Mit Gott auf neuen Wegen

Predigt zu 1. Könige 17, 1-16 zum 51jährigen Jubiläum des Evangelischen Gemeindezentrums in Kirchzarten am 18.07.2021

Liebe Festgemeinde hier im Gemeindezentrum und zu Hause an den Bildschirmen,
 
ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu Ihrem Jubiläum. 50 Jahre, auch 51 Jahre sind für ein Gemeindezentrum noch kein Alter, aber eine Gelegenheit mit Musik und Ausstellung, Begegnungen und Spielen, mit Essen und Trinken zu feiern. Ein großes Fest unter der Überschrift: Wir gehören zusammen, wir sind eine Gemeinde auf dem Weg! Und eine Gelegenheit innezuhalten: Wofür sind wir dankbar? Was trägt uns? Wie soll es weitergehen?
 
I
 
Der heutige Predigttext erzählt vom Unterwegssein in stürmischen Zeiten. Elia, einer der großen Propheten in Israel, ist im Streit mit seinem König über die Zukunft. Er muss fliehen.
 
2Da kam das Wort des Herrn zu ihm: 3Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan fließt. 4Und du sollst aus dem Bach trinken, und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen. 5Er aber ging hin und tat nach dem Wort des Herrn und setzte sich nieder am Bach Krit, der zum Jordan fließt. 6Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends, und er trank aus dem Bach. 7Nach einiger Zeit aber vertrocknete der Bach, denn es war kein Regen im Lande.
8Da kam das Wort des Herrn zu Elia: 9Mach dich auf und geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und bleibe dort; denn ich habe dort einer Witwe geboten, dass sie dich versorge. 10Und er machte sich auf und ging nach Sarepta. Und als er an das Tor der Stadt kam, siehe, da war eine Witwe, die las Holz auf. Und er rief ihr zu und sprach: Hole mir ein wenig Wasser im Gefäß, dass ich trinke! 11Und als sie hinging zu holen, rief er ihr nach und sprach: Bringe mir auch einen Bissen Brot mit! 12Sie sprach: So wahr der Herr, dein Gott, lebt: Ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Und siehe, ich habe ein Scheit Holz oder zwei aufgelesen und gehe heim und will’s mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir essen – und sterben.
13Elia sprach zu ihr: Fürchte dich nicht! Geh hin und mach’s, wie du gesagt hast. Doch mache zuerst mir etwas Gebackenes davon und bringe mir’s heraus; dir aber und deinem Sohn sollst du danach auch etwas backen. 14Denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der Herr regnen lassen wird auf Erden.
15Sie ging hin und tat, wie Elia gesagt hatte. Und er aß und sie auch und ihr Sohn Tag um Tag. 16Das Mehl im Topf wurde nicht verzehrt, und dem Ölkrug mangelte nichts nach dem Wort des Herrn, das er geredet hatte durch Elia.
 
II
 
Elia erlebt: Gott geht mit! Und Gott sagt nicht nur: Ich werde für dich sorgen! Gott tut das auch; ganz praktisch durch das Wasser des Baches Krit und durch die Raben, die morgens und abends Brot und Fleisch bringen. Elia wird gut versorgt durch Gottes Geschöpfe. Und als das Wasser des Flusses wegen der Trockenheit versiegt, schickt Gott Elia zu einer Witwe und ihrem Sohn. Sie leben in Sidon, eigentlich für die Israeliten Feindesland, aber für Elia Zuflucht und Ort der Rettung.
 
Die Geschichte zeigt: Gott geht mit uns und sorgt für uns – ganz konkret und praktisch. Ich sehe vor mir, wie die Raben schreien – und dabei fällt ihnen das Brot und das Fleisch aus dem Schnabel, direkt vor die Füße von Elia – und wahrscheinlich schimpfen sie dann noch lauter. Ich sehe, wie die Witwe am Wegrand nach Holz sucht, um ihren Ofen zu heizen und zu kochen. Was soll sie mit diesem Mann anfangen, der etwas zu essen von ihr will, wo sie doch selbst nicht genug hat?
 
III
 
So konkret, so leibhaftig geht Gott mit uns. Das zeigt sich in unserem Miteinander, das zeigt sich in unseren Ge-bäuden, in denen der mitgehende und fürsorgliche Geist Gottes spürbar wird:
Ein freistehender Glockenturm, der steil in den Himmel aufragt; ein Haus, das von außen mit seinem Dach wie ein aufgeschlagenes Buch aussieht, wie die Bibel, die ihre guten Worte in den Ort ausgießt; ein Gebäude, in dem Menschen zusammenkommen, Alt und Jung, einheimisch und zugegen oder als Gast oder Tourist; ein Gottes-dienstraum, der mit seinen Baumaterialien und seiner Gestaltung mitten in unsere Zeit hineinspricht.
 
Ihr Gemeindezentrum hat eine Botschaft: Gott geht mit uns, hier und heute. Mitten in unserem Alltag und an den wichtigen Punkten unseres Lebens. Wenn wir glücklich ein neues Menschenkind zur Taufe tragen; wenn zwei hier vorne aufgeregt auf ihren Stühlen sitzen und sich verliebt, aber auch etwas unsicher aus ihren Augen-winkeln beobachten; wenn wir im Gebet an die denken, die verstorben sind, für die bitten, die krank sind oder es schwer mit sich oder anderen haben.
 
