Das Magnifikat der Maria

Dialogpredigt zu Lukas 1, 46-56 im Festgottesdienst #gleichundberechtigt (50 Jahre rechtliche Gleichstellung von Frauen und Männern im Pfarramt) am 19

46 Und Maria antwortete:
Mein Innerstes lobt die Größe der Ewigen;
47 und mein Geist jubelt über Gott, meine Rettung,
48 weil Gott die Erniedrigung ihrer Sklavin sieht.
Seht, von jetzt an werden mich alle Generationen glückselig preisen,
49 denn die göttliche Macht tut Großes für mich.
Heilig ist ihr Name.
50 Barmherzigkeit schenkt sie von Generation zu Generation denen,
die Ehrfurcht vor ihr haben.
51 Sie übt Macht aus mit ihrem Arm,
treibt auseinander, die im Herzen voller Überheblichkeit sind.
52 Mächtige stößt sie von den Thronen
und erhöht die Erniedrigten.
53 Hungernde füllt sie mit Gutem,
und die Reichen schickt sie mit leeren Händen weg.
54 Sie nimmt sich Israels, ihres Kindes an,
so erinnert sie sich an ihre Barmherzigkeit,
55 die sie unseren Vätern und Müttern versprochen hat,
Abraham und seinen Nachkommen für alle Zeit.
56 Maria blieb drei Monate bei Elisabet und kehrte dann in ihr Haus zurück.
 
JCB:
Liebe Festgemeinde,
es war ein wichtiger Schritt zur Überwindung von Ungleichheit, den die Landessynode 1971 ging. Von nun an sollten Frauen und Männer im Pfarrdienst #gleichundberechtigt sein.
 
Dabei bestätigte die rechtliche Formulierung noch einmal, wie stark die Norm war, wie tief sie sich in die Einstellungen und Haltungen eingeprägt hatte: „Pfarrer im Sinne der Grundordnung ist auch die Pfarrerin.“ Das Amt war männlich bestimmt, die Frauen sollten in diese Norm eingefügt werden. Noch die Rede von der Feminisierung des Pfarramtes in den letzten Jahren zeigt, dass hier um Macht gekämpft wurde und wird, um die Frage, wer definiert mit seinem Denken und Handeln, was dieses Amt ausmacht.
 
Das Magnifikat erzählt von zwei Frauen, die von der Norm abweichen: die eine scheinbar zu alt für eine Schwangerschaft, die andere wird unverheiratet schwanger. Wer von der Norm abweicht, muss Demütigung, Ausschluss und Erniedrigung befürchten. Elisabeth und Maria ziehen sich deshalb aus der Öffentlichkeit zurück; sie verbergen sich, um drohenden Sanktionen auszuweichen.
 
Wie viele Frauen haben sich wohl über die Jahrhunderte in unseren Gemeinden und Kirche zurückgezogen, weil sie schweigen und nicht verkündigen sollten? Weil sie und ihre Gaben ausgeschlossen wurden von bestimmten Bereichen im Leibes Christi! Was hätten sie uns zu sagen gehabt? Wäre die soziale Frage im 19. Jahrhundert in der Kirche ernster genommen worden, wären wir stärker für Gerechtigkeit eingetreten, wären wir politischer, staatskritischer gewesen, wenn Frauen auf unseren Kanzeln gestanden hätten? Hätten unsere Gemeinden 1914 weniger Kriegspredigten gehört?
 
Wie haben die Frauen dann die Gleichstellung erreicht? Im Magnifikat ist es das Miteinander von Engel, Maria und Elisabeth, dass einen Aufbruch ermöglicht. Der Engel sagt Maria: Du bist nicht allein. Da gibt es deine Verwandte Elisabeth, die in einer ähnlichen Situation ist. Auch sie fällt aus der Norm heraus. „Geh zu ihr; verbündet euch!“ Da richtet Maria sich auf und setzt sich in Bewegung hinauf ins Gebirge. Die Frauen tauschen sich aus; die Niedrigen teilen ihre Erfahrungen. Sie verbinden sich. Das stärkt sie und lässt sie über sich hinauswachsen.
 
