Römer 10, 9-17
9 Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. 10 Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. 11 Denn die Schrift spricht (Jesaja 28,16): »Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden.«
12 Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen. 13 Denn »wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll gerettet werden« (Joel 3,5).
14 Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? 15 Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7): »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!«
16 Aber nicht alle sind dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen?« 17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.
Eigentlich, liebe Gemeinde, eigentlich wollte Herr B. seinen Bruder nicht im Krankenhaus besuchen. „Ich kann das nicht!“ Immer wenn seine Frau ihn darauf ansprach, wurde er unruhig, manchmal richtig unwirsch. Seit Jahren war er mit seinem Bruder zerstritten. Sie hatten nicht mehr miteinander geredet, nicht einmal telefoniert. Er konnte den Streit nicht vergessen. Sie waren gemeinsam gefangen in ihren Erinnerungen an ihren Ärger und ihre Wut.
Irgendwann nahm ihn seine Frau dann am Arm. „Komm, du hältst das doch auch nicht mehr aus“, sagte sie und fuhr mit ihm zum Krankenhaus. Zögerlich setzte Herr B. sich ans Bett. Irgendwann fing er an zu sprechen. Sein Bruder konnte nicht mehr sprechen; aber er hielt seine Hand und weinte. Herr B. sagte, dass es ihm leidtut; auch er weinte, auch über die verlorene Zeit. Die letzten Tage und Nächte wechselte er sich mit seiner Schwägerin am Sterbebett seines Bruders ab.
„Ich hätte das nicht für möglich gehalten, dass wir noch einmal zusammenkommen!“, sagte er später seiner Frau. „Du hast mich gerettet. Wie hätte ich weitergelebt, wenn wir uns nicht versöhnt hätten?“
I
Seine Frau ist für Herrn B. eine Freudenbotin geworden, so wie es Paulus hier erzählt. Eine, die mit dem Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, dass im Vertrauen auf Gott Rettung möglich wird. Eine, die die große, befreiende Kraft des Glaubens für ihren Mann spürbar macht.
Da öffnet der Glaube Türen, wo wir nur Mauern sehen. Er macht Mut, aufeinander zuzugehen, auch wenn die Gräben unüberbrückbar scheinen. Er macht uns frei aufzubrechen aus den Bildern, die andere von uns und wir von anderen haben; aus den Eindeutigkeiten, in denen wir andere und oft auch uns selbst gefangen halten. Wo wir immer schon wissen, wer wohin gehört und wer Recht hat; warum ich mit dem oder derjenigen auf keinen Fall etwas zu tun haben will; wo wir immer weiter in Gut und Böse sortieren, da öffnet der Glaube neue Wege aufeinander zu.
Menschen werden zuschanden, weil sie ihre eigenen Vorstellungen absolut setzen, weil sie nicht mehr links oder rechts schauen, weil sie nur noch sich selbst vertrauen und denen, die mit ihnen einer Meinung sind; wir haben es in der letzten Woche mit Schrecken und Trauer bei dem Anschlag in der Tankstelle erlebt.
II
Der Glaube bricht diese Eindeutigkeiten auf und öffnet im Gottvertrauen Spielräume für das Leben. Der Glaube macht Mut zur Begegnung, auch mit denen, die mir fremd sind, zur Versöhnung selbst da, wo die Verletzungen oder der Hass unüberbrückbar schienen.
Seine Kraft gewinnt der Glaube aus Erfahrungen und Geschichten: Geschichten wie die von Frau B. Geschichten, mit denen uns unsere Eltern oder Großeltern ihr Gottvertrauen mitgegeben haben, Geschichten mit Freundinnen und Freunden, aus Jugendgruppe oder Religionsunterricht. Geschichten von Jesus: Wie er darauf vertraut, dass zwei Fische und fünf Brote reichen – für alle, die gekommen sind. Wie er die Kranken nicht wegschickt, sondern ihnen Mut macht und ihnen neue Kraft gibt. Wie er Menschen zusammenführt – in all ihrer Unterschiedlichkeit. Bei ihm ist kein Unterschied zwischen Juden und Griechen, zwischen Alt und Jung, zwischen männlich und weiblich, zwischen Arm und Reich, vielleicht nicht einmal zwischen Mensch und Tier. Alles, was lebt, alles, was Odem, lebt aus der Kraft der Liebe, mit der Gott die Welt umfängt und erfüllt.
Die wichtigste Geschichte für Paulus ist die Ostergeschichte. Mit ihr steht und fällt für ihn der Glaube: Der Stein ist weggerollt. Die Höhle ist leer. Die Soldaten, die das Grab bewachen, stürzen zur Seite. Der Tod, der doch für alle: reich wie arm, fromm wie säkular das Sicherste im Leben überhaupt zu sein scheint; der Tod verliert seine Macht. „Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.“ Diese Geschichte erzählen wir; darauf vertrauen wir. Da spüren wir die Kraft des Glaubens, die Freiheit schenkt, Grenzen überwindet und Menschen versöhnt.
