„Ach, Sie sind der neue....°

Ansprache zum Wochenspruch aus Eph. 2,19 zur Einführung von Dekan Steffen Mahler in der Evangelischen Stadtkirche in Baden-Baden am 17.07.2021

Liebe Festgemeinde!
 
„Ach, Sie sind der neue Dekan?!“ Wahrscheinlich haben Sie, lieber Herr Mahler, das in den letzten Wochen und Monaten öfter gehört. Der Neue, noch ein bisschen fremd, noch eher Gast als schon Mitbürger. Ich weiß nicht, wie schnell man hier in Baden-Baden heimisch wird, wie Sie eingeladen werden ringsum in den Orten des Kirchenbezirks.
 
An einem Tisch versammelt, von Christus eingeladen: die Nahen und die Fernen; die, die schon immer dazuge-hören und die, die neu oder fremd sind. Das ist das Urbild christlicher Gemeinschaft. Daraufhin leben wir, das verkündigen wir. Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Mahler, dass Sie diese Gemeinschaft auch persönlich erfahren und hier im Bezirk schnell eine neue Heimat finden. Dass Sie erleben, was der Wochenspruch der neuen Woche verspricht: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen!“ (Epheser 2, 19)
 
I
 
Das Miteinander der Verschiedenen im einen Haus Gottes ist nicht selbstverständlich. Zur Zeit Jesu nicht und heute auch nicht. Das zeigt der Blick in die Nachrichten und auf die großen Konflikte. Wir erleben das aber auch nah bei uns: Nachbarn auf Jahre zerstritten, Familien, die sich über das Impfen gegen Corona so in die Haare bekommen, dass sie nicht mehr miteinander reden.
In diese Situationen hinein verkündigt Christus Frieden in einem umfassenden, Kopf und Herz, Privates und Politisches umfassenden Sinn: „Frieden, euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren.“ Der Geist Christi führt zusammen und versöhnt. Er lockt mich aus meiner Ecke und die anderen aus ihrer, nicht, damit wir im Ring gegeneinander kämpfen, sondern gemeinsam an dem Tisch essen, den er für uns gedeckt hat: mit Brot und Wein – das Mahl der versöhnten Gemeinschaft.
 
II
 
Diesen Geist der Versöhnung tragen wir als Kirche in die Welt. Damit Menschen Mut und Kraft gewinnen, sich versöhnen zu lassen, persönlich, im Miteinander und mit Gott: Christus versöhnt uns mit uns selbst! Wie viele sind unglücklich mit sich, weil sie das Gefühl haben, dem nicht zu genügen, was sie oder andere von ihnen erwarten? Sie fragen sich: Was bin ich wert? Sie tragen etwas mit sich herum, das ihnen immer schwerer wird.
 
Christus versöhnt uns mit Menschen, die wir als Zumutung empfinden, manchmal sogar als feindlich: Er tritt hinzu, hört beiden Seiten zu und ermutigt sie zum Gespräch. Er lädt uns gemeinsam an einen Tisch, damit wir entdecken: Der andere Mensch ist auch Kind Gottes, gehört auch zu Christus.
 
Und schließlich: Christus versöhnt uns mit Gott. Menschen zweifeln: Gibt es einen Gott, gibt es eine Kraft, die mich durchs Leben trägt? Menschen verzweifeln: Wenn wir solches Leid, solchen Schrecken ertragen müssen, wo ist da Gott? Aber genau da, wo diese Fragen und diese Not sind, genau dahin geht Christus und öffnet einen Spalt, um zu trösten, zu ermutigen, neue Hoffnung zu machen. Und genau dahin sendet uns der Geist Christi.
 
III
 
Als Kirche, als Kirchenbezirk haben wir Teil an dieser großen Bewegung der Versöhnung. Alles, was wir in un-seren Gemeinden, in der Seelsorge in Klinik oder Altenheim, in der Kindertagesstätte oder der Jugendarbeit, im Religionsunterricht oder in der Kirchenmusik tun; alles lebt aus dieser Bewegung der Versöhnung und breitet sie aus. Das große Haus Gottes, über dessen Eingangstür: „Lasst euch versöhnen mit Gott“ steht, hat viele ver-schiedene Räume; sie gilt es zu vernetzen, sie können sich gegenseitig stärken, damit der Geist Versöhnung noch deutlicher und stärker ausstrahlt.
 
Dieses Haus der Versöhnung hat offene Türen. Die Türschwellen sind niedrig. Man kann erhobenen Hauptes eintreten und alles mitbringen: das, was man kann, die eigenen Stärken, aber auch das Schwere und die eigene Verletztheit und Verletzlichkeit. Die Fenster sind groß und weit, so wie drüben im Bonhoefferhaus, damit wir nicht aus den Augen verlieren, was Menschen bewegt – und andersherum, damit unsere Gemeinschaft aus-strahlen kann; damit viele die Freiheit und die Freude spüren, die dieses Haus Gottes auszeichnet.
 
Damit viele erleben: Wir sind nicht mehr Fremdlinge, sondern miteinander Hausgenossen Gottes; damit viele Platz nehmen an dem großen Tisch, den Christus für uns gedeckt hat.
 
Ihnen, lieber Herr Mahler, wünsche ich viel Kraft und viel Freude beim Mitgestalten dieses Hauses Gottes in diesem Kirchenbezirk; Sie haben darin jetzt eine besondere Verantwortung übernommen. Sie sind nun Mitbürger der Heiligen hier im Kirchenbezirk und Hausgenosse Gottes!