Kehre um zu uns, Gott!

Predigt zu Jesaja 63, 15 - 64, 3 in der Stadtkirche Karlsruhe am 2. Advent (5.12.2021)

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo sind nun dein Eifer und deine Macht? Deine große Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; unser Erlöser, das ist von alters her dein Name.
Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsere Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute über die dein Name nie genannt wurde.
Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wir Feuer Wasser sieden macht; dass dein Name kundwürde unter den Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen!
Auch hat man es von alters her nicht vernommen. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.
 
„O Heiland, reiß die Himmel auf!“ In diesem Jahr bewegt mich dieses Adventslied besonders, liebe Gemeinde. Ich erlebe so viele Menschen, die verzweifelt sind, erschöpft und mutlos: „Wo bleibst du Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt?“ „Komm doch wieder heraus aus deiner heiligen und herrlichen Wohnung, Gott. Lass uns deine Barmherzigkeit spüren! „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!““
 
I
 
Vor vierhundert Jahren hat Friedrich Spee das Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf!“ dem Predigttext nachgedichtet. Auch damals waren die Menschen verzweifelt. Ihr Leben war im dreißigjährigen Krieg zum Spielball von Fürsten und Militärs geworden, so wie es heute die Flüchtlinge zwischen Belarus und der EU erleben; sie litten unter der Pest, die das Land entvölkerte. Sie fühlten sich ohnmächtig und ausgeliefert.
 
Vielen geht es heute ähnlich: „Es darf nicht sein, dass ich meine Mutter jetzt nicht im Krankenhaus besuchen kann. Sie hält das nicht aus – und ich auch nicht!“ Der Mann hat Tränen in den Augen.
 
Oder eine junge Mutter erzählt mir: „Meine kleine Tochter liegt einfach nur in ihrem Zimmer auf dem Boden. Sie ist traurig, weil sie nicht raus und mit ihren Freundinnen spielen kann. Wenn ich dann sage: „Komm, lass uns doch ein bisschen auf den Spielplatz gehen“, hat sie Angst. Sie macht sich Sorgen, um mich, um die Großeltern. Sie spürt, wie viel Angst die Erwachsenen haben; worauf kann sich ein Kind dann noch verlassen?“
 
Das sind nur zwei Geschichten. Wahrscheinlich könnt Ihr da oben auf der Empore im Jugendchor auch solche Geschichten aus Eurer Schule oder aus dem Vereine erzählen. Oder Sie in den Bänken: Vom Restaurantbesitzer, der Sorge hat, dass es nach den neuen Einschränkungen jetzt wirklich nicht mehr weitergeht. Von Pflegekräften in Klinken, die täglich um Leben kämpfen und selbst am Ende ihrer Kräfte sind.
 
Viele fühlen sich erschöpft und ausgezehrt, leer.
 
II
 
„Komm herab, Gott! Tröste uns wieder!“ Hat das, was wir zurzeit erleben, etwas mit Gott zu tun? Ja, denn Gott liebt seine Schöpfung und leidet mit ihr. Aber warum kommt Gott denn nicht? Wir fragen uns wie die verzweifelten Israeliten oder die Pestopfer zurzeit von Friedrich Spee: Warum sind wir „geworden wie solche, über die du, Gott, niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde“? Warum bist du so fern, Gott, so weit weg von dem, was uns belastet und auszehrt?
 
Diese Fragen und diese Klagen gehören in den Advent, denn der Advent ist eine Zeit der Umkehr. Wir wollen ihn lieber besinnlich und harmonisch. Aber zuerst deckt er die Schrecken und die Ungerechtigkeiten dieser Welt auf: Dass Menschen, die sozial schlechter dastehen, auch leichter an Corona erkranken und sterben. Dass wir nicht sicher vor Corona sein werden, bevor nicht alle Enden der Erde sicher sind.
 
Die Lichter, die wir eines nach dem anderen am Adventskranz anzünden, drängen die Dunkelheit erst zurück, nachdem sie sie uns deutlich vor Augen geführt haben: Der da kommt, ist nicht einfach ein neuer Herr, der alles so weiterführt wie bisher. Der, auf den wir warten, stellt unsere bisherigen Wege in Frage.
 
Wir wollten alles im Griff haben und vergaßen unsere Verletzlichkeit. Wir dachten, es ginge immer weiter voran mit dem Fortschritt und vergaßen unsere Grenzen. Die sind uns in den letzten Monaten neu deutlich geworden: durch die Corona-Pandemie, die Klimakrise, die militärischen Konflikte, die unlösbar scheinen, auch durch die Entdeckung, wie schwer es ist, die Spaltung unserer Gesellschaft aufzuhalten.
 