Marias Lied des Widerstandes ist kein Solo. Viele sollen einstimmen. Viele sollen sich aufrichten. Marias Lied sucht und schafft wie ein Gospel die Gemeinschaft der Erniedrigten.
 
SF:
Dass Frauen verbinden, was für ein passender Gedanke, im doppelten Sinn.
 
Wunden und Risse mit Pflastern und Goldstaub.
 
Und sie verbinden sich, verbünden sich.
 
Bilden Banden. Damals schon, heute auch, in einer gleichundberechtigten Zukunft erst recht.
Wir tragen uns, ertragen uns.
 
Und das alles nicht immer, „weil Fürsorglichkeit und Gemeinschaftssinn einfach typisch weibliche Eigenschaften sind“  
 
Sondern weil wir die weltbeste Verbündete in unserer Bande haben. Und ich bin dankbar, heute ganz besonders, dass ich heute von ihr erzählen kann. Als Frau, Mensch, Pfarrerin.
 
Meine Seele lobt Gott die Ewige, die genau hinsieht.
 
Die Erniedrigung sieht: Kilometertiefe Abgründe und jeden Millimeter Mitgenommensein.
Die erkennt, wo wir wegschauen. Mal wieder ein Auge zudrücken, wenn sich der Kollege durchgeonkelt hat. Wie diese drei Äffchen Augen Ohren Mund zuhalten. Man will ja auch nicht allzu anstrengend sein, schon gar nicht zu wütend oder laut– lieber durchsetzungsstark und mutig.
 
Meine Seele, sie lobt die Barmherzige, die die Mutter sieht, die gar nicht mal so gut Pfarrberuf und Familie vereinbaren kann, kaum noch schläft. Die Kinderlose. Die Pfarrerin, die die Falsche liebt, so sagen sie.
 
Mein Herz jubelt über Gott, die Gnädige, die mich anschaut, so richtig, nicht nur meine liebreizende Erscheinung.
 
Mit einem gnädigen Blick alles sieht, was zu kurz kommt und meine leeren Hände. Meine Wuttränen, wenn es mir einfach zu langsam geht mit der Veränderung.
 
Mit dem liebevollen Blick, der rosaroten Brille das Beste in mir sucht, auch wenn ich es nicht immer finde. Hoffnung in mich setzt. Was in mir ist freilegt. Wie das Bunt im Kratzbild, schillernd und schön.
 
Und als so von Gott Gesehene kann ich gar nicht anders, als mir den Traumsand aus den Augen zu reiben und hinzusehen.
 
Mit einem geschärften Blick durch mein Leben, meine Kirche gehen.
Anstrengend ist das manchmal, nicht immer für alle angenehm. Es kostet Kraft, sich nicht zu verstecken, sondern Raum einzufordern. Den Finger in die Wunde zu legen, bevor man sie verbindet.
 
Als so Gesehene lobe ich Gott, die Augen öffnet und jauchze heute: 50 Jahre Gleich und Berechtigt, hurra-ein Grund zum Feiern!  
 
JCB:
Gott sieht die Erniedrigung ihrer Sklavin sieht. Damit beginnt die Rettung. Manche in der Kirche haben das so verstanden, dass eine besondere Demuts-Frömmigkeit Maria und die Frauen rettet. Aber es ist Gott, die rettet. Sie widerspricht allen Verhältnissen, die Menschen erniedrigen: körperlich, sozial, geistig, emotional, auch geistlich. Mächtige stößt sie von den Thronen und erhöht die Erniedrigten.
 
In ihrer Barmherzigkeit sieht Gott die Niedrigen und Erniedrigten und kehrt die Verhältnisse um. In dieser Barmherzigkeit, der rachamim, klingt rähäm an, der Mutterschoß; in ihm ist Gottes Liebe verankert. Maria erlebt: „Gott schaut dich und deine Niedrigkeit an. Gott würdigt dich und richtet dich auf. Die Heilige stellt sich an deine Seite. Der Lebendige macht dir Mut. Steh auf und hebe deinen Kopf und geh – aufrecht, mutig und froh.“
 
Christi Liebe drängt uns, diese Bewegung aufzunehmen, indem wir hinschauen und laut und deutlich für die Erniedrigten eintreten. Zuerst in unserer eigenen Praxis und Organisation, in der wir die Erniedrigung, die Beschämung von Menschen mit anderer sexueller Orientierung, die Ungleichbehandlung aufgrund von Geschlecht und anderen Gruppenmerkmalen überwinden müssen. Aber dann auch, indem unsere Gemeinden und Einrichtungen zu Zentren eines Widerstands gegen jede Form der Gewalt gegen Frauen und Menschen etwa mit anderer sexueller Orientierung werden. In der gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit keinen Platz hat und Diversität und Inklusion gefördert werden.
 
