Kirche im Spielraum der Freiheit

Predigt über Galater 5, 1-6 zum ökumenischen Abschluss des 200-jährigen Unions-Jubiläums in Maria-Magdalena in Freiburg am Reformationstag 2021

1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!
2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. 3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. 4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. 5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen.
6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist,
 
I
 
Liebe Festgemeinde!
Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Dies ist nicht nur ein Kernsatz der Reformation, sondern unseres gemeinsamen christlichen Glaubens. Wenn Christi Liebe in die Welt kommt, öffnet sich mitten im Leben ein „Spielraum der Freiheit“ (Dietrich Bonhoeffer). Nichts muss so bleiben, wie es ist. Nichts muss so weitergehen, wie die Prognosen vorhersagen, auch nicht die Freiburger Prognose über die Entwicklung der Kirchen in Deutschland. Wir können die Welt gemeinsam gestalten. Wir können umkehren von Wegen, die nicht zukunftsfähig sind. Wir können neue Wege ausprobieren, auch wenn wie noch nicht sicher sind, wohin genau sie führen.
Der Aufbruch ins Freie ist konstitutiv für den jüdischen Glauben: Gott befreit Israel aus der Sklaverei in Ägypten und führt sein Volk in die Freiheit. Auch die christliche Kirche ist durch solche Aufbrüche gewachsen: die Reformen des Mittelalters, die Reformation, die Union, das II. Vatikanum. Immer wieder haben Menschen die Freiheit, die ihnen durch Christus geschenkt wurde, aufgenommen, um ihre Kirche zu erneuern. Nach innen: indem sie sich für Reformen, für ein einfacheres Leben, für mehr Beteiligung einsetzten – und nach außen, in die Welt hinein: indem sie sich für Gerechtigkeit, Frieden und Menschenrechte engagierten.
 
Die „Spielräume der Freiheit“ sind keine Sonderwelten, keine sorgfältig von der Welt abgezäunte Spielwiesen. Sie öffnen sich mitten im Leben: Da wächst eine Ehrfurcht vor dem Leben, die nicht zuerst nach Nützlichkeit fragt, sondern die Menschen und die natürlichen Lebensgrundlagen um Christus und ihrer selbst willen wertschätzt. Da öffnen sich Wege der Versöhnung, wo Spaltungen unsere Gesellschaft und diese Welt auseinanderzureißen drohen. Da wächst das Gottvertrauen – in allen Zweifeln und Unsicherheiten.
 
II
 
Die Grundlage, den Boden, auf dem jeder „Spielraum der Freiheit“ gedeiht, bildet das Vertrauen in das große Ja Gottes zu dieser Erde. Immer wieder ruft uns die Bibel zu: „Fürchtet euch nicht! Gott meint es gut mit euch!“ Wir erleben im Glauben eine Liebe, der wir uns anvertrauen können und die uns etwas zutraut.
 
Das ist wie beim Erwachsenwerden. Vertrauen bereitet den Boden für die Freiheit: Kinder können sich ausprobieren. Jugendliche richten sich auf und wagen mutig Neues, wenn sie sich geborgen fühlen. Sie verlassen sich darauf, dass die Eltern oder Geschwister, Freundinnen und Freunde da sind, egal wie es kommt. Sie verlieren ihre Angst und spüren: Ich bin mehr als das, was die anderen über mich sagen. Mir wird zugetraut, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich habe Spielräume, ich bin frei, weil ich darauf vertrauen kann, dass Menschen zu mir halten, auch wenn etwas schief geht oder ich Quatsch gemacht habe.
 
Es ist das Gottvertrauen, das die Freiheit stark macht. Weil wir uns geborgen und getragen wissen, können wir uns trauen, deutlich und eigenständig Stellung zu nehmen, auch da wo wir sonst lieber wegschauen, auch da, wo die Lage nicht so eindeutig ist, wie z.B. derzeit im Blick auf die Flüchtlinge an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland: Nein, auch wenn der Diktator diese Menschen benutzt; wir treten für sie ein, weil sie unsere Hilfe brauchen.
Dass der „Spielraum der Freiheit“ auf dem Boden des Gottvertrauens gedeiht, hat aber auch eine kritische und selbstkritische Seite. Denn die Bindung der Freiheit an Christus erinnert uns an die grundlegende und heilsame Differenz zwischen Gott und Mensch: Christus ist die Wahrheit; wir denken ihr nach! Wir ringen um sie, aber wir haben sie nicht! Evangelische Freiheit ist die Stärke, in aller Zweideutigkeit auf Gott zu vertrauen. Da gilt es selbstkritisch zu bleiben, Spannungen auszuhalten und die eigene Vernunft zu gebrauchen, aber auch der Vernunft der anderen etwas zuzutrauen. Da gilt es eine Ökumene zu fördern, die nicht von der Abgrenzung herdenkt, sondern nach der Bedeutung der anderen Konfessionen und ihrer Gaben für die Kirche Jesu Christi fragt.
 
