Vom Segen der Endlichkeit

Predigt über Prediger 12,1-7 anlässlich der Bezirksvisitation im Kirchenbezirk Neckargemünd-Eberbach in St. Michael in Eberbach am 17.10.2021

Denke an deinen Schöpfer in deinen Jugendtagen,
bevor die schlechten Tage sich nahen
und Jahre kommen, von denen du sagen wirst:
Sie gefallen mir nicht.
Bevor sich die Sonne verfinstert und das Licht
und der Mond und die Sterne,
und die Wolken wiederkehren nach dem Regen.
Wenn die Wächter des Hauses zittern und die starken Männer sich krümmen,
die Müllerinnen ruhen, weil sie nur noch wenige sind,
und dunkel werden, die aus den Fenstern schauen,
die Türen zur Straße hin geschlossen werden,
während das Geräusch der Mühle leise wird.
Man erhebt sich zum Gesang der Vögel,
und es verklingen alle Lieder. ...
Der Mandelbaum blüht, und die Heuschrecke wird schwer,
und die Kaper bricht auf.
Ja, der Mensch geht in sein ewiges Haus,
und durch die Straße ziehen die Klagenden.
Bevor der silberne Faden zerreißt
und die goldene Schale zerspringt
und der Krug an der Quelle zerschellt
und das Schöpfrad zerbrochen in die Zisterne fällt
und der Staub zurückkehrt zur Erde, wie es gewesen ist,
und der Lebensgeist zurückkehrt zu Gott, der ihn gegeben hat. (Prediger 12, 1-7)
 
Liebe Gemeinde!
„Ich glaube, dass Gott mich geschaffen hat – samt allen Kreaturen.“ Mit diesem Bekenntnis beginnt der Kleine Katechismus von Martin Luther. Ich bin geschaffen, ein Geschöpf Gottes!
Der Prediger beendet mit dieser Erkenntnis sein Werk, fasst darin alles zusammen, was ihm wichtig ist. Er ruft der Jugend, die er unterrichtet hat, zu: „Denke daran, dass du von Gott geschaffen bist!“ Für ihn ist das der Schlüssel zu einem guten, glücklichen Leben.
 
I
 
„Denke daran, dass du geschaffen bist!“ Das heißt: Etwas ist größer als du!
Diese Erkenntnis hat zwei Seiten: Sie erinnert uns daran, dass Gott mitgeht. Vom ersten Einatmen und Schrei des Babys bis zum letzten Ausatmen auf dem Sterbebett ist Gott bei uns. Darauf können wir uns verlassen. In diesem Vertrauen stellen wir uns schwierigen Situationen stellen, steigen mutig auf hohe steigen und gehen unbekannte Wege, auch durch dunkle Täler.
Andererseits verbindet sich damit eine deutliche Grenze. Wir haben sie gerade in den letzten Monaten schmerzlich erfahren: Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, wie zerbrechlich und verletzlich unser Leben ist. Wir haben nicht alles im Griff. Wir sind Leben inmitten von Leben, das Leben will; das einander auch gefährdet und bedroht. Die Flut an der Ahr, die ersten dramatisch bei uns spürbaren Folgen des Klimawandels haben dies bestätigt: Wir sind Geschöpfe, Teil einer größeren Wirklichkeit, die wir gestalten, aber nicht beherrschen und kontrollieren. Da ist die Bibel, da ist unser Glaube realistisch!
 
II
 
„Denke daran, dass du geschaffen bist!“ Darin steckt eine Kränkung, die viele nur schwer ertragen. Wir können doch so viel! Es war doch großartig, wie schnell die Wissenschaft einen Impfstoff entwickeln konnte; wie Menschen durch medizinische Technik geholfen werden konnte.
Anders als der biblische Prediger entwerfen manche deshalb heute ein Bild der Zukunft, in dem der Mensch seine Sterblichkeit überwindet, die Endlichkeit zu einem Ende kommt. „Homo Deus“, der Mensch als Gott, lautet der Titel eines Bestsellers von Noah Hariri, der ein solches Bild entwirft: Unsterblich ist der Mensch; die Alterung seines Körpers und seines Geistes sind aufzuhalten; Bio-Technik und Digitalisierung ermöglichen es, alle Einschränkungen zu überwinden. Und falls dies auf der Erde durch den Klimawandel an seine Grenzen stößt, bleibt ja immer noch der Flug zum Mond oder zum Mars, um dort das Leben fortzusetzen.
  