Gott ist mit uns unterwegs, auf schönen, gepflegten Straßen und auch auf holprigen Wegen; vom Kindergarten bis zum Seniorenkreis, in den Gottesdiensten, in der Kirchenmusik und im Café con Dios, wenn wir einander digital verbunden sind oder uns in der Jugendarbeit oder der Erwachsenenbildung begegnen. Gott geht mit!
 
Besonders deutlich zeigt sich das an der Altarwand: Der Beton bricht auf und ein Kreuz wird erkennbar. Wenn der Beton für die moderne Welt steht, die alles bauen kann und alles in der Hand hat und eigentlich keinen Gott mehr braucht, dann zeigen diese Aufbrüche: Gott ist kein Gott auf dem Rückzug, kein Gott für das, was wir noch nicht können oder noch nicht wissen. Gott kommt in diese in Beton gestaltete Welt mit all ihren Freuden, Stär-ken und Möglichkeiten, aber auch mit all ihren Konflikten, ihren Grenzen und Sorgen – so wie damals Christus in den Stall. Da hat ihn auch niemand erwartet! So wie Jesus zu den Fischern und Landwirten gegangen ist und nicht im Tempel geblieben ist, sondern mit den Menschen über ihre Fragen und Hoffnungen gesprochen hat. So wie Christus ans Kreuz gegangen ist, damit am Ende nicht der Tod das letzte Wort behält, sondern die Liebe Gottes.
 
Gott geht mit und ist da, hier und jetzt und mitten in unserem Alltag. Der Beton bricht auf, das Kreuz wird erkennbar, eine Zukunft im Geist Christi.
 
IV
 
Zunächst sorgen der Bach und die Raben für Elia; dann diese Witwe in Sidon mit ihrem Sohn. Gemeinschaft ist ein Kennzeichen unserer Kirche. Christus lädt uns an einen Tisch, als Kirchengemeinde, die aus zwei Gemein-den zusammenwächst, als Geschwister in der Ökumene, als Menschen in all unserer Unterschiedlichkeit: die, die frisch zugezogen sind, und die, die schon immer hier wohnen; die, die alle nett finden und auch die, die von vielen als nervig oder Zumutung empfunden werden. Sie alle, sagt der Wochenspruch, sind durch Christus nicht mehr nur Gäste und Fremdlinge, sondern tatsächlich Mitbürgerinnen und Mitbürger und Hausgenossen in die-sem einen großen Haus Gottes.
 
Ich habe mich sehr gefreut, wie sehr Sie in Ihrer Gemeindearbeit und auf Ihrer Homepage dieses Einladende betonen, die Gemeinschaft in Vielfalt, auch gerade am Tisch: Beim Osterfrühstück, bei gemeinsamen Mittagessen, im Café con Dios, beim Picknick an Himmelfahrt und bei vielen anderen Gelegenheit. Überall da erfahren wir leibhaftig, wie fürsorglich Gott ist, wie Gott mitgeht, wie wichtig Gott unser Miteinander ist.
 
Aus diesem Vertrauen, dass Gott mitgeht und für uns sorgt, geben wir unser Vertrauen weiter, trauen wir Men-schen etwas zu, laden sie ein, mit uns gemeinsam neue Wege zu suchen. Wie Elia der Witwe rufen wir ihnen zu: „Fürchtet euch nicht!“ und machen ihnen Mut zum Aufbruch.
Gottvertrauen und Mut, beides werden wir in den nächsten Jahren brauchen, in der Kirche, aber auch in unse-rer Gesellschaft. Was uns unsere Partnerkirchen aus Indien, Indonesien oder dem Pazifik schon seit Jahren be-richten, wie sehr sich ihr Leben durch den Klimawandel verändert, wie sehr es bedroht ist, das erfahren wir in diesen Tagen – mit großem Schrecken und Leid.
 
Gott sagt uns wie Elia zu: Ich werde für Dich, ich werde für Euch sorgen! In allen Veränderungen und Umbrü-chen, die wir im Moment noch gar nicht überblicken können. Aber im Gottvertrauen spüren wir: wir werden in Zukunft anders leben, einfacher, genügsamer, mehr im Einklang mit der Natur; wir werden fürsorglicher miteinander leben – und all das muss sich vor Ort konkret und praktisch bewähren.
Wie können unsere Gemeinde, unsere Kommune zu einer Sorgegemeinschaft werden? Wo Kinder und Jugendli-che vergnügt aufwachsen, dass sie stark werden und frei, dass ihnen etwas zugetraut wird, dass sie Verantwor-tung übernehmen können und das Leben in der Gemeinde und im Ort mitgestalten. Dass alte Menschen wissen, hier kann ich in Frieden alt werden, loslassen und Verantwortung aus der Hand geben, denn hier ist für mich gesorgt.
 
V
 
„Gott geht mit und sorgt für uns!“ Darauf hat sich Elia verlassen, darauf verlassen wir uns heute. Das ist seit 50, seit 51 Jahren die Botschaft dieses Gemeindezentrums und des Lebens in diesen Räumen, das in den Ort aus-strahlt. Ich wünsche Ihnen Gottes Segen für die nächsten 50 Jahre und den weiteren Weg!