III
 
Die Reformation hat 500 Jahren ihre eigene Position in verschiedenen Fragen verabsolutiert und versucht, sie mit Hilfe staatlicher Macht durchzusetzen: gegen die Bauern, gegen die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, gegen die „römische“ Kirche, aber auch gegen die anderen protestantischen Konfessionen. Das Mahl der Versöhnung wurde für Jahrzehnte und Jahrhunderte zum Symbol der Trennung.
 
Die Union vor 200 Jahren hat einen deutlichen anderen Akzent gesetzt. Sie hat die beiden evangelischen Kirchen mit ihren Theologien und Traditionen ins Gespräch gebracht. Sie hat jeden Satz der Unionsurkunde sorgfältig überlegt und abgewogen. Vielleicht trägt uns deshalb vieles, gerade auch Ökumenisches bis heute. Aber sie hat auch um ihre Grenzen gewusst, gerade als es um die theologisch zentrale Frage des Abendmahls ging: Sie haben sie theologisch durchdacht und versucht, sie so zu fassen, dass die Menschen verstehen, was sie feiern. Aber sie haben auch gewusst, dass wir im Abendmahl ein Geheimnis des Glaubens feiern, das wir nicht beherrschen, sondern dass uns verwandelt; eine Versöhnung, die uns geschenkt wird und durch die uns Christus verbindet über alle Unterschiede hinweg. Deshalb haben sie am Ende nicht abgestimmt, sondern geschwiegen – und dem Geist Gottes Raum gegeben.
 
IV
 
Der Glaube öffnet den „Spielraum der Freiheit“. Die Liebe füllt ihn mit Kraft und prägt die Atmosphäre des Miteinanders in ihm. In der Liebe wird der Glaube tätig, lebenspraktisch erkennbar und wirksam – persönlich und politisch. Heute stellen sich im „Spielraum der Freiheit“ vor allem drei Aufgaben:
 
  1.  Unsere Welt ist zerrissen. Wir ringen hier vor Ort, aber auch weltweit um eine inklusive Gemeinschaft, die vielstimmig eins ist, wie es im Motto zum Unionsjubiläum heißt. Im „Spielraum der Freiheit“ gehören wir als Geschöpfe Gottes zusammen trotz aller religiösen, ethnischen, kulturellen, politischen, sozialen, auch persönlichen Unterschiede. Christi Liebe versöhnt und eint die Welt, sein Geist wirkt auch außerhalb unserer Kirchenmauern. Wie gelingt es uns als Kirche(n) diese verbindende Kraft deutlich zu machen? Dass wir aus dem Vertrauen in diese besondere Liebe Christi leben, die uns aber nicht in die Abgrenzung von allen anderen führt, sondern uns drängt, zur Versöhnung in einer sich immer stärker aufspaltenden Welt beizutragen.

  2. Zur Freiheit eines Christenmenschen gehört die besondere Aufmerksamkeit für die Schwachen, hier und weltweit, bei denen, die uns nah sind und in der Fremde. Diakonie und Caritas, Misereor und Brot für die Welt sind Versuche, dem Glauben, der in der Liebe tätig ist, ein glaubwürdiges Gesicht zu geben. Es geht um die Würde von besonders verletzlichen Gruppen: Flüchtlinge, Pflegebedürftige, die Menschen im globalen Süden, die in dieser Pandemie keine Chance haben geimpft zu werden, weil Gesundheit wie eine Ware gehandelt wird: Wer bezahlt, bleibt gesund. Alle diese Menschen liegen Christus besonders am Herzen; er legt sie uns ans Herz.

  3. In der Reformation und auf dem Weg zur Union haben einzelne aus ihrem Gottvertrauen und ihrer Freiheit heraus besondere Verantwortung übernommen. Ich erinnere an Martin Luther beim Reichstag in Worms vor 500 Jahren: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders; ich muss frei bekennen, weil ich mich nur gebunden fühle an Christus und sein Wort.“ Ich könnte auch Franz von Assisi nennen oder die Geschwister Scholl. Wir brauchen diese Bereitschaft, persönlich Verantwortung zu übernehmen, gerade heute in einer Welt, die so schwer zu durchschauen und komplex ist. Viele, gerade junge Leute sind gegenwärtig dazu bereit, nicht nur bei Fridays for future, auch in den vielen Freiwilligendiensten, in der Arbeit an weltweiter Gerechtigkeit. Sie darin zu bestärken, ihnen etwas zuzutrauen und ihnen in ihrem Tun die Liebe Christi zuzusagen, ist eine zentrale Aufgabe für unsere Kirchen. 
V
 
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ Darauf vertrauen wir und erleben im „Spielraum der Freiheit“ seine Liebe. Wir geben sie als Kirchen gemeinsam weiter, damit sie die Welt bewegt, versöhnt und eint. Damit die Menschen froh werden und frei!