III
Heute wird in Deutschland gewählt. Das geht es um wichtige Fragen und grundlegende Entscheidungen. Am Donnerstagabend sprach die Diskussionsleiterin in der Runde der Parteivorsitzenden sogar von „Zeitenwende“. Es geht um etwas bei dieser Wahl in unsicheren und verunsicherten Zeiten.
Da sind Leidenschaft und Überzeugung gefragt: Wie gestalten wir in Zukunft unsere Freiheit? Wie sorgen wir dafür, dass unser Land nicht in reich und arm, in Alt und Jung, in Ost und West auseinanderfällt? Wie tragen wir dazu bei, dass unsere Kinder und Kindeskinder eine Zukunft haben, in der die Bäume grün sind, die Bienen fliegen, in der sie nicht nur auf irgendwelchen 2000ern, sondern hier im Schwarzwald Schneemänner und -frauen bauen können? Der Glaube macht Mut, neue Wege zu gehen: wir können im Einklang mit der Natur leben; wir können Feindschaft überwinden; es gibt ein Genug, wir brauchen unser Herz und unseren Verstand nicht auf „immer mehr“, „immer größer“, immer stärker zu fixieren. Auf der großen Demonstration vorgestern mit 8000 meist jungen Menschen war von dieser Hoffnung, von diesem Vertrauen viel zu spüren: Wir finden gemeinsam einen Weg in eine lebenswerte Zukunft für uns, für die Menschen weit weg im globalen Süden, für die Menschen nach uns, für alle Lebewesen auf dieser Erde.
Der Glaube macht Mut zum entschiedenen Handeln, aber er vergewissert uns auch, dass wir nicht aus eigener Kraft, sondern aus Gottes Kraft leben. Wer darauf vertraut, kann die eigenen Grenzen ernstnehmen; muss nicht immer Recht haben, auch nicht in der Politik. Wer auf Christi Liebe vertraut, sieht das Recht und die Würde der anderen Menschen und kann sich in sie und Überzeugungen hineinversetzen. Dadurch verschwinden die Unterschiede nicht, aber wir finden einen Weg in unserer Unterschiedlichkeit im Geist Gottes miteinander zu leben.
Der Glaube, dass Gott mitgeht, macht gelassener; das Vertrauen, dass meine Zeit in Gottes Händen steht, gibt mir die Kraft, mich auch einmal zurückzunehmen, um Versöhnung zu ermöglichen, so wie zwischen den Brüdern B.
IV
Gottvertrauen öffnet den Weg zur Versöhnung. Paulus weiß, dass nicht alle diesen Weg gehen können. Vielleicht, weil sie nicht wollen; vielleicht aber auch, weil ihnen niemand davon erzählt. Weil niemand da ist, der sie mitnimmt in diese Geschichten von der Kraft des Glaubens. Auch Herr B. konnte es nicht, obwohl es ihn so belastet hat.
Erst als seine Frau ihm half, den Schritt auf seinen Bruder zuzugehen, erst da entdeckte er die Freiheit, die Kraft und die Freude, die der Glaube schenkt. So wurde ihm seine Frau zur Freudenbotin. Der Glaube gab ihr die Ausdauer, ihren Mann immer wieder dazu zu ermutigen, sich mit seinem Bruder zu versöhnen. Der Glaube gab ihr den Mut, den wunden Punkt immer wieder anzusprechen, auch wenn ihm das nicht gefiel. Am Ende führte ihre Beharrlichkeit alle Beteiligten in die Freude über die Versöhnung, wie Paulus sie mit dem Bild des Propheten Jesaja beschreibt: (Jesaja 52,7) »Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!« So sollen wir einander Freudenbotinnen und -boten werden!
V
Aber warum schauen Jesaja und Paulus auf die Füße der Freudenboten? Weil die Botschaft, die wir einander weitergeben sollen, auf diese Erde gehört. Sie ist nicht nur so dahingesagt. Sie ist Wort, das hier und heute wirkt und unser Leben verändert. Sie ist frohe Botschaft mitten im Alltag; sie fragt, wie wir jetzt und in Zukunft leben wollen, sie betrifft unseren ganzen Körper, unser Auftreten, unser Stehen und Gehen.
So wie Frau B. das vorgemacht hat: am Arm mitnehmen, den kleinen Schubs geben, der dann ins Neue führt. Die Freudenbotin bringt mit ihrer ganzen Person die Liebe Christi, aus der so viel Kraft wächst. Sie steht aufrecht mitten im Leben, fest und kraftvoll mit beiden Füßen auf der Erde und verkündigt das große Ja Gottes.
Einander Freudenbotin und Freudebote werden – das ist unser Auftrag! Woher sollen die Menschen die Freiheit und die Kraft zur Versöhnung bekommen, wenn ihnen niemand die Geschichten des Glaubens erzählt? Woher sollen sie die Hoffnung und den Mut bekommen, diese Welt zum Besseren zu verändern, wenn ihnen niemand erzählt, dass die Liebe Christi stärker ist als alle Angst, ja stärker als der Tod, weil Gott Christus von Toten auferweckt hat?!