Das Lied der Maria muss sich im Alltag bewähren; da muss der Glaube seine befreiende Kraft zeigen, indem er Menschen ermutigt sich zu wehren, ihnen hilft, sich zu verbinden und ihr Vertrauen in Gott stärkt, die die Machtverhältnisse umkehrt und rettet. Wie uns das gelingt, könnte sich z.B. daran zeigen, ob wir die „Donnerstage in Schwarz“ zu einer breiten Bewegung in unserer Kirche machen können!
 
SF;
Das will ich auch, das Magnifikat singen und Mut finden, Mut machen.
 
Allen Erniedrigten und Diskriminierten, Mutlosen und Menschen.
 
Ich will Empowerment und Ermächtigung. Raum und Rauschen.
 
Weil Gleichundberechtigt nicht einfach nur ist, dass Frauen jetzt halt auch mitmachen dürfen – Sanft und süß, mit Kreativität und Kompetenz „unsere Kirche“ bereichern.
 
Ich will auch singen, schief und falsch und es muss niemandem gefallen. Überhaupt, endlich Schluss mit diesem Gefallen-Wollen. 
 
Maria, Maria, I like it loud. Von einer neuen Welt träumen.
 
Einer gleichundberechtigten Welt und ehrlich, sie wird herrlich sein.
 
Alle checken ihre Privilegien, erkennen ihre eigenen Verstrickungen.
Endlich ein Entkommen aus dem Gefängnis des Patriarchats sozusagen, für alle Menschen.
Mit geöffneten Augen und sehendem Herz.
 
Menschen, vor allem die Mächtigen, sagen laut – oder für den Anfang auch mal leise ausprobieren: Ich habe es ja nur gut gemeint, aber vielleicht war es auch nicht richtig. Ich glaube ich habe Schuld auf mich geladen. Ich möchte lernen.
 
In einer gleichundberechtigten Zukunft sind unsere Gemeinden, ist unsere Kirche ein safe space. Weil es nicht „die Marginalisierten“ und „wir als Kirche“ gibt, sondern alle eins sind – in Christus.
 
Die Erniedrigten und Ermüdeten werden nicht mehr allein dafür verantwortlich gemacht, komm, wehrt euch doch mal. Endlich Schluss mit Täter-Opfer-Umkehr. Stattdessen klingelt jemand und sagt: Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe. Bitte hier, gleiche Rechte, alles real, kein Spaß. Nie wieder Kopfschütteln, weil jemand Unterschiede macht, die nicht sein müssen. Es gibt endlich Blumensträuße auch für Männer und nicht nur ihre Ehefrauen.
 
In dieser goldenen Zukunft haben Frauen Zugang zu allen Leitungsämtern – huch, ist seit Freitag diese glückselige Zeit schon da? Hurra!
 
Ich bin heute demütig, dankbar und stolz zugleich. Dass ich als Pfarrerin selbstverständlich tun darf, wofür so viele vor mir gekämpft haben. Was viele immer noch nicht tun können.
 
Und so gehe ich nachher zurück in meinen Alltag, mein Leben. Ich gehe zurück in mein Zentrum des Widerstands. Vielleicht hänge ich im Amtszimmer einen Regenbogenstern auf, weil Symbolpolitik schon mal besser ist als nichts. Vielleicht regnet es im Advent noch Gendersternchen. Vielleicht auch nicht.
 
Auf jeden Fall gehe ich als Verbundene und Ermutigte. Wir sind viele und wir singen laut.
 
Magnifikat und jawollo, Halleluja und Hurra!
Gottes Reich kommt und es wird gleichundberechtigt sein. Amen.
 
Pfarrerin Sofie Fiebiger, Singen