Liebe Festgemeinde, liebe Familie Wehrstein, besonders: lieber Herr Wehrstein,
der 1. Advent schildert einen Aufbruch, einen Aufbruch in die Freude: Christus ist auf dem Weg zu uns, eine neue Zeit bricht an!
9Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“
Diese Verse mit dem Wochenspruch zum 1. Advent setzen ein Grundton für Ihren Anfang, lieber Herr Wehrstein. Drei Punkte möchte ich hervorheben:
1.
Alles beginnt mit dem Kommen dieses Königs. Nicht wir müssen zu ihm gehen, um unsere Sorgen loszuwerden oder um Hilfe zu bitten. Wir werden auch nicht vor den Thron zitiert, um zu zeigen, ob wir alles richtig gemacht haben. Jesus Christus kommt und interessiert sich für uns, will „mein König“ sein. Er kommt, um zu hören, zu schauen, zu erleben, zu teilen, was uns freut und was uns belastet.
Wir nehmen diese Bewegung als Kirche auf. Wir gehen zu den Menschen; hingehen war Ihnen schon in Ihrer Gemeinde wichtig. In diesen Tagen denke ich an die Menschen in Heimen und Kliniken. Wieder wird es schwieriger, den Kontakt zu halten, zu trösten und zu ermutigen; doch die Menschen warten. Ich denke an das Personal in Kliniken und Heimen, die helfen und selbst dringend Hilfe brauchen. Ich denke an die Kinder in unseren Kindertagesstätten: Wie können wir sie stärken in ihrer Lage? „Was ist denn auf einmal los, wenn selbst die Erwachsenen Angst haben und mehr wissen, wie es weitergeht?“
Hingehen und niemanden allein lassen. Die Augen weit öffnen und die Ohren spitzen, gute Worte finden, beistehen. Das sind unsere Aufgaben als Kirche – dafür wollen wir Räume und Zeiten gestalten, dafür wollen wir als Personen zur Verfügung stehen. Da müssen wir erfinderisch sein; davon darf uns keine Kontaktbeschränkung abhalten.
2.
Wer kommt da? Ein Gerechter und ein Helfer heißt es in der Lutherbibel. Eigentlich steht da: einer, der ins Recht gesetzt worden ist und dem geholfen wurde, der also selbst Rettung erfahren hat. Dieser König kommt nicht hoch zu Ross wie Alexander, der damals sein Weltreich eroberte (333), und schon gar nicht auf einem Kriegswagen wie der Perserkönig, mit dem Alexander Krieg führte. Er kommt auf einem Esel! Stellen Sie sich vor, ein General würde bei der Militärparade mit dem Fahrrad mitfahren!
Er beugt sich nicht von oben herab – und hilft nicht nur, wo es ihm gerade in den Kram passt. Er nutzt die Not der Menschen nicht politisch aus, so wie wir das derzeit an der Grenze zwischen der EU und Belarus erleben. Er kennt die Angst und die Schmerzen; er hat Hunger und Durst erlitten. Er weiß, wie das ist, einsam zu sein, weil alle anderen einschlafen oder weglaufen. Er ist zum Opfer eines Unrechtsstaates geworden. Und doch setzt er nicht auf Macht und Gewalt, sondern verändert die Welt mit seiner Liebe. Er gibt sich für uns, ohne zuerst zu fragen, was er dafür bekommt.
Wir tragen als Kirche diese besondere Liebe in die Welt. Dafür stehen wir in der Öffentlichkeit ein; danach werden Sie von der Presse, von Wirtschaft und Politik gefragt werden. Für mich heißt das in diesen Tagen vor allem, die Menschen zusammenzuhalten. In Krisen tendieren wir dazu, uns auseinander zu dividieren; zu polarisieren, bis hinein in die Familien und Gemeinden; die Schuld bei den anderen zu suchen. Wir können das Gefühl schwer ertragen, ausgeliefert zu sein. Wir würden so gerne einen Schalter umlegen und alles wird wieder gut.
Christi Liebe hält Menschen zusammen, hält uns auch mit denen zusammen, die wir in diesen Tagen nicht verstehen oder denen wir Vorwürfe machen. Sie führt uns über die Nächstenliebe hinaus in die Feindesliebe. Nur gemeinsam werden wir gut aus der Krise herauskommen, nur gemeinsam hier bei uns, aber vor allem weltweit. Die neue Variante des Virus zeigt erneut: Wir werden nur vor dem Virus sicher sein, wenn alle Menschen vor ihm sicher sind.
3.
Christus kommt. Diese Bewegung trägt uns. Sie richtet uns auf, sie richtet uns aus. Deshalb hören wir in den Bibeltexten und Liedern des Advents so oft dieses große „Fürchte dich nicht! Fürchtet euch nicht!“
Die Zusage Christi redet die Sorgen nicht klein. Sie betäubt sie nicht mit Glühwein und Glühbirnen. Sie widerspricht jeder Gleichgültigkeit wie jeder Panikmache. Sie ermutigt gerade da, wo wir unseren und anderen Ansprüchen nicht gerecht werden und einander etwas schuldig bleiben. Sie hilft uns, Spannungen und Ambivalenzen auszuhalten – und uns und unsere Zukunft nicht unseren Plänen und Überzeugungen, sondern Christus anzuvertrauen.
Dieses Gottvertrauen ist das Wichtigste, was wir in die Welt tragen, nicht nur in diesen Krisenzeiten: Christus kommt! Daran zu glauben, darauf zu vertrauen, dazu wollen wir Menschen ermutigen. Diesen Zuspruch brauchen wir selbst, als Gemeindeglieder, auch als Dekan oder Bischof.
Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Wehrstein, dass viele Menschen in der Ortenau mit Ihnen gehen und Sie im Vertrauen auf die Liebe Christi stärken jenseits und vor allem eigenen Tun, vor Gelingen und Scheitern.
Einen gesegneten Advent und viel Kraft und Freude in Ihrem Dienst.