III
 
Wie wird es weitergehen? Wird Gottes Barmherzigkeit zu uns zurückkehren? Wird Gott umkehren? Das ist die entscheidende Gebetsbitte in unserem Predigttext: „Kehre zurück, Gott, um deiner Menschen willen, die dein Erbe sind!“ An dieser Stelle liegt der Schlüssel zum Advent: Wir warten ungeduldig, wir halten aufmerksam Ausschau, wir lassen Gott nicht in Ruhe, sondern drängen, bis der Morgenstern endlich hervorbricht!
 
Ist vom Morgenstern am 2. Advent schon etwas zu sehen? Was sind zwei kleine Kerzen angesichts unserer Hilflosigkeit und Erschöpfung? Sie sind Vorzeichen, wie das Kind in der Krippe, dem außer den Engeln auch nur ein paar arme Frauen und Männer und drei Weise angesehen haben, dass es Gottes Kind ist und Frieden bringt auf Erden.
 
Die beiden Kerzen sind Vorzeichen, wie die Krankenschwester, die den traurigen Mann auch in der Pandemie zu seiner Mutter führt: „Bei uns stirbt niemand allein!“ Wie die Lehrerin, die jedem Kind aus ihrer 3. Schulklasse einen Adventskalender aus lauter Hoffnungsgeschichten gebastelt hat. Wie die kleinen Gruppen in Polen und Belarus, die versuchen, den Flüchtlingen im Grenzgebiet zu helfen. Wie die Familie, die am vergangenen Sonntag einen Adventskranz nicht nur zu der Oma, sondern ins Stationszimmer gebracht hat. Wie der Trainer, der jede Mitspielerin, jeden Mitspieler anruft, wie der Chorleiter, der sich mit kleinen Gruppen zum Üben verabredet. Wie die Kältebusse der Diakonie, die in diesen Tagen wohnungslose Menschen regelmäßig mit warmen Getränken, Speisen und Kleidung versorgen, weil wegen der steigenden Infektionszahlen viele Not- und Übernachtungseinrichtungen nur eingeschränkt helfen können.
Mitten hinein in unsere Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit erzählen die Bilder des Advents von der Kraft, mit der Gott die Welt neu macht. Wenn Gottes Liebe sich ausbreitet, dann reißt der Himmel auf und die Berge zerfließen. Die Gewaltigen stößt diese Liebe vom Thron und erhöht die Niedrigen! Der Heiland steigt herab in Regen und Tau und aus der Erde sprießen Blumen der Hoffnung empor, Blümlein, lässt Friedrich Spee uns singen, kleine Zeichen und doch Vorschein des großen Advents Gottes: Herzen wandeln sich, Feinde versöhnen sich, eine neue Zeit bricht an.
 
IV
 
Noch steht die Erlösung aus; „noch tragen wir der Erde Kleid“. Noch drücken uns Sorge und Erschöpfung nieder. Aber die ersten beiden Kerzen brennen schon!
„Steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ Friedrich Spee, der Liederdichter, hat diese adventliche Haltung des Glaubens vorgelebt. Er hat die Pestkranken besucht und ihnen beigestanden; am Ende ist er selbst an der Pest gestorben. Er hat sich auch dagegen gewehrt, dass die Mächtigen damals versucht haben, die Schuld für Pest und Armut und Ungerechtigkeit auf Frauen abzuladen, die dann als Hexen verfolgt wurden. Als einer der ganz Wenigen hat Spee dem laut und deutlich widerstanden. Aus seinem Gottvertrauen heraus hat er sich mit Vernunft und großem Mut dagegen gewehrt, dass Menschen allein gelassen werden, weil sie krank sind; dass Menschen verfolgt werden, nur damit die Mächtigen nicht ihre Hilflosigkeit und Verletzlichkeit zugeben müssen.
 
Auch wenn die Erlösung für ihn erst ein schwacher Schimmer am Horizont war: er hat ihre Kraft schon gespürt, er hat sie herbeigesehnt, herbeigebetet und auf das Kommen Christi vertraut.
 
V
 
Advent heißt, wir vertrauen darauf, dass Gott wieder zu uns umkehren wird. Wir warten und drängen: „O Sonn, geh auf, ohn‘ deinen Schein in Finsternis wir alle sein.“
Bleib nicht da oben, Gott, in deiner heiligen herrlichen Wohnung, sondern komm herab, erfülle die Welt mit deinem Glanz und mache uns und diese Erde neu. Lass leuchten dein Antlitz über uns, so genesen wir. Lass uns deinen Morgenstern schauen, damit unser Licht vor allen Menschen brennt.