Es ist eindrücklich, wie hier die Möglichkeiten und die Kraft des Menschen seine Zukunft zu gestalten, weitergedacht werden. Aber es fällt auch auf, wie sich dabei ein Bild des körperlich, psychisch und seelisch gesunden, starken Einzelnen nach vorne schiebt. Die Angewiesenheit, die Erfahrungen der Abhängigkeit, nicht nur in Kindheit und Alter treten völlig in den Hintergrund. Der Mensch wird im Erwachsenenalter unsterblich; alles andere tritt in den Hintergrund.
Aber will ich, wollen Sie das? Auf all die Erfahrungen verzichten, die als Kind und in anderen Abhängigkeiten mein Urvertrauen genährt haben? Was würde ihnen fehlen ohne die Erlebnisse, die sich mit Alter und Krankheit, mit Scheitern und Grenzen verbinden? Was heißt das für unseren Umgang mit denjenigen, die sich nicht kontinuierlich technisch erneuern lassen wollen?
 
III
 
Der Prediger geht mit uns einen anderen Weg. In rätselhaften, poetischen Bildern stellt er den jungen Leuten, an die er sich wendet, den Weg des Alters vor: die Wächter des Hauses zittern – Arme und Hände büßen ihre Kraft ein; die starken Männer, die Beine krümmen sich – die Bewegungen werden schwerer; die Augen lassen nach, die aus den Fenstern schauen; und die Ohren, die Türen zur Straße werden geschlossen, so dass das Geräusch der Mühle leise wird. Schön ist auch das Bild über das Weißwerden der Haare: der Mandelbaum blüht; und auch das über die Zähne: die Müllerinnen ruhen, weil sie nur noch wenige sind.
 
Ich lese die Beschreibung der Veränderungen mit einem humorvollen Augenzwinkern, das diesen Lebens-Erfahrungen auch etwas von ihrer Schwere mit. Das Leben ist mehr als das Glatte und Eindeutige. Wieviel gute Erfahrungen, wieviel Fülle des Lebens stecken in unseren Falten? Was haben wir in Erinnerung, wenn wir an unsere Großmütter und -väter denken? Und was wird unseren Enkelkindern fehlen, wenn es keine Falten, keine weißen Haare, kein Kleinerwerden im Alter, kein Abschiednehmen im Sterben mehr gibt?
 
IV
 
„Denke daran, dass du geschaffen bist“ und genieße die wunderbaren Momente, die du erlebst. Wenn die Sonne im Neckartal durch den Nebel bricht; wenn die Musik dich mitreißt und verzaubert; wenn du den Geschmack eines festlichen Mahls im Mund hast; wenn im Beruf etwas gelungen ist, an dem du so lange gearbeitet hast; wenn die Liebe einen Höhepunkt erreicht: All das sind Momente, die vergehen; die Erfahrungen des Glücks sind endlich und begrenzt – und das ist ein Segen.
 
Sie lassen sich nicht festhalten oder herstellen; nicht einmal reproduzieren; das unterscheidet die CD vom Livekonzert, die Erfahrung vom Foto oder Video. Wir sind keine Maschinen, gerade auch in der Freude. Wir leben aus der Fülle, die uns je und je geschenkt wird, aus der Einmaligkeit vieler einzelner Momente, die sich zu einer Lebensgeschichte verbinden.
 
V
 
„Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat – samt allen Kreaturen.“ Leben gelingt im Miteinander, inmitten von Gottes Schöpfung. Und doch weiß jedes Gelingen auch um seine Grenzen und seine Einmaligkeit. Wir halten inne und genießen; wir entdecken, wie die Zufriedenheit wächst, wenn wir die Fülle erleben und spüren: Ja, es ist genug! Alt und lebenssatt zu sterben, das ist die Verheißung eines Lebens, das um seine Endlichkeit weiß.
Aus dieser Erfahrung heraus wächst unsere Verantwortung für eine Form des Umgangs mit der Zukunft und mit der Schöpfung Gottes, die in allem Gestalten um ihre Endlichkeit und Begrenztheit weiß. Damit auch die Enkel Erfahrungen mit der Fülle des Lebens machen können. Damit auch sie sich als Geschöpfe erleben, die in ihren Grenzen geborgen sind bei Gott.
 
VI
 
„Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Lebensgeist kehrt zurück zu Gott. Von Gott ist er gegeben.“ In dieser Bindung an unsere Mitmenschen, an alle Kreaturen und die Erde leben wir in unseren Grenzen geborgen bei Gott.
 
Wir lassen los: „In deine Hände befehle ich meinen Geist, Gott!“ Wir nehmen unsere Grenzen als Geschöpfe Gottes getrost an, auch und gerade unsere Endlichkeit. Wir vertrauen darauf, dass uns eine neue Lebenszeit bei Gott verheißen ist: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“