Mut gehört, das Vertrauen in die eigene Macht und das eigene Recht loszulassen und sich und die Anderen Gottes Gerechtigkeit, Liebe und Zukunft anzuvertrauen und zuzumuten: „Stehe ich, stehen wir denn an Gottes Statt?“
 
III
 
Unsere Kirchen bieten solche Räume für Versöhnung. In ihnen können Menschen aufatmen; in ihnen erleben sie, wie die Menschenfreundlichkeit Gottes Raum greift. Dabei wird Schuld nicht vergessen oder weggeredet. Auch Joseph kann den Mordanschlag seiner Brüder nicht vergeben. Es ist zu viel zerbrochen! Zu tief hat sich das Trauma in ihn und in die Familiengeschichte eingegraben. Vielleicht kann er ihn tragen, ertragen, wie es in dem hebräischen „nasah“ auch anklingt.
 
In diesen Jahren, in denen wir uns in der evangelischen Kirche unserer Verantwortung für Traumata bewusstwerden, die Menschen erlitten haben, weil sie in unseren Gemeinden, in diakonischen Einrichtungen, durch Mitarbeiter unserer Kirche missbraucht wurden; in diesen Jahren spüren wir die Ungeheuerlichkeit der Bitte der Brüder an Joseph zu vergeben besonders deutlich. Ich verstehe Josefs Tränen als Ausdruck seines Ringens darum, wie er darauf reagieren soll: sie zeigen den Druck zur Versöhnung, aber auch die Aussichtslosigkeit dieser Bitte. Würde sie nicht den Untaten nachträglich Recht geben? Nein, es gibt kein Schwamm drüber, kein weiter so: „als wäre nichts geschehen“.
 
„Siehe, wir sind deine Knechte.“ Joseph wehrt diese Unterwerfung der Brüder ab. Nein, ich kann eure Schuld nicht vergeben, das liegt allein bei Gott! Joseph verweigert sich den eigenen wie den fremden Allmachtsphantasien. „Ihr seid nicht meine Knechte, denn dann würdet ihr eure Verantwortung an mich abgeben. Ihr müsst lernen, Verantwortung für das zu übernehmen, was ihr getan habt. Die Freiheit, die Gott uns schenkt, gewinnt ihre Gestalt in der Verantwortung vor Gott: Ihr seid nicht meine, ihr seid Gottes Diener!“
 
Am Ende dieser Geschichte, in der Jakob schon vor Josephs Geburt angesichts der Kinderlosigkeit von Rahel fragt: „Ja, bin ich denn an Gottes Stelle!?“, am Ende dieser Geschichte hat Joseph, der zum Opfer wurde, die Kraft gewonnen, seinen Brüdern aufrecht und erwachsen entgegenzutreten. Sie bleiben Täter: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen!“ Das bleibt festgehalten. Damit müssen alle Beteiligten leben.
 
Aber Gott eröffnet ihnen einen gemeinsamen Lebensraum: „Aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.“ Joseph nimmt die Bewegung Gottes auf und gestaltet diesen Lebensraum in den Grenzen und Möglichkeiten, die er hat. Er, der Opfer war, spricht ihnen Mut zu: So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.
Die Brüder atmen auf. Doch sie erfahren auch, dass sie ihre Schuld tragen müssen. Auch wenn Gott das böse Tun am Schluss zu einem guten Ende geführt hat; es bleibt böse. Auch wenn Gott aus Bösem Gutes machen kann, hebt das unsere Verantwortung nicht auf. (Ebach)
 
Es ist eine lange Geschichte, bis Menschen in solchen Konfliktkonstellationen wie in der Josephsgeschichte aufatmen können. Eine lange Geschichte, in der Scheitern und Schuld nicht vergehen; in der es die Bewegung Gottes braucht, dass Tränen fließen können, dass Menschen sich in den Arm nehmen, dass Versöhnung möglich wird.
 
Unsere Kirchen wollen Raum bieten, unsere Feste Zeiten, um in Bewegung zu kommen: Sie ertragen es aber in ihrer Höhe und Eigenständigkeit auch, dass Risse und Brüche bleiben und manches sich nicht fügt, sondern weiter sperrt. Weil sie von sich weg zeigen auf den Frieden, der höher ist als alle Vernunft. Er möge unsere Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus.