„Wofür sollen uns die Menschen halten? Für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Von Haushaltern verlangt man nicht mehr, als dass sie treu sind.
Mir macht es nicht das Geringste aus, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich nicht selbst. Und schließlich: Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist es aber, der mich richtet.
Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt. Er wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen.
Dann wird ein jeder von Gott sein Lob empfangen.“
Liebe Hausgemeinde hier im Augustinum,
jeder Mensch halte uns für Dienerinnen Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse!
Was für ein Auftrag! Wie gehen wir verantwortlich mit Gottes Geheimnissen um? Dass Menschen spüren: hier begegne ich einer Wirklichkeit, die mir vorausliegt und die mich doch im Leben und im Sterben trägt! Eine Wirklichkeit, die ich nicht in der Hand habe und die doch gerade darin kräftig ist und mich in die Freude an der Christi Liebe führt!
I
Advent heißt Ausschau halten nach dem, was verheißen, aber noch nicht da ist. Advent heißt warten, ungeduldig warten, mit Vorfreude warten, dass Gottes Geheimnisse sich lüften. Spannende Tage sind das, vor allem für Kinder, wenn Maria und Josef in der Kindertagesstätte auf dem Weg zum Stall jeden Tag einen Wegabschnitt weiter nach vorne rücken: Jeden Tag eine neue Geschichte, die wieder ein Geheimnis Gottes lüftet. Von Barbarazweigen, die mitten im Winter blühen. Vom Nikolaus, der den Kapitän eines Schiffes überredet, Weizen für die hungernde Stadt auszuladen. Der macht einen Strich und lässt Säcke ausladen. Aber sie werden auf dem Hafenkai bewacht, falls das Schiff sich hebt, weil es leichter wird, dann wird er sie wieder einladen – aber es hebt sich nicht aus dem Wasser. Die Menschen bekommen Anteil an dem Geheimnis Gottes. Die Hungernot hat ein Ende.
Geheimnisse des Glaubens, von denen wir erzählen, weil wir aus ihnen leben, die wir aber nicht auflösen können.
II
Der Advent lebt aus der Spannung zwischen dem, was schon jetzt offenbar wird, und dem, was noch vor uns liegt. Wer alle Türchen des Adventskalenders am ersten Dezember öffnet, wer schon alle Geschenke vor Weihnachten kennt, bringt sich selbst um einen großen Teil der Freude – und auch diejenigen, die für ihn gebastelt haben oder ihn überraschen wollten. Da hat es schon manches Mal Tränen gegeben.
Beim Haushalten mit den Geheimnissen Gottes geht es nicht darum, sie wie ein Rätsel zu lösen, eher darum, sich hineinzufinden in Gottes Geheimnisse und ihre Kraft im eigenen Leben zu erproben. So wie der Junge, der die Nikolausgeschichte in seiner Kindergartengruppe gehört hat. Er sagt: „Die Tanja weint, ich geh sie jetzt mal trösten – wie der Nikolaus.“ Oder die Konfirmandin, die erzählt, wie das war, als ihre Oma gestorben ist und vorher zu ihr gesagt hat: „Mach dir keine Sorgen um mich. Der liebe Gott holt mich jetzt zu sich.“ Da wird die ganze Gruppe still und viele spüren, was für einen Trost im Leben und im Sterben der Engelsgruß an Weihnachten bedeutet: „Fürchtet euch nicht!“
In solchen Geschichten wird die Kraft der Geheimnisse Gottes offenbar – und doch bleiben sie Geheimnisse. Bewusst verwendet Paulus den Plural. Auch wenn das 24. Türchen geöffnet und die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet sind, erst am Ende der Zeit werden wir Gottes Wirklichkeit in Fülle schauen. Bis dahin sind uns die Geheimnisse Gottes anvertraut; aber wir besitzen sie nicht! Sie liegen uns voraus. Sie entziehen sich, wenn wir sie unseren Interessen dienstbar machen oder in Richtigkeiten auflösen.
Wir vertrauen uns, unser Leben und das der anderen der neuen Wirklichkeit an, die im Advent auf uns zukommt; aber wir erleben auch, dass wir die Tiefe der Geheimnisse Gottes nicht erfassen, sondern immer neu von ihnen herausgefordert werden: Ein Kind in der Krippe rettet die Welt. Feinde versöhnen sich. Ein Gekreuzigter überwindet den Tod. Diesen Geheimnissen des Glaubens spüren wir ein Leben lang nach.
III
Wir haben im Glauben einen besonderen Zugang zu den Geheimnissen Gottes; wir tragen aber auch eine besondere Verantwortung für sie. Wenn wir diese wahrnehmen, werden wir für treu befunden, sagt unser Predigttext.
Als gute Haushalterinnen und Haushalter über die Geheimnisse Gottes zeigen wir uns, wenn es ums Urteilen geht. Andere sitzen über uns und wir über andere zu Gericht. Da wird sortiert: der ist klug und die schön, der ist böse und die nervig. Gerade in belasteten, anstrengenden Situationen wie in diesen Corona-Zeiten haben unsere Urteile leicht einen negativen Grundton. Dagegen sagt Paulus: „Mir macht es nicht das Geringste aus, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich nicht selbst.“
Wer aus den Geheimnissen Gottes lebt, für den rücken alle Urteile in ein neues, ein adventliches Licht. „Christus wird ans Licht bringen, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen.“ Ich bin mehr als das, was andere von mir erwarten, auch mehr als das, was ich selbst von mir erwarte, aber vielleicht nicht oder nicht mehr schaffe. „Warum habe ich das alles vergessen?“ fragt mich ein älterer Herr bei einem Besuch. „Das konnte ich doch alles – und jetzt?“
Im Licht des Advents verlieren die Urteile der anderen und meine eigenen Selbstzweifel an Gewicht. Denn das, was ich bin und was mich ausmacht, misst sich an dem, worauf wir zugehen oder besser was uns zukommt: dass sich unsere Erlösung naht. Christus führt mich ins Licht Gottes, indem ich mit meinen Stärken und Schwächen, meiner Klugheit und Beschränktheit in Frieden vor Gott leben werde.
IV
Wer sich an den Geheimnissen Gottes ausrichtet, hält sich beim Urteilen zurück. „Der Herr ist es nämlich, der mich richtet.“ Wer aus und in den Geheimnissen Gottes zu leben sucht, findet einen neuen Zugang zu sich, zu den Menschen, die ihm nah sind, und sogar zu seinen Feinden, auch wenn wir so verschieden sind und uns ein Geheimnis und oft eine Herausforderung bleiben.
Martin Buber hat das einmal so beschrieben: „Wie es möglich ist, dass es all diese Geheimnisse nebeneinander gibt, das ist Gottes Geheimnis. Wie es möglich ist, dass es eine Welt gibt als Haus, in dem all diese Geheimnisse wohnen, das ist Gottes Sache, denn die Welt ist ein Haus Gottes.“ Als Haushalterinnen und Haushalter nehmen wir schon etwas vorweg von dem, was manchmal schon jetzt aufleuchtet an Trost und Mut und Freude, was wir aber bisher immer nur stückweise erfahren, eher erahnen als greifen und verstehen: Gott sieht in mir und in anderen schon die neuen Kreaturen, die in Christi Reich gemeinsam in Frieden, Gerechtigkeit und Freude leben werden.
V
Am Ende wird der Predigttext noch einmal zutiefst adventlich und verweist auf den großen, ewigen Advent, wenn Christus wiederkommt. Dann bringt er das Verborgene ans Licht, dann werden Gottes Geheimnisse wirklich offenbar und die Spannung löst sich auf. Wie wird das geschehen? Dann wird jeder Mensch von Gott sein Lob empfangen! Das ist die große adventliche Verheißung. Sie droht nicht, sie setzt nicht auf Tadel oder Strafe, sie macht keine Angst, sondern verspricht ein Leben im Lob Gottes.
Damit ist kein Schönreden gemeint, denn Christus macht das Trachten unserer Herzen offenbar: Da wird all das sichtbar, was wir lieber geheim halten wollen, manchmal sogar vor uns selbst: unsere Verletzlichkeit; was wir anderen schuldig geblieben sind; wie boshaft wir sein können.
Aber Christus stellt uns durch dieses Aufdecken nicht bloß, sondern steht für uns ein, für mich und für die anderen. Das ist vielleicht das größte Geheimnis des Glaubens. Dass er in mir und in allen anderen schon jetzt erkennt, was liebens- und lobenswert an uns ist, auch wenn wir daran zweifeln.
Von diesem Geheimnis wollen wir als Haushalterinnen und Haushalter über die Geheimnisse Gottes erzählen. In diesem Geist wollen wir einander schon jetzt als Menschen ansehen, die einst am Ende Gottes Lob empfangen werden. Christus rückt uns und unsere Geheimnisse, aber auch die unserer Mitmenschen, Christus rückt unser Leben in das Licht seiner Liebe, damit wir getrost leben und sterben können im Vertrauen auf das Lob Gottes, das wir empfangen werden.
